_machtwechsel_

Die Erklärungen in der Forschergemeinde über das zukünftige Verhältnis zwischen D. Medvedev und V. Putin sind wenig einheitlich; es ist aber wohl ohnehin verfrüht, dazu eine abschliessende Position zu vertreten. Mehrheitlich wird angenommen, dass Putin die Macht in das Regierungsamt verlagern und Medvedev schwächen wird. Obwohl Putin und Medvedev eine Änderung der Verfassung zu diesem Zweck ausgeschlossen haben, lässt sich dieses Ziel auch auf dem Verordnungsweg und einfachgesetzlich erreichen. Zentrale Indikatoren für eine Stärkung des Regierungsamtes wären:

Die Reorganisation der Regierung, mit der die Verwaltungsreform von 2004 zurückgenommen wird. In der Regierung würde eine breite Führungsebene aus zahlreichen stv. Regierungschefs eingezogen. Wenn Putin diese Ämter mit loyalen Kadern bestellen kann, entlastet er sich selbst von der Mikrosteuerung der Regierungsarbeit und weitet die Kontrolle über die Ministerialbürokratie aus. Mit einer Änderung des ‚Gesetzes über die Regierung‘, die einfachgesetzlich erfolgen kann, kann Putin sich die bislang dem Präsidenten rechenschaftspflichtigen Ministerien (Äußeres, Inneres, Verteidigung, Justiz) unterstellen

Dadurch wäre es auch möglich, die Rechenschaftpflicht der Gouverneure vom Präsidentenamt zur Regierung zu verlagern. Zwar würde weiterhin der Präsident die Gouverneure ernennen, er könnte aber dazu gezwungen werden, dabei die Regierung zu konsultieren. Auch könnte Medvedev dadurch die Kontrolle oder gar das Ernennungsrecht der Leiter der sieben Großregionen Russlands verlieren.

Ein weiterer wesentlicher Indikator für die Machtverlagerung wäre der Abzug von Schlüsselpersonen aus dem Präsidialamt in den Regierungsapparat. Dazu zählen Igor Sečin, stv. Leiter des Präsidialamtes und Aufsichtsratsvorsitzender des staatlichen Ölkonzerns Rosneft, Viktor Ivanov, Kanzleichef Putins und Aufsichtsratsvorsitzender des Rüstungskonzerns Almaz Antej, FSB-Direktor Patrušev und Wirtschaftsberater I. Šuvalov. Indikativ ist auch, wer auf der Aktionärsversammlung von Gazprom Ende Juni zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt wird: Wenn es der derzeitige Regierungschefs V. Zubkov sein wird, kontrollieren die Sicherheitsdienste neben Rosneft auch Gazprom.

Es kann als sicher gelten, dass Medvedev, v.a. aber sein Lager dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen werden. Medvedevs Unterstützung kommt vor allem von seinen Studienkollegen an der Rechtsfakultät in St. Petersburg: Sein engster Freund, Anton Ivanov, ist der Vorsitzende des Obersten Schiedsgerichtes; aber auch am Verfassungsgericht sitzen mit Sergej Kazancev und Sergej Mavrin zwei Getreue; dazu kommt auch der Leiter des Amtes der Gerichtsvollzieher Nikolaij Vinničenko.

Auch im Lager des zukünftigen Präsidenten sind derzeit aus taktischen Gründen die moderaten Mitglieder der Nachrichtendienste: der Leiter der einflussreichen Drogenkontrollbehörde Čerkesov, der frühere Verteidigungsminister Sergej Ivanov. Dazu kommen die gazpromniki, Verbindungsleute Medvedevs bei Gazprom, allen voran der stv. Vorsitzender der Gazprombank Ilja Jelisejev und der stv. Leiter der Rechtsabteilung von Gazprom Konstantin Čujčenko. Aber auch in der Großindustrie hat Medvedev Verbündete, wie den Leiter der Staatsindustrieholding Rostechnologii Sergej Čemezov und der CEO der Eisenbahnen Vladimir Jakunin.

Zuletzt wird Medvedev auch von Schlüsselfiguren des früheren Präsidenten Jelzin unterstützt – Aleksander Vološin und dem CEO des staatlichen Energiekonzerns und der grauen Eminenz Jelzins Anatolij Čubajs. Medvedev ist also keine isolierte Figur in der Moskauer Führungselite. Sollte Putin also tatsächlich auf seine Entmachtung drängen, wird das nicht ohne Widerstand des Medvedev-Lagers erfolgen können. Dieses Ringen aber ist derzeit mit offenem Ausgang, bis Jahresende werden die wesentlichen Weichen aber gestellt sein.

Vielleicht ist es aber ohnehin nicht das Ziel Putins, Medvedev zu schwächen. Sollte Putin 2012 wieder in den Kreml zurückkehren wollen, wäre es wohl auch nicht in seinem Interesse, das Präsidentenamt an sich zu schwächen. Putins Übernahme des Regierungsamtes könnte auch dazu dienen, Medvedev gegenüber den radikalen siloviki wie Igor Sečin den Rücken zu stärken. Denn gerade aus diesem Lager ist vehemente Obstruktion gegen Medvedev zu erwarten.

Diesen Druck aufzufangen, könnte ein wesentlicher Grund für Putins Übernahme des Regierungsvorsitzes sein. Medvedev wird Zeit brauchen, seine faktische Autorität gegenüber den verschiedenen Lagern zu etablieren. Putin könnte ihm dazu den Rücken freihalten. Versagt Medvedev aber, ist eine Rückkehr Putins wahrscheinlich.

Putin sieht sich aber auch mit einer anderen Front konfrontiert. In den nächsten Monaten stehen unpopuläre Entscheidungen an: die weitere Liberalisierung der Gaspreise und die unvermeidbaren Preissteigerungen für kommunale Dienstleistungen wie Elektrizitäts- und Wasserversorgung, Abfallbeseitigung und Heizanlagen, werden die aufgrund der hohen Lebensmittelpreise ohnehin starke Inflation von derzeit bis zu 15 Prozent in die Höhe treiben. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung richtet sich in Russland aber traditionell gegen die Regierung und nicht gegen den Präsidenten. Ein Einbrechen der hohen Beliebtheitswerte Putins wäre auch mit seiner Schwächung in der Führungselite verbunden.

Foto: http://mrchristo.wordpress.com

Dieser Kommentar ist in einer gekürzten Fassung in der Tageszeitung ‘Der Standard’ am 8. Mai 2008 erschienen. 

Drohnen und Drohen im Südkaukasus

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Die Lage in Abchasien verschärft sich, die militärischen Drohgebärden Russlands und Georgiens nehmen zu – und das ist gut so; für Russland und für Georgien. Die Regierungen beider Staaten sind an einer Verschärfung erheblich interessiert.

Die georgische Führung um den Präsidenten Saakashvili versucht durch eine Eskalation der Lage zweifachen Nutzen zu ziehen: zum einen stehen im Mai Parlamentswahlen in Georgien an; angesichts der sozialen Marginalisierung breiter Bevölkerungsschichten, die trotz anhaltend hohen Wirtschaftswachstums kaum ein höheres Haushaltseinkommen erzielen können; aber auch angesichts der autoritären und selbstgerechten, vermutlich auch korrupten Herrschaftspraxis Saakashvilis sind die Aussichten der Regierungspartei ‚Nationale Bewegung‘ düsterer geworden. Die Absetzbewegung aus der Staatspartei setzt langsam ein – so hat sich die Parlamentspräsidenten Burdschanadze von Saakashvili abgesetzt -, die Unterstützung für die, allerdings fragmentierte, Opposition, die noch dazu keine wirkliche Führungsfigur aufzubieten hat, nimmt zu. Saakashvili nutzt die militärische Krise nunmehr geschickt zur Beschwörung der nationalen Einheit, fordert die Opposition auf, nunmehr ‚zusammenzustehen‘. Wer könnte sich denn einem ‚Burgfrieden‘ verschliessen, wenn angeblich die Zerschlagung des Heimatlandes bevorstehe.

Russland wiederum setzt derzeit auf eine zweigleisige Strategie: Zum einen hebt die russländische Regierung sukzessive die Blockade- und Sanktionspoltik gegenüber Georgien auf: der russländische Botschafter ist zurückgekehrt, die Flug- Bahn- und Postverbindungen wurden wieder aufgenommen und für die nächsten Wochen wurde die Öffnung mehrerer Grenzübergänge, die Aufhebung der Importverbote für georgische Produkte und die Erleichterung der Visabestimmungen für georgische Wanderarbeiter angekündigt.

Gleichzeitig aber hat Russland die Lage in und um Abchasien aktiv eskalieren lassen: Russland hat das Abkommen über das Verbot von Wirtschafts-, Finanz- und Verkehrsbeziehungen aus 1996 aufgekündigt und durch einen Erlass Vladimir Putins der bereits bestehenden engen Wirtschafts- und Finanzbeziehungen offiziellen Charakter gegeben. Den USA und der Europäischen Union damit gleichsam die Folgen der Anerkennung der kosovarischen Unabhängigkeit deutlich zu machen, ist dabei aber wohl nur ein Nebenaspekt – wenn auch nicht völlig irrelevant.

Die Eskalation dient aber kurzfristig vor allem dazu, die substantiellen Autonomieangebote und Zusagen über Finanz- und Wirtschaftshilfe an Abchasien zu unterlaufen, die von der georgischen Führung Abchasien in den letzten Wochen ageboten wurden. Russland hat an einer Lösung des Konfliktes kein Interesse; vielmehr bietet ein verstetigter Konflikt für Moskau die Möglichkeit, die georgische Führung wenn nötig immer wieder unter Druck zu setzen.

Russland hat dabei ein zentrales strategisches Interesse – die Blockade eines Beitritts Georgiens zur NATO. Zwar wurde Georgien die Aufnahme in den Membership Action Plan (MAP) des Bündnisses beim NATO-Summit in Bucharest Anfang April verwehrt; gleichzeitig aber wurde das grundsätzliche Recht Georgiens auf Beitritt zur NATO bestätigt. Die Aufnahme in den MAP auf dem Außenministertreffen der NATO im kommenden Dezember war aber als durchaus möglich angesehen worden. Durch das Anheizen des Abchasienkonfliktes zielt Moskau sicherlich darauf ab, diese Entwicklung zu torpedieren. Russland erwartet, dass sich der Widerstand Deutschlands und Frankreichs gegen die Aufnahme Georgiens in die NATO verstärken wird, wenn sich die offenen Territorialkonflikte in Georgien verschärfen. Die beiden Staaten haben weder ein Interesse daran, ihre exzellenten (Wirtschafts-)beziehungen mit Russland zu belasten noch als Bündnismitglieder in südkaukasische Regionalkonflikte hineingezogen zu werden.

Das Kalkül Moskaus könnte aber durchaus scheitern. Der Druck der USA und der osteuropäischen Bündnismitglieder auf Deutschland und Frankreich, den Widerstand gegen Georgiens MAP-Beteiligung aufzugeben, wird sich verstärken. Paris und Berlin wird es zunehmend schwerer fallen, diesem hartnäckigen Druck standzuhalten. Anstatt den NATO-Beitritt Georgiens damit zu blockieren oder zumindest zu verzögern, könnte Russland letztlich die NATO-Türen für Georgien weit aufmachen.

Picture Source: http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/7362480.stm

Zwietracht oder die Freiheit des Wortes

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Fitna ist ein suggestiver dokumentarischer Kurzfilm – aus welcher Motivlage auch immer Geert Wilders ihn produziert hat. Das ist zunächst völlig unerheblich. Wilders’ Motive und Absichten sind deutlich weniger wichtig, als die Debatte über den Inhalt des Filmes und über den Umgang mit dem Film. Alles was Wilders zeigt, ist passiert – die Filmsequenzen zeigen Greueltaten des politischen Islam, die unter Berufung auf den Koran passier(t)en. Die Gewaltneigung politisierter islamischer Glaubensüberzeugungen ist ein offensichtliches Phänomen der vergangenen Jahre. Wilders dokumentiert, verdichtet, deutet, suggeriert, mobilisiert. Aber keine dieser Gewalttaten ist erfunden. Diese Morde sind passiert, die gewalttätige religiöse Mobilisierung liegt vor und sie ist kein Randphänomen.

Die Relevanz des Kurzfilms zeigt sich daran, ob ihm mit Debatten geantwortet wird oder mit vorauseilenden Distanzierungen, mit fanatischen Demonstrationen, Morddrohungen und Gewaltanwendung. Ist es nicht geradezu fatal, dass – wie im Fall der dänischen Mohammed-Karikaturen – in den Kritikern des Islam die Verantwortlichen für die Gewaltausbrüche fanatisierter Muslime in vielen muslimischen Ländern gesehen werden und nicht bei den Gewalttätern selbst. Ist die perzipierte oder tatsächliche Beleidigung einer Religion der Freibrief für religiöse Gewalt?

Das eigentliche Problem sind doch Menschen, deren Identität sich nur auf Religionen zu stützen vermag. Wenn diese Menschen argumentativ, polemisch oder zynisch in ihren Glaubensüberzeugungen herausgefordert werden, reagieren viele gewalttätig weil die Unfähigkeit zur rationalen Distanz emotionaler Schockiertheit und Irritation Bahn bricht.

Wilders wird vorgeworfen, mit ‚Fitna‘ gewalttätigen Protest muslimischer Gemeinschaften geradezu zu provozieren. Aber hat Wilders nun ein mögliches Verhalten – erwartete islami(sti)sche Proteste – verursacht, angestiftet oder hat er nur eine Geisteshaltung sichtbar gemacht? Warum akzeptieren derart viele, dass Glaubensüberzeugungen sich der polemischen, suggestiven, politischen, intellektuellen Kritik entziehen dürfen. Warum wird die Kritik des Islam zunehmend als verwerflich, unzulässig und riskant angesehen? Liegt darin nicht eine vorauseilende Unterwerfungshaltung, die verharmlost, sich andient, sich beugt. Warum verweigern liberale Demokratien entschlossene Gegenwehr gegen fundamentalistische, islamistische Verweigerungshaltungen gegenüber humanistischen Grundwerten?

Der relevante Aspekt der Debatte über ‘Fitna’ ist meiner Ansicht, die Angst, antiislamische Agitation zuzulassen. Manipulation, Beugung, Verdichtung, Täuschung und Lüge sind doch ständige Elemente unserer kommunikativen Wirklichkeit. Bemerkenswert ist doch, dass eine verletzende, verleumderische und provozierende Kritik des Islam – was ‘Fitna’ meiner Ansicht nach nicht ist – nicht mehr möglich zu sein scheint.  Es entsteht offensichtlich ein Einvernehmen, dass die Provokation der Muslime und ihrer Religion nicht stattfinden darf, unzulässig ist. Provokation und Beleidigung, die zurecht eine integratives Merkmal einer liberalen Diskussionsgesellschaft sein dürfen, sind nicht mehr länger zulässig, wenn der Islam Gegenstand derselben sind. Die Erklärung dafür ist die Angst. Angst vor der Reaktion gewaltbereiter und fanatischer Muslime.

Die Haltung der niederländischen Regierung ist erbärmlich – wie eben jene der Europäischen Union. Skandalös ist die Haltung Balkenende’s, in seiner offiziellen Funktion als Ministerpräsident im niederländischen Fernsehen umgehend eine Distanzierung von Wilders‘ Kurzfilm vorzunehmen. Wie kommen Regierungen eigentlich dazu, Meinungen ihrer Bürger zu verurteilen? Werden damit nicht Grenzen überschritten, die Meinungsfreiheit eingegrenzt und beschnitten? Wird da nicht letztlich sichtbar, dass europäische Regierungen aus Angst vor islamistischer Gewalt beginnen, die Grundrechte ihrer eigenen Bürger zu beschneiden? Die dänische Regierung unter Rasmussen hat diesen Kniefall vor dem gewaltbereiten politischen Islam nicht gemacht.Balkenende sollte vielmehr sich selbst und seine Regierung verurteilen, wie wenig sie sich um den Schutz von Ayan Hirsi Ali – der antiislamistischen Frauenrechtlerin – gekümmert hat.

Balkenende meint, ‘Fitna’ wolle verletzen. Wen? Die Attentäter von New York, Madrid, London, Bali, Djerba? Die islamistischen Hassprediger, die Steiniger und Schwulenhenker im Iran, die Enthaupter im Irak, die Genitalverstümmeler im Sudan, die Erdolcher in Amsterdam?

Wenn die Angst vor der Gewalt als Reaktion auf die Provokation dazu führt, die Provokation zu verbieten, hat Wilders mit ‘Fitna’ recht gehabt.

wilders’ meinungsfreiheit

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In der Debatte darüber, ob der Film ‚Fitna‘ des rechtskonservativen Vorsitzenden der niederländischen PVV Geert Wilders eine – wie auch immer zu qualifizierende – Nutzung des Rechts auf Meinungsfreiheit oder der provokative Missbrauch dieses Rechts ist, sei zunächst allen geraten, sich den Film anzusehen: http://www.liveleak.com/view?i=7d9_1206624103

In diesem blog werde ich in einigen Tagen mehr dazu schreiben; zunächst sei nur gesagt, dass die Beobachtung der Reaktionen auf diesen Film sozialwissenschaftlich wesentlich interessanter sein wird, als die Debatte über den Inhalt und die Motivlagen von Geert Wilders selbst.

Liveleak hat sich 26 Stunden nach der Veröffentlichung von ‘Fitna’ nach eigenen Angaben dazu entschliessen müssen, den Kurzfilm offline zu nehmen, um seine Mitarbeiter vor Gewalt zu schützen. Ein Epilog zu Fitna…

eren keskin und die freiheit des wortes

Der türkische Rechtsstaat hat sein autoritäres Gesicht wieder einmal gezeigt: Eren Keskin, Streiterin für Menschen- und Bürgerrechte, wurde von einem Richter für mehr als ein halbes Jahr zu Kerkerhaft verurteilt. Ihr ‚Verbrechen‘: Keskin hat in einem Gespräch mit dem ‚Tagesspiegel‘ im Jahr 2006 die Stellung des türkischen Militärs in der türkischen Innen- und Außenpolitik kritisiert. Das aber sieht der Richter in einem asiatischen Viertel Istanbuls als ‚Beleidigung des Türkentums‘. Das Strafgesetzbuch der Türkei sieht im § 301 drakonische Strafen vor – bis zu 3 Jahren Gefängnis; also sollte Keskin wohl noch dankbar sein, ob der Milde, die ihr durch das ‚Türkentum‘ zuteil wurde. Freilich ist da noch das Bemühen des Generalstabs der türkischen Streitkräfte, Keskin aus der Rechtsanwaltskammer der Türkei auszuschliessen. Ein Jahr Berufsverbot musste Keskin schon über sich ergehen lassen.

Keskin ist eine Frau, die seit vielen Jahren unerschrocken für Bürgerrechte eintritt – als Anwältin und Humanistin. Sie ist ein weiteres Opfer einer Rechtsordnung, die das Türkentum vor dem freien Wort, der Kritik und demokratischer Teilhabe schütze. Mag es bleiben wo es sei – das Türkentum. In Europa aber, hat es nichts verloren.

Foto: www.medicamondiale.org

Medvedev: An der Leine oder doch am Ruder

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Hölzern wirkt er noch im Umgang mit dem Wahlvolk; der junge Jurist, der sich noch nie um ein Wahlamt bemüht hat, wirkt ungeübt, steif und bisweilen etwas hilflos. Medvedev ist bedachter und besonnener als sein Vorgänger. Die scheue Zaghaftigkeit stört auch nicht wirklich – schon gar nicht in gelenkten Wahlen. Auch wenn seine Ideen und Konzepte dem Wahlvolk kaum bekannt sind, kann Medvedev als moderater und liberaler Reformer gelten.

Sein Regierungsprogramm hat Medvedev vor wenigen Tagen in einer Rede in Krasnojarsk bereits detailliert skizziert. Die weitere Absenkung der Steuerlast, budgetäre Ausgabendisziplin, verstärkter Schutz der Eigentumsrechte durch rechtsstaatlich eingehegte Gerichte zählen zu den wesentlichen Merkmalen seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Aber auch sozial-, bildungs- und gesundheitspolitische Reformen werden seine Präsidentschaft kennzeichnen: ohne verbesserte Ausbildung und medizinische Versorgung, ohne Förderung von Familien mit Kindern wird Russland nicht über eine ausreichende Zahl an gesunden, gut ausgebildeten und innovativen Arbeitskräften verfügen. Diese Reformen kommen ohnehin spät, denn das Land wird bereits in wenigen Jahren mit einem Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften konfrontiert sein.

Außen- und sicherheitspolitisch wird Medvedev kurzfristig keine Akzente setzen. Der Jurist ist darin völlig unerfahren – kaum hilfreich angesichts der gespannten Beziehungen Russlands mit EU und USA. Das überhebliche und aggressive Auftreten Russlands wird sich daher kurzfristig nicht verändern; innovative Elemente sind nicht zu erwarten. Ähnliches gilt für die Außenwirtschafts- und die Energiepolitik. Die aggressive, mehr gewinn- als machtpolitisch motivierte Gasexportpolitik und die fortgesetzte Renationalisierung der Erdölwirtschaft werden anhalten.

Zwei Äußerungen Medvedevs in den letzten Wochen wurden aber kaum registriert: In Krasnojarsk erklärte der Anwärter, zukünftig sollten sich Staatsbeamte aus den Aufsichtsräten der strategischen Industriebetriebe des Landes zurückziehen. Das war eine klare Kampfansage an den radikalen Flügel der Sicherheitsdienste (siloviki); allen voran an das Lager um Igor Sečin, den Aufsichtsratsvorsitzenden des staatlichen Ölunternehmens Rosneft, der auch stv. Leiter des Präsidialamtes ist. Zu diesem Lager gehören auch Viktor Ivanov, Aufsichtsratsvorsitzender beim Rüstungsunternehmen Almaz Antej und bei der staatlichen Fluglinie Aeroflot und Alexander Bastrykin, Aufsichtsratsmitglied bei Rosatom und Leiter der berüchtigten Untersuchungsbehörde der Generalstaatsanwaltschaft.

Medvedev selbst war nie Mitglied der Nachrichtendienste; zu seinen Unterstützern zählen dennoch gemäßigte Mitglieder der siloviki wie der Leiter des Präsidialen Sicherheitsdienstes Zolotov und der Leiter der Drogenkontrollbehörde Čerkessov.

In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Itogi hat Medvedev aber auch mit einer anderen Aussage aufhorchen lassen. Russland werde ohne starke Präsidialmacht zerfallen und es könne nur einen Präsidenten geben – nicht zwei oder drei. Das war eine deutliche Antwort auf eine Bemerkung Putins wenige Tage zuvor; Putin hatte gemeint, zwar sei der Präsident der Hüter der Verfassung, die höchste exekutive Autorität liege aber beim Vorsitzenden der Regierung.

Darin ist bereits die Saat eines Zwistes zwischen Dmitrij Medvedev und seinem Mentor Vladimir Putin angelegt. Sowohl die politische Kultur als auch die verfassungsrechtliche Ordnung kennen nur die monokratische Herrschaftspraxis eines starken Präsidenten. Die Regierung ist dem Präsidenten nachgeordnet; er kann diese jederzeit entlassen, jede ihrer Entscheidungen aufheben und einfachgesetzlich ist auch festgelegt, dass die zentralen Ministerien – Verteidigung, Inneres, Äußeres und die Nachrichtendienste – ausschließlich dem Präsidenten unterstellt und nur diesem berichtspflichtig sind. Die Exekutive ist in Russland damit asymmetrisch angelegt; der Vorsitzende der Regierung ist das deutlich schwächere Verfassungsorgan.

Das aber ist nur ein Grund, warum Putins Entscheidung, in die Regierung zu wechseln, überraschte. Dazu kommt nämlich die politische Asymmetrie der beiden Staatsämter: Es ist der Präsident, der über politischen Einfluss und wirtschaftliche Macht entscheidet. Funktionäre, die derzeit noch Putin ihre Loyalität bezeugen, könnten bald schon in das Lager des neuen Präsidenten wechseln.

Auch wird die neue Regierung Russlands schmerzhafte soziale Strukturreformen vorantreiben müssen: die Freigabe der Gaspreise für die Privathaushalte, die Erhöhung der Preise für kommunale Dienstleistungen (Wasser- und Elektrizitätsversorgung, Abwasser, Müll) aber auch die Strukturreformen in der Landwirtschaft werden Unmut in der Bevölkerung erzeugen; der Zorn der Bürger trifft aber immer die Regierung, niemals den Präsidenten, der gleichsam unantastbar den Alltagsgeschäften entzogen scheint.

Warum aber ist Putin dennoch geneigt, das Amt des Regierungsvorsitzenden zu übernehmen? Viele Beobachter meinen, Medvedev, der ungelenke Zögling Putins würde sich mit der Rolle als technischer Präsident begnügen und gleichsam in einem historisch einzigartigen Rollenverzicht der faktischen Abwertung des Präsidentenamtes zustimmen. Medvedev aber ist keine willfährige und führungsschwache Persönlichkeit; als Aufsichtsratsvorsitzender von Gazprom hat er dies häufig bewiesen.

Anzunehmen ist vielmehr, dass Putin für eine gewisse Zeit als wachsame graue Eminenz das Ringen um die Macht, das sich in den nächsten Monaten verschärfen wird, zu beobachten. Putins Ziel ist wohl, die Stellung Medvedevs zu stärken; ihn dabei zu unterstützen, die Falken der siloviki einzuhegen und sie an der Obstruktion präsidentieller Entscheidungen zu hindern. Medvedev wird seine Autorität, ähnlich wie Putin in den ersten Monaten seiner Amtszeit, nur langsam entfalten können; dafür braucht er die Unterstützung seines Mentors. Gelingt es Medvedev sich durchzusetzen, ist es wahrscheinlich, dass sich Putin in die zweite Reihe zurückziehen wird. Scheitert Medvedev aber, gelingt es ihm nicht, die Kontrolle über die widerstreitenden Lager zu erlangen, kann Putin als Regierungsvorsitzender intervenieren und die Macht wieder an sich reißen. Ein frühzeitiger Rücktritt Medvedevs wäre dann nicht ausgeschlossen.

Medvedev ist in diesem Ringen aber nicht nur auf Putin angewiesen; zwei Lager formieren sich derzeit, um ihm den Rücken zu stärken. Das sind zum einen die liberalen siloviki, die bereit sind, mit Medvedev eine Zweckkoalition gegen die Falken der Nachrichtendienste einzugehen. Wichtiger aber ist das andere Lager: Gefolgsleute Boris Jelzins kehren an die vorderste Front zurück, allen voran der Direktor des staatlichen

Elektrizitätskonzerns Anatolij Čubajs und der frühere Leiter des Präsidialamtes Aleksandr Vološin. Beide wollen Medvedev unterstützen, aber eben auch steuern.

Das Lager der Getreuen um Medvedev hingegen ist noch klein; dazu gehören vor allem ehemalige Studierende aus Sankt Petersburg: Anton Ivanov, der Vorsitzende des Obersten Schiedsgerichtes und die Verfassungsrichter Sergej Kazancev und Sergej Mavrin. Dazu kommen Mitstreiter aus den Rängen von Gazprom, allen voran Vorstandsmitglied Čujčenko.

Medvedev wird also in den ersten Monaten seiner Amtszeit mit einer unübersichtlichen Lage konfrontiert sein: nachrichtendienstliche Falken, die ihn zu obstruieren versuchen, die Rädelsführer der Raubprivatisierung der neunziger Jahre, in deren Schlepptau sich Oligarchen wie Oleg Deripaska befinden und die liberalen siloviki, für die Vološin und Čubajs aber Erzfeinde sind. Eine riskante Konstellation, in der Medvedev Anleitung und Unterstützung braucht. Vladimir Putin ist bereit, ihm diese zu geben. An den Säuberungen in der Regierung und im Präsidialamt wird zu erkennen sein, wer sich letztlich durchsetzen wird.

Foto: Reuters/RIA Novosti
http://www.minnpost.com/stories/
2007/12/10/315/putin_picks_a_putin_man_as_his_successor

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Nun ist es also wieder so weit: 2 Jahre nach der vorüber- gehenden Absetzung der Neuenfels-Inszenierung der Oper Idomeneo an der Berliner Staatsoper aufgrund von Sicherheitsbedenken wurde nun auch eine Ausstellung satirischer Plakate der dänischen Kulturgruppe ‘Surrend’ in Berlin Tiergarten abgesetzt – ebenso aufgrund von Sicherheitsbedenken der Veranstalter.

In beiden Fällen waren es nicht die Bedenken von Brandschützern, sondern die Angst vor Gewaltdrohungen von radikalen Islamisten. Neuenfels entfachte den Zorn mit dem Schlussbild abgetrennter Köpfe von Buddha, Jesus und Mohammed. Weder Buddhisten noch Christen antworteten auf diesen künstlerischen Entwurf mit der Androhung von Gewalt, islamistische Verbände aber schon.

Nun wird die Plakatausstellung der Künstlergruppe ‘Surrend’ Opfer religiöser Fanatiker. Ein Bild mit der Kaaba in Mekka, das mit der Losung ‘Dummer Stein’ betitelt war, entfachte den heiligen Zorn der Islamisten. Die Störung der Ausstellung und Gewaltdrohungen zwangen die Veranstalter zur vorübergehenden Schliessung. Neben diesem Plakat hängt ein Bild eines orthodoxen Juden, das mit der Zeile ‘Dummer Hut’ versehen war. Bislang wurden Ausschreitung des Zentralrates der Deutschen Juden noch nicht gemeldet.

Der dänische Karikaturist Westergard – einer der Zeichner der Mohammed-Karikaturen aus 2006 – kann sein Leben nur noch im Untergrund verbringen; das Schicksal Salman Rushdies kennen wir seit mehr als 20 Jahren. Die Androhung von Gewalt soll nun auch unsere Opernhäuser schliessen und unsere Galerien verriegeln lassen. Dieser widerlichen Gewalt, die ausser dumpfen Groll kein Argument hervorzubringen vermag, gilt es zu widerstehen. Die Neuenfels Inszenierung sollte für 20 Jahre am Spielplan bleiben, und Surrend-Plakate im offset-Druck in jeder öffentlichen Einrichtung hängen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Gewaltneigung von Islamisten, die freie Meinung und die freie Kunst einengen.

Ihr könnt ja ruhig beleidigt sein; daran hindert euch ja niemand. Aber schlagt uns bitte nicht die Köpfe ein, nur weil es euch an Argumenten fehlt. Ach ja: Das Beleidigtsein geht uns allen langsam auf die Nerven.

 

Foto: DPA
(http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,538473,00.html)

_feindliche übernahme_

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Maria Böhmer begleitete Tayyip Erdogan nach Ludwigshafen, wo dieser nach den Hetztiraden türkischer Zeitungen der Brandopfer gedenken wollte. Der Beobachter fragt sich, warum denn die Integrationsbeauftragte der deutschen Bundes- regierung sich eines türkischen Ministerpräsidenten annahm; was sollte denn die Botschaft sein? Dass sich die deutsche Regierung ohne Vorliegen eines Brandursachenberichtes bereits schuldbewusst den türkischen Verdächtigungen nach Brandstiftung ergibt und sogleich unterwürfig zu Integration‘ aufruft – so als stünde es bereits fest, dass deutsche Brandstifter das Feuer verursacht hatten, das Feuer Ausdruck der angeblichen Integrationsverweigerung durch die Mehrheitsgesellschaft gewesen sei?

Erdogan nutzte denn auch gleich die ausgestreckte Hand zur generösen Geste: Die ‘Vorfälle’ in Ludwigshafen sollten als ‘Chance für einen neuen Beginn, für einen neuen Frieden’ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Februar 2008) gesehen werden. Warum Neubeginn, warum ein ‘neuer Friede’ zwischen Deutschen und Türken? Hatten denn erstere gerade einen kriegerischen Angriff gestartet?

Als feindliche Übernahme darf es denn auch gelten, wenn Erdogan in Köln eine ethnisch-religiöse Wahlrede hält, so als wäre er der Kanzler einer türkischen Parallelstaatlichkeit. Beachtlich ist auch, dass er Assimilation als ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ bezeichnet. Dies ist nicht nur als solches aberwitzig, sondern gänzlich bizarr angesichts der Tatsache, dass in der Türkei nach dem § 301 des Strafgesetzbuches verurteilt wird, wer an den Genozid der Türken gegen die Armenier 1915 erinnert. Der § 301 erlaubt es grundsätzlich, all jene strafrechtlich zu belangen, die das ‘Türkentum’ beleidigen, was immer dieses auch sein mag.

Integration zu fordern und gleichzeitig vor der angeblich drohenden Assmilation zu warnen, war eine klare Botschaft Erdogans an seine frenetisch jubelnden Zuhörer: ‘Verweigert Integration’! Assimilation wurde geschickt verwoben mit Integration; durch die Kriminalisierung der Assimilation wird diese Bewertung subtil auf die Integration ausgeweitet. Übrig bleibt eine kaum noch verhüllte Ermunterung Erdogans an die türkische Gemeinde, sich der Integration zu verweigern.

Erdogans Rede ist eine Aufforderung zur Verweigerung der Übernahme der Wert- und Staatsordnung der Mehrheitsgesellschaft und ihrer leitkulturellen Identität. Wenn sich deren Wehrhaftigkeit bei derart provokativen Schlüsselereignissen nicht nachdrücklich zeigt, ebnet sie der feindlichen Übernahme den Weg.

Parallelstaatlichkeiten und abgeschlossene Parallelgesell- schaften mit archaischen sozialen und/oder religiös motivierten Wertekodices und Verhaltenspraktiken sind unzumutbar und durchbrechen die demokratisch notwendige Einigkeit einer Gesellschaft auf einem gemeinsamen Kernwerteboden. Aber ist die Forderung nach diesem Grundwertekonsens denn bereits die Forderung nach Assimilation und damit verwerflich?

Der stv. Generalsekretär der islamischen Organisation Milli Görüs, Mustafa Yeneroglu, scheint diesen Kernwertekonsens – laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung, 12. Februar 2008 – denn auch zu ignorieren: ‚Es gibt in Deutschland Religionsfreiheit, ihr ist in Gewissensfragen Rechnung zu tragen‘ und meint damit, dass es zulässig sein soll, unter Berufung auf religiöse Überzeugungen getrennten Schwimmunterricht für Jungen und Mädchen einzufordern und andere geschlechtersegregierende Verhaltensweisen anzumahnen. Allerdings meinte in diesem Land auch van der Bellen, nichts gegen getrennten Schwimmunterricht für Buben und Mädchen zu haben.

Letztlich ist es in den Augen der multikulturalistischen Bannerträger aber doch ohnehin die Schuld der Mehrheitsgesellschaft, dass zahlreiche türkische und islamische Einwanderer nicht bereit sind, sich auf der Grundlage eines Kernwertekonsenses zu integrieren. Der Abgeordnete der deutschen Grünen im Europäischen Parlament meint denn auch, der starke Zuspruch der Türken zu Erdogan in Köln sei dadurch zu erklären, dass sich diese Menschen von den deutschen Politikern alleine gelassen fühlten. Wir sollten uns also alle schrecklich lieb haben und uns umarmen ….

 

PS: Dem Vernehmen nach bemüht sich eine diplomatische Vertretung der Türkei derzeit auch, in die Lehrinhalte einer österreichischen Universität einzugreifen.

 

 

Foto: BBC, http://news.bbc.co.uk/2/hi/in_pictures/6911184.stm

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