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Russland und die Affäre Snowden. Ein Interview

Wurde Russland tatsächlich von der Ankunft Snowdens in Scheremetjewo überrascht oder war das so abgesprochen?

Es ist schwer vorstellbar, dass Snowden ohne Wissen und Zustimmung von Regierungskreisen nach Moskau gekommen ist. Allerdings halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass die russischen Behörden von einer raschen Weiterreise Snowdens nach Ecuador ausgegangen sind. Letztlich musste Snowden in Russland verharren, weil die USA seine Reisedokumente für ungültig erklärt, Länder, die ihm Asyl angeboten haben, unter Druck setzt und seine Bewegungsfreiheit radikal eingeschränkt ist. Snowden wurde gegen den Willen Russlands gleichsam ein Gefangener in der Transitzone von Scheremetjevo. Russland ist sehr daran interessiert, dass Snowden das Land verlässt, wird ihn aber nicht ausweisen, sondern versucht, ein Asylland zu finden, in das er sicher transportiert werden kann.

Was bringt es Moskau, sich auf einen längeren Aufenthalt Snowdens und diplomatische Querelen mit den USA einzulassen?

Nachdem Snowden an sich gegen den Willen der russischen Führung in Russland festgesetzt bleibt, versucht sie, wenigstens beschränkten Nutzen daraus zu ziehen. Die Affäre wird von der russländischen Führung genutzt, um die USA als vermeintlicher Hort demokratischer und rechtsstaatlicher Prinzipien zu diskreditieren. Russland kann zugleich seinen Anspruch, ein souveränes, jeglichem Druck sich widersetzendes Land unterstreichen. Der lange und ungeklärte Aufenthalt Snowdens ermöglicht der russischen Führung auch, die von Snowden erhobenen Vorwürde gegen die Regierung der USA als zentrales mediales Thema zu erhalten und damit dem Ansehen der USA zu schaden.

Nicht zu vergessen ist auch, dass die russische Führung damit auch Rache nehmen kann, wegen der (semi-)kriminellen russischen Bürger, die in westlichen Staaten politisches Asyl erhalten haben.

Zuletzt ist auch nicht auszuschließen, dass es zwischen Snwoden und russischen Stellen informative Gespräche gegeben hat.

Putin hat erklärt, die Beziehungen zu den USA seien für Russland wichtiger als Snowden. Welche Rolle spielt seine Vergangenheit als Ex-KGB-Auslandsagent?

Putin meinte damit aber nicht, dass das Schicksal Snowdens den Interessen Russlands an besseren Beziehungen mit den USA untergeordnet und der Flüchtling letztlich ausgeliefert werde. Putin wies nur darauf hin, dass kooperative Beziehungen mit den USA wichtiger seien, als ein fortgesetzter Disput um Snowden. Es war ein Aufruf an die USA, die bilateralen Beziehungen durch die Flüchtlingsaffäre nicht weiter zu belasten. Putins zentrales Ziel ist es, den bilateralen Besuch von Barack Obama in Russland im September nicht zu gefährden.

Als früherer Offizier des KGB hat Putin kaum Sympathien für Snowden. Er sieht ihn wohl eher als Verräter seines Landes, was für einen Agenten ein Frevel ist.

Nach außen hin mutet Putins Lavieren im Fall Snowden wie ein doppeltes Spiel an, der Präsident wirkt unentschlossen.

Putin wirkt unentschlossen, ist es aber nicht. Putin will den Eindruck vermitteln, über die Anwesenheit Snowdens ungehalten zu sein und kein Interesse zu haben, ihm Asyl zu gewähren. Putin will damit den Eindruck erwecken, dass Russland mit der ganzen Angelegenheit eigentlich nichts zu tun haben möchte, allen voran er persönlich nicht. Daher wird derzeit auch nur über „vorübergehendes Asyl“ für Snowden spekuliert und keinen dauerhaften Asylantenstatus. In die Entscheidung über den vorübergehenden Status ist der Präsident formal nicht eingebunden, für dauerhaften Flüchtlingsstatus aber schon.

Tatsache aber ist, dass Russland an seiner angekündigten Linie, Snowden nicht an die USA auszuliefern, immer festgehalten hat und nun mit der vermutlichen Gewährung von „vorübergehendem Asyl“ für die Dauer von einem Jahr eine Lösung zugunsten von Snowden zu suchen bereit ist. Snowden will nicht dauerhaft in Russland bleiben und sucht nach einer sicheren Passage nach Venezuela.

 Wie verkauft er seinen Zick-Zack-Kurs in der Öffentlichkeit? Wie kann er sich des Eindrucks erwehren, er ließe sich von den USA unter Druck setzen?

Nur die sehr informierten Bürger nehmen die differenzierte Haltung Putins in der Affäre wahr. Für die breiten Bevölkerungsschichten demonstriert Putin einmal mehr, Russland als starke Nation nach außen zu vertreten, die sich keinem Druck beugt, auch und schon gar nicht den Pressionen der USA. Das wird von den meisten Russen positiv gesehen und nützt damit Putin.

Interessiert sich in Russland überhaupt eine breitere Öffentlichkeit für den Fall Snowden?

Das mediale Interesse ist groß, die Aufmerksamkeit der Bürger für die Affäre Snowden aber mässig. Der Flüchtende kann emotional nicht wirklich mobilisieren.’

Interview abgedruckt in derstandard.at: http://derstandard.at/1373512883366/Putin-haelt-Snowden-wohl-fuer-einen-Verraeter

 

Stabilität frisst ihre Kinder!

vladislav-surkovAngeblich ist er aus freien Stücken zurückgetreten. Diese souveräne demokratische Entscheidung hat er aber wohl nicht selbst getroffen. Zu lange schon wollten ihn Putins Vertraute aus dem Präsidialamt – Sergej Ivanov und Vjacheslav Volodin – los werden. Der Eklat um angebliche finanzielle Transfers aus der Skolkovo-Stiftung an einen führenden Aktivisten der russländischen Anti-Regierungsproteste (Bolotniki) hat Vladislav Jur’jevich Surkov wohl das Genick gebrochen. Entlassen wurde Surkov am 8. Mai, sein Rücktrittsgesuch hatte er allerdings schon am 26. April eingereicht. Als stv. Vorsitzender der Regierung – zuständig für die Modernisierung und Innovation, aber auch für religiöse Angelegenheiten – zählte er zu den wenigen Vertrauen von Dmitrij Medvedev; zu einem Zirkel, zu dem auch Igor Shuvalov und Arkadij Dvorkovich zu rechnen sind. Surkov war in der Regierung für die Entwicklung von Skolkovo als wissenschaftliches Zentrum zuständig und Mitglied des Aufsichtsrates der Skolkovo-Stiftung. Insgesamt sollen zwischen November 2011 und Dezember 2012 571.000 Euro an Ilja Ponomarjov, Mitglied der Staatsduma und führender Aktivist der Bolotniki, geflossen sein – angeblich für Vorträge und wissenschaftliche Studien (siehe dazu Izvestija, 17.4.2013). Ponomarjov wurde an der Moskauer Staatlichen Universität als Physiker ausgebildet. Die Zahlungen sollen vom stv. Präsidenten der Skolkovo-Stiftung, Aleksej Beltjukov, an Ponomarjov geleistet worden sein. Das staatliche Untersuchungskomitee (Sledstvennij Komitet) unter der Leitung des Putin-Vertrauten Alexander Bastrykin untersucht nun, ob Ponomarjov diese Gelder für die Finanzierung der Aktivitäten der Bolotniki eingesetzt hat. Surkov hatte die Vorgangsweise des Untersuchungskomitees öffentlich scharf kritisiert.

Die Entlassung Surkovs ist vor allem ein Menetekel für Dmitrij Medvedev. Die Entlassung Surkovs war ein deutlicher Sieg der siloviki, der hardliner in Putins Führungsriege. Deren eigentliches Ziel aber ist Medvedev. Auch wenn Medvedev bei der Sitzung des Kabinetts unter dem Vorsitz Putins am 7. Mai sich Putin gegenüber unterwürfig zeigte, scheinen seine Tage gezählt. Mit der Entlassung Surkovs wird seine ohnedies schwache Stellung weiter verschlechtert. Bald ist Medvedev allein zuhaus – im Bjelij Dom.

Surkov war in der ersten Amtszeit von Vladimir Putin als stv. Leiter des Präsidialamtes der “graue Kardinal” gewesen – zuständig für den Aufbau und die Gestaltung der von ihm so genannten “souveränen Demokratie” (сувере́нная демокрaтия). Dazu gehören der Aufbau der Staatspartei “Edinaja Rossija” (Geeintes Russland) und der Jugendbewegung “Nashi” (Unsere) ebenso, wie die Gründung von Kunstparteien zur Schwächung der Kommunisten – u.a. die Partei “Rodina” (Heimatland). Bemerkenswert an Surkov ist, dass er die rokirovka, den Ämtertausch zwischen Vladimir Putin und Dmitrij Medvedev 2011/12 ablehnte. Surkov hatte erkannt, dass dieses Manöver zu Unruhe in den “kreativen Schichten” der russländischen Bevölkerung führen würde. Als er recht behalten sollte und mit dem 10. Dezember 2011 massive Proteste gegen Vladimir Putin begannen, wurde er aus dem Präsidialamt entlassen und zum Regierungsmitglied herabgestuft.

Interview: “Nicht die Opposition, sondern die Rezession macht Putin Angst”

navalny2013

derStandard.at: Registriert Putin die aktuellen Unmuts-bekundungen überhaupt?

Mangott: Die Führung hat sehr genau beobachtet, wie sich die Stimmung vor allem in den großen Städten entwickelt hat. Das Regime nimmt diese Demonstrationen sicherlich ernst; aber es ordnet sie ein als Ausdruck einer minoritären, jungen, städtischen, gebildeten und besser verdienenden Schicht. Es gibt noch immer ein eisernes Wählerkartell, dessen sich Putin gewiss sein kann: konservative, kleinstädtisch-ländliche, eher ältere, schlechter gebildete und schlechter verdienende Russen.

Als die Demonstrationsbewegung noch sehr stark war und zehntausende Bürger auf die Straßen gebracht hat, begann Putin mit der Mobilisierung dieser Kernklientel und hat eine Art Kulturkampf gegen das liberale und als kosmopolitisch verhöhnte Moskau begonnen. Diese kulturelle Mobilisierung drückt sich in der demonstrativen Wertschätzung der russisch-orthodoxen Kirche, in gesetzlichen Schikanen gegen Homosexuelle und im Strafverfahren gegen Pussy Riot aus und hat sich bislang als sehr wirksam erwiesen.

derStandard.at: Ist die Schwäche der Opposition einzig der Repression durch die Regierung geschuldet?

Mangott: Die Demonstration am Montag hat deutlich gezeigt, dass sich die Oppositionsbewegung inhaltlich auch nicht weiterentwickelt hat. Sie hat keine neuen Konzepte und Ziele anzubieten. Die Bewegung gegen Putin war inhaltlich von Anfang an sehr heterogen; rechte Nationalisten, Liberale und Linksextreme marschierten gemeinsam gegen Putin. Das einigende ideologische Band war ein negativer Konsens, nämlich die Forderung nach dem Abtritt Putins. “Russland ohne Putin” war der Slogan, auf den man sich verständigen konnte. Darüber hinaus fehlte aber jedes Konzept, wie Russland regiert werden sollte, wenn Putin zum Rücktritt gezwungen werden könnte. Die starke ideologische Fragmentierung hat ein tragfähiges gemeinsames Konzept für ein Post-Putin-Russland verhindert. Auch am Montag war in den Reden der Anführer der Bürgerbewegung außer den Losungen gegen Putin kein positives Politikangebot zu erkennen. Zusammen mit einer mangelnden Arbeitsstruktur und Rivalitäten zwischen den Lagern hat das dazu geführt, dass die Bürgerbewegung an Rückhalt verloren hat.

derStandard.at: Der entlassene Ex-Finanzminister Alexej Kudrin hat sich unlängst im Fernsehen live einen verbalen Schlagabtausch mit Putin geliefert. Erreicht seine Kritik an der Regierungsführung die Menschen in Russland?

Mangott: Kudrin hatte von Anfang an einen Dialog der Führung mit der Bürgerbewegung unterstützt. Die liberalen Berater Putins drängten ihn, Kudrin wieder in eine führende Funktion zu berufen, um ein Signal der Öffnung und des Dialogs auszusenden. Daher hat Putin ihm zuletzt die Stelle des Zentralbankpräsidenten angeboten, was Kudrin ablehnte. Kudrins eigentliches Karriereziel ist aber die Führung der Regierung, die Ablöse von Ministerpräsident Medwedew. Die ihm angebotene Stellung erschien Kudrin nicht als bedeutsam genug, um den mit der Amtsübernahme verbundenen Verlust an Glaubwürdigkeit gegenüber der Bürgerbewegung wettzumachen, die ihn ohnehin mit skeptischen Blicken beäugt.

derStandard.at: Was verspricht sich Putin davon?

Mangott: Nach Einschätzung vieler Beobachter war dieses Fernsehduell eine vorab inszenierte Auseinandersetzung zwischen beiden. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die spezifische Wortwahl so ausgemacht war, denn Kudrin lässt sich bestimmt nicht in einer Livesendung derart herabwürdigend behandeln und einen Faulpelz nennen. Putin und Kudrin verbindet eine langjährige Freundschaft, die aber in den vergangenen eineinhalb Jahren gelitten hat. Mit der Inszenierung wollte Putin den Eindruck erzeugen, dass innerhalb der Regierung über unterschiedliche wirtschafts- und finanzpolitische Strategien diskutiert werde, es letztlich aber Putin ist, der die Linie vorgibt.

derStandard.at: In derselben Sendung kamen Bürger und Bürgerinnen zu Wort, die ihren Unmut über Missstände in Sachen Pension, Infrastruktur et cetera äußerten. Welchen Zweck hat ein solches mediales Dampfablassen im heutigen Russland?

Mangott: Zum einen sind diese Sendungen immer auch eine Inszenierung der Kompetenz Putins, er beeindruckt bei diesen Call-in-Shows mit seinem Detailwissen in den verschiedensten Bereichen. Zum anderen dienten die kritischen Fragen Putin auch dazu, den Eindruck zu erzeugen, dass Kritik an der staatlichen Führung durchaus zugelassen werde und sich die Führung um die Behebung der geschilderten Missstände kümmere.

derStandard.at: Die Tageszeitung “Kommersant” vermutet hinter dem Registrierungsstopp für sieben Parteien, darunter die Nawalny-Partei Volksallianz, eine zunehmende Nervosität der Behörden, dass diese Gruppen bei den Regionalwahlen im September die Regierungspartei Stimmen kosten könnten. Ist da etwas dran?

Mangott: Nawalny gehört sicher zu den charismatischsten und konsensfähigsten Köpfen der Bürgerbewegung, insofern muss das Regime natürlich auf ihn besonders achten. Würde er in den Strafverfahren, die derzeit laufen, verurteilt werden, hätte er ohnehin nicht mehr die Möglichkeit, eine politische Partei zu gründen. Die Verzögerung der Registrierung hängt sicher mit der besonderen Mobilisierungskraft Nawalnys zusammen. Grundsätzlich ist das russische Justizministerium aber erfreut über die vielen Parteigründungen, weil das hyperliberale Parteiengesetz dazu geführt hat, dass auch noch Personen in der zweiten Reihe der Bürgerbewegung eine eigene Partei gegründet haben. Diese extreme Fragmentierung der Opposition ist natürlich nur im Interesse des Führungsriege um Putin. Das Parteiengesetz hat der Opposition neben der ohnehin bestehenden ideologischen Fragmentierung noch eine organisatorische Fragmentierung eingebracht.

derStandard.at: Von wo droht der russischen Regierung sonst Gefahr?

Mangott: Die russische Wirtschaft hat sich nicht so entwickelt, wie die Regierung es für 2012 und 2013 erwartet hatte. Das Wirtschaftswachstum könnte Wirtschaftsminister Belousow zufolge in diesem Jahr sogar unter zwei Prozent liegen. Wenn die wirtschaftliche Leistungskraft aber so stark abnimmt, ist das Risiko groß, dass der Staat seine Sozial- und Transferleistungen nicht mehr voll bedienen kann. Dann könnte sich das bisher eiserne Wählerreservoir Putins aufzuweichen beginnen, und der Unmut in den Städten, der nach politischer Teilhabe drängt, könnte sich mit sozialen Protesten auf dem Land verbinden. Vor dieser Entwicklung hat Putins Führung am meisten Angst. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 7.5.2013)

… СПАСИБО …

rote-armee-reichstag_flaggeGratitude to the Soviet Red Army and Marshal Georgi Konstantinovich Zhukov commander of the victorious Red Army at Berlin, for crushing the Nazi beast. Praise for the Russian and non-Russian Soviet peoples for their braveness and heroism.

The Soviet Union won this war despite its brutal leader, not due to him.

Die Ruhe vor dem Sturm

sturmDie Reihen haben sich gelichtet. Die Teilnehmerzahl an den Demonstrationen gegen die russische Führung ist in den letzten Monaten deutlich zurückgegangen. Dies hat vor allem drei Gründe. Die Bürgerbewegung gegen die massive Fälschung von Wahlen und die Rückkehr von Vladimir Putin in das Präsidentenamt war von Beginn an ideologisch fragmentiert. Die Aktivisten konnten sich nur auf einen negativen Konsens einigen; „Rossija bez Putina“ (Russland ohne Putin) war das einigende Band für ganz gegensätzliche politische Lager. Der Bewegung ist es innerhalb von 18 Monaten aber nicht gelungen, eine Einigung darüber zu erzielen, wie sie Russland regieren würde, sollte denn Putin aus dem Amt gedrängt werden können. Rechtsliberale Verfechter freier Marktwirtschaft konnten sich nicht mit linksetatistischen Radikalen, die für eine starke Rolle des Staates in der Wirtschaft  eintreten einigen. Ebenso unmöglich war eine Einigung zwischen rechtsnationalistisch-rassistischen Aktivisten und den linksliberalen Vertretern, die für Bürger- und Freiheitsrechte eintreten.

Der zweite Grund ist der gescheiterte Versuch der Bürgerbewegung, sich funktionierende und belastbare Strukturen mit einem koordinativen und planerischen Führungsgremium zu geben. Zwar wurde im Oktober 2012 über das Internet eine Koordinationsrat mit 45 Mitgliedern gewählt; die ideologischen Gegensätze in diesem, nur von 89.000 Russen gewählten, Gremium, haben die effektive Lenkung der Bewegung blockiert. In diesem Gremium gibt es scharfe Debatten, welche Formen die Proteste annehmen sollen. Auch lehnen immer mehr liberale Aktivisten ab, mit links- oder rechtsextremen Gruppen gemeinsame Aktionen durchzuführen.

Der wichtigste Faktor aber war eine systematische repressive Linie der Führung um Vladimir Putin, die alles daran setzt, die Bürgerbewegung zu schwächen und ihre führenden Aktivisten zu neutralisieren. Treibende Kraft dieser Linie der Repression ist Vjacheslav Volodin, der 1.stv. Leiter des Präsidialamtes von Putin.

Die erste Maßnahme war die Verhaftung von mehr als 20 Aktivisten auf der, durch Ausschreitungen gekennzeichneten, Demonstration am Vorabend der Angelobung Putins am 6. Mai 2012. Inzwischen wurde ein Demonstrant zu viereinhalb, ein anderer zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt; es stehen noch 8 Gerichtsverfahren an. Darauf aufbauend wurde das Demonstrationsrecht verschärft. Hohe Finanzstrafen für die bloße Teilnahme an Demonstrationen, die gewaltsam eskalieren, wurden eingerichtet. Das hat viele der weniger politisierten Moskauer Bürger abgeschreckt, an weiteren Demonstrationen teilzunehmen. Führende Aktivisten der Bewegung wurden durch Hausdurchsuchungen eingeschüchtert. Eine weitere gesetzliche Maßnahme war die Ahndung von Verleumdung durch das Strafrecht – nicht wie zuvor durch das Zivilrecht.

Die repressive Linie Putins enthält aber auch einen Rammbock gegen die zivile Gesellschaft, die vielen NGOs, die seine Führungsriege und seine Herrschaftsstruktur heftig kritisiert hatten. Durch eine Novelle des NGO-Gesetzes von 2006 sind nun alle NGOs, die politische Aktivitäten durchführen und ausländische Fördergelder erhalten, gezwungen, sich als „ausländische Agenten“ zu bezeichnen. Nachdem keine NGO dem nachgekommen war, haben Staatsanwaltschaft und Justizministerium vor wenigen Wochen umfassende Razzien bei den NGOs durchgeführt. Die Wahlbeobachtungs-NGO Golos wurde inzwischen mit einer hohen finanziellen Strafe belegt; die NGO Memorial, die sich nicht zuletzt mit den Verbrechen Stalins befasst, wurde eine solche angedroht. Politische aktive NGOs – so eine öffentlich kaum bemerkte Bestimmung des Dima-Yakovlev-Gesetzes aus dem Dezember 2012, das US-Bürgern die Adoption russischer Waisenkinder verboten hat – dürfen keine Gelder aus den USA annehmen.

Zuletzt ist ein wesentliches Element dieser repressiven Strategie die Kriminalisierung der führenden Vertreter der Bürgerbewegung. Aleksej Navalnyj, der rechtsnationale Anwalt und Kämpfer gegen Korruption in der staatlichen Verwaltung und den staatsnahen Betrieben steht derzeit wegen angeblicher Veruntreuung von Holz vor Gericht; es werden ihm noch weitere Delikte vorgeworfen. Der linksradikale Sergej Udalcov, der schon mehrfach in Hungerstreik getreten ist, steht derzeit unter Hausarrest. Ihm wird vorgeworfen, zusammen mit führenden Mitgliedern der abgewählten georgischen Führung, „Massenunruhen“ vorbereitet und angezettelt zu haben.

Putin hat diese repressive Linie gegen die Bürgerbewegung eingerahmt in einen Kulturkampf des traditionellen, ärmeren, schlechter gebildeten, wertkonservativen und autoritätshörigeren ländlichen und kleinstädtischen Russland gegen das urbane, besser gebildete, jüngere und einkommensstärkere Russland. Das erste Lager, dem auch die Staatsangestellten, die Mitarbeiter in der staatlichen Rüstungsindustrie und deren Familien angehören, zählt noch immer zum „eisernen Wählerkartell“ Putins. Für diese Schichten sind auch die aggressiven gesetzlichen Maßnahmen gegen Homosexuelle, die enge Bindung des Regimes an die orthodoxe Kirche und die patriotische Mobilisierung gegen den angeblichen ausländischen Druck auf das von Feinden belagerte Russland gedacht. Die Aktionen der radikalen Feministen von Pussy Riot und die zahlreichen abstossend-obszönen Aktivitäten ihrer früheren Gefolgsleute konnte Putin in diesem Kulturkampf geschickt für seine Ziele nutzen. Es sind noch immer 63 Prozent der russischen Bürger mit der Amtsführung Putins zufrieden; Putin führt auch mit großem Abstand die Liste der Politiker an, denen die Russen Vertrauen entgegenbringen.

Putins repressiver und autoritärer Kurs ist aber in dem informellen Führungszirkel, der das Land führt, nicht unumstritten. Putin ist nicht der alleinige Lenker Russland; er ist gezwungen, seine Entscheidungen in diesem informellen Führungszirkel, den manche Beobachter als „Politbüro 2.0“ bezeichnen, abzustimmen. Zu den liberalen Kritikern zählen der derzeitige Ministerpräsident Medvedev und seine Mitarbeiter Shuvalov und Dvorkovich. Diese treten für einen Dialog mit der Bürgerbewegung und eine politische, soziale und wirtschaftliche Modernisierung Russlands ein; auch außenpolitisch treten sie gegen einen konfrontativen, v.a. gegen die USA und die EU gerichteten Kurs auf. Allein, dieser Zirkel ist derzeit viel zu schwach.

Die repressive Linie war bislang der zentrale Grund für die deutlich schwächer werdende Bürgerbewegung. Dies könnte Putin – oberflächlich besehen – also Recht geben. Allerdings hat sich nach soziologischen Erhebungen die Zahl der Unzufriedenen nicht verringert, ist der Missmut, der Zorn und die Verachtung für die Führungsriege geblieben. Es ist kaum zu erwarten, dass sich dieser Unmut nicht wieder Bahn bricht.

Ein entscheidender Faktor für den Fortgang der Proteste wird die wirtschaftliche Entwicklung Russlands sein. Das wirtschaftliche Wachstum droht in 2013 auf weniger als 2 Prozent des BIP einzubrechen; auch für die kommenden Jahre ist keine dauerhafte Erholung zu erwarten. Darin liegt eine erhebliche Gefahr für das Regime. Wenn der Staat nicht mehr in der Lage sein wird, seine sozialen Transferleistungen in vollem Umfang zu zahlen, wird auch das „eiserne Kartell“ zu wanken beginnen. Davor hat die Riege um Putin die größe Angst, den Brückenschlag zwischen der städtischen Opposition, die auf demokratische Teilhabe drängt, und der sozialen Unzufriedenheit des wertkonservativen Russland. Die Zeichen stehen an der Wand.

Dieser Kommentar ist am 6. Mai 2013 in der Tiroler Tageszeitung erschienen.

Putins brillanter Schachzug mit der Skandalisierung von Pussy Riot

Die radikalen Feministinnen Tolokonnikova und Alëchina sind nun rechtswirksam verurteilt. In gewissem Sinne haben sie damit bekommen, was sie wollten, was sie aber zweifellos nicht verdienten. In keinerlei Hinsicht. Die autoritäre Fraktion in der russländischen Führungsriege, der Vladimir Putin derzeit zuneigt, hat durch den Gang der Ereignisse an den meisten Fronten beeindruckend gewonnen. Die Strategie dieses Zirkels war brillant durchdacht.

Ziel 1: Das zentrale Interesse der Opposition war seit dem späten Frühjahr gewesen, den demokratischen Protest der liberalen Städter mit der steigenden sozialen Unzufriedenheit der kleinstädtischen und ländlichen Bevölkerung zu vereinen. Mit der Pussy-Riot-Aktion ist es dem Regime nun aber gelungen, die Opposition bei der wertkonservativen Landbevölkerung als moralisch verkommen und antirussisch darzustellen. Die staatlichen und staatlich kontrollierten Medien haben nicht nur die geschmacklose Darbietung der Musikerinnen in der Kathedrale selbst permanent re-inszeniert; sie haben vielmehr frühere, radikalere und abstoßendere Aktionen eines Vorläufers von Pussy Riot, der Künstlerverbindung Voina (Krieg) immer wieder gezeigt. Allen voran die sexuelle Orgie im Moskauer Staatlichen Biologischen Museum vom Februar 2008, an der die hochschwangere Tolokonnikova teilnahm (womit die staatlichen Medien sie als unverantwortliche Mutter zu zeichnen versuchten) oder die Aktion in einem Moskauer Supermarkt im September 2010, als sich eine Voina-Aktivistin ein totes Huhn in ihre Vagina einführte.

Auch wenn viele Mitglieder der liberalen politischen Opposition die Aktion(en) der Frauen nicht gutgeheißen haben, sahen sie sich zurecht gezwungen, entschieden und sichtbar gegen die Haft, das Strafverfahren und das Urteil gegen Pussy Riot aufzutreten. Dadurch nahmen sie aber unweigerlich die Rolle ein, die das staatliche Führungskartell ihnen in dieser Posse zugewiesen hatte: zu Verteidigern des Frevlerischen, des Lasziven und des Obszönen zu werden.

Ziel 2: Die als Schändung der Ikonostase durch Pussy Riot bewertete Aktion war für die russisch-nationalistischen Aktivisten, die eine beträchtliche Zahl der Demonstranten der vergangenen Monate stellten, ein Fanal. Die Verteidigung der inhaftierten Feministinnen durch liberale Führungsfiguren, vertiefte die ohnehin schon bestehenden Gräben in der Opposition und schürte Misstrauen. Putins Führungsriege ist es damit gelungen, einen (weiteren) Keil in das Lager der städtischen Unzufriedenen zu treiben. Attacken gegen die russisch-orthodoxe Kirche werden von den Nationalisten nicht mitgetragen; ein antiklerikaler Fokus der städtischen Proteste würde die bislang ohnehin fruchtlosen Versuche der Opposition untergraben, die ländliche Bevölkerung gegen die Regierung Putin aufzubringen. Die Bindungen zwischen der ländlich-bäuerlichen Bevölkerung zur orthodoxen Kirche sind sehr viel stärker; Attacken gegen die Kirchenführung würden von diesen Bevölkerungsschichten als abstoßend empfunden werden.

Ziel 3: Putins Strategie setzte darauf, die Themen der öffentlichen Debatte zu bestimmen. Anstatt über staatliche Repression, Korruption, demokratische Teilhabe und bürgerliche Freiheiten zu diskutieren, wurde die Opposition in einen Kulturkampf zwischen dem laizistisch-säkularen Russland und dem wert- und strukturkonservativen russisch-orthodoxen Russland hineingezogen. In dieser Debatte sind die liberalen Positionen nicht mehrheitsfähig.

Die hysterischen Gesten im Ausland zur Unterstützung von Pussy Riot haben der Strategie Putins außerordentlich genützt. Die wertkonservative Bevölkerung Russlands sieht im westlichen Ausland ohnehin sowohl Quelle und Ursache für den moralischen Niedergang der russischen Gesellschaft als auch einen Feind der russischen staatlichen Selbständigkeit.

Foto: http://lgbexpress.ecolint.ch/currents/andthewinnerisvladimirputinagain

russisch-orthodoxe kirche im visier der proteste?

Nachdem sich die konservative Führung der russisch-orthodoxe Kirche – allen voran Patriarch Kirill und Erzpriester Caplin – nachdrücklich für die Strafverfolgung von Pussy Riot eingesetzt hat, mehren sich die anti-klerikalen Elemente in der russländischen Protestbewegung. So nachvollziehbar dieser Unmut auch ist, so strategisch unklug wäre es, die russisch-orthodoxe Kirche(nführung) ins Visier der für den Herbst angekündigten Protestaktionen zu nehmen. Zum einen stellen russisch-nationalistische Zirkel und Verbände eine beträchtliche Zahl der Demonstranten. Attacken gegen die Kirche werden von den Nationalisten nicht mitgetragen; Aufrufe gegen die Kirche auf den Kundgebungen würden wohl zu einer Spaltung der Proteste führen. Zum anderen würde ein antiklerikaler Fokus der städtischen Proteste die bislang ohnehin fruchtlosen Versuche der Opposition untergraben, die ländliche Bevölkerung gegen die Regierung Putin aufzubringen. Die Bindungen zwischen der ländlich-bäuerlichen Bevölkerung zur orthodoxen Kirche sind sehr viel stärker; Attacken gegen die Kirchenführung würden von diesen Bevölkerungsschichten als abstossend empfunden werden. Die Kluft zwischen der städtisch-gebildeteren Bevölkerung und der kleinstädtisch-ländlichen Bevölkerung würde damit vertieft werden.

Die Haltung der Kirche im Fall Pussy Riot hat aber die ohnehin bestehenden Gräben zwischen modernisierenden Klerikern und den etatistischen Konservativen weiter verschärft. Es wird interessant zu beobachten sein, ob sich die Fraktion der Modernisierer in den nächsten Monaten selbstbewusster zeigen wird.

Siehe dazu auch ein Interview von mir mit der Deutschen Welle: http://www.dw.de/dw/article/0,,16159557,00.html

Foto: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f3/Patriarch_Kirill_of_Moscow_.jpg

10 thesen zu den russischen bürgerprotesten

1. Die russische Führung sendet ambivalente Signale, wie sie mit den Bürgerprotesten umgehen will. Repressiven Aktionen (Verschärfung des Demonstrationsrechtes, das Gesetz über NGO’s als ‚ausländische Agenten‘, das novellierte Verleumdungsgesetz, Verhaftungen, Hausdurchsuchungen) stehen moderate politische Reformen (Parteiengesetz, Regionalwahländerungen) und die Bereitschaft gegenüber, friedliche Demonstrationen zu dulden.

2. Die Bürgerproteste dauern an, die Zahl der Demonstrationsteilnehmer ist wieder angestiegen; der Rückgang der Teilnehmerzahlen im März war offensichtlich nur vorübergehend. Es bleibt aber weiterhin eine sozial (Mittelschicht) und regional (große Städte) fokussierte Protestbewegung.

3. Die Protestbewegung ist weiterhin inhaltlich diffus und ideologisch widersprüchlich. Auch fehlt ihr eine klare und akzeptierte koordinierende Struktur und/oder Führungspersönlichkeit(en).

4. Die Regierung scheint auf die weitere Fragmentierung der Protestbewegung zu setzen (wozu das hyperliberale Parteiengesetz beigetragen hat) und versucht, Führungsfiguren zu diskreditieren und inhaltliche Differenzen zwischen diesen zu provozieren.

5. Die führenden Aktivisten der Proteste (Navalnyj, Jašin, Nemcov, Udalcov) sind inhaltlich wenig überzeugend, bisweilen kaum berechenbar und extremistisch (Navalnyj, Udalcov). Aus dieser Bewegung ist derzeit noch keine alternative Führungsfigur zu V. Putin erkennbar.

6. Innerhalb der Führung verschärfen sich nach mehreren Anzeichen Auseinandersetzungen über die Strategie gegenüber der Protestbewegung. Dabei wird die Bruchlinie zwischen den technokratischen ökonomischen Liberalen und den Vertretern der Sicherheitsdienste (siloviki) deutlich.

7. Als zentrale Gefahr wird von der Führung die Verschmelzung der politischen Proteste mit möglichen sozialen Protesten als Ergebnis einer wahrscheinlicher werdenden wirtschaftlichen Rezession als Ergebnis externer Schocks gesehen.

8. Möglich ist auch eine Radikalisierung der nationalistischen und/oder der marxistischen Elemente der Proteste. Das würde aber ziemlich sicher zu einem Auseinanderbrechen der Bürgerbewegung führen.

9. Bei einer Zuspitzung der Proteste ist derzeit ein repressiveres Vorgehen der Führung wahrscheinlicher als weitere Reformschritte. Allerdings ist nach Ansicht des Autors das Risiko hoch, dass ein repressiver Kurs gegen soziale-politische Proteste, die Lage eskalieren wird. Dabei ist aber nicht mit einem graduellen Übergang, sondern mit Verwerfungen und Erschütterungen zu rechnen.

10. Die Sorge der derzeit noch inaktiven Mittelschichten vor einer solchen ‚revolutionären Situation‘ ist für die Regierung, die als zentrale Werte ‚Stabilität‘ und ‚Regierbarkeit‘ postuliert, bis jetzt zumindest noch eine Rückversicherung gegen das ‚Aufruhrszenario‘.

Foto: http://www.washingtonpost.com/world/young-russian-protesters-want-change-but-lack-a-leader/2011/12/19/gIQAGbpc4O_story.html