Eine größere russische Armee. Aber wie?

Mit einem Dekret hat Putin in der vergangenen Woche angeordnet, die Soll-Stärke der russischen Streitkräfte von derzeit 1,01 auf 1,15 Millionen Soldaten zu erhöhen. Das ist ein erforderlicher Zuwachs von 137.000 Soldaten. Berücksichtigt man aber, dass die Ist-Stärke, d.h. die tatsächliche Mannschaftszahlen, vor dem Krieg vermutlich nur 850.000 Soldaten betragen hat, wäre der notwendige Aufwuchs an Soldaten auf die neue Soll-Stärke noch beträchtlich größer. Wie aber soll die neue Sollstärke erreicht werden?

Zunächst werden sicher Ausnahmen von der Wehrpflicht deutlich reduziert werden. Derzeit müssen russische Männer im Alter von 18-27 Jahren für ein Jahr Wehrpflicht leisten. Durch ein Hochschulstudium oder durch Bestechung konnten sich viele junge Männer der Rekrutierung entziehen. Aber auch dazu gibt es noch keine Details angestrebter Änderungen.

Überraschend ist auch, dass Putin den Wehrdienst nicht auf zwei Jahre verlängert hat – wie dies vor 15 Jahren noch der Fall war. Offenbar fürchtete sich die russische Regierung vor den politischen Schockwirkungen einer solchen Massnahme.

Durch eine härtere Rekrutierungspraxis bei Wehrpflichtigen wird sich die neue Sollstärke aber nicht erreichen lassen. Das hängt auch damit zusammen, dass in Russland seit geraumer Zeit und bis auf weiteres nur geburtenarme Jahrgänge zur Verfügung stehen. Seit 1987 ist die Geburtenrate drastisch gesunken, hat sich ab 2002 langsam verbessert, nur um in den letzten Jahren wieder zu sinken. Nur 2013 und 2014 war die Geburtenrate Russlands seit 1992 höher als die Sterberate.

Die neue Sollstärke der russischen Armee kann daher nur erreicht werden, wenn deutlich mehr Vertragssoldaten (kontraktniki) angeheuert werden. Derzeit gibt es diesbezüglich nur schleppenden Erfolg. Ohne eine deutliche Erhöhung des Soldes für Berufssoldaten wird daher auch dieser Ansatz nicht funktionieren. Der Umstand, dass nun offenbar auch Gefängnisinsassen geködert werden, an den Kämpfen in der Ukraine mitzuwirken, zeigt, wie groß die Rekrutierungsprobleme Russlands sind.

Das Dekret Putins ist jedenfalls ein Indikator dafür, dass die russische Führung mit einem lang andauernden militärischen Konflikt in der Ukraine rechnet. Der Personalaufwuchs wäre nicht nötig, wenn der Krieg rasch entschieden würde (mit einem Sieg welcher Seite auch immer) und die Zahl der gefallenen und verwundeten russischen Soldaten begrenzt werden könnte. Dem ist aber offensichtlich nicht so. Die Ist-Stärke der russischen Armee ist in den vergangenen sechs Monaten sicher substantiell zurückgegangen. Die stärkere Disziplin bei der Rekrutierung von wehrpflichtigen Männern änderte daran nichts, denn Wehrpflichtige dürfen rechtlich nicht außerhalb des russischen Territoriums eingesetzt werden. Eine größere russische Armee würde deren Kampfkraft in der Ukraine also nur langsam und nicht sonderlich stark beeinflussen. Das Ausmaß der stärkeren Kampfkraft hängt also davon ab, ob mehr Vertragssoldaten ageworben können und die russische Praxis endet, die Vertragssoldaten vor allem in den ökonomisch schwachen, peripheren Regionen zu mobilisieren. Die großen Städte Moskau und Petersburg wurden dabei bislang geschont. Das kann so nicht bleiben, auch wenn die russische Führung damit ein Risiko eingeht, denn gerade in der städtischen Bevölkerung gibt es den größten Unmut über den Krieg. Viele gefallene Soldaten aus städtischen Zentren würden diese Ablehnung des Krieges wohl deutlich verstärken. Ein Unmut, der dann doch zu offenen Manifestationen der Ablehnung des Krieges führen könnte.

Eine deutliche Stärkung der russischen Kampfkraft könnte substantiell nur durch eine Generalmobilmachung erreicht werden. Russland verfügt nach unterschiedlichen Angaben zwischen 1,5 und 2 Millionen Reservisten. Dazu müsste rechtlich aber der Kriegszustand ausgerufen werden. Davor schreckte Putin aus politischen Gründen bislang zurück und das wird wohl für die absehbare Zukunft so bleiben.

Dieser Kommentar ist am 2.9.2022 auf focus.de erschienen: https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/personal-not-putin-braucht-mehr-soldaten-und-stoesst-dabei-auf-dieses-problem_id_138234482.html

Photo credit: https://www.aljazeera.com/news/2022/5/5/are-russian-conscripts-fighting-in-ukraine

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