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Krieg in der Ukraine: Wie weiter?

Russlands Überfall auf die Ukraine geht nunmehr in das zweite Kriegsjahr. In den letzten Monaten hat sich die Frontlinie kaum verschoben. Nach den erfolgreichen ukrainischen Offensiven in den Regionen Charkiv und Cherson im Herbst des letzten Jahres, konnte Russland zwar kleine Geländegewinne erzielen, aber für beide Seiten gab es keinen militärischen Durchbruch.

Für die nächsten Wochen und Monate werden von beiden Kriegsparteien Frühjahrsoffensiven erwartet. Erste Anzeichen der russischen Offensive verdichten sich. Russland wird vermutlich versuchen, das noch von der ukrainischen Armee kontrollierte Territorium der Provinz Donezk zu erobern. Die „Befreiung“ des Donbass, zu dem diese Region gehört, zählt noch immer zu den erklärten Kriegszielen Russlands. Die russische Armee würde versuchen, zur Linie Kramatorsk und Slovjank in der Provinz Donezk vorzustoßen und in der Provinz Luhansk die Verteidigungslinie bei Kremmina zumindest zu halten. Die ukrainische Offensive ist wohl in der Region Zaporizhija zu erwarten. Ziel wäre es, über die Stadt Melitopol bis an die Küste des Asowschen Meeres vorzustoßen. Damit würden die russischen Besatzungsgebiete in zwei Hälften geteilt und die Landbrücke zwischen der Krim und dem Donbass durchbrochen. Ob ein solcher Vorstoß schon in den ersten Frühjahrsmonaten stattfinden wird, ist unsicher. Klüger wäre es wohl, die ukrainische Armee würde zuerst versuchen, einer offensiven russischen Armee standzuhalten und erst dann – nach Schwächung der Russen – selbst in die Offensive zu gehen.

Die russische Offensive aufzuhalten oder gar zurückzuschlagen wird ohne substantielle Lieferungen westlicher Kampfpanzer aber nicht möglich sein. Vermutlich aber werden größere Zahlen von Leopard 2 Kampfpanzern nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen. Das auch weil europäische Staaten, anders als vor der deutschen Entsendungsentscheidung, nun bei der Lieferung der modernsten Variante des Leopard 2 (A6) zögern. Den modernen Leopard 2 A6 wollen nur Deutschland und Portugal liefern; insgesamt 17 Panzer. Für den Leopard 2 A4 gibt es bis jetzt Zusagen von Polen, Kanada und Norwegen – insgesamt 26 Panzer. Deutlich weniger also als die zwei Bataillone, die zu liefern geplant sind. Wichtig ist natürlich auch die nun von den USA zugesagte Präzisionsmunition mit langer Reichweite (Ground Launched Small Diameter Bomb). Kampfflugzeuge, die im Verbund mit westlichen Kampfpanzern, die Offensivkraft der ukrainischen Armee deutlich steigern würden, werden wohl (noch lange) nicht an die Ukraine überstellt werden.

Dennoch wird die ukrainische Führung die Forderung nach Kampfflugzeugen nicht aufgeben. Das wird den Druck auf Deutschland wieder erhöhen, Tornados oder Eurofighter zu liefern. Allerdings würde Bundeskanzler Scholz an Glaubwürdigkeit verlieren, würde er die von ihm selbst gezogene rote Linie – nämlich keine Kampfflugzeuge liefern zu wollen – dann doch überschreiten.

Doch auch der Ruf nach diplomatischen Initiativen ist von der deutschen Regierung nicht zu erwarten. Für Verhandlungen gibt es derzeit keine Möglichkeiten. Beide Kriegsparteien setzen noch immer auf Erfolge auf dem Schlachtfeld. Zwar erklären zwar Russland und die Ukraine zu Verhandlungen bereit zu sein; sie stellen dafür aber Vorbedingungen, die die jeweils andere Seite nicht akzeptieren kann. Russland verlangt von der ukrainischen Führung die „Realitäten am Boden“ anzuerkennen, d.h. die Zugehörigkeit der vier teilweise von Russland besetzten Regionen in der Ost- und Südukraine. Selenskij denkt aber nicht daran, territoriale Zugeständnisse zu machen; das will auch die deutliche Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung nicht. Die ukrainische Führung will zum einen nicht mit Putin verhandeln; zum anderen will sie erst verhandeln, wenn alle russischen Truppen die Ukraine einschließlich der Krim verlassen haben. Aber worüber soll dann noch verhandelt werden? Verhandlungen, zumindest über einen Waffenstillstand, werden erst möglich werden, wenn eine der beiden Kriegsparteien vor der militärischen Niederlage steht oder beide Armeen erschöpft sind und sich keinen Zugewinn auf dem Schlachtfeld mehr erwarten.

Neben der Militärhilfe versucht der Westen auch durch Wirtschafts- und Finanzsanktionen den Kriegsverlauf zu beeinflussen. Die Volkswirtschaft Russlands hat sich bislang als resilienter erwiesen als erwartet und erhofft. Nach einer relativ leichten Rezession im Jahr 2022, könnte sich für Russland dieses Jahr ein Nullwachstum ausgehen. Die Verbote von Hochtechnologieexporten werden der russischen Wirtschaft aber zusetzen und zu Produktionsausfällen oder -rückgängen führen. Als wirkungsstark haben sich die Sanktionen des Westens gegen russische Exporte von Rohöl und Ölprodukten erwiesen. Die Einnahmen aus der Öl- und Gasförderung und dem Export für den russischen Staatshaushalt sind im Jänner 2023 um 46 Prozent niedriger gewesen als im Jänner 2022. Der Staatshaushalt wird heuer ein deutliches Defizit aufweisen. Das wird die Kriegsführungsfähigkeit Russlands schwächen. Durch Sanktionen wird in der Regel auch der Sanktionsgeber betroffen. Das zeigt sich im Rückgang des Außenhandels der EU mit Russland und erhöhten Energiepreisen. Das aber ist ein Preis, den die EU zahlen will.

 

Dieser Kommentar ist am 23.2.2023 auf focus.de erschienen (https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/gastbeitrag-von-gerhard-mangott-der-poker-mit-den-offensiven-warum-es-fuer-die-ukraine-klug-waere-abzuwarten_id_186444262.html).

Photo credit: https://www.businessinsider.com/ukraine-video-shows-aftermath-russian-attack-town-north-of-kyiv-2022-3

 

 

 

Ein grausames Kriegsjahr

Die russische Frühjahrsoffensive steht kurz bevor. Die Kämpfe an der Front in der Provinz Donezk nehmen immer mehr an Intensität zu. Vor allem die Städte Bachmut und Vuhledar sind derzeit die Brennpunkte des Schlachtens. Im Bezirk Donezk wird diese Offensive der russischen Armee sehr wahrscheinlich auch erfolgen. Das Kriegsziel der russischen Führung war und ist die „Befreiung“ des Donbass. Während eine der beiden Provinzen, Luhansk, nämlich, fast unter der vollständigen Kontrolle der russischen Truppen steht, ist die andere Provinz, Donezk, eben erst zu etwa 58 Prozent in den Händen der russischen Invasoren.

Bachmut muss aus russischer Sicht fallen, um dann gegen die ukrainischen Verteidigungswälle bei Kramatorsk und Slovjansk vorzustoßen. Ohne diese Städte zu Fall zu bringen, wird es nicht gelingen, den Rest der Provinz Donezk zu erobern. Deshalb werden die Russen seit Monaten Soldaten an die vorderste Linie, um Bachmut und Vuhledar zu Fall zu bringen. Es sind dies zum einen Söldner der Gruppe Wagner, vor allem Strafgefangene, die in den letzten Monaten rekrutiert wurden und zum anderen Tausende der seit der Mobilmachung im September 2022 trainierten Reservisten. Diese Kämpfer fallen zu Tausenden. Sie werden zu einfachen Zielen der ukrainischen Verteidiger. Trotzdem schickt die russische Armeeführung die Soldaten in den Fleischwolf des Schlachtfeldes, um Tag für Tag einige Meter an Boden zu gewinnen. Nur 40 Quadratkilometer konnte die russische Armee an diesem Frontabschnitt in diesem Jahr erobern.

Das hängt auch damit zusammen, dass die russischen Streitkräfte nicht ausreichend ausgerüstet sind. Waren die ersten Kriegsmonate noch davon gekennzeichnet gewesen, dass die russische Armee genügend Kriegsmaterial, aber zu wenige Soldaten (vor allem Infanterie) vorweisen konnte, ist es nach der Teilmobilmachung nun umgekehrt. Mit einem Übergewicht an Infanterie werden nun ukrainische Verteidigungslinien gestürmt. Dabei wird wenig qualifiziertes Personal an die vordersten Linien geschickt, gemetzelt, bevor gut trainierte Vertragssoldaten nachstoßen. Dadurch sollen die ukrainischen Stellungen personell ausgedünnt werden, um die verbliebenen Kräfte dann mit Berufssoldaten niederzuringen. Diese Strategie ist ebenso zynisch wie unabdingbar. Aber sie kann sich auch erschöpfen, wenn Dutzende Tausend fallen oder verwundert werden. Eine zweite Mobilisierungswelle in Russland wäre für Putin schwierig.

Eine ebenso wichtige Frontlinie wie die um die Stadt Bachmut ist die Linie Kreminna-Svatove. An dieser Linie konnte die russische Offensive die ukrainische Vorwärtsbewegung im September 2022 aufhalten. Die russische Frühjahrsoffensive wird versuchen, die damals verloren gegangenen Städte wie Izium und Kupjansk zurückzuerobern. Auch ein erfolgreicher Vorstoß an dieser Linie ist unabdingbar notwendig, um den gesamten Donbass zu erobern. Das ist immer noch das erklärte prioritäre Kriegsziel der russischen Führung. Schließlich war eine zentrale Kriegsbegründung der ersten Monate der Schutz der ethnischen Russen vor einem angeblichen Völkermord durch die ukrainische Führung gewesen.

Aber auch eine ukrainische Offensive ist in den nächsten Monaten zu erwarten. Diese würde wohl versuchen, in der Region Zaporischja bis zur Küste des Asowschen Meeres vorzustoßen, um die russisch besetzten Gebiete in zwei Teile zu spalten. Dafür aber wären dringend westliche Kampfpanzer erforderlich, die wohl erst spät – frühestens ab April – geliefert werden; und das zunächst noch in bescheidener Stückzahl. Daher könnte die ukrainische Armee zunächst eher versuchen, die russische Offensive aufzuhalten, die russischen Soldatenreihen auszubluten, um erst dann selbst in den späten Frühjahrswochen vorzustoßen.

Tatsache bleibt, dass in den nächsten Wochen und Monaten auf beiden Seiten wieder viel Blut fließen wird, junge Männer gemordet und Städte zerstört werden. Die spanische Außenministerin hat durchaus recht, wenn sie von einem „grausamen Kriegsjahr“ spricht.

 

Dieser Text ist am 12.2.2023 als Kommentar auf focus.de erschienen (https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/analyse-von-gerhard-mangott-putins-perfide-fleischwolf-taktik-das-grosse-gemetzel-beginnt_id_185634002.html)

Foto credit: https://www.derstandard.at/story/2000143427304/die-schlacht-um-bachmut-fuer-die-ukraine-und-russland-symbolgeladen

 

 

 

 

Mögliche Folgen einer russischen Kriegsniederlage

Die Frontlinien im Ukrainekrieg haben sich in den letzten Wochen kaum verändert. Derzeit befinden sich beide Seiten in einem statischen Zermürbungskrieg. Allerdings geht die ukrainische Führung offiziell von einer bevorstehenden russischen Offensive in einigen Wochen aus. Es ist allerdings fraglich, ob die russische Armee wirklich stark genug ist, um eine neue Offensive durchzuführen. Ganz sicher wird es in einigen Wochen eine ukrainische Offensive geben, sehr wahrscheinlich gegen die südukrainische Stadt Melitopol in Richtung Asowsches Meer.

Die Wahrscheinlichkeit erfolgreicher ukrainischer Offensiven steigt natürlich durch die Lieferung von Schützenpanzern, bald wohl auch von Kampfpanzern und weitreichender Artillerie. Dadurch wird es zwar nicht automatisch zu militärischen Erfolgen der ukrainischen Armee kommen, aber die Wahrscheinlichkeit nimmt deutlich zu.

Kann Russland den Krieg gegen die Ukraine also verlieren? Die Antwort auf die Frage hängt zunächst davon ab, wie Russland eine Kriegsniederlage definieren wird. Wird schon die Rückeroberung der seit 24. Februar von der russischen Armee besetzten Regionen als Niederlage klassifiziert? Oder ist die desaströse Niederlage erst dann erreicht, wenn Russland auch die seit 2014 besetzten Gebiete verliert, inklusive der Krim? Im ersten Szenario ist wohl von einer schmachvollen Kriegsniederlage Russlands auszugehen; im Falle des zweiten Szenarios wäre die Niederlage katastrophal. Was würde eine solche Niederlage in Russland aber bewirken?

Sollten die russischen Truppen sich vollständig aus der Ukraine zurückziehen müssen, wäre die Ablöse von Putin wohl unumgänglich. Die Frage ist nur, wie diese Ablöse erfolgen könnte. Durch einen freiwilligen Rücktritt, den Verzicht auf eine erneute Kandidatur für das Präsidentenamt 2024 oder durch den Sturz Putins durch Vertreter des innersten Kreises der Macht. Abhängig davon wird die Erschütterung der politischen Stabilität durch die Ablöse mehr oder weniger groß sein. Die Palastrevolte ist sicherlich das gefährlichste Szenario. Wer würde statt Putin übernehmen? Der Sekretär des Sicherheitsrates Patruschew, der Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB Bortnikov, oder der Vertreter einer jüngeren Generation wie etwa der Gouverneur der Region Tula, Alexander Djumin? So wünschenswert für viele auch der Machtverlust Putins ist, ist auf die erheblichen Instabilitäten hinzuweisen, die dadurch ausgelöst würden. Das Szenario der Machtübernahme durch eine Person, die das Verhältnis zum Westen grundsätzlich verbessern will, ist eher gering.

Bleibt Putin trotz einer Niederlage Präsident und wird 2024 in seinem Amt bestätigt, bedeutet das wohl die langandauernde Isolation Russlands. Solange Putin die Macht in den Händen hält, wird es keine Rückkehr zu business as usual geben.

Die militärische Niederlage in der Ukraine wird auch die Autorität Russlands als Stabilitätsgarant im post-sowjetischen Raum massiv erschüttern. Der Autoritätsverlust Russlands durch den schleppenden Krieg hat schon jetzt Auswirkungen auf den Südkaukasus und Zentralasien. Russland wäre nach einer desaströsen Niederlage sicher nicht mehr fähig, Stabilitätsanker in diesen Regionen zu sein. Schon jetzt ist das in vielen Fällen nicht mehr gegeben – etwa im Konflikt zwischen Armenien und Azerbaijan oder im anhaltenden Grenzkonflikt zwischen Tajikistan und Kirgistan. Das wird zu einer außenpolitischen Neuausrichtung von post-sowjetischen Staaten führen. Auch könnten dadurch neue militärische Konflikte im Südkaukasus oder Zentralasien entstehen.

Bei einer desaströsen Niederlage wankt auch der Status Russlands als Großmacht. Durch die Unterstützung der Ukraine können die USA den Rivalen Russland auf lange Sicht schwächen. Das würde es den USA erlauben, sich nahezu vollständig nur noch auf den systemischen Rivalen China zu konzentrieren. Russlands Fähigkeit zur Ausübung von Gegenmacht im Hinblick auf die derzeitige internationale Ordnung würde deutlich zurückgehen. Das Gewicht Russlands in der internationalen Politik würde durch eine vollständige Niederlage sicher deutlich geringer werden.

Russland würde, derart geschwächt, in ein klares Abhängigkeitsverhältnis zu China geraten. Das würde die bestehende strategische Partnerschaft zwischen beiden Staaten deutlich verändern. Solange die Feindschaft zwischen Russland und dem Westen aufrecht bleibt, ist dies ein Gewinn für die chinesische Außenpolitik. Sie muss nicht fürchten, dass Russland sich in den nächsten Jahren mit dem Westen gegen China stellen wird. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist zwar auch jetzt schon äußerst gering, aber nach einer Kriegsniederlage ohne Regimewechsel in Russland würde diese Option gänzlich verschwinden.

Einige Beobachter fürchten bzw. hoffen auch darauf, dass eine Kriegsniederlage zum Zusammenbruch der staatlichen Integrität Russlands führen wird. Das Land könnte auseinanderbrechen. Das ist allerdings ein Szenario, das erhebliche Sicherheitsrisiken mit sich brächte. Ist das Risiko akzeptabel, dass die größte Nuklearmacht der Welt auseinanderfällt? So sehr sich das manche wünschen, so unwahrscheinlich ist das für den Autor.

Das größte Risiko ist allerdings, dass Russland zur Abwendung einer desaströsen Kriegsniederlag, insbesondere bei einem Rückeroberungsversuch der Krim durch die ukrainische Armee, den Gewaltkonflikt nuklear eskalieren würde. Dieses Restrisiko gilt es sicherlich zu berücksichtigen, wenn man darüber nachdenkt, wie stark Russland den Ukrainekrieg verlieren soll.

 

Dieser Kommentar ist am 11.1.2023 auf focus.de erschienen (https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/gastbeitrag-von-gerhard-mangott-die-palastrevolte-ist-fuer-putin-sicherlich-das-gefaehrlichste-szenario_id_182764514.html)

Photo credit: https://www.theguardian.com/world/live/2023/jan/07/russia-ukraine-war-kyiv-accuses-moscow-of-shelling-despite-putins-unilateral-ceasefire-live

Ein direkter Kriegseintritt von Belarus?

Die Gerüchte über eine zweite Front an der ukrainischen Nordgrenze mehren sich. Russland könnte von belarussischem Territorium aus erneut gegen Kiev marschieren. Mehr noch, manche Beobachter rechnen mit einem aktiven Kriegseintritt von Belarus und einem gemeinsamen Angriff auf die Nordukraine.

Eine zweite Front würde ukrainische Soldaten im Norden binden; Soldaten, die dann an der mehr als 1.000 km langen Frontlinie in der südlichen und östlichen Ukraine fehlen würden. Dort würden die ukrainischen Verbände ausgedünnt. Allerdings gilt das auch für die russische Armee, die ohnehin einen Mangel an qualifizierten, trainierten und gut ausgerüsteten Soldaten aufweist.

Russland war am Beginn des Krieges von belarussischem Territorium aus in den Norden der Ukraine vorgestoßen; aber diese Verbände mussten sich Anfang April des letzten Jahres erfolglos zurückziehen. Fraglich also, ob die russische Armee in ihrem derzeitigen Schwächezustand dort noch einmal vorrücken will.

Beobachter, die einen solchen Vorstoß für möglich halten verweisen auf die 45.000 Soldaten der belarussischen Armee, die sich diesmal an der Offensive im Norden beteiligen könnten. Aber die Kampfkraft der weißrussischen Armee ist relativ gering. Ihre Soldaten sind mangelhaft trainiert und, vor allem, schlecht ausgerüstet. Der militärische Mehrwert für die russischen Streitkräfte wäre daher relativ gering. Dagegen könnte eingewendet werden, dass ein massiver Vorstoß die Ukraine zumindest für eine gewisse Zeit zwingen würde, massiv Truppen und Gerät im Norden einzusetzen. Ein erfolgreicher Vorstoß auf Kiev ist hingegen mit den derzeitigen in Belarus vorhandenen eigenen und russischen Soldaten sehr unwahrscheinlich.

Der Mehrwert eines direkten Kriegseintrittes von Belarus wäre daher überschaubar. Die politischen Risiken eines solchen Schrittes wären aber groß.

Eine überwältigende Mehrheit der belarussischen Bevölkerung lehnt einen Kriegseintritt ab. Auch in den Reihen der Soldaten, vor allem aber im belarussischen Generalstab, gibt es dagegen Widerstände. Der belarussische „Präsident“ Lukaschenko wäre also im Inneren mit erheblichen Risiken konfrontiert. Das Wiederaufflammen der Massenproteste im Jahr 2020, die nur mit brutaler Gewalt und Repression niedergeschlagen werden konnten, wäre sehr wahrscheinlich. Könnte die belarussische Regierung das noch einmal überleben? Wie massiv wären die Desertionen in der weißrussischen Armee?

Beobachter, die an einen Kriegseintritt von Belarus glauben, wenden dagegen ein, dass die belarussische Führung russischem Druck nachgeben müsse, weil Lukaschenko sich nur mit wirtschaftlicher, finanzieller und militärischer Unterstützung Russland an der Macht halten kann. Lukaschenko habe also gar keine andere Wahl. Diese Position aber vernachlässigt, dass auch die russische Führung über die innenpolitischen Risiken in Belarus weiß. Eine erneute Massenerhebung wäre auch für Russland schwer kontrollierbar. Der Verlust der Kontrolle über Belarus ist aber für Russland ein viel größeres Risiko als der Verzicht auf den direkten Kriegseintritt von Belarus.

Bei einem belarussischen Kriegseintritt würden auch die westlichen Sanktionen gegen Belarus erheblich verstärkt werden. Das wiederum würde die soziale Lage im Land weiter verschlechtern und es für Russland kostspieliger machen, Lukaschenko trotzdem an der Macht zu halten. Die Bürde der Finanzierung weißrussischer Gefolgschaft würde noch größer werden. Das in einer Situation, wo die westlichen Sanktionen die russische Wirtschaft immer härter treffen.

Der Autor hält die Gerüchte über eine belarussischen Kriegseintritt – verstärkt durch angebliche Aufrufe an Männer in Belarus, sich registrieren zu lassen – daher nicht für sehr überzeugend. Zu hoch ist das Risiko für die russische und die weißrussische Führung, zu gering der Mehrwert für die russische Armee. Belarus wird aber ein militärischer Stützpunkt für Russland bleiben. Die gemeinsamen Übungen der der Armeen beider Länder werden weitergehen und sich intensivieren. Von weißrussischem Territorium aus werden weiterhin Luftangriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine durchgeführt werden. Aber die Stiefel weißrussischer Soldaten auf ukrainischem Boden bleiben eher unwahrscheinlich.

Die Gerüchte über eine zweite Front an der ukrainischen Nordgrenze mehren sich. Russland könnte von belarussischem Territorium aus erneut gegen Kiev marschieren. Mehr noch, manche Beobachter rechnen mit einem aktiven Kriegseintritt von Belarus und einem gemeinsamen Angriff auf die Nordukraine.

Eine zweite Front würde ukrainische Soldaten im Norden binden; Soldaten, die dann an der mehr als 1.000 km langen Frontlinie in der südlichen und östlichen Ukraine fehlen würden. Dort würden die ukrainischen Verbände ausgedünnt. Allerdings gilt das auch für die russische Armee, die ohnehin einen Mangel an qualifizierten, trainierten und gut ausgerüsteten Soldaten aufweist.

Russland war am Beginn des Krieges von belarussischem Territorium aus in den Norden der Ukraine vorgestoßen; aber diese Verbände mussten sich Anfang April des letzten Jahres erfolglos zurückziehen. Fraglich also, ob die russische Armee in ihrem derzeitigen Schwächezustand dort noch einmal vorrücken will.

Beobachter, die einen solchen Vorstoß für möglich halten verweisen auf die 45.000 Soldaten der belarussischen Armee, die sich diesmal an der Offensive im Norden beteiligen könnten. Aber die Kampfkraft der weißrussischen Armee ist relativ gering. Ihre Soldaten sind mangelhaft trainiert und, vor allem, schlecht ausgerüstet. Der militärische Mehrwert für die russischen Streitkräfte wäre daher relativ gering. Dagegen könnte eingewendet werden, dass ein massiver Vorstoß die Ukraine zumindest für eine gewisse Zeit zwingen würde, massiv Truppen und Gerät im Norden einzusetzen. Ein erfolgreicher Vorstoß auf Kiev ist hingegen mit den derzeitigen in Belarus vorhandenen eigenen und russischen Soldaten sehr unwahrscheinlich.

Der Mehrwert eines direkten Kriegseintrittes von Belarus wäre daher überschaubar. Die politischen Risiken eines solchen Schrittes wären aber groß.

Eine überwältigende Mehrheit der belarussischen Bevölkerung lehnt einen Kriegseintritt ab. Auch in den Reihen der Soldaten, vor allem aber im belarussischen Generalstab, gibt es dagegen Widerstände. Der belarussische „Präsident“ Lukaschenko wäre also im Inneren mit erheblichen Risiken konfrontiert. Das Wiederaufflammen der Massenproteste im Jahr 2020, die nur mit brutaler Gewalt und Repression niedergeschlagen werden konnten, wäre sehr wahrscheinlich. Könnte die belarussische Regierung das noch einmal überleben? Wie massiv wären die Desertionen in der weißrussischen Armee?

Beobachter, die an einen Kriegseintritt von Belarus glauben, wenden dagegen ein, dass die belarussische Führung russischem Druck nachgeben müsse, weil Lukaschenko sich nur mit wirtschaftlicher, finanzieller und militärischer Unterstützung Russland an der Macht halten kann. Lukaschenko habe also gar keine andere Wahl. Diese Position aber vernachlässigt, dass auch die russische Führung über die innenpolitischen Risiken in Belarus weiß. Eine erneute Massenerhebung wäre auch für Russland schwer kontrollierbar. Der Verlust der Kontrolle über Belarus ist aber für Russland ein viel größeres Risiko als der Verzicht auf den direkten Kriegseintritt von Belarus.

Bei einem belarussischen Kriegseintritt würden auch die westlichen Sanktionen gegen Belarus erheblich verstärkt werden. Das wiederum würde die soziale Lage im Land weiter verschlechtern und es für Russland kostspieliger machen, Lukaschenko trotzdem an der Macht zu halten. Die Bürde der Finanzierung weißrussischer Gefolgschaft würde noch größer werden. Das in einer Situation, wo die westlichen Sanktionen die russische Wirtschaft immer härter treffen.

Der Autor hält die Gerüchte über eine belarussischen Kriegseintritt – verstärkt durch angebliche Aufrufe an Männer in Belarus, sich registrieren zu lassen – daher nicht für sehr überzeugend. Zu hoch ist das Risiko für die russische und die weißrussische Führung, zu gering der Mehrwert für die russische Armee. Belarus wird aber ein militärischer Stützpunkt für Russland bleiben. Die gemeinsamen Übungen der der Armeen beider Länder werden weitergehen und sich intensivieren. Von weißrussischem Territorium aus werden weiterhin Luftangriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine durchgeführt werden. Aber die Stiefel weißrussischer Soldaten auf ukrainischem Boden bleiben eher unwahrscheinlich.

 

Dieser Kommentar ist als Gastbeitrag am 5.1.2023 auf focus.de erschienen (https://www.focus.de/politik/ausland/gastbeitrag-von-gerhard-mangott-warum-lukaschenko-sich-einen-kriegseintritt-nicht-leisten-kann_id_182219841.html)

Photo credit: https://www.rferl.org/a/belarus-ukraine-war-mobilization-rumors-lukashenka-putin/32084748.html

 

Wie weiter im Ukrainekrieg?

An den Frontlinien gibt es derzeit kaum Bewegung. Geländegewinne der Ukrainer sind so selten wie die der Russen. Ein Stellungskrieg zeichnet sich für die nächsten Wochen ab. Die ukrainische Führung erwartet eine russische Offensive – frühestens ab Ende Januar, vielleicht später. Aber hat die russische Armee derzeit die Kraft für eine großräumige militärische Offensive? Wohl kaum. Die russische Armee gräbt sich derzeit ein und bildet Verteidigungslinien, um das bislang eroberte Gebiet zu verteidigen. Territorium soll also gehalten und nicht neue Gebiete erobert werden.

Zu rechnen ist aber mit einer ukrainischen Offensive – sehr wahrscheinlich ein Vorstoß in Richtung der Stadt Melitopol. Militärexperten sind sich aber ziemlich einig, dass es der ukrainischen Armee schwerfallen wird, damit große Geländegewinne zu erzielen. Abhängig ist das sehr stark von den Waffenlieferungen aus dem Westen. Ein Berater des Leiters des Präsidialamtes von Selenskij, Michail Podoljak, hat vor einiger Zeit eine Wunschliste vorgestellt. Dazu gehören deutsche Leopard Kampfpanzer und Marder Schützenpanzer, US-Panzer des Typs M1 Abrams, weitreichende Artillerie, v.a. das Army Tactical Missile System (ATACMS) und schließlich das Luftabwehrsystem Patriot. Letzterer Wunsch ist gestern bei Selenskijs überraschenden Besuch in Washington in Erfüllung gegangen. Eine Patriot Batterie wird an die Ukraine überstellt. Das ist wichtig für die Fähigkeit der Ukraine, russische Angriffe auf die zivile Infrastruktur durch Marschflugkörper, Drohnen, Flugzeuge und ballistische Raketen abzuwehren. Das US-System hat eine viel größere Reichweite als alle bisher an die Ukraine gelieferten Luftabwehrsysteme. Ein Wendepunkt des Krieges wird dadurch aber nicht herbeigeführt.

Die anderen vier Wünsche werden auf absehbare Zeit aber nicht erfüllt werden. Sowohl Deutschland als auch die USA fürchten eine Eskalation des Krieges durch die Lieferung dieser Rüstungsgüter. Auch wenn Kanzler Scholz in seiner Koalition und durch andere NATO-Mitglieder unter Druck steht, ist die Lieferung von Leopard II und Marder derzeit nicht zu erwarten. Ohne diese Waffen wird es für die Ukraine aber kaum möglich sein, ihr Kriegsziel zu erreichen – nämlich alle russischen Truppen aus der gesamten Ukraine zu vertreiben, einschließlich der Krim.

Selenskijs Besuch in den USA war kein „Verzweiflungsakt“, wie eine deutsche Kommentatorin meint. Es war ein Ausdruck der Dankbarkeit für die bisherige Unterstützung und, viel wichtiger, das Bemühen, skeptische republikanische Kongressmitglieder dafür zu gewinnen, die militärische und finanzielle Hilfe an die Ukraine fortzuführen. Schließlich stehen in den nächsten Tagen Beschlüsse in beiden Kammern über Hilfsprogramme für kommendes Jahr an.

Die Aussichten auf eine Verhandlungslösung werden auf absehbare Zeit gering bleiben. Beide Kriegsparteien erklären zwar, zu Verhandlungen bereit zu sein; aber beide stellen dafür Bedingungen, die für die jeweils andere Seite nicht akzeptabel sind. Russland verlangt vor der Aufnahme von Verhandlungen, dass die Ukraine die „Realitäten am Boden“ anerkenne; was nichts anderes heißt als dass die Ukraine den Verlust der von der russischen Armee eroberten Gebiete im Süden und im Osten anerkennt. Das ist für die ukrainische Führung nicht akzeptabel. Auch für die ukrainische Bevölkerung kommen – Umfragen zufolge – territoriale Zugeständnisse an Russland nicht in Frage. Die ukrainische Führung wiederum will erst verhandeln, wenn alle russischen Soldaten ukrainisches Territorium verlassen haben. Die international anerkannten Grenzen der Ukraine sollen wiederhergestellt werden. Das aber wäre für Russland eine katastrophale Kriegsniederlage, die sie nicht zu akzeptieren bereit ist.

Westliche Waffenlieferungen bleiben daher unabdingbar, damit die Ukraine sich verteidigen kann. Eine Alternative dazu gibt es nicht, außer man will den Angriffskrieg Russlands erfolgreich machen. Hinter den Kulissen des Westens gibt es aber unterschiedliche Positionen, welche Kriegsziele die ukrainische Armee denn erreichen soll. Vor allem die osteuropäischen Regierungen unterstützen das Maximalziel der ukrainischen Führung: Die Russen sollen aus der gesamten Ukraine vertrieben werden. Einige der westeuropäischen Regierungen hingegen fordern moderatere Kriegsziele. Sie fürchten, bei der Verfolgung des ukrainischen Maximalzieles könnte eine Eskalation des Konfliktes drohen. Eine horizontale Eskalation, also eine Entwicklung der Lage wodurch andere Länder in den Krieg hineingezogen werden. Oder eine vertikale Eskalation womit der Einsatz taktischer Nuklearwaffen durch Russland als Mittel der letzten Wahl für möglich gehalten wird. Der Einsatz von Nuklearwaffen ist derzeit äußerst unwahrscheinlich. Nur in einem Szenario der katastrophalen Niederlage der russischen Armee und des Verlustes der Krim ist der Einsatz solcher Waffen durchaus möglich. In seiner Rede vor dem erweiterten Kollegium des Verteidigungsministeriums hat Putin auch darüber gesprochen, dass die Interkontinentalrakete RS-28 Sarmat im kommenden Jahr einsatzfähig sein wird. Das war eine erneute implizite Drohung mit einer nuklearen Eskalation. Am Kriegsverlauf in der Ukraine ändert diese ballistische Rakete aber nichts. Gedacht ist sie nur für einen globalen thermonuklearen Krieg zwischen den USA und Russland.

Die offizielle Position des Westens ist, dass die Ukraine selbst ihre Kriegsziele definieren könne und niemand sie zu Zugeständnissen oder zum Einlenken zwingen werde. Kaum denkbar, dass diese Position auch hinter den Kulissen von allen westlichen Staaten mitgetragen wird. Als Waffenlieferanten sehen sich manche westlichen Regierungen berechtigt, die Kriegsziele mit definieren zu können, ja zu müssen. Kaum ein westlicher Staat drängt die Ukraine aber derzeit zu einer Verhandlungslösung des Krieges.

Der Krieg wird uns also weiter begleiten. Kriege können auf zwei Arten enden. Entweder setzt sich eine Kriegspartei militärisch durch und gewinnt den Kampf. Oder aber beide Kriegsparteien sind militärisch erschöpft, sehen keine Aussichten mehr, auf dem Schlachtfeld Erfolge zu erzielen und sind daher zu Verhandlungen bereit. Von beiden Szenarien sind wir in diesem Krieg aber noch weit entfernt.

 

Photo credit: https://harriman.columbia.edu/event/rpp-russia-war-ukraine-new-phase/

Der Lack ist ab.

1922, vor hundert Jahren also, wurde die „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ gegründet; 69 Jahre später ist sie zerfallen. Danach arbeiteten die meisten ehemaligen Republiken der Sowjetunion in der losen, wenig effizienten, „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“ selektiv zusammen. Relevant wurden aber nur das Verteidigungsbündnis OVKS und die Eurasische Wirtschaftsunion (EAEU), an denen aber nur einige der früheren Sowjetrepubliken teilnehmen. Aber auch diese von Russland geführten Bündnisse stoßen immer wieder und derzeit verstärkt auf integrative Grenzen.

Durch den verheerenden Krieg Russlands in der Ukraine und die schwache Leistung der russischen Armee, zeigen sich in den letzten Monaten Absetzbewegungen von Russland. Der Krieg gegen die Ukraine hat einerseits die Furcht vor einem revisionistischen Russland, das auch andere Staaten angreifen könnte, anfangs erhöht. Andererseits wurde die angebliche militärische Stärke der russischen Armee entzaubert und die Autorität Putins in den Nachbarstaaten Russlands deutlich verringert. Der Krieg hatte also ambivalente Auswirkungen auf die Perzeption Russlands durch seine Nachbarn.

Russland kann seine Rolle als Ordnungsmacht und Stabilitätsgarant in vielen Räumen des ehemaligen Imperiums nicht mehr ausreichend erfüllen. Obwohl Russland ein Bündnis kollektiver Verteidigung anführt, hat Russland den Grenzkrieg zwischen den zentralasiatischen Staaten Kirgistan und Tajikistan nicht verhindern oder zu dessen Lösung beitragen können. Auch im militärischen Konflikt zwischen Armenien und Azerbaijan verliert sich die russische Vermittlungsstärke. Trotz der Stationierung von 2.000 russischen Friedenssoldaten“, konnten in den letzten Monaten azerbaijanische Angriffe auf das Territorium Armeniens nicht verhindert werden. Auch in diesem Konflikt hat die OVKS versagt; Armenien erhielt keine militärische Unterstützung durch das Bündnis, obwohl es russische Hilfe erwartet hatte. Der Unmut der armenischen Regierung darüber zeigte sich dadurch, dass Ministerpräsident Paschinjan die Abschlusserklärung des OVKS-Treffens vor zwei Wochen nicht unterzeichnet hat.

Das Ausbleiben russischer militärischer Stabilisierungshilfen erklärt sich natürlich auch durch den Ukrainekrieg, in dem die russischen Streitkräfte mehrheitlich im Einsatz sind. Wenn Russland aber keine Sicherheitsgarantien glaubhaft zu geben vermag, wenden sich die Staaten im post-sowjetischen Raum verstärkt anderen Akteuren zu. Gerade Kasachstan hat in den vergangenen Monaten seine diplomatischen Kontakte mit China und der EU deutlich intensiviert. Die EU hat ein Interesse daran, den russischen Einfluss in Kasachstan zurückzudrängen und das Land wirtschaftlich weniger abhängig von Russland zu machen. China, das bislang Russland als dominierenden Sicherheitsgaranten im zentralasiatischen Raum akzeptierte und sich auf seine ökonomische Rolle in der Region konzentrierte, weicht diese Selbstbeschränkung nun deutlich auf.

Auch ein, vor allem durch die Sanktionen, wirtschaftlich geschwächtes Russland verliert seine Attraktivität als Handelspartner. Dadurch wird auch der Zusammenhalt in der Eurasischen Wirtschaftsunion schwächer. Dabei hat sich die Umsetzung des Ziels der Errichtung eines gemeinsamen Marktes in der EAEU ohnehin nur schleppend entwickelt.

Die russische Führung reagiert auf diese Entwicklungen mit Unbehagen, muss aber gleichzeitig akzeptieren, seine Strahlkraft als militärischer und wirtschaftlicher Anker in der Region deutlich verloren zu haben. Das reicht bis zu Demütigungen Putins, der bei verschiedenen regionalen Treffen in den vergangenen Monaten minutenlang auf seine Gesprächspartner warten musste. Das war bisher andersrum gewesen: Putin war notorisch zu spät zu Gesprächsterminen gekommen. Allein in diesem protokollarischen Detail erkennt man die Verlagerung der Interessen bisheriger russischer Bündnispartner.

All das reiht sich ein in die strategischen Kosten der Ukraineinvasion. Bleibt auch der russische Sieg in der Ukraine aus, wird man die Invasionsentscheidung Putins tatsächlich als schweren strategischen Fehler einordnen müssen.

 

Dieser Kommentar ist am 6.12.2022 auf focus.de erschienen (https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/gastbeitrag-von-gerhard-mangott-ein-detail-birgt-fuer-putin-die-ultimative-demuetigung-durch-seine-nachbarn_id_180434050.html)

Photo credit: https://thehill.com/opinion/international/470552-the-analysts-are-wrong-putins-aggression-exposes-russias-decline/

Russland in Unruhe?

Der Zarenthron Putins wackle. Das Land stehe vor einem Machtkampf in der Führungselite, der sich zu einem Bürgerkrieg auswachsen könnte. So sehen es einige Beobachter in den USA, aber auch in der EU. Diesem Befund kann ich nicht viel abgewinnen. Putin ist zwar ein gegenwärtig „zurückgezogener Zar“, der mit schlechten Nachrichten von der Front nicht in Verbindung gebracht werden will. Es ist auch richtig, dass sich in der Führungselite die Anzeichen mehren, dass immer mehr auch eine Kriegsniederlage Russlands für möglich halten. Die Fragen nehmen auch zu, welchen Preis Russland für den Sieg im Krieg mit der Ukraine bezahlen soll. Es gibt also Anzeichen von Unruhe und Aufregung.

Dazu kommen Figuren wie der Finanzier der Söldnergruppe Wagner Jevgenij Prigožin oder der tschetschenische Präsident Ramzan Kadyrov, die in den letzten Wochen sehr selbstbewusst und mit lauter Stimme aufgetreten sind. Beide haben die Führung des Verteidigungsministeriums und den Generalstab sehr scharf attackiert. Manchem General wurde ausgerichtet, völlig unfähig zu sein. Manche Beobachter mahnen auch, dass beide Söldner zur Verfügung haben – die Gruppe Wagner und die Kadyrovzy, die in einem offenen Machtkampf eine Rolle spielen könnten. Nach meiner Bewertung werden beide aber an eine gläserne Decke stoßen. Der Inlandsgeheimdienst FSB wird ihnen den Zutritt zum Inneren der Macht verwehren.

Putins Position als Zar ist derzeit also nicht gefährdet. Bei all den Informationen über einen heftigen Machtkampf in der russischen Elite dürfen wir auch nicht vergessen, dass wir uns derzeit in einem Informationskrieg befinden. Gerüchte über Bruchlinien in der russischen Führung werden natürlich auch absichtlich gestreut. Das bedeutet aber nicht, dass Putins Position keineswegs gefährdet werden könnte. Bei einer sich abzeichnenden drastischen Niederlage in der Ukraine, wird er sich kaum an der Macht halten können.

Putins zeigt aber zweifellos Zeichen der Schwäche. Der Rückzug der russischen Truppen vom Westufer des Dnjepr in der Region Cherson war schon die dritte große militärische Niederlage der russischen Armee seit Kriegsbeginn. Gerüchten zufolge hatte sich Putin lange gegen den Rückzug ausgesprochen. Wenn dies stimmt, musste er offenbar schließlich doch die dringlichen Empfehlungen der Militärführung übernehmen. Das Westufer war sichtlich militärisch nicht mehr zu halten gewesen.

Die Schwäche zeigte sich auf im Umgang mit dem von den Vereinten Nationen und der Türkei vermittelten Getreideabkommen, das es der Ukraine ermöglicht, über drei Häfen Getreide zu exportieren. Nach einem ukrainischen Drohnenangriff auf die russische Schwarzmeerflotte erklärte die russische Führung, die Teilnahme an diesem Abkommen auszusetzen. Aber anders als erwartet, setzten die anderen drei Parteien des Abkommens die Exportverschiffungen weiter fort – eben ohne Russland. Russlands bloße implizite Drohung, militärisch gegen die Getreidefrachter vorzugehen, blieb ohne Wirkung. Russland ist wenige Tage später dem Abkommen wieder beigetreten und hat schließlich auch der Verlängerung des Vertrages für weitere 120 Tage zugestimmt.

Putins Nimbus der Unbesiegbarkeit, des ständigen Erfolgs ist zweifellos angeschlagen. Ein Anführer aber, der nicht mehr gewinnt, verliert an Autorität. Das trifft derzeit auch auf Putin zu. Zudem hat die Unterstützung der Bevölkerung für ihren Präsidenten abgenommen. Die von Putin nicht umsonst so lange hinausgezögerte Teilmobilmachung hat die Stimmung verändert. Der vorher zelebrierte Anschein der Normalität ist einer bitteren Realität gewichen – Väter und Söhne wurden aus ihren Familien herausgerissen und an die Front geschickt. Dadurch ist der Krieg nun in fast jeden Haushalt eingedrungen. Spätestens damit erkannte eine Mehrheit der Bevölkerung, dass die „militärische Spezialoperation“, anders als behauptet, eben nicht nach Plan verlaufen war. Daher hat Putin auch in der Bevölkerung das Image des ständig erfolgreichen Präsidenten einigermaßen eingebüßt.

Schwächen und militärische Niederlagen haben Putins Position im Machtgefüge also sicher verschlechtert. Aber von einem Sturz Putins sind wir noch weit entfernt. Da mag die Erwartung in vielen Berichten über einen bevorstehenden Machtkampf in der russischen Führung oft wohl auch einem Wunschdenken geschuldet sein.

Der Kommentar ist als Gastbeitrag am 25.11.2022 auf focus.de erschienen (https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/putin-ist-nicht-unbesiegbar-von-einem-sturz-aber-weit-entfernt_id_180310493.html).

Photo credit: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:OMON_soldiers_in_Red_Square,_Moscow.jpg

Es läuft nicht gut für Russland

Der erzwungene Rückzug der russischen Truppen vom Westufer der Regionen Cherson war die dritte schwere Niederlage für die russische Führung seit dem Beginn des Krieges. Auch wenn in Moskau offiziell von einer „Umgruppierung“ zum Schutz der Soldaten die Rede ist, bleibt es dennoch eine Niederlage.

Es läuft nicht gut für Putin in den letzten Wochen. Militärisch gelingt keine Offensive mehr, sondern bleibt nur der verzweifelte Versuch, die Frontlinien zu halten. Die versuchte Anzettelung einer wirtschaftlichen und politischen Krise in der EU durch die starke Drosselung der Gaslieferungen scheint nicht zu wirken. Umfragen zufolge, ist in der EU noch immer eine Bevölkerungsmehrheit für die fortgesetzte Unterstützung der Ukraine.

Die impliziten Drohungen der russischen Führung, „alle verfügbaren Mittel“ zur Verteidigung der eroberten und annektierten Regionen einzusetzen, blieb bislang nur eine leere Drohung. Moskau muss einen Gebietsverlust nach dem anderen hinnehmen. Die in der Drohung angelegte Botschaft, auch Nuklearwaffen einzusetzen, bleibt ohne Wirkung. Es gibt zwar westliche Regierungen, die aufgrund eines derartigen Eskalationsrisikos ihre Waffenlieferungen an die Ukraine in Grenzen halten. Die meisten westlichen Staaten hingegen sind der Ansicht, man dürfe sich nicht nuklear erpressen lassen und die Ukraine mit allen notwendigen militärischen Mitteln unterstützen.

Ganz im Gegenteil drohen enge Verbündete wie China von Russland abzurücken, sollte dieses Nuklearwaffen zur Verhinderung einer russischen Niederlage in der Ukraine einsetzen. Die Botschaft von Xi Jinping beim Besuch des deutschen Kanzlers war eindeutig. Die Drohung mit dem Einsatz von Nuklearwaffen sei „unverantwortlich“. Vielleicht auch deswegen buchstabiert die russische Führung in dieser Hinsicht etwas zurück. In einer Erklärung des Außenministeriums wird noch einmal die Nukleardoktrin bestätigt, wonach Russland in einem konventionellen Krieg nur dann Nuklearwaffen einsetzen wird, wenn seine staatliche Existenz gefährdet ist. Auch die alte Formal, wonach ein Nuklearkrieg nicht gewonnen und niemals geführt werden dürfe, wurde bekräftigt. Ist das ein Einknicken vor der chinesischen Haltung? Rückt Russland von den Atomdrohungen ab, weil die USA deutlich gemacht haben, mit welchen militärischen Konsequenzen Russland bei einem Einsatz von Nuklearwaffen zu rechnen habe? Es ist wohl beides. So vernünftig die neue postulierte Haltung Russlands auch ist, sie ist letztlich ein Zeichen von Schwäche.

Putins Position ist angeschlagen. Zwar gibt es kaum direkte Kritik am Präsidenten. Aber Putin muss zuschauen, wie unbotmäßige Stimmen zunehmen. Das sind nicht nur die rechtsnationalistischen Militärblogger, die angesichts des Rückzugs von Cherson von „Verrat“ und von der „schwarzen Seite in der Geschichte der russischen Armee“ sprechen. Es sind auch Akteure, die über eigene militärische Ressourcen verfügen – wie Tschetscheniens Machthaber Ramzan Kadyrov und der Finanzier der Söldnergruppe Wagner, Jevgenij Prigožin. Zwar haben beide den Rückzug vom Westufer des Dnjepr gutgeheißen. Aber sie nehmen sich immer mehr Freiraum für Kritik, insbesondere an der russischen Militärführung heraus. Sie wollen die Karriereleiter politischer Macht weiter nach oben steigen. Trotz ihrer militärischen Söldnergruppen werden sie aber dennoch bald an die gläserne Decke stoßen. Die Geheimdienste werden ihren Aufstieg nach ganz oben zu blockieren wissen. Noch kontrolliert Putin diese beiden, aber beide nutzen die sich verstärkende Schwäche Putins.

Putin wirkt aber in anderen Bereichen derzeit politisch glücklos. Nach dem Drohnenangriff der Ukraine auf Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte, hat Russland seine Teilnahme am Abkommen zum Export ukrainischen Getreides ausgesetzt. All das, um nur Tage später eine Kehrtwende zu machen. Russland hatte mit ansehen müssen, dass die Exportschiffe für das Getreide unbeeindruckt weiter machten und Russland ignorierten. Am 19. November wird das Abkommen auslaufen. Die Türkei und die UN drängen auf eine Verlängerung. Putin stellt noch Bedingungen: Russlands Exporte von Getreide und Düngemitteln sollten nicht weiter behindert werden. Wird sich Putin diesmal durchsetzen? Oder wird er wieder klein beigeben müssen, weil er merkt, dass seine Verhandlungsmacht zu gering ist?

Putins Zugriff auf die Macht ist derzeit zweifellos nicht gefährdet. Aber es sind Anzeichen eines bedingten Kontrollverlustes zu erkennen. Die Reihen um Putin werden unruhig. Viele stellen immer häufiger die Frage, welchen Preis das Land für einen Sieg in der Ukraine bezahlen muss. Immer mehr rechnen auch mit einer russischen Niederlage in diesem Krieg. Putin wird darauf Antworten finden müssen. Bald. Die Zeichen stehen auf Sturm.

 

Dieser Kommentar ist am 14.11.2022 als Gastbeitrag auf focus.de erschienen: ttps://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/gastbeitrag-von-gerhard-mangott-putins-verpuffte-nukleardrohung-ist-deutliches-zeichen-seiner-schwaeche_id_179693243.html

Photo credit: https://edition.cnn.com/videos/world/2022/11/11/snihurivka-ukraine-liberated-russian-forces-withdrawal-robertson-ovn-intl-ldn-vpx.cnn