Navalnyj und das Volk

Aleksej Anatol’evic Navalnyj ist derzeit die charismatischste Führungsfigur der Opposition in Russland. Sein Aufstieg erfolgte in dem Medium, das in Russland die freie Meinungsäußerung aufrecht erhält – das Ru.net, das Internet mit Blogs (v.a. auf Live Journal, Живой Журнал), Info-Agenturen (wie slon.ru) und sozialen Netzwerken (wie V Kontakte). Navalnyj, Jurist, geboren am 4. Juni 1976 in der Region Moskau, hatte sich zunächst (seit 1999) in der sozialliberalen Partei Jabloko engagiert, wurde aber 2007 nach heftiger Kritik an deren damaligen Vorsitzenden Grigorij Javlinskij ausgeschlossen. 2008 begann Navalnyj in seinem blog Korruptionsfälle in staatsnahen und staatlichen Betrieben, v.a. Gazprom, VTB, Transneft u.a. aufzudecken. 2011 hat Navalnyj dazu die website rospil.info gestartet, auf der Verdachtsfälle von Korruption in staatlichen Betrieben und der staatlichen Verwaltung aufgezeigt und dokumentiert werden können. Navalnyj hat auch Aktien mehrerer staatlicher Betriebe erworben, um als Aktionär Anspruch auf detaillierte Informationen der Unternehmsführung geltend machen zu können.

Im Februar 2011 hat Navalnyj die Bezeichnung ‘Partei der Diebe und Schwindler’ (Единая Россия — это партия жуликов и воров, Partija zulikov i vorov) für die Staatspartei ‘Geeintes Russland’ geprägt. Diese Losung wurde gleichsam zum inhaltlichen Refernzpunkt zahlreicher dissidenter Strömungen und Bewegungen. Die Abneigung gegen das herrschende Establishment vermag die disparate politische Opposition in Russland zu einen. Es ist ein negativer Konsens. Auf ein gemeinsames Gegenprogramm aber konnte sich die Opposition bislang nicht einigen. Dies zeigte sich auch in der Vorbereitung der Demonstration am Bolotnaya Ploshchad wieder. Gestern hatten sich lähmende Debatten über den Veranstaltungsort der heutigen Demonstration entwickelt. Die radikalnationalistischen Anhänger Limonovs und die Waldschützer um Frau Cirikova waren vehement dagegen gewesen, die Kundgebung vom Plozhad’ Revoljucii zum Bolotnaja Plzhad zu verlegen und beschimpften den Rest der Opposition als ‘Verräter’.

Bemerkenswert an Navalnyj ist, dass er nicht nur gegen die Korruption in der staatlichen Bürokratie, die politische Gängelung und gegen Geeintes Russland und Putin agitiert. Navalnyj zählt darüber hinaus nämlich auch zu den charismatischen Führern der russisch-nationalistischen Bewegung in Russland. Er hat mehrfach am ‘Russischen Marsch’ (Русский марш) am 4. November – dem ‘Tag der Volkseinheit’ – teilgenommen; 2011 war er sogar im Organisaionskomitee dieser Proteste. Zu verweisen ist hier auch auf ein Video der ‘Russischen Nationalen Befreiungsbewegung’ (Narod) – zu deren Gründungsmitgliedern Navalnyj 2007 zählte -, in dem Navalny Nordkaukasier mit Kakerlaken vergleicht, zu deren ‘Ausrottung’ er eine Pistole empfehle. Die zentrale Parole des nationalistischen ‘Russischen Marsches’ ist: ‘Russland den Russen’! (Rossija dlja russkich).

Foto: http://www.opendemocracy.net/files/Navalny%20RFE_RL.jpg

30 thoughts on “Navalnyj und das Volk”

  1. Das klingt ja bedenklich! Die Xenophobie ist in Russland also doch ein Thema, nicht so wie Sie dies im öminösen Europastudio darstellten. Sie meinten der Name Rossiskaja Federacija verweise auf die Sensibilität der Russländer_innen bezüglich anderer Ethnien. Dieser Artikel hier ist in einem inhaltlichen Widerspruch zu Ihrer damaligen Argumentation gehalten Herr Mangott!

  2. Ihr Posting zeigt, dass Sie mich nicht verstehen!
    1. Ich sagte im Europastudio nicht, dass es in Russland keine xenophoben Stimmungen gäbe. In allen meinen Vorlesungen weise ich gerade daraufhin hin, wie mobilisierungsstark diese Ideen in Russland sind. Ich sagte im ORF, dass die Führung mittlerweile Angst vor einer nationalististischen Eskalation hat (die sie früher ! mit unterstützt hatte), weil sie diese nicht mehr kontrollieren kann. Denken Sie an die Ereignisse im Dezember 2010 auf dem Manezhnaya Plozhad’
    2. Die Entscheidung für ‘Rossijskaja Federacija’ im April 1992 war eine Entscheidung der politischen Elite (!), nicht der Bevölkerung. Nichts anderes habe ich jemals gesagt.

  3. Die Aussage Prof. Mangotts über seine Vorlesungen kann ich als Ohren- und Augenzeuge nur bestätigen …

  4. Aber gerade die Aussagen Frau Scholls, die doch irgendwie auch auf die Xenophobie hinwies beurteilten Sie als “russophob” oder missverstehe ich Sie abermals? Mir tut es leid Herr Mangott, ich bestätige Ihnen gerne, dass ich auch von Ihnen sehr viel halte und bitte wählen Sie einen neutraleren Ton mir gegenüber in der Öffentlichkeit! Ich danke Ihnen sehr!

  5. ‘irgendwie’ trifft es sehr gut. Sie hat es nur ein wenig durcheinander gebracht.
    Besonders ‘eigen’ war der Verweis Scholl’s darauf, dass in Russland angesichts der Eurokrise die Sektkorken knallen würden (O-Ton !). Angesichts der Tatsache, dass Russland 45 Prozent seiner Export auf dem Binnenmarkt der EU absetzt, d.h. von der Nachfrageentwicklung seiner Produkte auf diesem Markt sehr abhängig ist und angesichts des Umstandes, dass die Russländische Zentralbank 45 Prozent ihrer Hartwährungsreserven in Euro handelt, wohl nicht sehr glaubwürdig….

  6. Sie haben einen sehr diffenzierten und analytischen Zugang zu Russland Herr Mangott, und das ist Ihr großes Verdienst, das macht Ihnen niemand streitig, besonders ich nicht! Aber Frau Scholl meinte es doch in Bezug auf das Missgeschick der Wahlen in Amerika, sodass auch im Westen solche Pannen passieren? Sie haben dann natürlich recht mit der wirtschaftlichen Interdependenzen und dem Widerspruch zu Scholls Kommentar, aber das ist eine andere Ebene. Frau Scholl hat jahrelang in Russland gelebt und auch wenn “Moskau nicht Russland ist” (Heiden) so ist es doch ein Teil, denn Wien ist schließlich, so gesehen, auch nicht Österreich. Scholl hat offenbar eine innige emotionale Bindung zu Russland und kann einfach nicht alles gutheißen. Das wäre doch schlimm jegliches imperiale Handeln dieses Landes zu affirmieren und zu verteidigen, oder Herr Mangott?

  7. Ich sage nicht, dass die Kritik Frau Scholls emotional war, sondern einfach anders als Ihre, die ich selten vernahm…

  8. @Susanne: “Moskau ist nicht Russland” wird bestätigt durch die Ergebnisse der Staatsduma-Wahl für “Geeintes Russland” in Moskau bzw. St.Petersburg und in den sonstigen Regionen dieses riesigen Staatsgebildes …

  9. Herr Heiden,
    danke für Ihre Analyse, konnten Sie tatsächlich die russische Seite, die Herr Mangott in den Blog stellte, entziffern? Ich war der Meinung ohne Russischkenntnisse sei man komplett aufgeschmissen, da nicht mal die Parteinamen zu verstehen und übersetzen gewesen wären ohne kyrillische Schriftkenntnisse.
    Vielleicht ist auch die Manipulation in ländlichen Gebieten einfach leichter zu bewerkstelligen?

  10. Herr Prof. Mangott sorgt für “Nachhilfe” in der russischen Schrift und Sprache während seinen Vorlesungen, ein “Komplett-Programm” sozusagen. Sie sollten sie frequentieren: Noch gibt es Platz für “Nachzügler” …

  11. Спасибо большое гожподин Хейден!
    Я уже умею говорит и читать по-русский!
    Сузанне

  12. @Susanne: Das wusste ich bereits von Ihren früheren Eintragungen in diesem BLOG! Sie gehören ja zu dessen treuen LeserInnen und sind demnach ein richtiger “Mangott-Fan” …

  13. Ich vergaß, Frau Susanne: Lesen Sie das Buch von Dmitri Trenin “Russland – Die gestrandete Weltmacht” oder auch das hervorragende Buch des Besitzers dieser Seite “Der Russische Phönix” und erkennen sie die Probleme, vor denen Russland steht. Das Gejammere von Frau Scholl, das Sie als “innige emotionale Bindung” zu Russland verstehen, kann weder den Blick auf unser geliebtes Land schärfen, noch die anstehenden Probleme lösen. Es trägt nur dazu bei, die hier im Westen anzutreffende Arroganz gegenüber dem unfähigen Osten zu bestärken und einer sinnvollen Diskussion aus dem Weg zu gehen.

  14. Hab mich nicht ausgekannt, was Sie meinten mit “Wir glauben an Russland! Deshalb das Fragezeichen. Ich glaube auch an Russland! Es ist so ein tolles Land!!!!

  15. Glaube – Liebe – fehlt nur noch die Hoffnung, um ein wahrhaft christliches Verhältnis zu Russland zu haben … Moskau bleibt eben doch “das 3.Rom”!

  16. Die Susanne ist doch ein fetter Troll! Herr Professor, ihres Blog ist populär geworden )
    Was ich zugeben würde: die Parole von Navalnyj war “Es reicht Kaukasus zu füttern”, was ändert die Betonung. Wir haben gesehen, wie die Republiken von Kaukasus abgestimmt haben, und die Unterschied zwischen Regionen ganz klar ist. Wie hat er argumentiert: wenn die vernünftige Politiker diese nationalistische Protest nicht kontrollieren, kann die Situation schlecht werden.
    http://youtu.be/tna0_pkU1-c

  17. Ich gehe davon aus, dass Ihre Muttersprache nicht deutsch ist, sonst wüssten Sie, wie gemein Ihre Aussage klingt. Bin ich populär, das wusste ich gar nicht…

  18. Erst jetzt habe ich das Video betrachtet und bin sehr schockiert über diese infame Ausgeburt der Xenophobie!

  19. Interessant, dass bei der heutigen (17.12.) Protestdemo in Moskau (laut Polizei 1500 TeilnehmerInnen) u.a. gefordert wurde, Navalnyj zum Gegenkandidaten gegen Putin bei der Präsidentschaftswahl zu nominieren. Der “Navalnyj-Zug” scheint sich also schon in Bewegung zu setzen …

  20. Das wär ja schrecklich…
    Vielleicht gelingt es integeren Menschen zukünftig in Russland ja, die politischen Geschicke mitzubestimmen, es wäre ein Weg in Richtung glücklichere Zukunft.

  21. Herr Navalnyj könnte, wie es in Russland gar nicht so selten üblich ist, bald einem Verkehrsunfall zum Opfer fallen sollte er weiterhin an Popularität gewinnwn.

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