Hunger als russische Waffe

Russland hat eine Nahrungsmittelkrise radikal verschärft; eine Krise in diesem Sektor und stark steigende Preise für Nahrungsmittel gab es aber auch vorher schon. Die Verschärfung der Lage haben russische militärische Angriffe auf ukrainische Getreidespeicher, vor allem aber die Blockade des Schiffsexportes von den Häfen in Odessa und Južne hervorgerufen. Odessa war immer der Hauptumschlagplatz für ukrainisches Getreide gewesen. Die Ausfuhr über Odessa wird derzeit aber auch durch die Ukraine verunmöglicht, die den Hafeneinzugsbereich vermint hat, um sich vor einem maritimen russischen Angriff auf die Stadt zu schützen.

Die Ukraine will den Minengürtel nicht beseitigen. Das ist verständlich, denn das würde das Gefährdungsrisiko durch die russische Marine für die Region Odessa erheblich verstärken. Wenn der Minengürtel aber aufrecht bleibt, sind Exporte schwierig, auch wenn Russland, was wenig wahrscheinlich ist, dem freien Schiffstransit zustimmen würde.

Russland hat zwar begonnen, völlig rechtswidrig ukrainisches Getreide über die Häfen Berdjansk und Mariupol – beide unter russischer militärischer Kontrolle – zu verschiffen. Aber zuletzt hat die Türkei ein mit ukrainischem Getreide gefüllten Frachter gestoppt. Das verweist auf ein Dilemma: Natürlich darf Russland mit gestohlenem ukrainischem Getreide nicht auch noch Geld verdienen. Andererseits bewirkt jeder aufgehaltene Frachter eine Verschlimmerung des globalen Getreideangebots.

Zeitgleich hat Russland teilweise auch eigenes Getreide vom Weltmarkt ferngehalten. Ziel war es, die Getreidepreise nach oben zu treiben und die Inflation in den westlichen Staaten anzuheizen. Davon verspricht sich die russische Führung eine Ermattung der westlichen Bevölkerung und Druck auf deren Regierungen, die Unterstützung der Ukraine aufzugeben. Die Inflation betrifft aber nicht nur westliche Länder, sondern viele arme Staaten dieser Welt. In vielen dieser Staaten wird das die soziale und dann die politische Stabilität erschüttern. Schon 2010/11 hat eine Nahrungsmittelversorgungskrise die Rebellionen in nordafrikanischen und nahöstlichen arabischen Staaten hervorgerufen. Krisen in dieser Region sind für Russland interessant, könnten sie doch den Flüchtlingsdruck auf die EU deutlich steigern. So würde sich der durch den Klimawandel bedingte Flüchtlingsstrom verstärken zu einem Strom von Flüchtlingen vor der Hungerkrise. Dadurch würde aber auch sichtbar, dass die südeuropäischen Staaten viel mehr an Stabilität in Nordafrika und im Nahen Osten interessiert sind, als an der Beendigung des Krieges in der Ukraine.

Wird sich die russische Rolle in der globalen Versorgungskrise bei Getreide in den davon am stärksten betroffenen Ländern zu Unmut gegenüber Russland auswachsen? Zum Teil schon. Aber auch das von Russland beförderte Narrativ, der Westen habe eine Mitverantwortung, weil er einen regionalen Konflikt zu einem globalen Konflikt gemacht habe, wird verfangen. Die russischen Maßnahmen seien eben das Ergebnis westlicher Sanktionen.

Der indische Ministerpräsident Modi meinte denn jüngst auch: „Europa macht seine Probleme zu Problemen der ganzen Welt. Die Probleme der Welt aber werden von den Europäern aber nicht auch als ihre eigenen angesehen.“.

In einigen Ländern wird sich Russland zudem als Retter in einer Notlage verkaufen, indem besonders arme Länder mit russischem Getreide versorgt werden.

Es ist also richtig, dass Russland Hunger als Waffe im geopolitischen Ringen mit dem Westen einsetzt. Das ist ein schweres Verbrechen. Auch in der Energieversorgung nutzt Russland die europäischen Abhängigkeiten und nutzt die Drosselung von Gasexporten als Vergeltung für die Sanktionen der EU. So verwerflich das russische Verhalten auch ist – es musste allen Akteuren von Beginn an klar gewesen sein, dass Russland für die westlichen Sanktionen Vergeltung üben wird. Wirtschaftsminister Habeck spricht von einem „ökonomischen Angriff“ Russlands auf Europa. In Moskau nennt man die Sanktionen der EU einen „ökonomischen Blitzkrieg“ gegen Russland. In diesem Streit setzt Russland alle Waffen ein, die ihm zur Verfügung stehen.

 

Foto Credit: https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2017-12/hunger-welternaehrung-weihnachten-afrika-hungersnot-heiligabend?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.at%2F

 

One thought on “Hunger als russische Waffe”

  1. An sich guter Artikel.
    Nur eine Bemerkung : das Problem hier ist nicht “Russland” , wie sie immer widerholen, sondern die kriminelle Mafia um Putin herum.
    Die Unterstützung Putins in der Bevölkerung Russlands hält sich sehr “in Grenzen” in dieser schrecklichen Sache, um es freundlich auszudrücken. Auch die Russen fragen sich , Putin wollte doch die Leute im Donbass beschützen, weshalb brennt er dann ihre Häser nieder, bringt sie um und macht alles dem Aardboden gleich ?

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