
Fitna ist ein suggestiver dokumentarischer Kurzfilm – aus welcher Motivlage auch immer Geert Wilders ihn produziert hat. Das ist zunächst völlig unerheblich. Wilders’ Motive und Absichten sind deutlich weniger wichtig, als die Debatte über den Inhalt des Filmes und über den Umgang mit dem Film. Alles was Wilders zeigt, ist passiert – die Filmsequenzen zeigen Greueltaten des politischen Islam, die unter Berufung auf den Koran passier(t)en. Die Gewaltneigung politisierter islamischer Glaubensüberzeugungen ist ein offensichtliches Phänomen der vergangenen Jahre. Wilders dokumentiert, verdichtet, deutet, suggeriert, mobilisiert. Aber keine dieser Gewalttaten ist erfunden. Diese Morde sind passiert, die gewalttätige religiöse Mobilisierung liegt vor und sie ist kein Randphänomen.
Die Relevanz des Kurzfilms zeigt sich daran, ob ihm mit Debatten geantwortet wird oder mit vorauseilenden Distanzierungen, mit fanatischen Demonstrationen, Morddrohungen und Gewaltanwendung. Ist es nicht geradezu fatal, dass – wie im Fall der dänischen Mohammed-Karikaturen – in den Kritikern des Islam die Verantwortlichen für die Gewaltausbrüche fanatisierter Muslime in vielen muslimischen Ländern gesehen werden und nicht bei den Gewalttätern selbst. Ist die perzipierte oder tatsächliche Beleidigung einer Religion der Freibrief für religiöse Gewalt?
Das eigentliche Problem sind doch Menschen, deren Identität sich nur auf Religionen zu stützen vermag. Wenn diese Menschen argumentativ, polemisch oder zynisch in ihren Glaubensüberzeugungen herausgefordert werden, reagieren viele gewalttätig weil die Unfähigkeit zur rationalen Distanz emotionaler Schockiertheit und Irritation Bahn bricht.
Wilders wird vorgeworfen, mit ‚Fitna‘ gewalttätigen Protest muslimischer Gemeinschaften geradezu zu provozieren. Aber hat Wilders nun ein mögliches Verhalten – erwartete islami(sti)sche Proteste – verursacht, angestiftet oder hat er nur eine Geisteshaltung sichtbar gemacht? Warum akzeptieren derart viele, dass Glaubensüberzeugungen sich der polemischen, suggestiven, politischen, intellektuellen Kritik entziehen dürfen. Warum wird die Kritik des Islam zunehmend als verwerflich, unzulässig und riskant angesehen? Liegt darin nicht eine vorauseilende Unterwerfungshaltung, die verharmlost, sich andient, sich beugt. Warum verweigern liberale Demokratien entschlossene Gegenwehr gegen fundamentalistische, islamistische Verweigerungshaltungen gegenüber humanistischen Grundwerten?
Der relevante Aspekt der Debatte über ‘Fitna’ ist meiner Ansicht, die Angst, antiislamische Agitation zuzulassen. Manipulation, Beugung, Verdichtung, Täuschung und Lüge sind doch ständige Elemente unserer kommunikativen Wirklichkeit. Bemerkenswert ist doch, dass eine verletzende, verleumderische und provozierende Kritik des Islam – was ‘Fitna’ meiner Ansicht nach nicht ist – nicht mehr möglich zu sein scheint. Es entsteht offensichtlich ein Einvernehmen, dass die Provokation der Muslime und ihrer Religion nicht stattfinden darf, unzulässig ist. Provokation und Beleidigung, die zurecht eine integratives Merkmal einer liberalen Diskussionsgesellschaft sein dürfen, sind nicht mehr länger zulässig, wenn der Islam Gegenstand derselben sind. Die Erklärung dafür ist die Angst. Angst vor der Reaktion gewaltbereiter und fanatischer Muslime.
Die Haltung der niederländischen Regierung ist erbärmlich – wie eben jene der Europäischen Union. Skandalös ist die Haltung Balkenende’s, in seiner offiziellen Funktion als Ministerpräsident im niederländischen Fernsehen umgehend eine Distanzierung von Wilders‘ Kurzfilm vorzunehmen. Wie kommen Regierungen eigentlich dazu, Meinungen ihrer Bürger zu verurteilen? Werden damit nicht Grenzen überschritten, die Meinungsfreiheit eingegrenzt und beschnitten? Wird da nicht letztlich sichtbar, dass europäische Regierungen aus Angst vor islamistischer Gewalt beginnen, die Grundrechte ihrer eigenen Bürger zu beschneiden? Die dänische Regierung unter Rasmussen hat diesen Kniefall vor dem gewaltbereiten politischen Islam nicht gemacht.Balkenende sollte vielmehr sich selbst und seine Regierung verurteilen, wie wenig sie sich um den Schutz von Ayan Hirsi Ali – der antiislamistischen Frauenrechtlerin – gekümmert hat.
Balkenende meint, ‘Fitna’ wolle verletzen. Wen? Die Attentäter von New York, Madrid, London, Bali, Djerba? Die islamistischen Hassprediger, die Steiniger und Schwulenhenker im Iran, die Enthaupter im Irak, die Genitalverstümmeler im Sudan, die Erdolcher in Amsterdam?
Wenn die Angst vor der Gewalt als Reaktion auf die Provokation dazu führt, die Provokation zu verbieten, hat Wilders mit ‘Fitna’ recht gehabt.






