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A brief on the Ukrainian impasse

The implementation of the Minsk Agreement, signed back in February 2015, is at an impasse. Both the Ukrainian and the Russian governments blame each other for the dreadful situation. Russia insists on Ukraine recognizing her political obligations under the Agreement. Ukraine, on the other hand, refuses to go ahead with the required legal reforms until Russian troops have left the Donbass region and the rebels have been disarmed. But the Russians claim that there are no Russian troops in the Donbass (contrary to what experts have proven numerous times). So how can they be withdrawn, the Russians argue. This is the mess, international mediation is currently set in.

In order to untangle the knot, the military part of the Minsk Agreement needs to be implemented in full and on a sustainable basis. Without a durable cease fire, the full exchange of prisoners and the withdrawal of heavy weaponry from the security zone, there is no prospect for a political solution. Reportedly, both sides violate the ceasefire, but the rebels on a much more frequent basis. Russia needs to use its leverage of the rebels for the violations to stop.

Once a sustainable ceasefire has been achieved, it is for Ukraine to go ahead with its own obligations. A constitutional reform providing for the decentralization of Ukraine, a law on the unlimited autonomous status of the Donbass region, a law on elections in that region and an amnesty law have to be passed by the Ukrainian parliament. Only if these steps are taken and elections in the Donbass region will be held, Ukraine will (probably) achieve its ultimate goal – regaining full control over the border between itself and Russia.

As it stands, these Ukrainian obligations will not be fulfilled, even if a sustainable ceasefire were to be established. There is no majority consensus in Kiev to pass these laws and there will not be in the future. This why we are at an impasse, regrettably so.

Moscow insists that Kiev adopts the constitutional reform and the other legislation before local elections can be held in the rebel controlled regions of the Donbass. Moscow endorsed the Franco-German proposal to hold these elections in June or July. Kiev, however, refuses to hold elections, before OSCE monitors don’t have full access to the Donbass conflict zone including the Ukrainian-Russian border and demands an OSCE police mission to guarantee the security during the elections.

But even if Moscow were to agree to these demands, which most likely it will not do, the current Ukrainian government is in no position to get any of the required legislation passed  in the Rada as it lacks the majority needed for adoption.

The question arises, how long the Minsk process can continue without significant progress. France and Germany stand to lose their credibility if both warring factions continue to ignore the Agreement.

Foto: http://www.japantimes.co.jp/news/2014/07/08/world/politics-diplomacy-world/putin-silent-fighting-slaviansk/#.VtiT25PhBBw

Russland wird nicht weichen

Die Hoffnungen waren ohnehin nur zaghaft, aber sie waren unbegründet. Die Einigung in der International Syria Support Group vom 12. Februar, innerhalb einer Woche die Einstellung der Kampfhandlungen zu erreichen, haben sich rasch zerschlagen. An sich sollte Russland sofort die Intensität seiner Luftoperationen zurückfahren, hat dies aber bislang nicht getan. Stattdessen wurden erneut Krankenhäuser bombardiert – ein Kriegsverbrechen, wenn es absichtlich geschah. Daran gibt es aber kaum Zweifel.

Russland hat mit der Intensivierung seiner Luftschläge in den vergangenen Wochen zusammen mit den Bodentruppen – syrische Regierungssoldaten, schiitische Söldner (vor allem aus Aghanistan), der Hizbollah und iranischen Soldaten – große Geländegewinne erzielt. Die bewaffnete Opposition in den Regionen Latakia und Idlib ist auf dem Rückzug. Kein Grund also innezuhalten, wenn durch die Geländegewinne die Verhandlungsposition des al-Assad Regimes deutlich verbessert werden kann. Kein Grund für die Russen, noch weniger für al-Assad.

Russland unterstützt den politischen Prozess im Rahmen der Genf-3 Verhandlungen. Russland hat auch die Resolution des UNSC 2254 über die politischen Rahmendaten dieser Gespräche unterstützt. Russland wird aber solange weiterkämpfen, bis für seine Interessen am Verhandlungstisch die besten Aussichten bestehen.

Russland verfolgt in der Syrienkrise innersyrische, regionale und internationale Interessen. In Syrien will Russland eine sunnitisch dominierte Regierung verhindern, vor allem eine, an der radikale sunnitische Kräfte beteiligt sind. Die Konsequenzen einer extremistischen sunnitischen Regierung in Damaskus – unter dem Einfluss Saudi Arabiens – für die islamistische Szene im russländischen Nordkaukasus steht dabei im Zentrum der Sorgen Russlands. Dabei sieht Russland oppositionelle Gruppen als extremistisch an, die vom Westen und regionalen Akteuren wie der Türkei und Saudi Arabien als legitime Verhandlungspartner angesehen werden – allen voran Ahrar al-Sham und Jaish al-Islam.

Russland will sicherstellen, dass als Ergebnis der Genfer Gespräche eine Übergangsregierung gebildet wird, in der es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Alawiten, Christen, Kurden und Sunniten gibt. Ausgewogen kann diese Regierung nur sein, wenn die militärische Position der sunnitischen Opposition schwach ist. Die neue Regierung muss auch die russländischen Interessen in Syrien garantieren und die Militärbasen in Tartus und Latakia unangetastet lassen.

In der Region will Russland mit seinem militärischen Engagement den Einfluss der Türkei und Saudi Arabiens zurückdrängen und beschneiden. Auch dieses Ziel können fortgesetzte russländische Militäroperationen Russlands erreichen. Die Türkei und Saudi Arabien werden ihre Luftwaffe sehr wahrscheinlich nicht zur Unterstützung der sunnitischen Verbände einsetzen. Sollten sie es dennoch tun, was nicht ausgeschlossen werden kann, eskaliert die Syrienkrise zu einem militärischen Inferno.

Auch ist Russland geneigt, in der hegemonialen Auseinandersetzungen zwischen Iran und Saudi Arabien die iranische Position zu stärken. Nicht uneingeschränkt, – denn auch Russland hat Vorbehalte gegenüber iranischer Dominanz gerade in Syrien -, aber doch.

International verfolgt Russland mit seinem militärischen Engagement in Syrien mehrere Ziele: Zum einen soll deutlich gemacht werden, dass Russland eine militärische Großmacht ist, die mit den modernisierten Streitkräften Macht auch in Regionen ausserhalb des post-sowjetischen Raumes projizieren kann. Russland hat das in Syrien eindrucksvoll bewiesen. Russland will zugleich deutlich machen, dass regionale Konflikte nicht ohne Beteiligung Russlands, nicht gegen russländische Interessen und nicht ohne Anerkennung Russlands als Großmacht gelöst werden können. Russland will seinen mit den USA gleichberechtigten Status in der internationalen Ordnung zurückgewinnen.

Zum anderen dient das russländische militärische Engagement in Syrien auch dazu, die westliche Neigung, Regime zu stürzen, zurückdrängen. Russland hat in seiner Diplomatie immer sehr stark den Stabilitätsgedanken betont. Russland verweist zurecht auch auf die Ergebnisse westlicher Interventionspolitik in Afghanistan, Irak und in Libyen. Der Versuch, Regierungen in diesen Staaten zu Fall zu bringen, habe das Chaos, die Radikalisierung und die Instabilität in diesen Ländern erhöht. Der radikale jihadistische Islam sei dadurch hervorgerufen oder zumindest bestärkt worden. Russland will daher in Syrien auch die Regierung verteidigen, um einen weiteren Versuch, einen Regierungswechsel zu erzwingen, zu vereiteln.

Russland verfolgt all die genanten Ziele hartnäckig und bedingungslos. Dabei misstraut Russland dem Westen und ist sehr zurückhaltend, auf Kompromisse einzugehen. Die angestrebte Waffenruhe kommt für Russland daher zu früh. Noch ist der Verhandlungstisch für Russland nicht angerichtet. Der Krieg geht weiter.

Foto: msf.org.uk

Russland und die Energiesicherheit der EU. Kommentar gemeinsam mit Johannes Pollak (IHS)

Die Pläne der OMV, sich zusammen mit führenden europäischen Energieunternehmen einerseits am Bau der Nordstream-Erweiterung zu beteiligen und andererseits Anteile an eigenen Raffinerien gegen eine Beteiligung an sibirischen Gasfeldern zu tauschen, löste in Österreich eine Debatte über Russlands Rolle in der europäischen Energieversorgungsicherheit aus.

Die Ausgangslage: Durch die stagnative Wirtschaftsentwicklung ist der Gasverbrauch in der EU deutlich zurückgegangen. Mit 21,5 Prozent lag der Anteil von Erdgas am gesamten Energiemix so niedrig wie lange nicht, was auch mit dem steigenden Anteil von erneuerbarer Energie im Primärenergiesektor zusammenhängt. Der Gaskonsum ist mittlerweile unter 400 bcm gefallen. Trotz geringeren Gasverbrauchs in der EU ist der Importbedarf weiterhin hoch – er liegt bei 66 Prozent -, weil vor allem das Vereinigte Königreich, aber auch die Niederlande weniger fördern. Norwegen kann diesen Rückgang nur bedingt und unter steigenden Kosten kompensieren. Russland ist mit einem Anteil von 30 Prozent am Gaskonsum der EU der wichtigste Lieferant.  In den nächsten Jahren werden die USA und Australien wichtige Exporteure von Flüssiggas werden. Iran wird mittelfristig zu einem wichtigen Gaslieferland, wenn auch nicht für Europa, aufsteigen. Dieses insgesamt steigende Gasangebot trifft auf einen europäischen Markt, der wohl erst 2025 zu den Verbrauchsvolumina von 2008 zurückkehren wird.

Ein wichtiger Faktor der Energiesicherheit ist die Infrastruktur. Russland versucht seit 1999, die dominierende Rolle des maroden ukrainischen Transitnetzes durch Umgehungsleitungen zu verringern. 1999 wurde die Jamal-Europa Gasleitung, dei nach Deutschland führt, in Betrieb genommen. 2003 wurde mit Blue Stream eine direkte Gasleitungsverbindung zwischen Russland und der Türkei eingerichtet. Nordstream – in Betrieb seit 2011/12 – ist die zentrale nördliche Umgehungsleitung. Die südliche Umgehungsroute ist Russland bisher nicht gelungen. Southstream wurde im Dezember 2014 aufgrund des Widerstands der Europäischen Kommission aufgegeben. Die Ersatzvariante Turkstream wird aufgrund des türkisch-russischen Konfliktes derzeit nicht weiterverfolgt. Geopolitisch motivierte Bemühungen, die russischen Umgehungspläne zu vereiteln, müssen die Frage beantworten, wer mehrere Milliarden in die Sanierung des ukrainischen Gasleitungsnetzes investieren soll.

In dieser Situation Energiesicherheit, also die konstante Versorgung zu leistbaren Preisen mit wenn möglich nachhaltiger Energie zu gewährleisten, ist alles andere als einfach. Nach dem Scheitern von Nabucco, konzentriert man sich in der OMV auf den Ausbau des nördlichen Korridors. Dafür sind fünf Gründe anzuführen: (1) Der Ausbau von Nordstream ist technisch einfach und vergleichsweise kostengünstig; (2) Nordstream ist unabhängig von Transitländern; (3) Gas wird damit auf den nördlichen Spotmärkten verfügbar – von dort wird Gas über ganz Europa verteilt; (4) Gas ist eine lokale Ware, i.e. je näher zum Produktionsstandort sich der Käufer befindet, umso günstiger. Und Russlands Gasvorräte befinden sich nun mal vor der Haustür Europas. (5) Russland hat sich in den letzten 50 Jahren als verlässlicher Lieferant erwiesen; die Lieferengpässe 2006 und 2009 waren wesentlich dem Transitland Ukraine geschuldet.

Was wären die Alternativen zu russischem Gas? In Europa spricht man von Diversifizierung der Lieferanten, Diversifizierung der Versorgungsrouten, Energieeffizienz,erneuerbarer Energie, sowie der Finalisierung des Energiebinnenmarktes. All dies ist vorbehaltlos zu begrüßen, aber auch an der Realität zu messen.

Wer sind die Lieferanten, die für Russland einspringen könnten? Flüssiggas (LNG) der USA wird sich die teuersten Absatzmärkte suchen und das ist der asiatische Markt, zumindest so lange bis Australien als Exporteur auftritt. Russisches Gas wird mindestens so günstig zu beziehen sein, wie US-LNG. Auch fehlt in der EU die Infrastruktur, um LNG von West nach Ost zu verteilen. Nordafrika (Algerien, Libyen) ist aufgrund der politischen Unruhen und des steigenden Binnenverbrauchs kein Lieferant für höhere Erdgasmengen. Irans Gasindustrie und –infrastruktur wird erst mittelfristig modernisiert werden können. Die vor allem im Süden des Landes konzentrierten Gasfelder (South Pars), werden in erster Linie die stark ansteigende Binnennachfrage bedienen müssen, auch um das Regime zu stabilisieren. Die exportierbaren Gasreserven Azerbaijans sind begrenzt (16-25 bcm); Gas aus Turkmenistan wird vorwiegend nach China exportiert und es fehlt die Transportinfrastruktur nach Westen. Der Bau der Transkaspischen Gasleitung, die Turkmenistan und Azerbaijan verbinden soll, scheitert derzeit auch an der ungeklärten Frage des völkerrechtlichen Status des Kaspischen Meeres. In beiden Fällen würde die sich immer stärker islamisierende Türkei zum zentralen Verteilzentrum des Gases aus Zentralasien. Ungeklärt wäre weiterhin, wie das Erdgas von der türkischen Grenze in die EU gelangen soll. Die rumänische und bulgarische Infrastruktur kann dies aufgrund von überalterter, sanierungsbedürftiger Technik nicht leisten.

Die Debatte um die Beteiligung der OMV an Nord Stream 2 blendet aber die Grenzen, Gasleitungen zu diversifizieren, nahezu völlig aus. Nord Stream 2 wird ausschließlich politisch bewertet; die ökonomische Rationalität und die erhöhte Sicherheit der Gasversorgung durch den Wegfall von Transitländern werden dabei ausgeblendet. Gasleitungen sind zudem nicht nur technische Infrastruktur, sondern verbinden Staaten. Die erhöhte Interdependenz mit Russland ist nüchtern zu bewerten, aber sie schafft wechselseitige Abhängigkeiten. Die EU wird weiterhin Gas aus Russland beziehen müssen, Russland wird weiterhin auf den europäischen Markt setzen. 75 Prozent der russischen Gasexporte entfielen 2014 auf den lukrativen europäischen Gasmarkt. Die gesamte Leitungsinfrastruktur Russlands führt nach Westen, alle vollmundig angekündigten Pläne, eine Energiekooperation mit China einzugehen (Gasleitung Power of Siberia, Altai Pipeline), sind bisher Makulatur. Damit bleibt Russland vom europäischen Markt außerordentlich abhängig. Die Gasbeziehungen zwischen Russland und Europa sind von symmetrischer Dependenz gezeichnet; sie stellen daher ein geringes Risiko dar. Ein kalkulierbares Risiko, wenn der Anteil Russlands am Gaskonsum der EU auf 30 Prozent beschränkt bleiben kann – und soll. Gazprom selbst erwartet keinen höheren Anteil am europäischen Gasmarkt.

Aber auch aus strategischen Gründen sollten die Gasbeziehungen zwischen der EU und Russland weiter bestehen. Russland ist von Öl- und Gasexporten finanziell außerordentlich abhängig. Die Diversifizierung weg von Russland senkt russische Einnahmen und gefährdet damit die Stabilität im Land. Niemand aber kann Interesse an einem instabilen Russland haben.

Der angesteuerte asset swap – Beteiligung an russischen Gasfeldern gegen Infrastrukturbeteiligungen – zwischen der OMV und Gazprom stärkt die Interdependenz auch auf der Ebene der Unternehmen. Kritiker meinen, dies wäre der Start einer unweigerlich fortschreitenden Übernahme der OMV durch Gazprom. Allein, sie haben kein einziges Argument vorgelegt, warum der Tausch von Unternehmensanteilen nicht kontrollier- und steuerbar bleiben soll. Das Gerede vom Ausverkauf der OMV und der einseitigen Abhängigkeit der EU von Russland ignoriert beharrlich die Fakten und globalen Realitäten.

Der Kommentar ist am 4. Jänner 2016 in der Tageszeitung Der Standard erschienen.

Foto: http://www.lngworldnews.com/

Erdogans Angriff auf die mögliche Syrien-Koalition

Der Abschuss der russischen Su-24 durch die türkische Luftwaffe am 24. November ist ein nachhaltiger Beitrag, eine politische und militärische Syrienkoalition zu beschädigen. Nicht dass die Bemühungen darum schon weit fortgeschritten oder die Aussichten dafür günstig wären. Aber nach dem Abschuss sind die Vorzeichen noch deutlich schlechter geworden.

Die Öffentlichkeit wird niemals wissen, auf welcher Seite der syrisch-türkischen Grenze das russische Jagdflugzeug abgeschossen wurde. Die russischen und die türkischen Angaben sind natürlich unterschiedlich. NATO-Diplomaten meinen, dass sich die russische Maschine jedenfalls nur 17 Sekunden im türkischen Luftraum aufgehalten habe. Das führt zum Kern des gestrigen Zwischenfalls: Die Türkei hat die russische Maschine nicht wegen der (angeblichen oder tatsächlichen) Verletzung des türkischen Luftraumes abgeschossen, sondern weil sie Russland deutlich machen wollte, dass die Türkei die russischen Bombardements von Stellungen der turkmenischen Brigade der Freien Syrischen Armee im nordwestlichen Syrien nicht akzeptieren will.

Der russische Botschafter in Ankara wurde schon am 20. November von der türkischen Seite vor “ernsten Konsequenzen” gewarnt, sollte Russland die Angriffe auf die Turkmenen nicht einstellen. Nun ist klar, was die Türkei als selbsternannte Schutzmacht der Turkmenen damit gemeint hat.

Die russische Maschine war niemals eine Gefahr für die Sicherheit der Türkei. Wohl aber stellte die Lufteindringung – wenn sie stattgefunden hat – eine Verletzung der türkischen Souveränität dar. Es wäre nicht das erste Mal, dass Russland den türkischen Luftraum verletzt hat. Schon Anfang Oktober war eine russische Maschine in den türkischen Luftraum eingedrungen – “aus Versehen”, wie Russland damals behauptet hat.

Aber selbst wenn die türkischen Angaben stimmen, war der Abschuss des Flugzeugs eine exzessive Auslegung des Selbstverteidigungsrechtes und damit unverhältnismässig. Die türkischen F-16 hätten die russische Su-24 auch aus dem türkischen Luftraum eskortieren können.

Erdogans Kalkül war aber nicht nur, die Russen wegen des Vorgehens gegen die Turkmenen zu bestrafen. Erdogan, dessen Syrienpolitik seit Beginn an auf die Entmachtung al-Assads ausgelegt ist, sieht sich durch eine mögliche Interimslösung brüskiert, die al-Assad zumindest für eine – noch nicht näher definierte – Übergangszeit an der Macht beteiligt lässt. Die Wende Frankreichs, nach den Terroranschlägen in Paris, dem Kampf gegen Daesh den Vorrang einzuräumen und die Zukunft al-Assads zumindest vorübergehend als zweitrangig einzustufen, hat die Türkei weiter verunsichert.

Auch die mögliche militärische Koalition gegen den IS – zumindest zwischen Frankreich und Russland – ist nicht im Interesse der Türkei. Die Türkei unterstützt den IS finanziell und militärisch, weil der IS auch  gegen den türkischen Erzfeind al-Assad kämpft. Kämpfer des IS sickern über die türkisch-syrische Grenze, Rohl und raffinierte Produkte des IS werden auch in der Türkei abgesetzt, IS-Kämpfer werden in türkischen Spitälern versorgt und Waffenunterstützung des IS durch die Türkei wird allerorts angenommen.

Der Abschuss der Maschine durch die Türkei war daher ein Versuch, die politischen und militärische Neuausrichtung in der Syrienpolitik zu beschädigen. Abzuwarten bleibt allerdings, wie erfolgreich die Türkei damit sein wird.

Russland wird die Angriffe auf die turkmenischen Rebellen nicht einstellen – vermutlich sogar intensivieren. Ist die Türkei dann zu einer weiteren  Eskalation bereit? Falls Ankara daran, möglicherweise an eine Flugverbotszone, denkt, hat Russland seine Antwort schon gegeben. Die russischen Jagdbomber werden in Zukunft von Kampfflugzeugen begleitet werden, die “jedes feindliche Objekt neutralisieren” werden. Das gilt auch für die See-Luft Raketen des vor Latakia liegenden russischen Zerstörers Moskva. Ausserdem hat der russische Verteidigungsminister angekündigt, in Syrien das Flugabwehrsystem S-400 zu stationieren. Sollte die Türkei erneut ein russisches Flugzeug in der Region angreifen, wird Russland zurückschießen – vielleicht auch präventiv.

Foto: http://www.ibtimes.co.uk/syria-russian-pilots-downed-fighter-jets-shot-dead-by-turkmen-forces-1530306

Dieser Text ist dann auch in der online-Ausgabe des Tageszeitung Der Standard erschienen (http://derstandard.at/2000026387175/ErdogansAngriff-auf-die-moegliche-Syrien-Koalition)

Will the great powers become serious now in the fight against Daesh?

The heinous and barbarous terrorist acts by the Islamic State in France will have important consequences on both the domestic level of EU countries and the international system. On the domestic level we will see coordinated efforts in strengthening legal instruments against homegrown and flow-back terrorism. French president Hollande has already announced strict legislation, including changes to the French constitution, to intensify observation, interrogation and detention rules for terror suspects. In addition, the flow-back of Syrian IS henchmen to France will be restricted further. It is to be expected that we will see similar measures in several other EU countries. The debate about the interrelationship between security and freedom has returned back to the domestic agenda. Counter-terrorism efforts will certainly challenge the values of our open societies.

The suspected participation of a Syrian passport holder in the attacks who entered the EU disguised as a refugee will certainly also have an impact on the public debate about unchecked open borders. The fear of Syrian IS fighters coming (back) to the EU among the large refugee streams will certainly push public support for right-wing anti-immigrant parties.

The repercusssions on the international level are even more important. The terrorist crimes committed by the IS have now expanded beyond Iraqi and Syrian territory. The downing of the Russian airliner over Sinai, the attacks in Ankara, Beirut and Paris have shown that Daesh is committed and able to terrorize on a global level.

The US has triggered the creation of the Islamic State in 2006 with its botched Iraq invasion and has so far been avoiding to take full-scale responsibility for eradicating it from Iraqi and Syrian territory. At the G-20 meeting in Antalya, Obama has now announced to double US air strikes against Daesh. It is hard to believe though, that the US will undertake a dramatic change of strategy in Syria. Obama does not want to see the US get bogged down in another Middle Eastern war. The strategic shift to retrenchment will continue.

Airstrikes, however, have obviously not been sufficient to defeat Daesh. Bombing Raqqa or Mossul on a large scale is not an option. The international coalition against Daesh and Jabhat al-Nusra doesn’t really lack fighter jets, they meanwhile lack targets on the ground that can effectively be wiped out from the air. Once more, the demand for ground forces is back on the agenda. So far, no great power is committed to deploying boots on the ground – not the US, not the Russians, nor the French are willing to accept the human cost ground operations would certainly entail. The recent experience with the dismal failures of the operations in Iraq and Afghanistan obviously has had a lasting and decisive impact on the decision makers. However, there is no reasonable military expert to argue, that airstrikes will suffice. Weakening and finally destroying the Islamic state in Syria and Iraq is impossible without ground operations. The military attacks on Daesh by the Kurdish-Arab coalition in northeastern Syria, guided and supported by the US air force, will not be sufficient, if only for the Kurdish reluctance to go after the IS beyond Kurdish territory. It is a massive ground operation by an international coalition that is needed, as well as a post-conflict stabilization and reconstruction effort. As its seems, however, the terror by the IS outside Iraq and Syria has so far not been devastating and shocking enough to make the great powers rescind their rejection of ground operations.

The military strategy against Daesh thus will not seriously change. The terror attacks will, however, have a serious impact on the diplomatic efforts to find a solution to the Syrian crisis. In short, Russia is back on the international stage as a respected and needed partner and the fate of al-Assad will probably be put on the back burner for a while. The defeat of ISIS is now on the top of the agenda, everything else will be treated as secondary.

It is to be expected that criticism of Russia’s military intervention in Syria will diminish, despite the fact that so far most Russian airstrikes were directed not against Daesh positions but on other forces Russia deems terrorist in nature. Anyway, after the downing of the Russian airliner, Russian will certainly expand its airforce presence in Syria and increase the number of sorties against IS targets. In addition, it can no longer be excluded that Russia will do airstrikes in Iraq as well.

Russian cooperation is indispensable for any collective effort to drive back radical islamism in the region. This ranges from military support to intelligence sharing and efforts to cut off the financing of Daesh. Remaining differences over Ukraine will be put aside by the western nations for the time being. Russia will shake off its isolation by the western great powers. At the G-20 summit, Putin again called for a united front against islamist terrorism. His voice will be heard, albeit it not in Washington. Russia offered France an alliance in the fight against Daesh; Hollande will hold talks with Putin in Moscow on November 26th. This new rapprochment also does not necessarily mean that the road to the lifting of sanctions on Russia will be short.

In the Vienna process on the Syrian crisis more countries will now back the Russian position on sidelining the fate of al-Assad in the search for a political solution. France has now made clear, that its enemy in Syria is the IS; no longer have French officials now stressed their erstwhile position that Daesh and Assad have to be fought against at the same time. The US still insists on this line of argument but will not be immune to the building pressure to concentrate first and foremost on islamists extremists in Syria.

Ths risk of sidelining the Assad issue, however, is that moderate Sunni rebels may feel abandoned and force many of them to side with the IS.

The bizarre result of present and future Daesh terrorism, however, might likely be a united coalition against the islamist terrorists, which will remain unable to launch what is inevitable, if it were to defeat the IS – sending ground troops.

Russlands Militärintervention in Syrien

Die verstärkte Militärhilfe, vor allem aber die offene Militärintervention Russlands in Syrien verändert die politische und militärische Lage in diesem Land radikal. Putin hat sich dazu entschlossen, dem syrischen Regime zu Hilfe zu kommen, weil al-Assad in den letzten Monaten deutliche Gebietsverluste hat hinnehmen müssen. Mit den russischen Luftangriffen werden die syrischen Streitkräfte am Boden an allen derzeitigen Fronten unterstützt. Dabei geht es zunächst darum, eine Implosion des Regimes von al-Assad zu verhindern. Die russische Führung fürchtet, dass in einer solchen Lage ein radikal-sunnitisches Regime an die Macht gelangen könnte, das nicht nur Russlands Interessen in Syrien bedroht, sondern auch die Sicherheit im russischen muslimischen Nordkaukasus untergraben könnte.

Russland will mit dieser Intervention aber auch deutlich machen, dass eine politische Lösung der Syrienkrise ohne Moskau nicht möglich sein wird. Russland wird am Verhandlungstisch dabei sein, um seine Interessen in Syrien abzusichern. Mit der Militärintervention will Russland bei diesen Verhandlungen aus einer Position der Stärke agieren. Die dauernde militärische Präsenz in Syrien wird sich Russland dabei nicht nehmen lassen. Die russischen Streitkräfte sind gekommen, um zu bleiben.

Die Militärintervention soll aber auch deutlich machen, dass Russland in der Lage ist, militärische Macht auch außerhalb der Region der ehemaligen Sowjetunion zu projizieren. Russland erhebt den Anspruch, auf die Anerkennung als Großmacht und macht deutlich, dass es eben nicht nur eine Regionalmacht ist, wie sie Obama vergangenes Jahr abschätzig eingestuft hat. Dabei ist der ausgebaute Marinehafen im syrischen Tartus und die Luftwaffenbasis südlich von Latakia nur Teil einer breiteren Militärstrategie Russlands, das östliche Mittelmeer mit zu kontrollieren. Die Zusammenarbeit mit Zypern, Griechenland und mit Ägypten geht in diese Richtung.

Russland will mit der zumindest taktischen Unterstützung al-Assads auch klarstellen, Alliierte nicht fallen zu lassen – anders als die USA, die Mubarak plötzlich aus dem Weg räumen liessen. Überdies sollen keine Aufstände gegen eine aus russischer Sicht legitime Regierung mit ausländischer Hilfe zum Erfolg gelangen.

In Russland selbst wird die Putin-Führung um Unterstützung in der Bevölkerung werben müssen. Mitte September unterstützten nur 14 Prozent der Russen eine Militärintervention in Syrien. Die staatlich kontrollierten Medien arbeiten aber nun daran, dies als notwendigen Krieg gegen den islamistischen Terrorismus darzustellen, der in Syrien bekämpft werden soll, um ihn von Russland fernzuhalten. Zur Legitimitätsabsicherung nach Innen wird auch die russisch-orthodoxe Kirche benutzt. Der Sprecher des Patriarchen Chaplin nennt die Militärintervention eine “heilige Schlacht”, der Patriarch selbst bezeichnet sie als “verantwortliche Politik”.

Russland geht mit seinen militärischen Aktionen direkt gegen westliche Interessen vor. Es bombardiert nicht nur den Islamischen Staat, sondern auch Rebellenverbände, die von den USA oder der Türkei unterstützt werden. Für Russland ist die Jaish-al Fatah, der unter anderem die Jabhat al-Nusra (der al-Quaeda Ableger in Syrien) und die von den Türken unterstützte islamistische Ahrar al Scham angehören, ein legitimes militärisches Ziel. Die Luftangriffe der Russen werden sich dabei vor allem auf das nordwestliche Syrien in der Provinz Idlib und die Region östlich von Homs und Hama konzentrieren.

Das wird die Lage in Syrien verschärfen. Russland argumentiert, dass es alle islamistischen Verbände bekämpfen will – auch aus Angst, dass die 4.000 russischen Kämpfer in deren Reihen bei ihrer Rückkehr in Russland Terroranschläge verüben werden.

Dabei haben Russland und die USA noch immer unterschiedliche Konzepte für eine Verhandlunglösung. Putin will al-Assad als Teil einer Übergangsregierung, die USA wollen dies nur für eine kurze Übergangszeit akzeptieren. Als Bündnispartner im Kampf gegen den IS will die USA al-Assad aber nicht akzeptieren.

Russland erwartet von einer neuen Regierung – der al Assad auf lange Sicht nicht mehr angehören muss – die Beteiligung der Alawiten und der Christen und Vorkehrungen, um ethnische Säuberungen, die sich gegen die Alawiten richten könnte, zu verhindern. Unverhandelbar ist für Russland auch in einem post-Assad Syrien die dauerhafte russische Militärpräsenz. Mit der russischen Intervention ist die Syrienkrise endgültig zur globalen Krise geworden.