Category Archives: Energy Security

Leere Rohre. Das Scheitern von Nabucco und die Folgen

leere_rohreNabucco ist also tot. Ich sagte es seit langem. Über die Gründe für das Scheitern der alten Nabucco-Trasse habe ich auf meinem Blog immer wieder geschrieben. Nabucco-West, das ich, gemessen am ursprünglichen Vorhaben, auch als Nabuccolino bezeichnet habe, ist nun auch gescheitert. Die TAP hat sich letztlich aus drei Gründen durchgesetzt: Zuerst ist die norwegische Statoil – ein führendes Mitglied des Gaskonsortiums Shah Deniz – am TAP-Projekt beteiligt.  Sodann sind die Investitionskosten für die kürzere TAP-Leitung niedriger. Nachdem sich die führenden Betreiber des Gaskonsortiums in die Leitungsprojekte einkaufen wollten, sind damit auch die Kosten für das SD-Konsortium niedriger. Das TAP-Projekt gelangt somit früher in die Gewinnzone. Zum Dritten hat TAP sein ursprüngliches, wenig attraktives, Konzept in den letzten 18 Monaten deutlich verbessert. Das Gas wird nicht vorrangig am saturierten, wenn auch lukrativen italienischen Gasmarkt vermarktet werden, sondern die Schweiz versorgen und nach Deutschland weitergeleitet werden; zudem soll mit der Ionisch-Adriatischen Pipeline, die in Albanien von der TAP abzweigt, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, vielleicht auch Albanien und das Kosovo versorgt werden.

Was sind nun aber die Konsequenzen für die OMV und die österreichische Gasversorgung: Neben dem Imageschaden und den teilweise verlorenen Investitionskosten, stellt sich für die OMV die neue Aufgabe, angeblich substantielle, noch zu erschließende eigene Gasvorkommen im Schwarzen Meer auf die Märkte zu transportieren. Es ist kaum zu erwarten, dass die OMV eine neue Leitung dafür errichten wird, außer es gelingt, Partner dafür zu finden, was sehr unsicher ist. Meiner Ansicht nach, wird die OMV bestehende Infrastruktur nutzen, modernisieren, ausbauen und verbinden, um dieses Gas zum Central European Gas Hub (CEGH) nach Baumgarten zu bringen. Damit könnte sie eine Projektidee von British Petroleum aufgreifen – das SEEP-Konzept.

Als weitere Konsequenz ist der relative Bedeutungsverlust für den CEGH abzuweren. Ohne Nabucco wird nun kein zusätzliches Gas nach Baumgarten kommen. Gleichzeitig ist nach derzeitiger Kenntnislage die Anbindung der russländischen South Stream an den CEGH auch gescheitert. Die OMV hat mit ihrer Nabucco-Initiative die Gazprom sehr irritiert. Die an der Europäischen Kommission gescheiterte Beteiligung von Gazprom am CEGH war dann wesentlicher Grund, warum South Stream nun nicht nach Baumgarten, sondern in das norditalienische Tarvisio führen soll. South Stream soll im Endausbau 63 Mrd. m3 transportieren, erhebliche Mengen davon sollten über den CEGH betrieben werden. Diese Volumina sind nun wohl verloren, außer Gazprom ist noch umzustimmen; die Konditionen dafür werden kaum annehmbare sein. Der CEGH und die Gasversorgung Ostösterreichs werden nun am maroden ukrainischen Gasleitungsnetz hängen. Angesicht der hohen Importabhängigkeit Österreichs von Gas aus Russland war es bisher schon besorgniserregend, auf ein einziges Leitungsnetz angewiesen zu sein. Wenn das ukrainische Leitungsnetz aber nicht dringend saniert wird, hängen wir an rostigen Rohren. Zudem werden, wenn South Stream gebaut wird, erheblich geringere Mengen über das ukrainische Netz nach Österreich gelangen. South Stream dient dazu, die ukrainischen Transitleitungen auszutrocknen und die Ukraine zu umgehen. Gazprom wird die Verträge mit der OMV einhalten, aber abzuwarten bleibt, wieviel zusätzliches russländisches Gas dann noch über den CEGH vertrieben werden wird. Mit dem Scheitern von Nabucco kann auch ein substantieller Relevanzverlust des CEGH verbunden sein. Darin liegt dringender, nicht zuletzt politischer Handlungsbedarf.

Foto: http://steveboese.squarespace.com/journal/2012/11/2/forecast-upside-pipeline-and-staying-on-offense.html

Der Kommentar ist auch auf http://www.eu-infothek.com/article/leere-rohre-das-scheitern-von-nabucco-und-seine-folgen erschienen.

risiken einer neuen gaskrise _ interview

ukraine-gaspipe-gaz_797951cGasexperte Mangott: “Bei Nabucco fehlt die Kostenwahrheit”

WirtschaftsBlatt: “Der Sommer ist noch nicht um und Russlands Präsident Dimitrij Medwedew hat schon das erste Mal über eine “Gaskrise” gesprochen. Wie wahrscheinlich ist ein erneutes Abdrehen des Gashahns im Winter?

Gerhard Mangott: Das Risiko ist nicht unerheblich. Die Ukraine hat bisher die riesigen Gasspeicher nicht aufgefüllt. Dafür fehlt wegen der Wirtschaftskrise das Geld. Sind die Gasspeicher nicht voll, kann Europa nicht ausreichend versorgt werden. Zudem rückt die Ukraine einseitig vom Liefervertrag mit Russland ab. Angesichts des stark gesunkenen Binnenverbrauchs weigert sie sich, die vertraglich vereinbarten 52 Milliarden Kubikmeter Gas zu kaufen. Das größte Risiko ist aber ein politisches: Im Jänner 2010 finden in der Ukraine Präsidentschaftswahlen statt. Mit einer nationalistischen und harten Haltung gegenüber Russland werden alle Kandidaten versuchen, Wähler zu gewinnen.

WirtschaftsBlatt: Will Russland mit einer Drohung auch der EU seine Macht zeigen?

Russland kann nicht interessiert sein, die EU unter Druck zu setzen. Je mehr Gaskrisen es gibt, umso stärker wird die EU neue Gasleitungen und -lieferländer suchen. Russland schadet sich mit einer Gaskrise selbst. Je mehr aber die EU wiederum versucht, sich von der russischen Gasversorgung abzukoppeln, umso stärker wird Gazprom nach anderen Abnehmern wie China, USA, Japan oder Südkorea suchen. Dadurch entsteht eine Spirale des Misstrauens zwischen Russland und der EU.

WirtschaftsBlatt: Eine Alternative wäre die Nabucco-Pipeline. Ist es sinnvoll, dass sich die EU aus den Klauen Russlands befreien will und dabei in jene der Türkei begibt, die bei Nabucco eine Schlüsselrolle spielt?

Diese Pipeline würde die Türkei als Energiedrehscheibe aufwerten. Der Beitritt der Türkei zur EU als Gegenleistung für die türkische Unterstützung bei Nabucco ist aber ein zu hoher Preis.

WirtschaftsBlatt: Glauben Sie, dass Nabucco nicht realisiert wird?

Doch, wenn ausreichende Gasmengen vertraglich abgesichert werden. Gas aus Aserbaidschan wird aber nicht reichen. Bei Nabucco fehlt die Kostenwahrheit. Es geht nicht nur um die Errichtungskosten von acht Milliarden €. Nabucco will Gas aus Turkmenistan. Dort gibt es aber eine stark veraltete Gasindustrie. Um die Produktion deutlich anzuheben, müssen hohe Summen in deren Gasindustrie investiert werden. Will die EU turkmenisches Gas, wird sie auch die Modernisierung zahlen müssen. Das können mehrere Milliarden € werden.

WirtschaftsBlatt: Wird die EU dies bezahlen?

Wenn sie das Gas will, wird sie das machen müssen. Russland und China machen das nämlich schon.

WirtschaftsBlatt: Wie sieht es mit iranischem Gas aus?

Iranisches Gas wartet nicht auf uns. China, Indien und der Oman investieren bereits massiv. Es wird immer teurer und schwieriger für die EU. Und indirekt unterstützt die EU damit Russland, das den Iran als Rivalen auf dem Gasmarkt der EU verhindern will.

WirtschaftsBlatt: Auch die OMV hat Interesse an Iran-Geschäften. Wie stehen Sie dazu?

Es wäre schade, wenn sich die OMV aus dem Iran zurückziehen sollte. Es ist erstaunlich, dass die USA exterritorial Druck ausüben kann und EU-Staaten nachgeben. Die Schweiz hat sich dem Druck der USA nicht gebeugt. Die österreichische Regierung gibt der OMV nicht die Rückendeckung, die sie bräuchte.

WirtschaftsBlatt: Sollte die Republik alle ihre Anteile an der OMV verkaufen?

Nein. Strategische Investitionen in politisch unsicheren Ländern erfordern politische Absicherung.

Printed in: Wirtschaftsblatt, September 1st, 2009

Foto source: http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/russia/2645890/Russias-powerful-weapon-oil-and-natural-gas.html

Printed in: Wirtschaftsblatt, Seotember 1st, 2009.

… vr china kauft iran ..

Die Volksrepublik China setzt ihr strategisches Vordringen in den iranischen Öl- und Gassektor fort. Bereits im Jänner 2009 hatte die Chinesische Nationale Ölgesellschaft um 2 Mrd. USD (1,4 Mrd. Euro) die Entwicklungsrechte für das iranische North Azadegan Field erworben. Am 30. Juli hat die CNPC nun einen 70-Prozent-Anteil am South Azadegan Field erworben. In den beiden Feldern werden gesicherte Reserven von 33,2 Mrd. barrel Öl vermutet. Die Sanktionspolitik gegen den iranischen Öl- und Gassektor wird also weiterhin durch China – aber auch andere Staaten wie Oman – unterlaufen. Während europäische Unternehmen unter Druck der USA ihre Geschäftstätigkeit in Iran einstellen oder unterlassen, geht der Zugriff auf strategische Reserven an energertische Rivalen im globalen ökonomischen Wettbewerb verloren.

gas aus turkmenistan. überlegungen

turkmenistan-gas

Gaslieferungen aus Turkmenistan sind ohne massive Investitionen in die Exploration und die Entwicklung neuer Gasfelder, die Modernisierung der Fördertechnologie und des Leitungsnetzes und Investitionen in das Humankapital und die Transportinfrastruktur nicht nachhaltig zu sichern. Darin liegt ein erheblicher (verdeckter) Kostenfaktor im Gasgeschäft mit Turkmenistan. Die VR China ist zu dieser umfassenden Geschäftsbeziehung mit Turkmenistan bereit; Russland hat dieses Konzept erfolgreich in Usbekistan umgesetzt.

Ein weiterer entscheidender Faktor im Gasgeschäft mit Turkmenistan sind Dauer der Gaslieferverträge und die eingesetzte Preisformel: Im sowjetisch-europäischen Gashandel waren beide Vertragsparteien an langfristigen Geschäftsbeziehungen interessiert. Die europäischen Staaten strebten nach langfristiger Versorgungssicherheit, die Sowjetunion nach garantierten Absatzmärkten, weil der Bau der Gasleitungen hohe finanzielle Investitionen erfordert hatte, die es zu amortisieren galt. Die Gaslieferbeziehungen Turkmenistans mit seinen Kunden – insbesondere mit der EU – werden andere sein, denn in diesem Fall bauen die Konsumenten die Lieferleitungen bis an die Landesgrenzen des Versorgers, d.h. sehr nahe an die Förderstätten. Der Kostenaufwand des Produzenten für die Exportleitungen ist also sehr gering. Das erlaubt dem Produzenten mehr Flexibilität hinsichtlich der Vertragsdauer, da der Amortisierungsdruck gering ist.

Dazu kommt ein zusätzlicher entscheidender Faktor: die Sowjetunion und bislang Russland konzentrierten sich auf einen geografischen Absatzraum – Europa – und errichteten die Exportinfrastruktur von den Lagerstätten ausschließlich nach Europa. Die zentralasiatischen Förderländer, allen voran Turkmenistan, bauen Exporttrassen in unterschiedliche Regionen – Russland, VR China, Iran, Afghanistan-Pakistan-Indien, Türkei, EU. Dadurch erhalten diese Gasförderländer eine hohe Diversifizierungsfähigkeit, die sich wiederum auf die Dauer der Gaslieferverträge, aber auch auf die Preisgestaltung auswirken kann. Tendenziell kann daher von einer strukturellen Verteuerung der Gaslieferungen und von einer kurzfristigeren Liefergarantie ausgegangen werden.

Foto: http://www.asianews.it/index.php?l=en&art=10806

… gas kaufen, wo es verkäufer gibt …

Vorbehalte gegen das iranische Regime und sein Vorhaben, eine nukleare Waffenoption zu entwickeln, sind zwar nachvollziehbar; deswegen aber die Zusammenarbeit im Energiesektor zu blockieren, ist aus strategischen Überlegungen nicht zweckmäßig.

Zur Wahrung der Energieversorgung der EU-27 ist die Zusammenarbeit mit vielen autoritären Regimen erforderlich – von Saudi Arabien und anderen Golfstaaten über Algerien, Libyen und Russland bis Nigeria. Iran ist damit kein Einzelfall. Immerhin importieren die Mitgliedsstaaten der EU auch erhebliche Mengen an Rohöl aus dem Iran, allen voran Frankreich, Italien und Griechenland. Die OMV ist nicht der einzige Energiekonzern, der an iranischem Gas – immerhin 16 Prozent der globalen gesicherten Reserven – interessiert ist. Indien und China, und mittelfristig auch Japan, streben erhebliche Gasimporte aus Iran an. Die Errichtung eines Leitungsnetzes von Iran über Pakistan nach Indien – die so genannte ‚Friedenspipeline IPI‘ – könnte auch nach China verlängert werden. Auch ist ein Ausbau der LNG-Kapazitäten Irans zu erwarten, wodurch zusätzliche Exportmärkte erschlossen werden können. Zudem schickt sich die russsche Gazprom an, in den iranischen Markt massiv einzusteigen. Das iranische Regime wird also ohnehin aus dem Gasexport zusätzliche Exporteinnahmen gewinnen können.

Neben der USA ist es auch Russland, das kein Interesse am Erdgasexport Irans in die EU hat. Gazprom möchte den europäischen Markt exklusiv bedienen und wird alles daran setzen, Irans Gasexporte in die EU zu blockieren und nach Osten zu leiten. Der Verzicht der EU auf iranisches Gas wäre daher ein törichter Beitrag zur Errichtung eines Gaskartells, das erheblichen Preisdruck auf den europäischen Gasmarkt bewirken könnte.

Der Handel mit iranischem Gas kann die Stabilität des iranischen Regimes befördern; immerhin bezieht Iran 85 Prozent seiner Exporteinnahmen aus dem Öl- und Gassektor. Das trifft aber nicht nur auf den Iran zu, sondern auf eine Mehrheit der autoritären Staaten, mit denen die EU-27 im Energiesektor zusammenarbeiten. Den ethischen Gehalt dieser Verflechtungen zu diskutieren ist so legitim, wie die Betonung wechselseitiger Interessen. Das eine ist über das andere nicht erhaben.Ist das iranische Regime aber ein Sonderfall, der andere Regeln erforderte? Die Kritiker werfen der OMV vor, das multi- (VN) und bilaterale (USA) Sanktionsregime gegen Iran zu unterlaufen. Gerade philoisraelische Organisationen sehen in Sanktionen taugliche Mittel, um das Innen- und Außenverhalten des Iran zu beeinflussen. Wenn aber das iranische Regime rational genug ist, auf äußere Sanktionen zu reagieren, muss dem iranischen Regime auch zugebilligt werden, sein Verhalten in der nahöstlichen Region rational zu steuern.

Ist dann der Vorwurf, der Iran sei ein irrationales Regime, das selbst die Zerstörung des eigenen Landes in Kauf nehme, um Israel zu vernichten, gerechtfertigt? Als Ausdruck des irrationalen Herrschaftscharakters werden die Brandreden Ahmadi-nejads gegen das ‚zionistische Regime‘ angeführt; ist das wirre Gefasel des in der Machthierarchie Irans ohnehin marginalisierten Staatspräsidenten aber tatsächlich die Leitlinie der iranischen Außenpolitik; sind die Hetzreden nicht vielmehr an die eigene Bevölkerung gerichtet, um diese angesichts wirtschaftlicher und sozialer Härten nationalistisch zu mobilisieren?

Selbst wenn Iran die nukleare Option erwerben oder sogar in der Lage wäre, Trägersysteme nuklear zu bestücken, wäre deren Einsatz irrational, gerade gegen Israel. Irrational, weil die Zweitschlagsfähigkeit Israels nicht ausschaltbar ist und einen rational agierenden Iran ausreichend abschreckt. Auch die vielfach zitierte Erpressbarkeit Israels durch einen angedrohten nuklearen Schlag des Iran ist nicht gegeben, da auch in diesem Szenario die Abschreckungslogik greift.

Unbestritten ist die Rolle Irans als destabilisierende Kraft in der Region – durch die militärische Unterstützung für einige schiitische Milizen im Irak, die indirekte Schwächung der libanesischen Regierung über die Mobilisierung der schiitischen Hizbollah, die islamistische Penetration des palästinensischen militanten Lagers um die sunnitische Hamas und nicht zuletzt durch die strategische Allianz mit Syrien. Unbestritten ist auch, dass dadurch israelische Sicherheitsinteressen beeinträchtig werden. Israel kann sich aber seiner eigenen Verantwortung für die regionale Stabilisierung nicht entziehen; der Ruf nach militärischer Härte durch die USA gegen eine nicht bestehende Gefährdung Israels durch Iran darf nicht erhoben werden, nur weil die israelische Führung nicht fähig oder bereit ist, ihren Beitrag zu einer friedlichen Lösung der offenen Fragen in seiner Nachbarschaft zu leisten.

Foto: http://www.welt.de/multimedia/archive/00572/Gas_DW_Finanzen_Wue_572298g.jpg

Eine leicht abgeänderte Version dieses Kommentars wurde am 16.2.2009 in der Tageszeitung ‘Die Presse’ unter dem Titel ‘Der rationale Iran‘ abgedruckt.

… gaskrise_splitter … (latest entries on top)

11_01_09   Die russländische Regierung hat die Unterschrift unter die Vereinbarung mit der EU über die Kontrolle des Gastransits über das ukrainische Leitungsnetz zurückgezogen: Nach derzeitigem Wissensstand hat sich Russland dazu entschlossen, weil die Ukraine einen Zusatz zur Vereinbarung beigefügt hat, in dem die ukrainische Deutung der Gaslieferunterbrechung, vor allem aber auch die Begrenzung der Vereinbarung auf einen Monat, festgehalten ist. Der Grund für die ukrainische Vorgangsweise, die damit vorsätzlich die Vereinbarung scheitern liess, liegt wohl darin, dass zwar die EU und Russland, aber nicht die Ukraine Interesse an einem ungestörten Gastransit russländischen Gases haben. Die Ukraine will die Transitfrage gleichzeitig mit dem Abschluss eines neuen Gasliefervertrages mit Russland und einer Regelung der (angeblichen) ukrainischen Gasschulden lösen. Die ukrainische Regierung ist sich wohl bewusst, dass die bilaterale Verhandlungsposition gegenüber Russland äusserst schwach wird, sobald der Gastransit in die EU wieder funktioniert; auch die EU dürfte am bilateralen Gaskonflikt Russland-Ukraine dann wohl kaum noch Interesse zeigen.

10_01_09  Nachdem Russland und die EU eine Vereinbarung über die Kontrolle des Gastransits über das ukrainische Leitungsnetz in die EU und den westlichen Balkan unterzeichnet haben, ist die ukrainische Regierung erheblich unter Druck geraten: sollte sich die Ukraine weigern, diese Vereinbarung ebenfalls zu unterzeichnen, riskiert sie eine erhebliche Belastung des Verhältnisses zur EU. Gazprom ist mit der Beobachtermission gelungen, durchzusetzen und international abzusichern, was bereits mit dem Transitvertrag zwischen Gazprom und Naftogaz Ukrainy im Jänner 2006 vereinbart worden war: der Transit russländischen Gases in die EU wird vom bilateralen ukrainisch-russländischen Gasgeschäft entkoppelt. Die Ukraine gerät jetzt in eine Lage, wo ihr größtes Druckmittel, Russland mit dem Gastransit zu erpressen, nicht mehr greift. Gazprom kann nun davon ausgehen, dass der Transit russländischen Gases ungefährdet sein wird, ohne dass Russland der Ukraine Gas für den Eigenverbrauch liefern muss. Wenn sich die Ukraine nun mit Russland über einen neuen Gasliefervertrag einigen will, wird der Erdgaspreis sehr viel höher sein, als die ursprünglich von Gazprom angebotenen 250 USD/1000m3. Das einzige Mittel, das der Ukraine noch bleibt, ist der Bruch des Transitvertrages mit Gazprom vom 3. Jänner 2006, der den Transittarif auf 1.6 USD/1000m3/100 km festschreibt. Zwar hat ein Kiiver Gericht den Vertrag als ungültig bezeichnet, aber nach dem Transitvertrag ist die ukrainische Gerichtsbarkeit dafür nicht zuständig.

Das ukrainische Gericht hat sein Urteil übrigens damit begründet, dass der damalige stv. Direktor des ukrainischen Gaskonzerns Naftogaz Ukrainy nicht zeichnungsberechtigt war. Erstaunlich, dass das Gericht 3 Jahre brauchte, um diesen Sachverhalt zu eruieren…

… das ukrainische kalkül im gasstreit …

Im Handelsstreit zwischen Russland und der Ukraine wolle die EU keine Vermittlerrolle übernehmen, weil der Streit undurchsichtig sei – diese geradezu lächerliche Haltung war in den Korridoren der EU Kommission zu hören. Auch in Prag war man an einer aktiven Rolle der EU in der Lösung des Gasstreites nicht interessiert; möglich, dass Tschechien mit der Ratspräsidentschaft überfordert ist; vielleicht aber hat sich die tschechische Regierung auch mit Kiiv abgestimmt. Die Ukraine kann es sich im Gasstreit leisten zuzuwarten – die Gasreserven reichen für viele Wochen aus. Das ukrainische Kalkül war zweifellos, die Abhängigkeit des russländischen Gasexportes vom ukrainischen Leitungsnetz auszunützen und Gazprom in Zugzwang zu bringen: entweder Gazprom gibt im Streit um Schuldentilgung und Gaspreis nach oder Russland muss die Krise eskalieren, indem die Gasversorgung von EU-Abnehmern unterbrochen wird. Das aber würde das Ansehen Russlands als verlässlicher Erdgasversorger nachhaltig beschädigen und die ukrainische Position stärken, sollte die EU daraufhin zu vermitteln suchen.

Die Eskalation durch Russland zielte darauf, die EU zu einer aktiven Rolle zu zwingen, um eine Einigung mit der Ukraine zu erzielen; hätte sich die EU früher darum bemüht, im Handelsstreit zu vermitteln, wäre die Unterbrechung der Gasversorgung vermeidbar gewesen. Der Handelsstreit wird beigelegt werden, weil er auf finanziellen Differenzen beruht, die durch Intervention der EU beigelegt werden können.

Wenn sich dieses Szenario aber nicht wiederholen soll, ist eine Einigung über den Verkaufspreis russländischen Gases an die Ukraine nicht genug. Die EU muss auf einen mehrjährigen Liefervertrag zwischen Gazprom und Naftogaz Ukrainy drängen, der eine transparente Preisformel enthält. In diesen Vertrag müsste auch die Regelung der Transittarife aufgenommen werden (auch wenn es dazu bereits einen gültigen Vertrag bis 2010 gibt). Gleichzeitig müssen ukrainische Zahlungen für das erhaltene Gas gesichert sein; angesichts der dramatischen finanziellen und wirtschaftlichen Krise in der Ukraine wird dies ohne Finanzhilfe durch die EU nicht möglich sein. Diese Hilfe aber sollte die EU an die Einrichtung eines internationalen Konsortiums knüpfen, das die operative Kontrolle über das ukrainische Gasleitungsnetz übernimmt – und damit auch überwachen könnte, wie viel Erdgas Gazprom tatsächlich in das ukrainische Leitungsnetz einspeist. Die Ukraine würde natürlich das Eigentum am Leitungsnetz behalten. Die Gasleitungen müssen dringend gewartet und modernisiert werden; diese Aufgabe könnte durch internationales Konsortium besser abgewickelt werden.

Die Lösung der akuten Krise reicht aber nicht, um die Gasversorgung der EU sicherer zu machen; angesichts des steigenden Importbedarfs der EU im Gassektor sind strategische Entscheidungen erforderlich. Die dominante Stellung Russlands als Gasversorger ist dabei zweifellos wichtig, auch wenn unklar ist, wie viel Gas Russland in den nächsten Jahren exportieren kann: die Förderung in den traditionellen nordwestsibirischen Gasfelder geht deutlich zurück, die Erschließung neuer Gasfelder auf der Halbinsel Yamal und in der Barentssee ist kosten- und technologieintensiv, der Inlandsverbrauch steigt.

Zentral für die sichere Gasversorgung der EU ist die stärkere Diversifizierung der Gaslieferländer und den Bau von Gasleitungen, die Russland umgehen. Der weitere Ausbau des mediterranen Leitungsnetzes mit Algerien und Libyen, die Nutzung von Flüssiggas aus Qatar und Westafrika sind unerlässlich. Das Nabucco-Projekt schließlich ermöglichte nicht nur den Zugriff auf neue Lieferländer – die kaspischen Staaten; auch würde damit ein Leitungsstrang eingerichtet, der nicht von Russland kontrolliert wird. Nabucco aber ist derzeit noch immer unwägbar, wenn nicht auch iranisches Gas genützt werden kann; darauf zu verzichten, ist fahrlässig.

Zusätzlich zur Diversifizierung von Lieferländern und neuen Versorgungsleitungen gilt es aber auch, den russländischen Gasexport in die EU auf verschiedene Gasleitungen zu streuen. Es ist für die EU ein Sicherheitsrisiko, dass 78 Prozent der Versorgung mit russländischem Erdgas über ein einziges Transitland – die Ukraine – erfolgt. Daher ist es fahrlässig, dass die Vorhaben zum Bau der Nord Stream Gaspipeline von Russland über die Ostsee in das deutsche Greifswald und weiter in die Niederlande von einzelnen Mitgliedsstaaten der EU weiterhin blockiert wird. Die EU braucht Führungsstärke, in Prag wird diese nicht zu finden sein.

Dieser Kommentar ist am 8. Jänner 2009 in der Tageszeitung ‘Der Standard‘ erschienen.

Foto: http://www.alaska-in-pictures.com/data/media/17/winter-alyeska-pipeline_3235.jpg

… gasstreit und russländische gaswirtschaft …

Der Streit zwischen Russland und der Ukraine lässt sich vor allem auf wirtschaftliche Faktoren zurückführen. Die Gasproduktion in den nordwestsibirischen Gasfeldern geht stark zurück. Gazprom benötigt daher ernorme finanzielle Mittel, um neue Felder zu erschliessen, Gasleitungen zu modernisieren und neue Leitungen zu bauen. Angesichts sinkender Gaspreise ´muss der russische Konzern marktgerechte Preise bei allen Abnehmern – auch bei der Ukraine – durchsetzen.

Russland hält mit 26.4 Prozent die höchsten gesicherten globalen Reserven an Erdgas; Qatar und Iran 16.1 bzw. 15.3. Der Anteil von Erdgas am Energieaufkommen Russlands ist mit 57.1 Prozent außerordentlich hoch. Der hohe Anteil von Gas am Energieaufkommen und die Höhe des Eigenverbrauches sind aber vor allem auf die niedrigen Erdgaspreise für industrielle Abnehmer und private Haushalte zurückzuführen. Bis 2011 sind in Russland aber erhebliche Preissteigerungen für Gas vorgesehen – zunächst für industrielle Abnehmer, dann aber auch für private Haushalte. Daraus werden Anreize entstehen, die Energieeffizienz zu steigern und alternative Energieträger – Kohle und Kernenergie – zur Wärme- und Stromenergie zu nutzen. Dies ist ein immenses Investitionsvorhaben, das aber angesichts der massiven Finanzmarktkrise in Russland als unsicher gelten kann.

Erdgas wird in Russland von der staatlich kontrollierten Gazprom und den beiden privaten Unternehmen Itera und Novatek gefördert. Der Anteil von Gazprom an der Förderung liegt 2008 bei 83 Prozent. Novatek und Itera dürfen ihr Erdgas nur auf dem heimischen Markt verkaufen. Nur Gazprom ist es gesetzlich erlaubt, Erdgas zu exportieren; zuerst aber muss Gazprom den russländischen Binnenmarkt versorgen; annähernd 64 Prozent der gesamten Erdgasförderung Gazproms werden dafür bereitgestellt.

Die Erdgasproduktion in Russland liegt derzeit bei 607.4 bcm. Die Internationale Energieagentur (IEA) der OECD in Paris erwartet bis 2030 einen Anstieg auf 794 bcm. Die Regierung hat mehrere Maßnahmen eingeleitet, um den Binnenkonsum an Gas abzusenken, und damit mehr Gas für den Export freizumachen. Dazu gehören Maßnahmen zur Senkung des Energiebedarfs, Steigerung der Energieeffizienz, verstärkte Nutzung von Steinkohle und nuklearer Energie, aber auch radikale Maßnahmen gegen das Abfackeln (gas flaring) von Gas, das bei der Erdölgewinnung anfällt (associated gas). Erdgas im Wert von mehreren Milliarden USD werden derzeit jährlich verfeuert, weil es nicht in Gasleitungen eingespeist oder in Gaskraftwerken verfeuert werden kann.

Das Kernproblem der russländischen Gaswirtschaft aber ist die rückläufige Produktion in den bisherigen Förderregionen, den riesigen Gaslagerstätten im nordwestlichen Sibirien. Die Förderhöchstleistung in diesen Feldern wurde bereits erreicht, die Absenkung des Fördervolumens unvermeidbar. Die Fördermenge in dieser Region wird von derzeit (2007) 480 bcm auf 175 bcm in 2030 zurückgehen.

Die Erschließung neuer Gasfelder ist daher das vordringlichste Ziel für Gazprom. Die neuen Gasförderregion sind die Vorkommen der Halbinsel Jamal und die Gaslagerstätten der Barentssee. Die Erdgasförderung in diesen Regionen ist technisch äußerst schwierig und sehr kostenintensiv; daher muss Gazprom mit ausländischen Unternehmen zusammenarbeiten. Gazprom wird in den nächsten Jahren aber auch erhebliche finanzielle Mittel in die Wartung und Modernisierung der bestehenden Pipelineinfrastruktur investieren müssen.

Aufgrund des niedrigen Preisniveaus auf dem Binnenmarkt ist Gazprom daran interessiert, den Anteil des für den Export verfügbaren Gases zu erhöhen. Derzeit kann Gazprom aber nur 34 Prozent seines geförderten Gases exportieren. 73 Prozent davon werden in der EU und in der Türkei verkauft. Die Preise, die Gazprom in den EU-Staaten erzielen kann sind dabei deutlich höher als in den Staaten der ehemaligen UdSSR; diese Märkte sind für Gazprom daher wenig lukrativ, solange nicht auch in diesen Staaten marktgerechte Verkaufspreise erzielt werden können.

Das Gasleitungsnetz von Gazprom führt derzeit nur über Transitländer in den Raum der Europäischen Union – ein nicht unerhebliches Sicherheitsrisiko aus russischer Sicht. Bis 1999 konnte Gazprom sein Gas nur über das ukrainische Leitungsnetz exportieren; seit damals wird über die Jamal-Pipeline Erdgas über Belarus und Polen nach Deutschland transportiert. 2003 schließlich wurde die Leitung Blue Stream in Betrieb genommen; diese Leitung führt auf dem Boden des Schwarzen Meeres an die türkische Schwarzmeerküste. Aber noch immer 78 Prozent der russländischen Gasexporte werden über das ukrainische Leitungsnetz geführt.

Gazprom ist daher interessiert, sein Exportleitungsnetz weiter zu diversifizieren. Die zentralen Vorhaben dafür sind die Leitungen Nordstream und South Stream. Nordstream ist eine Gasleitung, die russisches Gas ab 2011 über die Ostsee direkt nach Deutschland exportieren soll. Das Projekt wird von Gazprom zusammen mit den deutschen Unternehmen BASF/Wintershall und E.On, sowie der niederländischen Gasunie getragen. Estland, Lettland und Polen, unterstützt von der schwedischen Regierung (und Finnland), blockieren das Vorhaben – unter Verweis auf ökologische Bedenken und militärische Sicherheitsrisiken.

Mit South Stream möchte Gazprom eine ‚Südumgehung‘ des ukrainischen Transitweges errichten. Das Projekt wird von Gazprom mit der italienischen ENI vorangetrieben. Die Gasleitung wird von der russländischen Schwarzmeerküste auf dem Seeboden des Schwarzen Meeres zum bulgarischen Varna und von dort in zwei Routen nach Italien und nach Österreich geführt werden.

Das sind also die strategischen Interessen der russischen Gaswirtschaft. Der Handelsstreit mit der Ukraine ist daher nur am Rande auch politisch begründet; im Kern aber geht es für Russland um finanzielle und gaswirtschaftliche Interessen.

Der Kommentar ist am 8. Jänner 2009 in der Tageszeitung ‘Die Presse‘ erschienen.

Foto: http://www.nationalpost.com/related/links/144151.bin?size=404×272