Militärmanöver in Russlands Osten

Vostok 2022 – die Militärübung Russlands im Wehrbezirk Osten (Vostok), die am 1. September begonnen hatte, ist gestern zu Ende gegangen. Nach offiziellen russischen Angaben haben daran 50.000 Soldaten teilgenommen. Im Einsatz waren demnach auch 140 Flugzeuge und 60 Kriegsschiffe. Militärbeobachter zweifeln aber, dass derart viele Soldaten an dem Manöver teilgenommen haben. Sie gehen davon aus, dass nicht mehr als 15.000 Soldaten aktiv in den Militärübungen involviert waren.

Die Übung im Militärbezirk Osten findet alle vier Jahre statt. Im Vergleich zum Militärmanöver im Jahr 2018 waren dieses Mal selbst nach offiziellen Angaben deutlich weniger Soldaten beteiligt, auch wenn die damalige offizielle Zahl von 300.000 Soldaten wohl deutlich übertrieben gewesen war. Tatsächlich waren es damals wohl an die 100.000 Manöverteilnehmer gewesen. Für ein derart großes Manöver fehlen Russland derzeit die Soldaten. Große Truppenkontingente kämpfen in der Ukraine – darunter auch viele Soldaten aus dem östlichen Militärbezirk. Trotzdem wollte die russische Führung mit der Militärübung demonstrieren, dass Russland trotz des Krieges in der Ukraine in der Lage ist, militärische Großmanöver durchzuführen. Manöverschauplätze waren Sibirien, der russische Ferne Osten, das Meer von Ochotsk und das Japanische Meer.

Politisch wichtig war auch die neuerliche Teilnahme von Soldaten aus China und aus Indien (wenn die Zahl der teilnehmenden Soldaten aus Indien auch angeblich unter 100 Soldaten gelegen sei). Auch andere, kleinere Länder haben Soldaten in dieses Manöver geschickt; insgesamt waren neben Russland 13 Länder an der Übung durch Teilnehmer oder Beobachter beteiligt. Darunter waren auch die Mitglieder des von Russland angeführten Militärbündnisses ODKB aus.

China, aber auch Indien sind derzeit wohl die wichtigsten Partnerstaaten Russlands. Deren Teilnahme an der Übung sollte auch demonstrieren, dass Russland zwar durch den kollektiven Westen, nicht aber global isoliert ist. Die neuerliche Teilnahme Chinas demonstriert auch, dass die militärische Zusammenarbeit mit Russland ungebrochen ist. Chinesische Truppen schätzen zudem das Training mit kampferfahrenen russischen Soldaten. Trotzdem aber hat China keinerlei militärische Güter für den russischen Krieg in der Ukraine bereitgestellt. Auch Hochtechnologielieferungen für die russische Rüstungsindustrie, die auf westliche Komponenten verzichten muss, sind wohl nur beschränkt erfolgt. Chinesische Unternehmen fürchten Sekundärsanktionen sollten sie vom Westen sanktionierte Güter nach Russland liefern. Der nordamerikanische und der europäische Markt sind für China wesentlich wichtiger als der russische. Das zeigt auch, dass die, von Putin und Xi im Februar 2022 beschworene, „Partnerschaft ohne Grenzen“ eben doch ihre Grenzen hat.

Russische und chinesische Schiffe haben ihre Übungen im Japanischen Meer durchgeführt. Die japanische Regierung hatte vorher darauf gedrängt, dass die zwischen Russland und Japan umstrittene Inselkette der südlichen Kurilen (in Japan „nördliche Territorien“ genannt) nicht in das Manöver einbezogen werden sollten. Natürlich hat die russische Führung das abgelehnt. Es wurde, ganz im Gegenteil, während der Militärübung im Japanischen Meer auch ein feindlicher Angriff auf die südlichen Kurilen bekämpft und abgewehrt.

Wie üblich wohnte dem Manöver am letzten Übungstag auch der russische Präsident teil. Das russische Staatsfernsehen zeigt Putin dabei mit Verteidigungsminister Šojgu und dem Chef des Generalstabes Gerasimov auf einem Kommandoposten des Manövers. Gerüchte meinen, die Beziehungen zu diesen beiden militärisch Hauptverantwortlichen des Ukrainekrieges seien mittlerweile gestört. Putin hatte sich einen schnellen Erfolg in diesem Krieg erwartet. Beobachter meinen, beide seien nur deshalb noch auf ihren Posten, weil deren Absetzung signalisieren würde, dass bei den Kämpfen in der Ukraine, anders als immer behauptet, doch nicht alles „nach Plan“ verlaufe.

Umstritten bleibt wie bei allen Manövern, ob diese Übungen mehr militärischen Nutzen hatten oder doch vielmehr geopolitische Signale aussenden sollen. Das – in dieser Hinsicht natürlich nicht neutrale – britische Verteidigungsministerium verlautete jedenfalls, solche Großmanöver würden die russischen Streitkräfte nicht ausreichend befähigen, komplexe militärische Operationen durchzuführen, wie sich das eben im Krieg gegen die Ukraine zeige.

Dieser Text erschien als Kommentar auf focus.de am 9.9.2022 (https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/china-macht-bei-mega-manoever-vostok-22-mit-dabei-broeckelt-allianz-putin-xi_id_143490999.html)

https://www.dw.com/en/vostok-2022-russian-military-joined-by-allies-in-major-drills/a-62987000

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