Zwietracht oder die Freiheit des Wortes

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Fitna ist ein suggestiver dokumentarischer Kurzfilm – aus welcher Motivlage auch immer Geert Wilders ihn produziert hat. Das ist zunächst völlig unerheblich. Wilders’ Motive und Absichten sind deutlich weniger wichtig, als die Debatte über den Inhalt des Filmes und über den Umgang mit dem Film. Alles was Wilders zeigt, ist passiert – die Filmsequenzen zeigen Greueltaten des politischen Islam, die unter Berufung auf den Koran passier(t)en. Die Gewaltneigung politisierter islamischer Glaubensüberzeugungen ist ein offensichtliches Phänomen der vergangenen Jahre. Wilders dokumentiert, verdichtet, deutet, suggeriert, mobilisiert. Aber keine dieser Gewalttaten ist erfunden. Diese Morde sind passiert, die gewalttätige religiöse Mobilisierung liegt vor und sie ist kein Randphänomen.

Die Relevanz des Kurzfilms zeigt sich daran, ob ihm mit Debatten geantwortet wird oder mit vorauseilenden Distanzierungen, mit fanatischen Demonstrationen, Morddrohungen und Gewaltanwendung. Ist es nicht geradezu fatal, dass – wie im Fall der dänischen Mohammed-Karikaturen – in den Kritikern des Islam die Verantwortlichen für die Gewaltausbrüche fanatisierter Muslime in vielen muslimischen Ländern gesehen werden und nicht bei den Gewalttätern selbst. Ist die perzipierte oder tatsächliche Beleidigung einer Religion der Freibrief für religiöse Gewalt?

Das eigentliche Problem sind doch Menschen, deren Identität sich nur auf Religionen zu stützen vermag. Wenn diese Menschen argumentativ, polemisch oder zynisch in ihren Glaubensüberzeugungen herausgefordert werden, reagieren viele gewalttätig weil die Unfähigkeit zur rationalen Distanz emotionaler Schockiertheit und Irritation Bahn bricht.

Wilders wird vorgeworfen, mit ‚Fitna‘ gewalttätigen Protest muslimischer Gemeinschaften geradezu zu provozieren. Aber hat Wilders nun ein mögliches Verhalten – erwartete islami(sti)sche Proteste – verursacht, angestiftet oder hat er nur eine Geisteshaltung sichtbar gemacht? Warum akzeptieren derart viele, dass Glaubensüberzeugungen sich der polemischen, suggestiven, politischen, intellektuellen Kritik entziehen dürfen. Warum wird die Kritik des Islam zunehmend als verwerflich, unzulässig und riskant angesehen? Liegt darin nicht eine vorauseilende Unterwerfungshaltung, die verharmlost, sich andient, sich beugt. Warum verweigern liberale Demokratien entschlossene Gegenwehr gegen fundamentalistische, islamistische Verweigerungshaltungen gegenüber humanistischen Grundwerten?

Der relevante Aspekt der Debatte über ‘Fitna’ ist meiner Ansicht, die Angst, antiislamische Agitation zuzulassen. Manipulation, Beugung, Verdichtung, Täuschung und Lüge sind doch ständige Elemente unserer kommunikativen Wirklichkeit. Bemerkenswert ist doch, dass eine verletzende, verleumderische und provozierende Kritik des Islam – was ‘Fitna’ meiner Ansicht nach nicht ist – nicht mehr möglich zu sein scheint.  Es entsteht offensichtlich ein Einvernehmen, dass die Provokation der Muslime und ihrer Religion nicht stattfinden darf, unzulässig ist. Provokation und Beleidigung, die zurecht eine integratives Merkmal einer liberalen Diskussionsgesellschaft sein dürfen, sind nicht mehr länger zulässig, wenn der Islam Gegenstand derselben sind. Die Erklärung dafür ist die Angst. Angst vor der Reaktion gewaltbereiter und fanatischer Muslime.

Die Haltung der niederländischen Regierung ist erbärmlich – wie eben jene der Europäischen Union. Skandalös ist die Haltung Balkenende’s, in seiner offiziellen Funktion als Ministerpräsident im niederländischen Fernsehen umgehend eine Distanzierung von Wilders‘ Kurzfilm vorzunehmen. Wie kommen Regierungen eigentlich dazu, Meinungen ihrer Bürger zu verurteilen? Werden damit nicht Grenzen überschritten, die Meinungsfreiheit eingegrenzt und beschnitten? Wird da nicht letztlich sichtbar, dass europäische Regierungen aus Angst vor islamistischer Gewalt beginnen, die Grundrechte ihrer eigenen Bürger zu beschneiden? Die dänische Regierung unter Rasmussen hat diesen Kniefall vor dem gewaltbereiten politischen Islam nicht gemacht.Balkenende sollte vielmehr sich selbst und seine Regierung verurteilen, wie wenig sie sich um den Schutz von Ayan Hirsi Ali – der antiislamistischen Frauenrechtlerin – gekümmert hat.

Balkenende meint, ‘Fitna’ wolle verletzen. Wen? Die Attentäter von New York, Madrid, London, Bali, Djerba? Die islamistischen Hassprediger, die Steiniger und Schwulenhenker im Iran, die Enthaupter im Irak, die Genitalverstümmeler im Sudan, die Erdolcher in Amsterdam?

Wenn die Angst vor der Gewalt als Reaktion auf die Provokation dazu führt, die Provokation zu verbieten, hat Wilders mit ‘Fitna’ recht gehabt.

wilders’ meinungsfreiheit

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In der Debatte darüber, ob der Film ‚Fitna‘ des rechtskonservativen Vorsitzenden der niederländischen PVV Geert Wilders eine – wie auch immer zu qualifizierende – Nutzung des Rechts auf Meinungsfreiheit oder der provokative Missbrauch dieses Rechts ist, sei zunächst allen geraten, sich den Film anzusehen: http://www.liveleak.com/view?i=7d9_1206624103

In diesem blog werde ich in einigen Tagen mehr dazu schreiben; zunächst sei nur gesagt, dass die Beobachtung der Reaktionen auf diesen Film sozialwissenschaftlich wesentlich interessanter sein wird, als die Debatte über den Inhalt und die Motivlagen von Geert Wilders selbst.

Liveleak hat sich 26 Stunden nach der Veröffentlichung von ‘Fitna’ nach eigenen Angaben dazu entschliessen müssen, den Kurzfilm offline zu nehmen, um seine Mitarbeiter vor Gewalt zu schützen. Ein Epilog zu Fitna…

eren keskin und die freiheit des wortes

Der türkische Rechtsstaat hat sein autoritäres Gesicht wieder einmal gezeigt: Eren Keskin, Streiterin für Menschen- und Bürgerrechte, wurde von einem Richter für mehr als ein halbes Jahr zu Kerkerhaft verurteilt. Ihr ‚Verbrechen‘: Keskin hat in einem Gespräch mit dem ‚Tagesspiegel‘ im Jahr 2006 die Stellung des türkischen Militärs in der türkischen Innen- und Außenpolitik kritisiert. Das aber sieht der Richter in einem asiatischen Viertel Istanbuls als ‚Beleidigung des Türkentums‘. Das Strafgesetzbuch der Türkei sieht im § 301 drakonische Strafen vor – bis zu 3 Jahren Gefängnis; also sollte Keskin wohl noch dankbar sein, ob der Milde, die ihr durch das ‚Türkentum‘ zuteil wurde. Freilich ist da noch das Bemühen des Generalstabs der türkischen Streitkräfte, Keskin aus der Rechtsanwaltskammer der Türkei auszuschliessen. Ein Jahr Berufsverbot musste Keskin schon über sich ergehen lassen.

Keskin ist eine Frau, die seit vielen Jahren unerschrocken für Bürgerrechte eintritt – als Anwältin und Humanistin. Sie ist ein weiteres Opfer einer Rechtsordnung, die das Türkentum vor dem freien Wort, der Kritik und demokratischer Teilhabe schütze. Mag es bleiben wo es sei – das Türkentum. In Europa aber, hat es nichts verloren.

Foto: www.medicamondiale.org

Medvedev: An der Leine oder doch am Ruder

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Hölzern wirkt er noch im Umgang mit dem Wahlvolk; der junge Jurist, der sich noch nie um ein Wahlamt bemüht hat, wirkt ungeübt, steif und bisweilen etwas hilflos. Medvedev ist bedachter und besonnener als sein Vorgänger. Die scheue Zaghaftigkeit stört auch nicht wirklich – schon gar nicht in gelenkten Wahlen. Auch wenn seine Ideen und Konzepte dem Wahlvolk kaum bekannt sind, kann Medvedev als moderater und liberaler Reformer gelten.

Sein Regierungsprogramm hat Medvedev vor wenigen Tagen in einer Rede in Krasnojarsk bereits detailliert skizziert. Die weitere Absenkung der Steuerlast, budgetäre Ausgabendisziplin, verstärkter Schutz der Eigentumsrechte durch rechtsstaatlich eingehegte Gerichte zählen zu den wesentlichen Merkmalen seiner Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Aber auch sozial-, bildungs- und gesundheitspolitische Reformen werden seine Präsidentschaft kennzeichnen: ohne verbesserte Ausbildung und medizinische Versorgung, ohne Förderung von Familien mit Kindern wird Russland nicht über eine ausreichende Zahl an gesunden, gut ausgebildeten und innovativen Arbeitskräften verfügen. Diese Reformen kommen ohnehin spät, denn das Land wird bereits in wenigen Jahren mit einem Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften konfrontiert sein.

Außen- und sicherheitspolitisch wird Medvedev kurzfristig keine Akzente setzen. Der Jurist ist darin völlig unerfahren – kaum hilfreich angesichts der gespannten Beziehungen Russlands mit EU und USA. Das überhebliche und aggressive Auftreten Russlands wird sich daher kurzfristig nicht verändern; innovative Elemente sind nicht zu erwarten. Ähnliches gilt für die Außenwirtschafts- und die Energiepolitik. Die aggressive, mehr gewinn- als machtpolitisch motivierte Gasexportpolitik und die fortgesetzte Renationalisierung der Erdölwirtschaft werden anhalten.

Zwei Äußerungen Medvedevs in den letzten Wochen wurden aber kaum registriert: In Krasnojarsk erklärte der Anwärter, zukünftig sollten sich Staatsbeamte aus den Aufsichtsräten der strategischen Industriebetriebe des Landes zurückziehen. Das war eine klare Kampfansage an den radikalen Flügel der Sicherheitsdienste (siloviki); allen voran an das Lager um Igor Sečin, den Aufsichtsratsvorsitzenden des staatlichen Ölunternehmens Rosneft, der auch stv. Leiter des Präsidialamtes ist. Zu diesem Lager gehören auch Viktor Ivanov, Aufsichtsratsvorsitzender beim Rüstungsunternehmen Almaz Antej und bei der staatlichen Fluglinie Aeroflot und Alexander Bastrykin, Aufsichtsratsmitglied bei Rosatom und Leiter der berüchtigten Untersuchungsbehörde der Generalstaatsanwaltschaft.

Medvedev selbst war nie Mitglied der Nachrichtendienste; zu seinen Unterstützern zählen dennoch gemäßigte Mitglieder der siloviki wie der Leiter des Präsidialen Sicherheitsdienstes Zolotov und der Leiter der Drogenkontrollbehörde Čerkessov.

In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Itogi hat Medvedev aber auch mit einer anderen Aussage aufhorchen lassen. Russland werde ohne starke Präsidialmacht zerfallen und es könne nur einen Präsidenten geben – nicht zwei oder drei. Das war eine deutliche Antwort auf eine Bemerkung Putins wenige Tage zuvor; Putin hatte gemeint, zwar sei der Präsident der Hüter der Verfassung, die höchste exekutive Autorität liege aber beim Vorsitzenden der Regierung.

Darin ist bereits die Saat eines Zwistes zwischen Dmitrij Medvedev und seinem Mentor Vladimir Putin angelegt. Sowohl die politische Kultur als auch die verfassungsrechtliche Ordnung kennen nur die monokratische Herrschaftspraxis eines starken Präsidenten. Die Regierung ist dem Präsidenten nachgeordnet; er kann diese jederzeit entlassen, jede ihrer Entscheidungen aufheben und einfachgesetzlich ist auch festgelegt, dass die zentralen Ministerien – Verteidigung, Inneres, Äußeres und die Nachrichtendienste – ausschließlich dem Präsidenten unterstellt und nur diesem berichtspflichtig sind. Die Exekutive ist in Russland damit asymmetrisch angelegt; der Vorsitzende der Regierung ist das deutlich schwächere Verfassungsorgan.

Das aber ist nur ein Grund, warum Putins Entscheidung, in die Regierung zu wechseln, überraschte. Dazu kommt nämlich die politische Asymmetrie der beiden Staatsämter: Es ist der Präsident, der über politischen Einfluss und wirtschaftliche Macht entscheidet. Funktionäre, die derzeit noch Putin ihre Loyalität bezeugen, könnten bald schon in das Lager des neuen Präsidenten wechseln.

Auch wird die neue Regierung Russlands schmerzhafte soziale Strukturreformen vorantreiben müssen: die Freigabe der Gaspreise für die Privathaushalte, die Erhöhung der Preise für kommunale Dienstleistungen (Wasser- und Elektrizitätsversorgung, Abwasser, Müll) aber auch die Strukturreformen in der Landwirtschaft werden Unmut in der Bevölkerung erzeugen; der Zorn der Bürger trifft aber immer die Regierung, niemals den Präsidenten, der gleichsam unantastbar den Alltagsgeschäften entzogen scheint.

Warum aber ist Putin dennoch geneigt, das Amt des Regierungsvorsitzenden zu übernehmen? Viele Beobachter meinen, Medvedev, der ungelenke Zögling Putins würde sich mit der Rolle als technischer Präsident begnügen und gleichsam in einem historisch einzigartigen Rollenverzicht der faktischen Abwertung des Präsidentenamtes zustimmen. Medvedev aber ist keine willfährige und führungsschwache Persönlichkeit; als Aufsichtsratsvorsitzender von Gazprom hat er dies häufig bewiesen.

Anzunehmen ist vielmehr, dass Putin für eine gewisse Zeit als wachsame graue Eminenz das Ringen um die Macht, das sich in den nächsten Monaten verschärfen wird, zu beobachten. Putins Ziel ist wohl, die Stellung Medvedevs zu stärken; ihn dabei zu unterstützen, die Falken der siloviki einzuhegen und sie an der Obstruktion präsidentieller Entscheidungen zu hindern. Medvedev wird seine Autorität, ähnlich wie Putin in den ersten Monaten seiner Amtszeit, nur langsam entfalten können; dafür braucht er die Unterstützung seines Mentors. Gelingt es Medvedev sich durchzusetzen, ist es wahrscheinlich, dass sich Putin in die zweite Reihe zurückziehen wird. Scheitert Medvedev aber, gelingt es ihm nicht, die Kontrolle über die widerstreitenden Lager zu erlangen, kann Putin als Regierungsvorsitzender intervenieren und die Macht wieder an sich reißen. Ein frühzeitiger Rücktritt Medvedevs wäre dann nicht ausgeschlossen.

Medvedev ist in diesem Ringen aber nicht nur auf Putin angewiesen; zwei Lager formieren sich derzeit, um ihm den Rücken zu stärken. Das sind zum einen die liberalen siloviki, die bereit sind, mit Medvedev eine Zweckkoalition gegen die Falken der Nachrichtendienste einzugehen. Wichtiger aber ist das andere Lager: Gefolgsleute Boris Jelzins kehren an die vorderste Front zurück, allen voran der Direktor des staatlichen

Elektrizitätskonzerns Anatolij Čubajs und der frühere Leiter des Präsidialamtes Aleksandr Vološin. Beide wollen Medvedev unterstützen, aber eben auch steuern.

Das Lager der Getreuen um Medvedev hingegen ist noch klein; dazu gehören vor allem ehemalige Studierende aus Sankt Petersburg: Anton Ivanov, der Vorsitzende des Obersten Schiedsgerichtes und die Verfassungsrichter Sergej Kazancev und Sergej Mavrin. Dazu kommen Mitstreiter aus den Rängen von Gazprom, allen voran Vorstandsmitglied Čujčenko.

Medvedev wird also in den ersten Monaten seiner Amtszeit mit einer unübersichtlichen Lage konfrontiert sein: nachrichtendienstliche Falken, die ihn zu obstruieren versuchen, die Rädelsführer der Raubprivatisierung der neunziger Jahre, in deren Schlepptau sich Oligarchen wie Oleg Deripaska befinden und die liberalen siloviki, für die Vološin und Čubajs aber Erzfeinde sind. Eine riskante Konstellation, in der Medvedev Anleitung und Unterstützung braucht. Vladimir Putin ist bereit, ihm diese zu geben. An den Säuberungen in der Regierung und im Präsidialamt wird zu erkennen sein, wer sich letztlich durchsetzen wird.

Foto: Reuters/RIA Novosti
http://www.minnpost.com/stories/
2007/12/10/315/putin_picks_a_putin_man_as_his_successor

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Nun ist es also wieder so weit: 2 Jahre nach der vorüber- gehenden Absetzung der Neuenfels-Inszenierung der Oper Idomeneo an der Berliner Staatsoper aufgrund von Sicherheitsbedenken wurde nun auch eine Ausstellung satirischer Plakate der dänischen Kulturgruppe ‘Surrend’ in Berlin Tiergarten abgesetzt – ebenso aufgrund von Sicherheitsbedenken der Veranstalter.

In beiden Fällen waren es nicht die Bedenken von Brandschützern, sondern die Angst vor Gewaltdrohungen von radikalen Islamisten. Neuenfels entfachte den Zorn mit dem Schlussbild abgetrennter Köpfe von Buddha, Jesus und Mohammed. Weder Buddhisten noch Christen antworteten auf diesen künstlerischen Entwurf mit der Androhung von Gewalt, islamistische Verbände aber schon.

Nun wird die Plakatausstellung der Künstlergruppe ‘Surrend’ Opfer religiöser Fanatiker. Ein Bild mit der Kaaba in Mekka, das mit der Losung ‘Dummer Stein’ betitelt war, entfachte den heiligen Zorn der Islamisten. Die Störung der Ausstellung und Gewaltdrohungen zwangen die Veranstalter zur vorübergehenden Schliessung. Neben diesem Plakat hängt ein Bild eines orthodoxen Juden, das mit der Zeile ‘Dummer Hut’ versehen war. Bislang wurden Ausschreitung des Zentralrates der Deutschen Juden noch nicht gemeldet.

Der dänische Karikaturist Westergard – einer der Zeichner der Mohammed-Karikaturen aus 2006 – kann sein Leben nur noch im Untergrund verbringen; das Schicksal Salman Rushdies kennen wir seit mehr als 20 Jahren. Die Androhung von Gewalt soll nun auch unsere Opernhäuser schliessen und unsere Galerien verriegeln lassen. Dieser widerlichen Gewalt, die ausser dumpfen Groll kein Argument hervorzubringen vermag, gilt es zu widerstehen. Die Neuenfels Inszenierung sollte für 20 Jahre am Spielplan bleiben, und Surrend-Plakate im offset-Druck in jeder öffentlichen Einrichtung hängen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Gewaltneigung von Islamisten, die freie Meinung und die freie Kunst einengen.

Ihr könnt ja ruhig beleidigt sein; daran hindert euch ja niemand. Aber schlagt uns bitte nicht die Köpfe ein, nur weil es euch an Argumenten fehlt. Ach ja: Das Beleidigtsein geht uns allen langsam auf die Nerven.

 

Foto: DPA
(http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,538473,00.html)

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Maria Böhmer begleitete Tayyip Erdogan nach Ludwigshafen, wo dieser nach den Hetztiraden türkischer Zeitungen der Brandopfer gedenken wollte. Der Beobachter fragt sich, warum denn die Integrationsbeauftragte der deutschen Bundes- regierung sich eines türkischen Ministerpräsidenten annahm; was sollte denn die Botschaft sein? Dass sich die deutsche Regierung ohne Vorliegen eines Brandursachenberichtes bereits schuldbewusst den türkischen Verdächtigungen nach Brandstiftung ergibt und sogleich unterwürfig zu Integration‘ aufruft – so als stünde es bereits fest, dass deutsche Brandstifter das Feuer verursacht hatten, das Feuer Ausdruck der angeblichen Integrationsverweigerung durch die Mehrheitsgesellschaft gewesen sei?

Erdogan nutzte denn auch gleich die ausgestreckte Hand zur generösen Geste: Die ‘Vorfälle’ in Ludwigshafen sollten als ‘Chance für einen neuen Beginn, für einen neuen Frieden’ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Februar 2008) gesehen werden. Warum Neubeginn, warum ein ‘neuer Friede’ zwischen Deutschen und Türken? Hatten denn erstere gerade einen kriegerischen Angriff gestartet?

Als feindliche Übernahme darf es denn auch gelten, wenn Erdogan in Köln eine ethnisch-religiöse Wahlrede hält, so als wäre er der Kanzler einer türkischen Parallelstaatlichkeit. Beachtlich ist auch, dass er Assimilation als ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ bezeichnet. Dies ist nicht nur als solches aberwitzig, sondern gänzlich bizarr angesichts der Tatsache, dass in der Türkei nach dem § 301 des Strafgesetzbuches verurteilt wird, wer an den Genozid der Türken gegen die Armenier 1915 erinnert. Der § 301 erlaubt es grundsätzlich, all jene strafrechtlich zu belangen, die das ‘Türkentum’ beleidigen, was immer dieses auch sein mag.

Integration zu fordern und gleichzeitig vor der angeblich drohenden Assmilation zu warnen, war eine klare Botschaft Erdogans an seine frenetisch jubelnden Zuhörer: ‘Verweigert Integration’! Assimilation wurde geschickt verwoben mit Integration; durch die Kriminalisierung der Assimilation wird diese Bewertung subtil auf die Integration ausgeweitet. Übrig bleibt eine kaum noch verhüllte Ermunterung Erdogans an die türkische Gemeinde, sich der Integration zu verweigern.

Erdogans Rede ist eine Aufforderung zur Verweigerung der Übernahme der Wert- und Staatsordnung der Mehrheitsgesellschaft und ihrer leitkulturellen Identität. Wenn sich deren Wehrhaftigkeit bei derart provokativen Schlüsselereignissen nicht nachdrücklich zeigt, ebnet sie der feindlichen Übernahme den Weg.

Parallelstaatlichkeiten und abgeschlossene Parallelgesell- schaften mit archaischen sozialen und/oder religiös motivierten Wertekodices und Verhaltenspraktiken sind unzumutbar und durchbrechen die demokratisch notwendige Einigkeit einer Gesellschaft auf einem gemeinsamen Kernwerteboden. Aber ist die Forderung nach diesem Grundwertekonsens denn bereits die Forderung nach Assimilation und damit verwerflich?

Der stv. Generalsekretär der islamischen Organisation Milli Görüs, Mustafa Yeneroglu, scheint diesen Kernwertekonsens – laut Frankfurter Allgemeiner Zeitung, 12. Februar 2008 – denn auch zu ignorieren: ‚Es gibt in Deutschland Religionsfreiheit, ihr ist in Gewissensfragen Rechnung zu tragen‘ und meint damit, dass es zulässig sein soll, unter Berufung auf religiöse Überzeugungen getrennten Schwimmunterricht für Jungen und Mädchen einzufordern und andere geschlechtersegregierende Verhaltensweisen anzumahnen. Allerdings meinte in diesem Land auch van der Bellen, nichts gegen getrennten Schwimmunterricht für Buben und Mädchen zu haben.

Letztlich ist es in den Augen der multikulturalistischen Bannerträger aber doch ohnehin die Schuld der Mehrheitsgesellschaft, dass zahlreiche türkische und islamische Einwanderer nicht bereit sind, sich auf der Grundlage eines Kernwertekonsenses zu integrieren. Der Abgeordnete der deutschen Grünen im Europäischen Parlament meint denn auch, der starke Zuspruch der Türken zu Erdogan in Köln sei dadurch zu erklären, dass sich diese Menschen von den deutschen Politikern alleine gelassen fühlten. Wir sollten uns also alle schrecklich lieb haben und uns umarmen ….

 

PS: Dem Vernehmen nach bemüht sich eine diplomatische Vertretung der Türkei derzeit auch, in die Lehrinhalte einer österreichischen Universität einzugreifen.

 

 

Foto: BBC, http://news.bbc.co.uk/2/hi/in_pictures/6911184.stm

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_political_statements_: wenn Heiliges Unheil bringt

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Respekt, vor dem was heilig ist, verlangt Kardinal Schönborn. Es ist gut, wenn der Hirte zu seinen Schafen spricht, denn nur die sind es, die diesselben Dinge als heilig ansehen (sollten), wie er selbst. Den Anderen, vor allem denen, die ohne religiöses Bekenntnis sind, ist es völlig gleichgültig, was anderen heilig ist und sie entscheiden selbst, was Respekt erheischen darf und wem Respekt zu erweisen ist. Jeder hat das Recht, für heilig zu erklären, was ihm beliebt. Kein anderer kann aber gezwungen werden, diese Festlegung von Heiligem auch zu akzeptieren. Der Anspruch von Kirchen auf die Unantastbarkeit ihres Glaubens, ihrer religiösen Symbole und ihrer öffentlichen Präsenz kann durchaus missachtet werden. Nichts kann sich der Kritik entziehen, auch nicht, wenn sich Akteure ausbedingen, gerade ihre Überzeugungen als heilig und damit als unantastbar zu definieren. Vieles mag geschmacklos sein – aber über Jesus zu lästern, die jungfräuliche Empfängnis für ein Märchen zu halten, Mohammed zu zeichnen, sich über Burkas lustig machen, orthodoxe Patriarchen zu beschimpfen, am Shabbat zu arbeiten und die Oper Idomeneo bis zu ihrem (bitteren) Ende anzusehen, auch wenn sie von Neuenfels inszeniert wird, ist in einer säkularen demokratischen Ordnung ein unbestreitbares Recht. Auch die Geschmacklosigkeit darf ihr Recht einfordern, auch wenn der Geschmacklose dann auch bereit sein muss, sich einer öffentlichen Debatte zu stellen – ohne Strafgesetzbuch und heilige Bücher.

Hinter den säkularen Staat lassen wir uns nicht zurückbeten – nicht von anglikanischen Sharianisten, von islamistischen Hasspredigern oder katholischen Redemptoristenpatern. Die Resakralisierung des öffentlichen Raumes ist unzumutbar – auch wenn sich eine Zweckkoalition von Katholiken, Protestanten und Muslimen vehement dafür einzusetzen beginnt. Wehret den Anfängen, denn was den Einen heilig ist, muss den Anderen gleichgültig sein dürfen.

Ceterum Censeo: Tayyip Erdogan war dieser Tage in Ludwigshafen, wo in einer schrecklichen Brandtragödie zahlreiche alevitische Bewohner umgekommen sind. Die Türkei hat auch eigene Ermittler an den Brandort entsandt, um ein rechtsstaatlich einwandfreies Untersuchungsverfahren sicherzustellen. Nun, was immer die Türkei in rechtsstaatlichen Fragen beitragen kann – Erdogan könnte nach seiner Rückkehr in die Türkei auch die zentralanatolische Stadt Sivas besuchen, wo 1993 zahlreiche alevitische Künstler von einem fanatischen Mob verbrannt wurden.

Foto: Schlussszene in der Neuenfels-Inszenierung von ‘Idomeneo’ an der Deutschen Oper in Berlin, 2006.

http://operachic.typepad.com/opera_chic/idomeneo/index.html

Commemorating Hrant Dink

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In memory of Hrant Dink, killed in January 2007 in Istanbul (Turkey). Hrant Dink, born in 1954, was a journalist, member of the editorial team of the bilingual weekly Agos. Dink worked with Agos from 1996 till the day he was shot.

According to a report on telegraph.co.uk.posted on January 21st, 2007: “Eyewitnesses said the assailant was a teenager wearing a white cap and jeans. “He shouted ‘I shot the infidel’ as he ran away,” said Muharrem Gozutok, a restaurant owner.” (Source: http://www.telegraph.co.uk). On October 7, 2005 Hrant Dink had been convicted under article 301 of the Turkish penal code, which deal with insulting ‘Turkishness’.

Read more on Amnesty International’s report on Turkey.

Source of picture of Hrant Dink: http://www.armeniapedia.org