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Die seltsame Heimreise des Michail Golovatov

Das litauische Volk hadert zu Recht mit seiner Geschichte. Von den Braunhemden 1939 an die rote Diktatur Stalins verraten, stellten sich die Litauer 1941 in die Reihen der Nazis und mordeten im Bataillon PPT und im Rollkommando Hamann ihre jüdischen Mitbürger. 1944 fielen sie der vorrückenden Roten Armee anheim, gegen deren Besatzung sie sich als partisanenkämpfende ‚Waldbrüder‘ bis 1953 widersetzten. Vertreibung, Flucht, Deportation und Massenmord suchten das litauische Volk mit den roten Besatzern heim. Anders als Estland und Lettland erlebte Litauen aber keine massenhafte Ansiedlung ethnischer Russen; die Bevölkerung blieb mehrheitlich litauisch. Dissens, ziviler Ungehorsam und heimlich zirkulierte regimekritische Literatur (Samizdat) blieben auch in den Jahren der roten Diktatur erhalten. Das erklärt auch, warum gerade in Litauen mit der national-konservativen Bewegung Sajudis die Bevölkerung rasch und beharrlich für die staatliche Unabhängigkeit mobilisiert werden konnte. Litauen erklärte im März 1990 seine staatliche Souveränität und den Austritt aus der UdSSR; eine Entscheidung, die auch von den litauischen Kommunisten unterstützt wurde.

Die sowjetische Führung versuchte zunächst, Litauens Unabhängigkeit durch eine wirtschaftliche Blockade zu brechen; im Jänner 1991 wurde angeordnet, die Kontrolle über die staatlichen Einrichtungen Litauens gewaltsam wieder herzustellen. Der Einsatz der 1974 gegründeten Sondereinheit ‚Gruppa A‘ (Alfa) des KGB während der ‚Januarereignisse‘ (11.─13. Januar 1991) – unter dem Kommando von Michail Golovatov und Evgenij Cudesnjov ─ war brutal und endete mit einem Massaker. Der Versuch, die Sezession mit militärischen Mitteln aufzuhalten scheiterte; dies nicht zuletzt weil die sowjetische Führung darüber gespalten war.

Die Erinnerung an diese Blutnacht, das Gedenken an die ermordeten Demonstranten und die Erfahrung des gemeinsamen (zivilen) Widerstands sind zu einem identitätsstiftenden Band der litauischen Bevölkerung geworden.

Das erklärt, warum die Enthaftung von Michail Golovatov durch die österreichischen Behörden derart emotionale, bisweilen bizarre und irrationale Reaktionen in der litauischen Bevölkerung hervorruft. Die Anklage gegen Golovatov vor einem litauischen Gericht wird als unabdingbar erforderlicher Sühneakt für die Blutnacht angesehen. Die Enthaftung Golovatovs verhindert nun aber nicht nur die Sühne; sie wird auch als Schmähung der Opfer angesehen, die unerträglich wird, weil die österreichischen Behörden angeblich willfährig aus russischen Druck reagiert hätten. Diese Emotionen sind leicht zu mobilisieren, woran bestimmte Akteure der litauischen Innenpolitik auch durchaus Interesse haben. Die litauische Regierung wäre gut beraten, mäßigend auf die öffentliche Erregung einzuwirken; daran aber scheint sie kein Interesse zu haben. Rechtfertigungs- und Erklärungsversuche österreichischer Behörden werden in dieser aufgeheizten Stimmung kein Gehör finden.

Wie aber ist der Vorwurf zu bewerten, unser Land habe sich mit der Enthaftung russischem Druck gebeugt? Die angesehene russische Tageszeitung Kommersant zitiert einen Informanten des russischen Außenministeriums: ‘Im russischen Außenministerium ist man über den Ausgang dieser Angelegenheit erfreut. Durch unser Außenministerium und unsere Botschaft in Wien sandten wir Demarchen ab, mit denen den österreichischen Partnern erklärt wurde, die ‘causa Golovatov’ werde politisiert. Diese (die österreichischen Partner, G.M.) hätten die Demarchen analysiert und die Schlußfolgerungen gezogen’.

Die diplomatische Vertretung Rußlands in Wien hat ihre konsularischen Aufgaben zum Schutz des russischen Staatsbürgers sicher nachdrücklich wahrgenommen; das ist auch ihre Aufgabe. Es wäre verwunderlich, wenn es sich dabei nur um Rechtsbeistand und technische Fragen gehandelt hätte. Es gibt keine Belege dafür, daß es auch inhaltliche Gespräche über die Substanz der Vorwürfe an Golovatov gegeben hat. Es ist aber nicht abwegig zu vermuten, daß die russische Seite deutlich gemacht hat, wie die russische Regierung eine Auslieferung Golovatovs an die litauischen Behörden bewerten würde. Es ist sehr wahrscheinlich, daß es politischen Druck Rußlands gab; daran ist zunächst auch nichts auszusetzen. Es läßt sich aber nicht sagen, ob der Druck Rußlands tatsächlich der Grund für die Entscheidung der Staatsanwaltschaft war, Golovatov zu enthaften; ich wäre aber auch nicht überrascht, wenn es der russische Druck war, der letztlich zur Enthaftung führte.

Nach den vorliegenden Informationen waren die litauischen Behörden angeblich nicht in der Lage, der Staatsanwaltschaft Korneuburg ausreichende Dokumente zum Tatverdacht gegen Golovatov vorzulegen. Das ist erstaunlich; Litauen sollte in der Lage sein, ein rechtlich einwandfreies Dossier über den – nach litauischer Diktion – Kriegsverbrecher Golovatov  umgehend vorzulegen. Allerdings ist es auch verwunderlich, warum die österreichischen Behörden den litauischen Stellen nicht die rechtlich zulässige Zeit eingeräumt haben, den Tatverdacht zu begründen.  Das ist äußerst eigenartig und erklärungsbedürftig. Es ist zu verstehen, wenn dieses Verhalten Österreichs Mißtrauen hervorruft; und das nicht nur bei litauischen Stellen.

Eine Offenlegung der litauischen Unterlagen wäre dringend geboten. Das ließe auch ein Urteil darüber zu, ob die litauischen Vorwürfe an Golovatov tatsächlich so vage waren, wie es die österreichischen Behörden erklären.

Zulässig sind aber auch Überlegungen, ob Golovatov in Litauen eine unvoreingenommene Untersuchung der ihm vorgeworfenen Tatbestände erwarten könnte. Ein Strafverfahren gegen Golovatov in Litauen wäre sicherlich von einer außerordentlich emotionalisierten Debatte und erheblichem Druck auf die Gerichte begleitet. Die öffentlichen Reaktionen der litauischen Regierung und die bizarren Anschuldigungen und Vorwürfe, denen sich Österreich in der litauischen Öffentlichkeit ausgesetzt sieht, sind jedenfalls nicht dazu angetan, das Vertrauen in ein faires Verfahren für Golovatov zu stärken.

Abschließend ist festzuhalten, daß es durchaus im nationalen Interesse Österreichs sein kann, in Abwägung der Folgewirkungen einer Auslieferung zum Schluß zu kommen, Golovatov zu enthaften. Sollten derartige Erwägungen angestellt worden sein, ist die ‚handwerkliche’ Ausführung der frühzeitigen Enthaftung bemerkenswert ungeschickt erfolgt.

Foto: http://www.sadcom.com/pins/kgb_badges/badge8.html

 

Dieser Kommentar ist am 22. Juli 2011 in der Printausgabe der Tageszeitung Der Standard erschienen.

 

russischer druck und der aufrechte gang

Es wäre außergewöhnlich, hätte die diplomatische Vertretung Russlands in Wien ihre konsularischen Aufgaben zum Schutz des russischen Staatsbürgers nicht nachdrücklich wahrgenommen. Es wäre verwunderlich, wenn es sich dabei nur um Rechtsbeistand und technische Fragen gehandelt hätte. Es gibt keine Belege dafür, dass es auch inhaltliche Gespräche über die Substanz der Vorwürfe an Golovatov gegeben hat. Es ist aber nicht abwegig zu vermuten, dass die russische Seite deutlich gemacht hat, wie die russische Regierung eine Auslieferung Golovatovs an die litauischen Behörden bewerten würde.

Trotzdem – dies sind nur Vermutungen; ich halte die Vermutungen aber für berechtigt, weil in der russischen Tageszeitung  explizit auf einen Informanten aus dem russischen Außenministerium verwiesen wird, der Interventionen russischer Stellen bei den ‚österreichischen Partnern‘ bestätigt. Kommersant zählt zu den renommiertesten Zeitungen Russlands; die Redakteure sind professionell, ihr Chefredakteur sehr angesehen. Kommersant hätte diesen Informanten nicht zitiert, wenn Vladimir Solovjov, der Autor des Artikels, die Quelle nicht für glaubwürdig erachten würde. Dies umso mehr, als der Eigentümer dieser Zeitung, Ališer Usmanov, mit der Führung Russlands ausgezeichnet vernetzt ist.

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass es politischen Druck Russlands gab. Es lässt sich aber nicht sagen, ob der Druck Russlands tatsächlich der Grund für die Entscheidung der Staatsanwaltschaft war, Golovatov zu enthaften; ich wäre aber auch nicht überrascht, wenn es der russische Druck war, der letztlich zur Enthaftung führte.

Nach den vorliegenden Informationen waren die litauischen Behörden angeblich nicht in der Lage, der Staatsanwaltschaft Korneuburg ausreichende Dokumente zum Tatverdacht gegen Golovatov vorzulegen. Das ist erstaunlich; Litauen sollte in der Lage sein, ein rechtlich einwandfreies Dossier über den – nach litauischer Diktion – Kriegsverbrecher Golovatov  umgehend vorzulegen. Allerdings ist es auch verwunderlich, warum die österreichischen Behörden den litauischen Stellen nicht die rechtliche zulässige Zeit eingeräumt haben, den Tatverdacht zu begründen.  Das ist äußerst eigenartig und erklärungsbedürftig. Es ist zu verstehen, wenn dieses Verhalten Österreichs Misstrauen hervorruft; und die nicht nur bei litauischen Stellen.

Foto: http://www.europarl.europa.eu/president/view/en-de/press/press_release/2011/2011-January/press_release-2011-January-11.html

‘ … demarchen an die österreichischen partner …’

In der Tageszeitung Kommersant erschien heute ein Artikel zur ‘causa Golovatov’ (Австрию не взяли вильнюсским штурмом). Dort steht: ‘Im russischen Außenministerium ist man über den Ausgang dieser Angelegenheit erfreut. Der Gesprächspartner (von Kommersant, GM) erklärte: ‘Durch unser Außenministerium und unsere Botschaft in Wien sandten wir Demarchen ab, mit denen den österreichischen Partnern erklärt wurde, die ‘causa Golovatov’ werde politisiert. Diese (die österreichischen Partner, G.M.) hätten die Demarchen analysiert und die Schlußfolgerungen gezogen’.

Meine Versuche, österreichische Medien darauf aufmerksam zu machen und die Hintergründe zu recherchieren, blieben leider erfolglos.

Übersetzung: Gerhard Mangott

Quelle: http://www.kommersant.ru/doc/1681039

 

Foto: http://www.baltic-course.com/eng/legislation/?doc=43519

Michail V. Golovatov

Die Spezialeinheit Alpha (Группа «А» КГБ СССР, später Управление «А» des KGB der UdSSR) wurde im Juli 1974 gegründet. Diese Anti-Terroreinheit war nach dem Zusammenbruch kurz dem Innenministerium MVD (Министерство внутренних дел, МВД) unterstellt; wurde aber später wieder dem Inlandsgeheimdienst FSB zugeteilt. Die Группа «А» weigerte sich, im August 1991 Boris El’cin auszuschalten; im Oktober 1993 den von El‘cin widerrechtlich aufgelösten Obersten Sowjet zu räumen.

Zu den bemerkenswertesten Einsätzen der Spezialeinheit zählen die Erstürmung des Palastes des afghanischen Präsidenten Amin am 27. Dezember 1979 im Rahmen der Operation Шторм-333 (Sturm-333); die Befreiung der Geiseln im Dubrovka-Theater in Moskau 2002 und in der Schule von Bezlan 2004.

Michail V. Golovatov (Михаил Васильевич ГОЛОВАТОВ, geb. 23. August 1949 in Mukovnino bei Moskau) leitete die Spezialeinheit Alpha vom 23. August 1991 bis 4. Juli 1992; er hatte dieser Einheit seit ihrer Gründung angehört. Er kommandierte zusammen mit Evgenij Cudesnov (Евгений Николаевич Чудеснов) während der ‚Januarereignisse‘ (russisch: Январские события, litauisch: Sausio ivykiai) vom 11.-13. Januar 1991 – dem gescheiterten Versuch der sowjetischen Führung, die Kontrolle über die staatlichen Einrichtungen der Litauischen SSR, die am 11. März 1990 den Austritt aus der UdSSR beschlossen hatte, wiederzuerlangen – eine Einheit von 65 Spezialeinsatzkräften. Die Einheit besetzte die Radio- und Fernsehstationen in Vilnius. Ein Mitglied der Sondereinheit (Виктор Викторович Шатски, 22 Jahre) kam dabei ums Leben.

Golovatov hat 1949 die Schule für Luftfahrttechnik absolviert; 1973 schloss er eine KGB-Spezialausbildung in Leningrad ab. 1986 absolvierte er auch die Hochschule des KGB. Golovatov war mit großer Sicherheit vom Dezember 1979 an bis Juli 1980 in Afghanistan im Einsatz. Er war im November 1983 an der Befreiung von Geiseln aus einem Passagierflugzeug von Leningrad nach Tbilissi beteiligt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gründete Golovatov die private Sicherheitsfirma ‘Alfa-B’ zum Personen- und Objektschutz. Dieses Karriereprofil trifft nach 1991 für viele frühere Nachrichtendienstoffiziere zu. Das 1993 gegründete Unternehmen ist auch außerhalb Russlands tätig.

Golovatov ist auch Vizepräsident der Russländischen Langläufervereinigung und Präsident der Moskauer Langlaufvereinigung.

putin vs. medvedev

Dieses Interview ist am 20.7.2011 auf www.derstandard.at erschienen:

der_standard: Im März 2012 finden in Russland Präsidentschaftswahlen statt. Bis jetzt weiß man nicht, ob Dmitri Medvedev sich um eine zweite Amtszeit bewerben oder Vladimir Putin erneut das Präsidentenamt antreten wird. Wie schätzen Sie das ein und wann glauben Sie, wird die Entscheidung der Öffentlichkeit bekannt gegeben?

Mangott: Die Entscheidung darüber ist sicher noch nicht gefallen. Putin und Medvedev, die seit 1991 zusammenarbeiten, haben bislang nur ausgeschlossen, gegeneinander anzutreten. Medvedev drängt aber zu einer raschen Entscheidung, während Putin darauf beharrt, damit zuzuwarten. Bei einer vorzeitigen öffentlichen Festlegung würde der auf den Antritt verzichtende Akteur abrupt seine Macht verlieren. Je später aber die Entscheidung getroffen wird, um so mehr werden sich die Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern Putins und Medvedevs verschärfen.

der_standard: Wird die Entscheidung zwischen den beiden abgesprochen sein?

Mangott: Im März hat Medvedev angedeutet, selbst darüber zu entscheiden, ob er sich um ein weiteres Mandat bemühen wird. Das konnte damals als Ausdruck einer tatsächlich aggressiveren Strategie gegenüber dem Elitenkartell um Putin verstanden werden; oder aber als Bemühen Medvedevs, diesen Eindruck zu erwecken. Mittlerweile gilt wieder die frühere Sprachregelung, darüber gemeinsam zu entscheiden.

der_standard: Wie ist das Verhältnis zwischen den beiden heute? Inwiefern sprechen sich die beiden ab, inwiefern findet hier ein Machtkampf statt und worin besteht dieser Machtkampf?

Mangott: Das persönliche Verhältnis zwischen Medvedev und Putin ist auf Berechenbarkeit und Vertrauen gegründet. Allerdings war seit dem Amtsantritt Medvedevs 2008 immer zu erkennen gewesen, daß die Mitglieder der beiden Lager sich argwöhnisch beobachten und bisweilen aggressiv und öffentlich attackierten. Bislang aber sind deren Versuche, Putin und Medvedev  in einen Machtkampf zu verstricken, mißlungen. Die heftigsten Auseinandersetzungen liefern sich dabei Finanzminister Kudrin und der Wirtschaftsberater Medvedevs Dvorkovic auf der einen, der stv. Ministerpräsident Secin und der stv. Leiter des Präsidialamtes Surkov auf der anderen Seite.

der_standard: Was würde eine Kluft zwischen den beiden für Russland bedeuten?

Mangott: Ein Bruch zwischen Putin und Medvedev würde die staatliche Bürokratie und das Elitenkartell, das Rußland regiert, spalten und erhebliche Verwerfungen auslösen. Davon wären auch die Regionen Rußlands betroffen. Auch wäre damit die Autorität der Zentralregierung gegenüber den Provinzen ausgehöhlt; der Verlust der Kontrolle über die regionalen Eliten wäre unvermeidbar. Das wollen Medvedev und Putin aber unbedingt vermeiden.

der_standard: Könnten nicht-linientreue Parteien unter Medvedev antreten?

Mangott: Medvedev will das Wahlrecht zur Staatsduma liberalisieren, um kleineren Parteien den Zugang zu erleichtern; Ende Juni hat er der Staatsduma eine Wahlrechtsnovelle zur Beratung vorgelegt. Die Änderungen sollen aber erst nach den anstehenden Wahlen im Dezember 2012 in Kraft treten. Der Vorsitzende der Staatduma Boris Gryzlov – ein enger Vertrauter Putins – hatte betont, die Zeit für die Annahme der Novelle bis zum Dezember wäre nicht ausreichend. Eben dieser Gryzlov hatte vor einigen Jahren noch gemeint, die Staatsduma sei ‚kein Ort für politische Debatten‘ und immer wieder für rasche Gesetzesbeschlüsse durch willfährige Abgeordnete gesorgt. Der Umstand, daß Gryzlov Medvedev ausrichtet, die Novelle könne erst durch die im Dezember gewählte Duma beschlossen werden, zeigt die begrenzte Autorität Medvedevs auf.

Allerdings scheut auch Medvedev vor radikalen Reformen des politischen Systems zurück. Die Entscheidung des Justizministeriums, die oppositionelle Bewegung ‚Partei der Volksfreiheit‘ (Parnas) nicht als politische Partei zu registrieren, zeigt aber deutlich, daß Medvedev nicht daran interessiert ist, eine radikale regimekritische Bewegung zuzulassen. Medvedev hält sich mit der rechtsliberalen Unternehmerpartei ‚Rechte Sache‘ (Pravoe Delo) eine berechenbare und loyale ‚Opposition‘.

der_standard: Angesprochen auf Medwedews Pläne zur Begrenzung der Rolle des Staates, zur Justizreform und zum Kampf gegen die Korruption sagte Putin kürzlich vor Journalisten in Paris, dass es zwischen den beiden keine Differenzen gebe und das man ein „gemeinsames Programm“ habe. Medvedev hat immer wieder erklärt, er wolle eine Modernisierung vorantreiben, Putin hingegen will die Erneuerung nicht überstürzt. Wie kann es da ein gemeinsames Programm geben und wo sind die gravierenden Unterschiede zwischen Putin und Medwedew?

Mangott: Inhaltliche Differenzen zwischen Putin und Medvedev sind in der Wirtschaftspolitik erkennbar. Medwedew hat 2009 in seinem programmatischen Artikel “Vorwärts Rußland” (Rossija, vperëd!) die Modernisierung Rußlands als Kernziel seiner Amtszeit benannt; Rußland könne ‚so nicht weitermachen‘ (tak žit‘ nel‘zja) – eine Losung, die auch Putin unterstützt. Während Putin damit aber bloß die ökonomische und technologische Entwicklung meint, drängt Medwedew auf einen viel umfassenderen Ansatz, der auch die individuelle Freiheit stärken, die Medien liberalisieren und die staatlichen Strukturen demokratisieren will. Darüber hinaus sind sich Putin und Medwedew nicht darüber einig, wer die Modernisierung vorantreiben soll. Während Putin dies einem effizienten und starken Staat anvertraut, will Medwedew dafür alle gesellschaftlichen Akteure mobilisieren. Medwedew weist auch immer wieder auf die Eigenverantwortung der Bürger hin. Die ‚paternalistische Haltung‘ der Bürger gelte es zu überwinden.

Das Umfeld Putins will die bestehenden Strukturen bewahren, die eigene politische und wirtschaftliche Macht absichern; sie unterstützt eine starke und autoritäre Führung des Landes und lehnt eine zu starke Annäherung an den Westen ab. Im Lager Medwedews dominieren liberale Technokraten, die strukturelle wirtschaftliche Reformen fordern, die staatliche Bürokratie schwächen und das Land demokratisieren wollen; ihnen ist die Zusammenarbeit mit der EU und der USA daher unabdingbar.

der_standard: Wie stark ist der Zuspruch für Putin, wie stark der für Medvedev in der Bevölkerung?

Mangott: Die Losung Putins, die ‚Wirren‘ (smuta) der Jelzin-Jahre durch eine konsolidierte, auf Stabilität setzende  Staatsmacht zu beenden, wird in der Bevölkerung noch immer angenommen. Eine große Mehrheit der Bevölkerung traut Putin deutlich stärker als Medvedev zu, das Land zu führen. Die Zahl der Bürger, die Putin vertrauen ist noch immer höher als die Medvedevs; wobei die Werte – 46 Prozent für Putin und 37 Prozent für Medvedev – im vergangenen Jahr stabil geblieben sind. Es sind die gebildeten städtischen Mittelschichten, die mit deutlichem Überhang Medvedev unterstützen; auch wenn sie daran zweifeln, wie stark Reformwillen und -fähigkeit Medvedevs tatsächlich sind.

der_standard: Medvedev will neben wirtschaftlichen Reformen und der Reform der staatlichen Bürokratie auch das Land demokratisieren – Wie kommt die Forderung bei der Bevölkerung an?

Mangott: Medvedev kritisiert immer offener, daß die Betonung des Stabilitätsgedanken (stabilnost‘) die Gefahr berge, Stagnation hervorzurufen. Dies ist eine offene Kritik an Putin, der Stabilität zu einem zentralen Merkmal seiner Amtszeit erhoben hat und sich auch jetzt noch gegen ‚liberale Experimente‘ ausspricht. Die Forderung nach demokratischer Teilhabe wird aber nur in den gebildeten Mittelschichten urbaner Zentren unterstützt; und selbst diese Schicht ist nicht zu radikalen Forderungen bereit. Die deutliche Bevölkerungsmehrheit wünscht sich, Stabilität und stetige Wohlstandsmehrung. Ihnen scheint Putin weiterhin als besserer Garant für diesen Weg, auch wenn das Vertrauen in Putin, dies zu gewährleisten, abgesunken ist.

 

der_standard: Premier Putin hat die „Gesamtrussische Volksfront“ gegründet, eine Bewegung, über die Putin Gefolgsleute ohne Parteibuch bei der Parlamentswahl im Dezember antreten lassen und damit seiner Partei „Geeintes Russland“ zum Sieg verhelfen will. Steht hinter diese Organisation überhaupt eine Ideologie?

Mangott: ‚Geeintes Rußland‘ ist einer Staatspartei aus grauen Bürokraten und Funktionären ähnlich. Angesichts der sozialen Krise und der korrupten Arroganz vieler führender Vertreter dieses Machtkartells werden deutliche Stimmenverluste bei den Wahlen im Dezember trotz ‚kreativer Manipulationen‘ nicht zu verhindern sein. Zwar unterscheiden die Wähler zwischen Putin und ‚Geeintes Rußland‘ (deren Vorsitz Putin innehat, ohne deren Mitglied zu sein), aber eine geschwächte Staatspartei ist auch ein Kratzer am Führungsanspruch und der Führungsstärke Putins.

der_standard: Vladimir Putin wird am 3. Oktober in Berlin mit dem Quadriga-Preis, der seit 2003 jedes Jahr am Tag der Deutschen Einheit verliehen wird, ausgezeichnet. Erhalten hat er ihn „für die Vertiefung der deutsch-russischen Beziehungen, für seine Berechenbarkeit und sein Stehvermögen zuerkannt.“ Nach heftiger Kritik haben die Initiatoren jetzt bekannt gegeben, erneut über die Entscheidung zu beraten. Kritiker sehen in der Auszeichnung Putins ein falsches Signal zu einem bedenklichen Zeitpunkt. Verstehen Sie die Kritik?

Mangott: Die ‚Werkstatt Deutschland‘, die die Auszeichnung verleihen wird, will damit nach eigenem Bekunden ‚Entschlossenheit zum Notwendigen und die Motivation zum Möglichen‘ auszeichnen. Wenn also  Führungsstärke ausgezeichnet werden soll, ist Putin ein adäquater Preisträger. Führungsstärke kann aber auch an einer Wertegrundlage gemessen werden; das Urteil des Kuratoriums wäre dann wohl deutlich zu korrigieren.

Foto: militaryphotos.net

… wässerchen …

Dieses Interview mit mir ist am 12.7.2011 am online-portal der Tageszeitung ‘Der Standard’ erschienen:

derStandard.at: Hochprozentiges ist in Russland Teil der nationalen Identität. Mit verheerenden Auswirkungen. Die Bevölkerungszahl schrumpfte innerhalb von nur acht Jahren um 2,2 Millionen Menschen.

Gerhard Mangott: Der extrem hohe Alkoholkonsum zählt zu den wichtigsten Faktoren für die hohe Sterberate in Russland. Die Russen greifen immer früher zum Alkohol. Das Einstiegsalter liegt derzeit bei 12 bis 13 Jahren. Allerdings wird zunächst Bier und Wein getrunken, erst allmählich auch Wodka und andere harten alkoholische Getränke. Der frühe und starke Alkoholkonsum noch immer ein männliches Phänomen. Bei Jungen ist das Einstiegsalter noch niedriger.

derStandard.at: Für den Russen ist sein “Wässerchen” kein nationales Übel, sondern Ausdruck seiner nationalen Identität.

Mangott: Der Wodka-Konsum ist kein rezentes Phänomen. Berichte von Kaufleuten aus dem frühen Mittelalter zeugen zeugen vom starken Alkoholismus in der slawischen Bevölkerung. Mit Beginn des Getreideanbaus in Russland setzt die Herstellung von Wodka ein. Die langen lichtarmen Winter förderten den Alkoholkonsum und erhöhten das Suchtrisiko. In der zaristischen Zeit hielt zumeist der Staat das Alkoholmonopol. Ein hoher Anteil der Steuereinnahmen wurde durch den Alkoholverkauf gewonnen. Die Herrscher waren daher am starken Alkoholkonsum in der Bevölkerung interessiert. In den Jahren, in denen das staatliche Monopol aufgehoben war, waren es private Anbieter, die den Alkoholkonsum beförderten. Die Qualität des verkauften Alkohols war zudem niedrig; oft wurde der Alkohol gepantscht, um die Gewinnspanne zu steigern; zumal die privaten Anbieter auch hohe Abgaben aus dem Verkauf an den Staat zu zahlen hatten. Durch den minderen Alkohol wurden die gesundheitlichen Schäden noch größer.

derStandard.at: Ein kulturpolitischer Teufelskreis demnach?

Mangott: Nicht immer. In Phasen reformerischer Regierungen gab es immer wieder Versuche, dem Alkoholismus entgegenzutreten. Sobald der Staat allerdings Geld brauchte, wurde das Alkoholmonopol wieder eingeführt. Stalin machte Lenins Maßnahmen zur Verringerung des Alkoholkonsums 1926 rückgängig, um die Industrialisierung voranzutreiben – mit verheerenden Auswirkungen für die Bevölkerung. Michail Gorbatschow wollte ab 1985 die Trunksucht mit restriktiven Verkaufsauflagen und höheren Preisen bekämpfen – nach vehementen Protesten musste er die Anordnung 1988 aber wieder zurücknehmen. Überdies waren die Einnahmen für den Staatshaushalt ausgeblieben und die Bevölkerung hatte begonnen, billigen Vodka zu brennen, den ‚Samogon‘.

derStandard.at: Heute sterben pro Stunde acht Russen. Ist es nicht Zynismus, dass Namen von Kremlchefs, wie “Putinka” und “Medwedeff” Wodkaflaschen schmücken?

Mangott: Den Putinka gibt es seit 2004; er gilt als qualitätsvolle Marke. Den russischen Alkoholiker interessiert das aber nicht; entscheidend ist der Preis. Putin selbst trinkt den Vodka aber wohl nicht; er ist bekannt für seine Abstinenz.

derStandard.at: Boris Jelzin dagegen stand bei seinen Auslandsaufenthalten häufig unter dem Einfluss mehrerer Gläschen.

Mangott: Bei Jelzin war die Kombination von Psychopharmaka, Schmerzmitteln und Alkohol fatal. Seine teils entwürdigenden und beschämenden angetrunkenen Auftritte im Ausland haben trotzdem nicht zu einer Ächtung des Alkoholismus in Russland beigetragen.

derStandard.at: Gibt es Personen mit Vorbildwirkung?

Mangott: Es zeigt sich, dass der Alkoholkonsum mit dem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg zurückgeht. Weniger zu trinken ,wird geradezu zum Ausdruck des sozialen Aufstiegs. Abstinenz wird als Merkmal gesunder und moderner Lebensführung gesehen. In wirtschaftlichen Führungsstäben finden sich immer weniger Russen, die trinken. Abstinenz wird zum Aushängeschild hoher Leistungs- und Arbeitsqualität.

derStandard.at: Der Wodka-Markt beläuft sich in Russland immerhin auf etwa 18 Milliarden Dollar.

Mangott: Nicht jeder Russe und nicht jede Region ist gleich betroffen. Alkohol ist nicht nur ein männliches Phänomen, sondern auch ein slawisches. Nicht-ethnische Russen in den muslimischen Regionen des Landes haben eine sehr niedrige Alkoholismusrate, eine deutlich höhere Lebenserwartung und eine hohe Geburtenrate. Im islamischen Nordkaukasus oder in Tatarstan und Baschkortostan ist der Alkoholkonsum sehr viel niedriger. Besonders hoch ist der Alkoholismus in Ostsibirien und dem Fernen Osten, die wirtschaftliche Krisenregionen sind. Wirtschaftlich verfallende Industriestädte weisen extrem hohe Alkoholismusraten aus.

derStandard.at: Und die Regierung schaut zu?

Mangott: Die Regierung hat ein umfassendes Gesundheitsprogramm gestartet. Bis 2020 soll der Alkoholkonsum um die Hälfte verringert werden. Mindestpreise für Wodka wurden festgelegt, durch Vertriebsrestriktionen sollen vor allem Jugendliche vom Alkoholkonsum ferngehalten werden.  Höhere Preise aber fördern den Konsum von illegal gebranntem, gesundheitsschädlicherem Wodka; auch werden Industriealkohole und andere Substitute getrunken. 2010 wurde der Verkaufspreis für Wodka angehoben. Ein halber Liter Wodka muss mindestens 89 Rubel kosten (2 bis 2,5 Euro). Das monatliche Durchschnittseinkommen eines Russen beträgt 18.000 Rubel, also kann man immer noch eine ganze Menge trinken. Jährlich trinken Russen im Durchschnitt 17 Liter Wodka.

derStandard.at: Man schätzt, dass im Jahr 750 Millionen Liter Wodka illegal hergestellt werden. Zeitgleich stellte Vladimir Putin während seiner Amtszeit acht Millionen Euro für Aufklärungskampagnen bereit. Ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Mangott: Die Ergebnisse sind mässig. Auch wenn imm mehr weniger starke Alkoholika wie Bier und Wein getrunken werden, liegt der Anteil von Wodka am konsumierten Alkohol bei den über 29-Jährigen bei über  60 Prozent. Bei den Jüngeren sind es nur mehr 20 Prozent.

derStandard.at: Experten schätzen die Zahl der jährlichen Todesopfer als Folge des Alkoholmissbrauchs von 75.000 bis 500.000. Der demographische Rückgang in Russland ist somit höher als beispielsweise der in Bangladesch.

Mangott: Die unterschiedlichen Zahlen entstehen durch die Definition, welche Todesfälle indirekt auf Alkoholismus zurückgeführt werden können. Alkoholvergiftungen, die unmittelbar zum Tode führen, sind statistisch präzise messbar. Schwieriger wird es bei Arbeits- und Verkehrsunfällen, bei Mord oder Selbstmord, die durch Alkoholismus verursacht werden.

derStandard.at: Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens.

Mangott: Dazu gibt es keine verlässlichen Studien, lediglich Schätzungen. Die Zahl der Russen, die im aktiven Erwerbsleben stehen (15-59 Jahre) nimmt ständig ab; gerade in diesen Alterskohorten ist aber die alkoholinduzierte Sterblichkeit groß. Durch die niedrigen Geburtenraten ab 1988 wird in den kommenden Jahren in vielen Sektoren Arbeitskräftemangel auftreten. Die Qualität und Produktivität der Arbeitsleistung wird durch die Trunktsucht deutlich abgesenkt.

derStandard.at: Wo steht Russland heute mit der Problematik?

Mangott: In dem Regierungsprogramm zur Eindämmung und Prävention des Alkoholkonsums sind nicht nur gesetzliche Mindestpreise festgelegt, sondern wird auch die Werbung für Alkohol deutlich eingeschränkt und ist eine restriktivere Zulassung von Verkaufsstellen vorgesehen. Es ist aber zweifelhaft, dass damit deutliche Erfolge erzielt werden können.

derStandard.at: Wie unterstützend wirken medizinische Maßnahmen?

Mangott: Die russische Medizin legt wenig Wert auf Prävention; sie ist kurativ orientiert. Krankheiten werden erst behandelt, wenn sie bereits aufgetreten sind. Vorsorge- oder Gesundheitsuntersuchungen gibt es kaum. Gerade in den ländlichen Regionen ist die Zahl der Allgemeinmediziner, die eine erste Anlaufstelle für Alkoholkranke sein könnten, niedrig. Demgegenüber ist die Zahl der Fachärzte sehr hoch. Dies war auch in der Sowjetunion der Fall gewesen.

derStandard.at: 1994 erreichte die Lebenserwartung den niedrigsten Stand der nachsowjetischen Zeit.

Mangott: Richtig. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern lag damals bei 57,8 Jahren, von Frauen bei 71,4 Jahren. Das gesetzliche Rentenantrittsalter liegt bei 60 Jahren. Danach ist die Lebenserwartung mit einigen Rückschlägen aber wieder angewachsen. Die Lebenserwartung von Männern liegt nunmehr bei 62,8 Jahren, von Frauen bei 74,7 Jahren. Die Lebenserwartung auf dem Land ist niedriger als in den Städten, die der Männer niedriger als die der Frauen. Nirgendwo sonst auf der Welt ist der gender gap größer als in Russland; mehr als 54 Prozent der russischen Bevölkerung sind Frauen.

Foto: http://federationrussia.wordpress.com/about/

Putin 2.0 (part_1)

Im März 2012 werden in Russland Präsidentenwahlen durchgeführt. Die Amtszeit des neugewählten Präsidenten wird nach einer Änderung der Verfassung im Oktober 2008 sechs Jahre (statt bisher vier) betragen. Die Debatte darüber wird von drei zentralen Fragen geprägt:

1. Wird D. Medvedev sich 2012 um eine zweite Amtszeit bewerben oder aber wird V. Putin erneut das Präsidentenamt antreten?

2. Wird diese Entscheidung im Einvernehmen zwischen Putin und Medvedev getroffen? Wann wird die Öffentlichkeit davon unterrichtet werden?

3.  Bestehen zwischen den beiden erhebliche Unterschiede in den innen- und außenpolitischen Zielvorstellungen?

Inhaltliche Differenzen zwischen Putin und Medvedev sind in der Wirtschaftspolitik erkennbar. Medwedew hat 2009 in seinem programmatischen Artikel “Vorwärts Russland” (Rossija, vperëd!) die Modernisierung Russlands als Kernziel seiner Amtszeit benannt; Russland könne ‚so nicht weitermachen‘ (tak žit‘ nel‘zja) – eine Losung, die auch Putin unterstützt. Während Putin damit aber bloß die ökonomische und technologische Entwicklung meint, drängt Medwedew auf einen viel umfassenderen Ansatz, der auch die individuelle Freiheit stärken, die Medien liberalisieren und die staatlichen Strukturen demokratisieren will. Darüber hinaus sind sich Putin und Medwedew nicht darüber einig, wer die Modernisierung vorantreiben soll. Während Putin dies einem effizienten und starken Staat anvertraut, will Medwedew dafür alle gesellschaftlichen Akteure mobilisieren. Medwedew weist auch immer wieder auf die Eigenverantwortung der Bürger hin. Die ‚paternalistische Haltung‘ der Bürger gelte es zu überwinden.

Das Umfeld Putins will die bestehenden Strukturen bewahren, die eigene politische und wirtschaftliche Macht absichern; sie unterstützt eine starke und autoritäre Führung des Landes und lehnt eine zu starke Annäherung an den Westen ab. Im Lager Medwedews dominieren liberale Technokraten, die strukturelle wirtschaftliche Reformen fordern, die staatliche Bürokratie schwächen und das Land demokratisieren wollen; ihnen ist die Zusammenarbeit mit der EU und der USA daher unabdingbar. An diesen Linien fallen die Lager zwischen Putin und Medwedew auseinander.

Medvedev kritisiert immer offener, dass die Betonung des Stabilitätsgedanken (stabilnost‘) die Gefahr berge, Stagnation hervorzurufen. Dies ist eine offene Kritik an Putin, der Stabilität zu einem zentralen Merkmal seiner Amtszeit erhoben hat und sich auch jetzt noch gegen ‚liberale Experimente‘ ausspricht. Medvedev verlangte im März 2011 in Magnitogorsk eine rasche und aggressive Privatisierung und eine verminderte Rolle des Staates in der Volkswirtschaft. Das bisherige Privatisierungsprogramm sei zu wenig ambitioniert; daher forderte er die Regierung im Juni 2011 auf, bis August 2011 ein ambitionierteres Privatisierungsprogramm auszuarbeiten, das das Staatseigentum auch in Unternehmen ‘strategischer Bedeutung’ auf maximal eine Sperrminorität zurückfahren soll. In den kommenden 3 Jahren erwartet Finanzminister Kudrin einen Erlös von 30 Mrd. USD aus den Privatisierungen. Allerdings soll es noch ein zweites Privatisierungspaket geben, von dem höhere Erlöse erwartet werden. Die Unternehmen, die sehr bald privatisiert werdne sollen sind die Fluglinie Aeroflot und das Schiffbauunternehmen Sovkomflot.

Als zentrale strategische Sektoren, in denen Russland besondere Modernisierungsanstrengungen übernehmen müsse, sieht Medvedev die Informations- und Kommunikationstechnologie, Energieeffizienztechnologie, Atomtechnologie, Medizintechnik und Weltraumtechnologie.

Foto: http://www.cbc.ca/news/reportsfromabroad/murray/20080506.html