Mein Wissenschaftsverständnis: Eine kleine Handreichung.

Erlauben Sie mir, diese Plattform diesmal zu nützen, um mein persönliches Wissenschaftsverständnis zu erklären: Ich arbeite theoriegeleitet empirisch-analytisch. Ich möchte meinen Forschungsgegenstand beschreiben, analysieren,¬†kategorisieren und prognostizieren. Mir liegt es aber fern, Bewertungen abzugeben oder Handlungsanleitungen (für die politische Praxis) zu bieten. Natürlich ist mir die erkenntnistheoretische Debatte gegenwärtig und daher nehme ich auch implizite Werturteile vor, allein schon dadurch, dass ich bestimmten¬†Themen Beachtung schenke und anderen nicht. Ich behaupte nicht, wissenschaftliche Forschung könnte völlig objektiv sein. Trotzdem bemühe ich mich so gut wie möglich, den Bewertungsaspekt aus meiner Forschung auszuschließen.

Wenn Russland im östlichen Aleppo durch den Einsatz von Phosphorbomben, Splitterbomben und bunkerbrechenden Waffen gegen Zivilisten Kriegsverbrechen begeht, dann konstatiere ich, dass Kriegsverbrechen begangen wurden. Als Wissenschaftler erlaube ich mir darüber aber keine Empörung und schon gar nicht, zu skizzieren, wie gegen diese Kriegsverbrechen vorgegangen werden sollte (sondern nur wie dagegen vorgegangen werden könnte). Als Wissenschaftler will ich nicht zum Aktivisten werden, der Partei ergreift und die Verhältnisse ändern will. Viele Bilder entsetzen mich als Mensch, aber das hat in meiner Arbeit als Wissenschaftler nichts verloren,. Viele meiner Kollegen sehen das anders und haben ein anderes Wissenschaftsverständnis. Die meisten Journalisten auch. Das ist das gute Recht eines jeden. Aber es ist eben nicht mein Wissenschaftsverständnis.

Ich schreibe dies nieder, weil mir immer wieder vorgeworfen wird, bestimmte Ereignisse oder Entwicklungen nicht zu verurteilen, keine Empathie zu zeigen und kühl und sachlich zu bleiben. Diese kurze, skizzenhafte Erklärung soll meinen Kritikern Verständnishilfe bieten und meinen Lesern klar machen, wie ich meine Arbeit verstehe.

5 thoughts on “Mein Wissenschaftsverständnis: Eine kleine Handreichung.”

  1. Dieses Wissenschaftsverständnis ehrt seinen Verfasser. Er möge es konsequent bei seinen Analysen auch weiterhin verfolgen.

  2. Sie deuten Sachverhalte objektiv. Wunderbar. Doch wie kann man sicher sein, dass ein Sachverhalt, so wie er mitgeteilt wird, auch stimmt?

  3. …bezogen darauf, dass ich den Informationen, die uns alle aus Syrien erreichen, schon lange kein Vertrauen mehr schenke.

  4. Ich unterstütze das Wissenschaftsverständnis von Professor Mangott ebenfalls. Es ist ganz im Sinne der Weberschen “wissenschaftlichen” Redlichkeit, sich so gut wie möglich von Bewertungen fernzuhalten, sondern auf Fakten hinzuweisen oder Hypothesen aufgrund von Fakten aufzustellen. Wir alle arbeiten natürlich mit normativen Schablonen. Solange wir diese mit der Realität rationaler Machtkonstellationen abgleichen, verfallen wir nicht in eine “normative Wahnvorstellung”. Was Weber allerdings auch gesagt hat, ist, dass wir uns bei letzten Stellungnahmen, auch für den einen oder anderen “Gott” entscheiden müssen. Es gibt natürlich Momente, in denen auch Wissenschaftler Stellung beziehen müssen, zum Beispiel, wenn es darum geht, die wissenschaftliche Freiheit zu verteidigen oder die Logik der Demagogie aufzuzeigen.

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