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Raketenabwehr. Quergedanken

x-band-radar.jpg…written together with my colleague Martin Senn, a specialist on arms control.

 

Die Schelte war deutlich – in den USA wie in Tschechien. Das Wort von Darabos zur Errichtung von Raketenabwehrkomponenten (MD) im östlichen Europa als einen ‚provokativen Akt’ erregte die Gemüter. Kaum zurecht aber, denn die MD-Vorhaben der USA kommen tatsächlich einer Provokation gleich – als militärisch-technische Gefährdung der nuklearen Schlagkraft Russlands, als ein Akt, der russländische Grossmachtsensibilitäten berührt und damit euroatlantischen Beziehungen mit Russland zusätzlich belastet.

Die Stationierung von Abfangraketen in Polen und eines hochleistungsfähigen X-Band Radars in Tschechien berührt tatsächlich – anders als zumeist diskutiert – nuklearstrategische Kerninteressen Russlands. Die Radaranlage in Tschechien erlaubt es der USA, alle landgestützten Interkontinentalraketen (ICBMs) Russlands in einer bestimmten Flugsequenz zu erfassen, die bei einer nuklearen Eskalation auf die amerikanische Ostküste gerichtet wären. Wenn das Radar in Tschechien zudem mit einer Radaranlage auf einer seegestützten Plattform in der Nähe der Aleuten (Alaska) vernetzt werden sollte, könnten auch gegen die Westküste gerichtete russländische ICBMs erfasst werden. Das bereits bestehende Radar in Vardö (Norwegen) kann russländische ICBMs in einer bestimmten Flugsequenz in Ostrichtung erfassen. Während Vardö die Kontrolle auch von russländischen Raketentests von Pleseck nach Kamcatka in einer bestimmten Flugsequenz ermöglicht, kann das Radar in Tschechien russländische ICBMs nur in einer nuklearen Kriegssituation erfassen. Allerdings käme einer Interzeption russländischer ICBMs durch Interzeptoren in Koszalin die Datenermittlung bei russländischen Raketentests entgegen, die durch das Radar in Vardö gewonnen werden können.

Diese Fähigkeiten der MD-Radartechnologie ist für Russland besonders besorgniserregend, da das nuklearstrategische Arsenal Russlands traditionell mehr aus landgestützten ICBMs besteht. Anders gesagt: Die Stationierung von russlandnahen Radaranlagen erlaubt der USA einen strategisch nutzbaren ständigen und präzisen Kontrollblick auf Raketenbewegungen in bestimmten Sektoren des ballistischen Flugbahn. Dies ist derzeit mit der Radarstation Vardö möglich – für russländische Raketenbewegungen in Ostrichtung; die Radarstation in Tschechien wird diese Kapazität in Westrichtung haben, allerdings nur im nuklearen Kriegsfall.

Das tschechische Radar könnte dann (unwahrscheinlichen) Fall einer nuklearen Eskalation zwischen Russland und der USA, genutzt werden, da die USA durch das Radar in Vardö wertvolle Informationen über die technischen Parameter von russländischer Raketen- und Sprengkopftechnologien erhalten, die auf russländischem Gebiet getestet werden. Zu den zentralen Daten, die durch Vardö erhoben werden könnten, ist die Phase, wenn sich die Sprengköpfe und Täuschkörper (decoys) nach der dritten Raketenstufe, d.h. am Ende des sogenannten ‘bus’ von der Rakete lösen.

Bezüglich der Stationierung von Abfangraketen in Polen ist anzumerken, dass weniger die derzeit anvisierte Stückzahl – 10 – an Abfangraketen (Interzeptoren), als deren wahrscheinliche quantitative Aufstockung und qualitative Weiterentwicklung maßgeblich zur Besorgnis Russlands beitragen. Die eigentliche Bedrohung russländischer nuklearer Schlagkraft ist aber, dass es sehr wohl möglich ist, russländische Interkontinentalraketen durch in Polen stationierte Raketen abzufangen. Aufgrund der Daten über Flugkurven und –geschwindigkeiten wäre das Abfangen russländischer ICBMs nach Berechungen eines Spezialisten am MIT im Umfeld von Island technisch möglich.

Zudem legen auch vorgesehene Weiterentwicklungen der Interzeptorentechnologie die Vermutung nahe, dass sich die Raketenabwehrkomponenten vorrangig gegen Russland richten. In Planung sind Abfangraketen, die in der Lage sind, mehrere nukleare Gefechtsköpfe gleichzeitig abzufangen. Iran – gegen dessen nuklear bestückten Raketen die Abwehranlagen vor allem schützen sollen – ist aber auch auf lange Sicht nicht in der Lage, mehrfach bestückte ICBMs herzustellen. Chinesische ICBMs sind zwar mit Mehrfachsprengköpfen ausgestattet, in ihrer Flugkurve auf Ziele in der USA aber ausserhalb der Reichweite in Europa stationierter Abfangeinrichtungen.

Besonders brisant für die Debatte über die Stossrichtung des MD-Komplexes im östlichen Europa schliesslich ist auch, dass die Nutzung seegestützter Raketenabwehranordnungen auf Aegis-Zerstörern effektiveren Schutz vor iranischen Raketen bieten würde, ohne das strategische Arsenal Russlands zu herauszufordern; ähnliches könnte mit THAAD-Systemen oder PAC-Systemen möglich sein.

Die politische und militärische Führung Russlands befürchtet daher zurecht, dass Stationierung und möglicher Ausbau von Raketenabwehranlagen im östlichen Europa gravierende Sicherheitsrisiken für Russland darstellen (werden).

Die russländische Deutung der Raketenabwehrpläne der USA als Provokation ist aber auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen Moskaus mit der Rüstungs(kontroll)politik der USA in den letzten 10 Jahren zu sehen. Die Neigung zu unilateraler hegemonialer Arroganz der USA hat das Netz an Rüstungskontroll- und Abrüstungsverträgen nachhaltig ausgehöhlt. Die Abkehr vom Raketenabwehrvertrag (ABM) aus 1972 und die Haltung der USA, nach dem Auslaufen der bestehenden Rüstungskontrollverträge in 2012 keine ähnlichen Nachfolgeabkommen auszuhandeln, ist für Russland ein Sicherheitsrisiko. Dies vor allem deshalb, weil die Zahl russländischer ballistischer Raketen und deren Abschußvorrichtungen bis 2015 erheblich zurückgehen wird.

Die Stationierung von Abfangraketen und Radaranlagen im östlichen Europa wird von der Führung Russlands daher – zusätzlich zur militärischen Bedrohungskomponente – als weitere Demütigung für das (Selbst)bild Russlands als Großmacht und damit als strukturelle Provokation verstanden.

 

 See video on interception of Russian ICBMs by Koszalin kinetic interceptors.

Picture: http://www.defenselink.mil/photos

Nabucco turning blue …

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Gazprom has offered Austrian oil and gas company OMV access to its South Stream project. This is a further step in Gazprom’s aim to build an additional pipeline alternative to its core pipeline routes via Ukraine and Belarus; it is the southern equivalent to the North Stream pipeline linking Vyborg to Greifswald (Germany).

OMV’s response may be a crucial not so much regarding the eventual route of a new pipeline, construction costs and length, but in terms of gas supplier countries. Nabucco – put forward in 2002 and very much supported by the EU in the framework of its Transeuropean Energy Networks Initiative – is meant to transport Azerbajani gas via Turkey’s Erzurum hub to Austria with Bulgaria, Romania and Hungary as transit countries. Its throughpout capacity is projected at 30 bln.m3. Obviously Azerbajani gas is not sufficient to fill such a pipeline. Further gas is needed – with Turkmenistan and Iran, maybe also Qatar, as additional suppliers. Turkmenistan, however, will not be able to deliver any gas at least in a mid-term perspective, given its long-term supply contracts with both Russia and China. In addition, a sea-bed pipeline from Turkmenistan to Azerbajan faces serious legal problems, as there is still no consensus among the littoral states as how to divide the Caspian Sea among them. As regards Iran, there are concerns, particularly by the US, to have it as a partner in a crucial gas supply route for the EU; particularly given the clash between the western powers and Iran over its nuclear programme.

South Stream on the other hand, is currently designed only for a throughput of 10 bln.m3. This pipeline could be filled with Russian and Central Asian gas. South Stream starts with a sea-bed pipeline crossing the Black Sea to Bulgaria, where it is to split into a northern pipeline route to Hungary or Austria and a southern tier to Italy. South Stream – unlike a previously planned Blue Stream II pipeline – leaves out Turkey.

None of these three options is already off the table. The author considers a merger of the Blue Stream II and Nabucco projects as the most likely option, if free access of all suppliers to the pipeline is guaranteed. At the moment this would include, Russia, Kazakh and Turkmen gas via Russian pipelines and Azerbajani gaz currently delivered to Erzurum (Turkey). In a mid-term perspective this could also include Turkmen gaz via the Caspian Sea and Iranian gas. If a southern tier is meant to make economic sense and viability this would be the best option. If political motives were to prevail, however, Nabucco is to prefer. However, it does not make sense to build a pipeline which cannot be filled with gas.

The Irrelevance of International Law

As a structural realist I am not at all surprised about the shallowness of international legal norms. I am, therefore, not apalled about the recent developments around Kosovo, but rather amused. Kosovo is legally speaking part of the Serbian state, which as such is a fully recognized member of the United Nations. Her territorial integrity ought to be protected by international law. The United Nations is not authorized under any clause of its Charter to support the secession of any entity of Serbia, let alone promote it. Resolution 1244 (1999) clearly endorses Serbian sovereignty over Kosovo.

Today, the US, France and the United Kingdom have decided not to push for a Security Council resolution which would have led to a sort of supervised independence of Kosovo after some further 4 months of negotiations between the Serbian Government and Kosovo representatives – which, as we all know, was to placate the Russians, who, however, do not see it that way.

Thus, these western countries have abandoned the SC as the principle framework to address the the Dispute over Kosovo’s indepepence – an issue of highly questionable legality anyway. The UN path was stopped before a formal vote had taken place! The issue of Kosovo’s legal future will now be addressed by the Contact Group made up by the US, the UK, France, Germany, Italy and Russia. An issue of delicate legal character – the secession of Kosovo and the recognition of its independence – is now being decided by a forum which has no legal authority at all. The Contact Group is raw realist power politics.

What makes the whole matter even more amusing is the fact that the UK, Germany and France are now actively supporting to by-pass the UN Security Council. Circumventing the UN was so fiercely opposed by France and Germany back in 2003 – when the United States and the United Kingdom decided to wage war against Iraq.

I do not actually want to address the question whether Kosovar independence is without any alternative, legitimate, illegal or whatever. This is for regional experts to decide. I do not have a very strong opinion on it. This blog ist just to address the irrelevance of international legal norms if these norms block great powers’ interests. But this is precisely what we realists would expect.

Der Zusammenbruch der Rüstungskontrolle

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Die – rechtlich an sich nicht vorgesehene – Aussetzung des KSE-Vertrages aus 1990 (A-KSE 1999) durch Russland ist ein weiterer Akt der Aushöhlung der vertraglich geregelten Rüstungskontrolle, nicht aber deren Beginn. Die mühsam, in zähen und langwierigen Verhandlungen erzielten, Rüstungskontroll- und Abrüstungsabkommen der vergangenen vier Jahrzehnte brechen schrittweise in sich zusammen.

Der ABM-Vertrag aus 1972, der die USA und die UdSSR daran hinderte, durch flächendeckende Raketenabwehrsysteme die gesicherte Zweitschlagsfähigkeit der anderen Vertragspartei (Mutual Assured Destruction, MAD-Logik) zunichte zu machen, wurde 2001 durch die Bush-43 Administration gekündigt. Nachdem Revisionsverhandlungen des ABM-Vertrages gescheitert waren, wurde diese rechtskonforme Kündigung von der USA als notwendig erachtet, um Forschung, Entwicklung und Stationierung von Komponenten eines Ballistischen Raketenabwehrsystems (Ballistic Missile Defence) zu ermöglichen. Der im Juli 1991 unterzeichnete Vertrag über die Abrüstung strategischer Waffen (START 1) legte die Verringerung strategischer Abschußeinrichtungen (land- und seegestützte Interkontinentalraketen – ICBMs und SLBMs – sowie strategische Bomber) auf 1.600 und die Absenkung der operativen Nuklearsprengköpfe auf 6.000 fest. Dieser Vertrag, der ein umfassendes Verifikationsregime zur Überwachung der Abrüstungsverpflichtungen enthält, läuft 2009 aus. Ein völkerrechtliches Nachfolgeabkommen mit einem ausdifferenzierten Überwachungsregime und weiteren Absenkungen der Abschußvorrichtungen und der Sprengköpfe ist aber äußerst unwahrscheinlich; die Führung der USA ist derzeit daran nicht interessiert.

Bis 2012 schließlich läuft der derzeit letzte Abrüstungsvertrag – der Vertrag über Strategische Offensivwaffen (Moskauer Vertrag) aus 2002 – aus. Dieses Rüstungsabkommen sieht zwar die weitere Abrüstung der Abschußvorrichtungen und der operativen Sprengköpfe auf 1.700-2.200 vor. Deaktivierte Sprengköpfe müssen aber nicht mehr zerstört, sondern dürfen gelagert werden (hedging); sie können daher jederzeit kurzfristig reaktiviert werden. Zudem enthät dieser Vertrag keinerlei Überprüfungsmechanismen. Aus derzeitiger Sicht wird es ab 2013 keinen völkerrechtlichen Vertrag über strategische nukleare Abrüstung mehr geben.

Die Aussetzung des KSE-Vertrages setzt diese Erosion der vertraglichen Rüstungskontrolle nunmehr auch im konventionellen Bereich fort. Die russländische Entscheidung erweist sich nun als langfristige Folge der Kündigung des ABM-Vertrages durch die USA in 2001 und des seitdem kontinuierlich erfolgenden Ausbaues von Raketenabwehrkomponenten. Nach Fort Greely (Alaska) mit 15 Interzeptoren und dem Luftwaffenstützpunkt in Vandenberg (Kalifornien) mit 2 Interzeptoren ist die Raketenabwehr mit der geplanten Anlage in Polen mit 10 Interzeptoren in eine weitere Ausbaustufe eingetreten. Radarkomponenten – als Raketenfrühwarnsysteme (Ballistic Missile Early Warning Systems (BMEWS) oder als Radaranlagen zur Steuerung der Abfangraketen – finden sich mittlerweile bereits in Thule (Grönland), Clear Airforce Station (Alaska), Vardö (Norwegen), Shemya (Aleuten), Fylingdales (Britannien) und möglicherweise in Jince (Tschechien).

Die Aussetzung des KSE-Vertrages durch Russland wiederum wird kurzfristig nur die Mechanismen zur Überwachung der russländischen Vertragstreue aussetzen; nachdem die Ankündigung erst in 150 Tagen in Kraft treten wird, sind auch noch Verhandlungen zur Beilegung der Krise denkbar. Gelingt dies nicht, ist mittelfristig aber auch eine sektorale konventionelle Aufrüstung Russlands an den Grenzen Polens (Kaliningrad, Aufrüstung der Baltischen Flotte), an der Schwarzmeerküste (Aufrüstung der Schwarzmeerflotte) und im nördlichen Kaukasus erwartbar.

Die eigentliche Gefahr der Erosion des KSE-Vertrages aber ist die mögliche Kündigung des INF-Vertrages aus 1987 durch Russland. Dieser Vertrag hatte damals die völlige Vernichtung der nuklear bestückten Kurz- und Mittelstreckenraketen festgelegt. Der Rückzug Russlands von diesem Abkommen liegt nicht nur im Interesse der russländischen Rüstungsindustrie, sondern wäre eine relativ kostengünstige assymetrische Reaktion Russlands auf die Erweiterung der BMD-Einrichtungen im östlichen Europa.

Die bilaterale vertragliche Rüstungskontrolle steckt damit in einer massiven Krise; vertragliche Rüstungsbegrenzungen im konventionellen und nuklearen Sektor lösen sich auf; ohne rasche und massive Initiativen zu deren Stärkung droht deren Zusammenbruch.

Dieser Kommentar ist am 17. Juli 2007 unter dem Titel ‘Die Gefahr einer Kettenreaktion’ exklusiv in der Tageszeitung ‘Die Presse’ erschienen.

Monopoly on Truth…

censorship.jpgLet me use this blog to complain about the increasingly hostile attitude of the European and US media (and publics) to impartial research on Russia. Current russophobia andRussiabashing in western media makes it increasingly difficult to get the results of serious research onRussiaheard. This is not to complain about lacking access to the media and public visibility; actually it is not a real problem to get your views noticed, but they are immediately denounced as pro-Kremlin and pushed aside; furthermore a lack of visibility would not suffice to write this short blog entry.

What is indeed worrying though is the fact, that meticulous research which aims to provide a balanced, sober and knowledgeable view of both Russian domestic and foreign politcs, which runs counter to the currently accepted views, is increasingly attacked as utterly russophile. This connotation seeks to suggest that our research is not to be sonsidered serious and impartial. Incidents are increasing where critical but balanced research is attributed as Kremlin propaganda. On more than one accession funding for research projects was denied not based on criticsm on the scientific merits of the research proposal but due to an allegedly russophile bias of my work.

This is reminiscent of Cold War days and amounts to a kind of censorship and political denunciation. The Russian research community needs to get increasingly aware of this. There is no more interest in debate and critical thought; assessments seem to be fixed and made usable in political campaigns.

Warnzeichen für die Freiheit

freiheit_frankreich.jpgDie Terrorakte in britischen Städten sind ein weiteres Alarmzeichen für die anhaltende Gefahr, die von totalitären und aggressiven Tätergemeinden für die offenen Gesellschaften liberaler Demokratien ausgeht. Islamistische Gewalttäter zwingen die Führungen unserer Länder, Freiheit durch Sicherheitserfordernisse einzuschnüren. Islamistischer Terror wird dadurch zur doppelten Gefahr: zum einen werden unsere Werte verachtet, der aufklärerisch-humanistische Wertekodex, dessen Erringung mutigen und blutigen Einsatz der Kämpfer für die Moderne und den Säkularismus erfordert hat. Zum anderen untergräbt feindliche Belagerung, Terror, Gewaltbereitschaft und Fanatismus unsere Freiheit, weil sie unsere Staaten zu Überwachung, Restriktion und Kontrolle zwingen, um die Gewalt zurückzudrängen oder zumindest einzuhegen.

Islamistischer Terror wächst innerhalb unserer Gesellschaften (homegrown terrorism) oder wird in unsere Gesellschaft hineingetragen – von Tätern anderer Länder oder durch Islamisten, die von den Schlachtfeldern islamistischer Glaubenskrieger in ihre europäischen Stammländer zurückkehren (flowback terrorism).

Freiheit aber muss verteidigt werden, liberale Werte sind ohne Wehrfähigkeit bedroht. Islamistischer Terror muss unsere Abwehr mobilisieren, Einigkeit und Festigkeit, Beharrlichkeit und Ausdauer. Zurückweichen, Einschüchterung und Nachgiebigkeit sind die falschen Signale. Islamistischer Terrorismus ist zweifelsfrei auch die Reaktion auf ungerechtes und unrichtiges Verhalten unserer Regierungen; aber nicht nur berechtigt dies nicht zur gewalttätigen Abschlachtung unserer Mitbürger, sondern ist ganz sicher nicht der einzige Quell und Begründung der islamistischen Terrortaten.

Freiheit, Gleichberechtigung, Offenheit und Akzeptanz vielfältiger Lebensformen auf dem Boden aufklärerisch-humanistischer Werte – auch wenn sie in unseren Ländern vielfach nur verkümmert eingelöste Wertebindungen sind – sind unteilbar und unveräusserlich. Liberale Demokratien dürfen nicht kapitulieren.

Die polnische Schande

kaczynski_nowy_400_krynicki_prezyde.jpgBeinahe wäre der Reformvertrag der Europäischen Union am Starrsinn, nationalistischer Verirrung und Verblendung der polnischen Verhandler gescheitert. Den Vertrag zu verwässern aber, hat dieses Irresein allemal ausgereicht; der Reformvertrag, wenn er denn überhaupt angenommen werden wird, hat verzerrte Stimmgewichte beibehalten; mindestens ein Jahrzehnt noch wird Polen ein völlig unangemessenes Stimmgewicht erhalten bleiben.

Die polnische Regierung ist der Schandfleck der Europäischen Union. Deren Vertreter stehen längst ausserhalb der aufklärerisch-humanistischen Wertegemeinschaft. Diese Regierung hätte Ächtung, Ausgrenzung und Isolierung verdient, nicht aber einen Kniefall vor der erpresserischen Selbstgerechtigkeit der nationalistischen Brüder.

Die polnische Regierung ist eine katholisch-nationalistische Hetzgemeinschaft. Als Bürger der Union graut mir vor diesen Vertretern frömmlerischer Verbohrtheit. Eine Regierung, die darüber diskutiert, Kafka und Schiller aus den Schulbüchern zu verbannen, hat in Europa nichts verloren. Eine Regierung, die Lehrer entlässt, weil sie Aufklärungsbroschüren des Europarates an den Schulen verteilen, ist gänzlich unannehmbar. Eine Regierung, der mit der ‚Liga der Polnischen Familien’ eine Bande angehört, deren Jugendorganisation ungehindert und unbestraft ‚Schwule ins Gas’ auf Warschauer Straßen grölen darf, beschmutzt europäische Werte. Eine Regierung, die ein Urteil zugunsten einer Frau anfechten will, die in Polen nicht abtreiben konnte, obwohl sie durch die Schwangerschaft beinahe völlig das Augenlicht verloren hat, darf in der EU an keinem Verhandlungstisch mehr auftauchen.

Die polnische Gesellschaft wird diese Flut katholischer Selbstherrlichkeit überstehen; sie stemmt sich ihr entgegen. Wie lange aber müssen wir warten, bis diese Regierung aus ihren Ämtern gejagt wird?

Solange wie es dauern wird, muss die polnische Regierung am Pranger stehen, aber nicht am Gesprächstisch europäischer Politik.

Cartoon by: Artur Krynicki
http://wybory2005.wp.pl/gid,84585,galeriazdjecie.html?ticaid=1606e

Das Radar von Heiligendamm…

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Das Angebot Putins auf dem G-8 Treffen in Heiligendamm, im Bereich der Raketenabwehr (MD) mit der USA zusammenzuarbeiten, hat vor allem politische Absichten, lässt aber eine Vielzahl an militärisch-technischen Fragen offen, an denen das Projekt vermutlich scheitern dürfte.

Putin wollte nach der eskalativ-aggressiven Rhetorik der vergangenen Wochen in Heiligendamm als derjenige auftreten, der konkrete – und scheinbar konstruktive – Lösungsversuche anbietet. Zudem drängt er die USA damit, zu zeigen, wie ernst deren Versprechen, im MD-Bereich mit Russland zusammenzuarbeiten, zu nehmen ist. Nicht zuletzt aber dient diese Offerte auch dazu, die MD-Pläne der USA in Tschechien und Polen zu verzögern; nun, da die russländische Offerte am Tisch liegt, kommen die USA unter öffentlichen Rechtfertigungsdruck, wenn sie das MD-Projekt in Osteuropa nicht zumindest aussetzen; die USA sieht sich genötigt, den ernsten Willen zu zeigen, das russländische Angebot zu diskutieren.

Die offenen militärisch-technischen Fragen aber sind zahlreich: Die derzeitige russländische Radaranlage (LPAR-Radar, Large-Phased Array Radar) im azerbajdzanischen Qabala mit einer Reichweite von annähernd 6.000 km ist Teil des russländischen Frühwarnsystems. Die 1985 in Betrieb genommene Radaranlage – auf Basis der in den siebziger Jahren entwickelten sowjetischen Radartechnologie – muss dringend modernisiert werden; US-Radartechnologie wäre dazu äusserst willkommen. Zudem könnten damit kostenintensive russische Pläne, ein Ersatzradarsystem im nördlichen Kaukasus zu errichten, vermieden werden.

Auch ist das russländische Qabala-Radar nur eine geleaste azerbajdzanische Anlage, aber kein russländisches Eigentum auf einem offiziellen Militärstützpunkt; dazu könnte der neue Vorschlag aber führen; vor allem aber wäre damit eine langfristige russländische Präsenz in Azerbajdzan garantiert. Offen ist, ob Russland bereit ist, einen solchen Stützpunkt gemeinsam mit der USA zu nutzen, oder lediglich den Zugang von US-Experten zu einer im Kern russländischen Anlage einräumen will.

Ausserdem wäre im Rahmen dieser Initiative möglich, das technisch eingeschränkt nutzbare russländische Radar durch ein modernes X-Band Radar zu ersetzen, das die Qualität der Radarleistung deutlich erhöhen würde.

Das wichtigste aber wäre, dass Russland durch die Verhinderung der Radaranlage im tschechischen Jince sicherstellt, dass der bedrohlichste Aspekt dieses US-Unterfangens – die radargestützte militärische ‚Aushorchung’ Zentralrusslands – vermieden werden kann. Das Qabala-Radar würde nach Süden, nicht aber nach Norden ‚blicken’.

Offen ist aber die entscheidende Frage, ob damit auch die Pläne zur Stationierung von Interzeptoren in Polen hinfällig sind. Die für die Zerstörung feindlicher (iranischer) Raketen in deren mittlerer Flugbahn (midcourse-defence) gedachte Anlage könnte durch eine Raketenbatterie in Azerbajdzan ersetzt werden, die feindliche Raketen in deren Startphase (boost-phase defence) abfängt. Derartige kinetische Interzeptoren wären keine Gefahr für die russländischen Interkontinentalraketen. Putin aber deutete zuletzt an, die Abfangraketen könnten in der Türkei oder seegestützt im Kaspischen Meer stationiert werden.

Das Risiko dieses Vorschlages für Russland aber ist eine deutliche Verschlechterung der Beziehungen zum Iran. Diese wurde ohnehin bereits durch die von Russland ausgesetzte Lieferung nuklearer Brennstäbe an das iranische Nuklearkraftwerk Busher getrübt. Die Errichtung eines hochauflösenden Radars 160 km von der nördlichen Grenze Irans entfernt, wäre für Iran ein militärisch aggressiver Akt.

Der russländische Vorschlag wird in den kommenden Wochen auf politischer und militärisch-technischer Ebene diskutiert werden. Anzunehmen ist, dass dabei die zahlreichen offenen militärisch-technischen Fragen zum Scheitern der Initiative führen werden. Dann aber kann Russland der USA die Schuld daran zuschieben, während letztere wohl versuchen wird, diesen Eindruck zu verschleiern, und das Scheitern auf ‚berechtigte Sorgen’ der azerbajdzanischen Führung zurückzuführen.