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early results of state duma elections

Central Election Commission: 95,71 per cent of voting protocols counted (9:27 a.m. CET): Edinaja Rossija: 49,54; Communist Party: 19.16; Spravedlivaja Rossija: 13.22; LDPR: 11,66; Yabloko: 3.30; Pravoe Delo: 0.59; Patrioty Rossii: 0.97.

Central Election Commission: 90,01 per cent of voting protocols counted (3:42 a.m. CET): Edinaja Rossija: 49,93; Communist Party: 19.13; Spravedlivaja Rossija: 13.08; LDPR: 11,65; Yabloko: 3.14; Pravoe Delo: 0.58; Patrioty Rossii: 0.96.

Central Election Commission: 89,05 per cent of voting protocols counted (3:26 a.m. CET): Edinaja Rossija: 49,99; Communist Party: 19.12; Spravedlivaja Rossija: 13.05; LDPR: 11,67; Yabloko: 3.10; Pravoe Delo: 0.58; Patrioty Rossii: 0.96.

Central Election Commission: 88,34 per cent of voting protocols counted (3:05 a.m. CET): Edinaja Rossija: 50,01; Communist Party: 19.13; Spravedlivaja Rossija: 13.05; LDPR: 11,66; Yabloko: 3.08; Pravoe Delo: 0.58; Patrioty Rossii: 0.96.

Central Election Commission: 86,02 per cent of voting protocols counted (2:35 a.m. CET): Edinaja Rossija: 50,15; Communist Party: 19.13; Spravedlivaja Rossija: 12.99; LDPR: 11,66; Yabloko: 3.02; Pravoe Delo: 0.58; Patrioty Rossii: 0.96.

Central Election Commission: 75,07 per cent of voting protocols counted (0:40 a.m. CET): Edinaja Rossija: 49.98; Communist Party: 19.35; Spravedlivaja Rossija: 12.98; LDPR: 11,80; Yabloko: 2.87; Pravoe Delo: 0.57; Patrioty Rossii: 0.96.

Central Election Commission: 72,88 per cent of voting protocols counted (0:20 a.m. CET): Edinaja Rossija: 50.05; Communist Party: 19.37; Spravedlivaja Rossija: 12.93; LDPR: 11,82; Yabloko: 2.82; Pravoe Delo: 0.57; Patrioty Rossii: 0.96.

Central Election Commission: 69,10 per cent of voting protocols counted (11:30 p.m. CET): Edinaja Rossija: 49.85; Communist Party: 19.46; Spravedlivaja Rossija: 12.99; LDPR: 11,90; Yabloko: 2.80; Pravoe Delo: 0.57; Patrioty Rossii: 0.96.

Central Election Commission: 66.38 per cent of voting protocols counted (11:30 p.m. CET): Edinaja Rossija: 49.97; Communist Party: 19.44; Spravedlivaja Rossija: 12.95; LDPR: 11,92; Yabloko: 2.74; Pravoe Delo: 0.56; Patrioty Rossii: 0.96.

Central Election Commission: 50.54 per cent of voting protocols counted (10:10 p.m. CET): Edinaja Rossija: 49.68; Communist Party: 19.67; Spravedlivaja Rossija: 12.91; LDPR: 12.22; Yabloko: 2.58; Pravoe Delo: 0.55; Patrioty Rossii: 0.97.

Central Election Commission: 38.89 per cent of voting protocols counted (9:20 p.m. CET): Edinaja Rossija: 48.92; Communist Party: 19.83; Spravedlivaja Rossija: 13.07; LDPR: 12.66; Yabloko: 2.58; Pravoe Delo: 0.54; Patrioty Rossii: 0.99.

Central Election Commission: 25.78 per cent of voting protocols counted (8 p.m. CET): Edinaja Rossija: 47.38; Communist Party: 20.22; Spravedlivaja Rossija: 13.35; LDPR: 13.46; Yabloko: 2.58; Pravoe Delo: 0.55; Patrioty Rossii: 1.01.

Central Election Commission: 20 per cent of voting protocols counted (7.30 p.m. CET): Edinaja Rossija: 46.2; Communist Party: 20.6; Spravedlivaja Rossija: 13.4; LDPR: 14.1; Yabloko: 2.6; Pravoe Delo: 0.6; Patrioty Rossii: 1.0.

Exit Poll (VCIOM, 6 p.m. CET): Edinaja Rossija: 48.5; Communist Party: 19.8; Spravedlivaja Rossija: 12.8; LDPR: 11.4; Yabloko: 4.17; Pravoe Delo: 1.1; Patrioty Rossii: 0.9; Invalid votes: 1.2

Falling down

derStandard.at: Ex-Vizepremier Boris Nemcov spricht im Spiegel-Interview davon, dass eine Revolution in Russland nicht “orange”, wie 2004 in der Ukraine, wäre, sondern “braun”. Stimmen Sie damit überein?

Gerhard Mangott: Tatsächlich sind durch nationalistische Losungen und Stimmungen mehr Bürger zu mobilisieren als durch liberale und demokratische Konzepte. Letztere sind durch die soziale und wirtschaftliche Verelendung und die korrupten oligarchischen Strukturen der Jelzin-Jahre der Neunziger noch immer diskreditiert. Den nationalistisch-autoritären Wählern bieten sich in Russland viele Alternativen: die linksnationalistischen Kommunisten, die mindestens so nationalistisch, antisemitisch und rassistisch sind, wie sie kommunistisch sind. Die KPRF (Kommunistische Partei der Russischen Föderation, Anm.) könnte bis  zu zwanzig Prozent der Wählerstimmen erlangen. Viele über die soziale Lage und die korrupten Strukturen unzufriedene Bürger, die 2007 noch für “Geeintes Russland” gestimmt hatten, wenden sich nun den Kommunisten zu. Dies gilt auch für die rechtsradikale LDPR (Liberaldemokratische Partei Russlands, Anm.) von Vladimir Schirinowski, deren Stimmenanteil wohl um bis zu 40 Prozent zunehmen wird.

derStandard.at: Wer sind diese Schichten, die Sie ansprechen?

Mangott: Zumindest ein Drittel der russischen Wähler ist durch nationalistische Losungen mobilisierbar. Der nationalistisch-autoritäre Wählerkern besteht vor allem aus männlichen Russen. Sie sind zwischen 19 und 35 Jahre alt, weisen eine tendenziell geringe formale Bildung auf und leben in großen und mittelgroßen Städten. Linksnationalistische Anhänger sind aber auch in den mittleren Alterskohorten verstärkt vertreten.

derStandard.at: Putins Partei “Geeintes Russland” hat Umfragen zufolge ein Drittel ihrer Wähler verloren. Woran liegt das?

Mangott: Das hat zahlreiche Gründe. 2007 hat die Regimepartei mit 64,3 Prozent ein außerordentlich starkes Ergebnis erzielt, weil Putin die Liste anführte, im Wahlkampf omnipräsent war, vor allem aber weil die Zufriedenheit mit den Autoritäten nach acht Jahren wirtschaftlichen Wachstums und stark steigender Reallöhne sehr hoch war. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise, die Russland ab dem Herbst 2008 erfasste, sind die soziale Zuversicht und das Vertrauen in die Fähigkeiten und das Geschick der Regierung eingebrochen.  Zwar hat Russland aufgrund enormer Hartwährungs- und Goldreserven und des 2004 eingerichteten Reservefonds aus Öl- und Gasexporteinnahmen extreme Auswirkungen abwehren können. Putin aber hat dennoch an Strahlkraft verloren und das Vertrauen in seine Fähigkeiten als Führer des Landes ist zurückgegangen. Auch wurde vielen Bürgern deutlich, wie anfällig die wirtschaftliche und soziale Stabilität des Landes ist, wenn Nachfrage und Preis für die russischen Exportwaren – Erdöl, Erdgas, Metalle – einbrechen.

Zweitens vermag es Putin nicht mehr, die Leute ähnlich stark zu mobilisieren wie früher. Seit zwölf Jahren schon ist Putin täglich im Fernsehen zu sehen, mit jeder Kleinigkeit, die er macht. Die Russen sind seiner müde, seine Marke ist zwar noch nicht verbraucht, glänzt aber auch nicht mehr so wie früher. Die medialen Inszenierungen seiner Berater überzeugen nicht mehr; sie wirken immer häufiger peinlich.

Drittens beruhte die Zustimmung zu Putin vor allem darauf, dass in seiner Regierungszeit die soziale und wirtschaftliche Krise und die politische Instabilität der neunziger Jahre ein Ende fanden. Die jungen Wähler aber haben diese instabilen Jahre nicht bewusst miterlebt, Putins Stabilitätsangebot wirkt bei diesen nicht. In manchen Bereichen hat Putin aber einfach auch nicht gehalten, was er versprochen hat. Das betrifft vor allem den Kampf gegen Korruption, die unter Putin noch schlimmer geworden ist.

derStandard.at: Ex-Wahlkampfmanager Gleb Pavlovskij meinte im derStandard.at-Interview, die Entscheidung Putins, erneut Präsident zu werden, lähme Russland auf Jahre hin. Warum tut sich Putin das an?

Mangott: Das hängt sicher mit der Persönlichkeit Putins zusammen. Er ist ein Mann, der alle Aspekte eines mächtigen Amtes zu schätzen und nützen weiß. Auch die Eitelkeit treibt ihn wohl an. Wichtiger aber ist, dass Dmitri Medvedev (derzeit Präsident, künftig Ministerpräsident Russlands, Anm.) daran gescheitert ist, die verschiedenen, auch widerstreitenden Fraktionen der russischen Elite zusammenzuhalten. Es ist ihm nicht gelungen, eine belastbare Autorität zu entwickeln, seine Modernisierungsagenda drohte das bisherige Elitenkartell zu spalten. Putin musste erkennen, dass das Regime massiv an Stabilität verliert, wenn Medvedev weiter regiert. Aus seiner Sicht blieb nur die Rückkehr ins Präsidentenamt. Die Art und Weise aber, wie Putins Rückkehr inszeniert wurde, hat beiden geschadet. Die Reputation Medvedevs ist nun stark erschüttert, viele sehen ihn nunmehr als eine schwache und rückgratlose Persönlichkeit. Enttäuscht sind jene, die für möglich hielten, dass sich Medvedev im Amt von seinem Mentor emanzipieren und eine weitere Amtszeit anstreben würde. Aber auch Putins Ansehen ist deutlich gesunken. Dies wird seine Autorität als Vorsitzender der Regierung, die er nach Putins Wahl zum Staatspräsidenten anführen soll, nachhaltig aushöhlen.

Die Führungsrochade ist in den Augen der Bürger eine Charade, die beide diskreditiert. Putin und Medvedev betonten, die Entscheidung über die Kandidatur bei den Präsidentenwahlen sei ‘wohl durchdacht’ erfolgt und bereits vor Jahren erfolgt. Wenn dies tatsächlich der Fall war, war es sehr ungeschickt, dies offen zu bestätigen; diejenigen, die auf die Reformschritte Medvedevs gesetzt hatten, fühlen sich getäuscht und betrogen.

derStandard.at: Was sind die Knackpunkte bei der Wahl, wo braucht Putin ein besonders gutes Ergebnis?

Mangott: Die Zustimmung in Moskau und in St. Petersburg darf nicht unter eine kritische Schwelle sinken. In der Hauptstadt sind die Zahlen derzeit ernüchternd, 40 plus x Prozent für “Geeintes Russland” wären da schon ein Erfolg. In Moskau konnte der technokratische Bürgermeister Sobjanin nach der Absetzung Luschkows die Lage für Geeintes Russland nicht verbessern. Ähnlich ist es in Sankt Petersburg. Auch hier hat der Schachzug, die unbeliebte Gouverneurin Valentina Matvijenko durch einen grauen, ehemaligen FSB-Mitarbeiter zu ersetzen, die Abneigung gegen “Geeintes Russland” nicht verringert. Die beiden Städte sind für Putin nicht nur wegen ihrer großen Bevölkerungszahl wichtig, sondern sind auch symbolisch vom immenser Bedeutung: die Hauptstadt darf nicht verloren werden.

Wichtig ist für die politische Führung auch die Wahlbeteiligung: diese ist bei Wahlen zur Staatsduma nie besonders hoch, und bewegte sich immer zwischen 55 und 65 Prozent. Dieses Mal wird eine Beteiligung von 58 Prozent erwartet, was zwei Prozent höher wäre als 2007. Nicht nur ein schwaches Abschneiden von “Geeintes Russland” wäre ein Problem für das Regime, sondern auch eine niedrige Wahlbeteiligung; beides erzeugt für die Herrschenden ein Legitimitätsproblem. Es gibt aber Mobilisierungs- und Manipulationstechniken, die Abhilfe schaffen werden.

derStandard.at: Von welchen Methoden sprechen Sie?

Mangott: Man hat mehr als 2,34 Millionen Wahlkarten ausgegeben, die häufig von Bürgern genutzt werden, auf deren Namen sie nicht ausgestellt sind. Ein weiteres Mittel sind mobile Wahlurnen, mit denen Leute zuhause aufgesucht und gedrängt werden, für eine bestimmte Partei zu stimmen. Häufig werden auch unbenutzte Stimmzettel am Ende des Wahltages ausgefüllt in die Wahlurnen geworfen. Einige Oppositionelle sagen deshalb, es wäre unklug sich nicht an der Wahl zu beteiligen, weil diese Praktiken dadurch erleichtert werden. Boris Nemcov, Anführer der ‘Partei der Volksfreiheit’, die zu den Wahlen nicht zugelassen wurde, fordert die Bürger daher auf, an der Wahl teilzunehmen, aber alle Kandidaten durchzustreichen. Diese Strategie scheint Umfragen zufolge aber nicht aufzugehen, es gibt demnach heute ungefähr gleich viele Wähler, die ungültig wählen wollen, wie bei der letzten Wahl. Bis 2007 hatte es noch die Möglichkeit gegeben, auf dem Stimmzettel das Feld “gegen alle Kandidaten” anzukreuzen.

derStandard.at: Was, wenn das Unmögliche eintritt und “Geeintes Russland” unter die 50 Prozent-Marke fällt?

Mangott: Dieses Ereignis wird nicht eintreten. Zum einen weil die Partei tatsächlich noch eine starke Position auf dem Wählermarkt hat – vor allem auch in kleineren Städten und auf dem Dorf. Zum anderen, weil dieses Ergebnis bei der Auszählung der Stimmen verhindert würde. Der Verlust der absoluten Mehrheit wäre eine dramatische Niederlage des Regimes. Das kann sich das Regime nicht leisten.

Andererseits aber kann sich die Führung auch nicht leisten, die Wahl zu stark zugunsten von “Geeintes Russland” zu fälschen. Eine berechenbare und moderate Niederlage – bis zu zehn Prozent verglichen mit den Wahlen von 2007 – ist besser, als eine eklatante Fälschung der Ergebnisse. Stimmenverluste kann die Führung als Beleg für demokratische Wahlen und freien und fairen Wettbewerb ausgeben. Wird die Stimmenauszählung aber massiv gefälscht und “Geeintes Russland” verliert nur wenig, dokumentiert dies für die Bürger, dass die Wahlen eine groteske Inszenierung waren. Der Legitimitätsverlust für die Herrschenden wäre enorm.

 

Dieses Interview ist am 2. Dezember 2011 auf derstandard.at erschienen (Titel: ‘Die Russen sind Putins müde‘)

a lame duck’s wrath

Russia’s long serving Minister of Finance Aleksei Kudrin was forced to resign by long-term lame duck president Dmitri Medvedev. In an astonishing public display Kudrin felt the wrath of Medvedev. After his de-facto demotion at the Edinaya Rossiya convention on September 24th, Medvedev was extremely unnerved by Kudrin’s public criticism of Medvedev’s alleged economic and financial policy views. Medvedev was most likely shocked that his authority had immediately crumbled with the political class after Putin’s announced return to the Kremlin. Medvedev had to act quickly and decisively. Had he not, he would have accepted the role as a figurehead executive for many months to come.

It was a surprise though, that Kudrin had mounted this strong criticism publicly and – what is even more dazzling – abroad. In addition, Kudrin’s attack was actually directed at the wrong man: Putin has ordered an irresponsible rise in state spending. In 2012 – at prime election time – state spending will be raised by 17 per cent. Further spending sprees have already been announced for 2013 and 2014. Only if oil prices wire to rise beyond 130 USD/barrel on average next year, will Russia avoid a budget deficit. With the world economy on the brink of another recession cycle, such price levels are all but likely. Russia will most likely see a widening budget deficit over the next years. If it were not for oil tax and tarriffs revenue, the budget deficit already now is at 12.5 per cent of GDP. Furthermore. it will see a trade and current account deficit no later than 2014. Russia’s pension system needs serious reform; it can no longer be sustained in its current form.

It is highly likely that Kudrin, an extremely talented and ambitious person, who deserves credit for Russia’s sound financial policies in the Putin era and steering Russia through the financial crisis of 2008/09, has uttered the harsh criticism of Medvedev out of wounded vanity. It is an open secret in Moscow that Kudrin expected to be appointed prime minister of Russia after the presidential elections in March 2012. But there is no room for a third person in a tandem ride.

Photo: http://www.faz.net

girlies’ war

In den letzten Wochen wird das russische Wahlfieber von konkurrierenden video-clips verschiedener Lager angeheizt. Nach ‘Putin’s Armee‘ (Порву за Путина!) und den ‘Medvedev-Girls‘  antwortet die oppositionelle ‘National-Bolschewistische Partei’ von Eduard Limonov – Mitglied der Koalition Drugaya Rossiya (‘Das andere Russland’) mit einem Niederlage von Putin’s Armee (Разгром армии Путина). ‘Putin habe sich als Politiker und lider diskreditiert’ und solle ‘zurücktreten’. Am Ende des Videos feuern die drei Amazonen auf Bären (Symbol der Partei ‘Geeintes Russland – Edinaja Rossija -, deren Vorsitzender, aber nicht Mitglied Putin ist), die mit der Aufschrift ‘Partei der Gauner und Diebe’ beschmiert sind.

Die Zeitschrift der National-Bolschewiken nennt sich ‘limonka’ – russisch für ‘Handgranate’ (weil diese zitronenförmig ist). Wann wird die Russich-Orthodoxe Kirche mit einem Video zurückschlagen?

Litauen und die Staatsräson Österreichs

Michail Golovatov ist ein Ärgernis. Die litauischen Behörden zeihen uns des Verrats an der Solidarität zwischen den Mitgliedern der EU und des schändlichen Kniefalls vor der russischen Regierung. Die Anwürfe Litauens sind hart, emotional und bisweilen bizarr. Die österreichischen Behörden betonen beharrlich, die Vowrwürfe seien haltlos; sich dagegen zu verwehren, ist die Linie unserer Regierung. Allein – den Beteuerungen ist kaum Glauben zu schenken; zu glauben ist ihnen wohl nicht; überzeugend sind sie kaum. Die Indizien legen nahe, dass in den Führungsstäben der beteiligten Ministerien in Abwägung der Folgewirkungen für die nationalen Interessen Österreichs die Enthaftung Golovatovs geboten schien.

Litauen ist ein Niemandsland für den österreichischen Außenhandel. 2010 wurden laut Statistik Austria Waren im Wert von 63 Mio. € eingeführt und von 122,1 Mio. € ausgeführt. Am litauischen Markt werden gerade mal 0,2 Prozent aller österreichischen Exporte verkauft. In Russland hingegen wurden 2010 2,4 Prozent aller österreichischen Ausfuhren abgesetzt. Russland ist für die Versorgung Österreichs mit Energie – vor allem mit Erdgas und Rohöl – von erheblicher Bedeutung. 2010 wurden lt. British Petroleum 6.7 Mrd. m3 Erdgas importiert; 5,3 Mrd. m3 allein aus Russland; das sind 77,6 Prozent der gesamten Importe. 52 Prozent des 2010 in Österreich konsumierten Erdgases waren Gas aus Russland. Außer Rohöl und Erdgas importieren wir aus Russland Metalle, aber kaum verarbeitete Waren. Österreichische Unternehmen verkaufen am russischen Markt vor allem Maschinen und Anlagen sowie chemische Produkte. In der Bauindustrie sind österreichische Unternehmen beachtlich vertreten. 2010 lag der Bestand an österreichischen Direktinvestitionen in Russland laut OeNB bei 5,7 Mrd. €. Der Bestand an russischen Direktinvestitionen in Österreich hat 2010 5,1 Mrd. € betragen. In allen baltischen Staaten ─ Estland, Lettland und Litauen ─ zusammen hingegen sind 2010 nur 404 Mio. € an österreichischen Direktinvestitionen auszumachen.

Russlands staatlich kontrollierte Gazprom und die OMV arbeiten sehr eng, strategisch und für beide Unternehmen finanziell ertragreich zusammen. Auch wenn Österreich als Absatzmarkt für russisches Erdgas nachrangig, weil angesichts der begrenzten Nachfragevolumina bedeutungsarm ist, ist die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen OMV und Gazprom von vitalem Interesse. Durch den Umschlag von erheblichen Volumina an Erdgas durch den Central European Gas Hub (CEGH) in Baumgarten ist Österreich ein strategischer Anker für die Geschäftsinteressen Gazproms in der EU. Gazprom wird sich an CEGH beteiligen und will – zusammen mit einem anderen russischen Unternehmen, das mutmasslich enge Verbindungen mit den russischen Nachrichtendiensten unterhält ‒ die Hälfte der Aktienanteile der CEGH erwerben. Vorbehaltlich der Zustimmung der Europäischen Kommission ist das ein Vorhaben, das in vitalem Interesse Österreichs liegt.

Staatsraison und wirtschaftliche Interessen legen nahe, die Beziehungen zu Russland unbeschadet zu erhalten. Gerade die Haltung zu Russland ist in der EU äußerst umstritten und kaum finden sich unter den Mitgliedsstaaten in vitalen Belangen gemeinsame Interessen. Bilaterale Kontakte, Übereinkommen und Vorhaben dominieren in den Schlüsselsektoren die Beziehungen zu Russland. Dies wird in der Energiepolitik ebenso deutlich wie in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Dabei ist die formale Architektur der Beziehungen der EU zu Russland durchaus dicht und formalisiert: EU und Russland sind seit 1997 durch ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen verbunden. Darin hat Russland auch den Grundsatz der ‚politischen Konditionalität‘ der bilateralen Beziehungen akzeptiert. Dies meint, Ausmaß und Dichte der Zusammenarbeit davon abhängig zu machen, ob Russland demokratische und rechtsstaatliche Normen erfüllt. Die Bildung von ‚gemeinsamen Räumen‘ – in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, der inneren Sicherheit, der Bildung und der Kultur, aber auch in außen- und sicherheitspolitischen Belangen – wird seit 2003 diskutiert. 2010 wurde eine ‚Modernisierungspartnerschaft‘ zwischen der EU und Russland vereinbart. Tatsächlich aber wurden diese Abkommen und Initiativen nur bruchstückhaft umgesetzt. Bilaterale Mechanismen und Abkommen in den Beziehungen zu Russland sind gerade bei den großen Mitgliedsstaaten der EU weiterhin vorrangig.

Dies ist nicht zuletzt auch damit zu erklären, dass es innerhalb der EU erhebliche Differenzen über Format, Dichte und Konditionalität der Beziehungen mit Russland gibt. Skepsis, Distanz und Ablehnung sind vor allem bei Polen, Estland, Lettland, Litauen und dem Vereinigten Königreich deutlich sichtbar. Auch die konservative schwedische Regierung reiht sich häufig in dieses Lager ein. Russland sieht diese Staaten als ‚russophoben Block‘ innerhalb der EU.

Dieser Faktor wird auch durch die Haltung Russlands zur EU verstärkt. Die russische Führung präferiert bilaterale Beziehungen zu den dominierenden Staaten der EU gegenüber einer institutionalisierten Zusammenarbeit mit der EU selbst. In vielen Bereichen lassen sich Merkmale der klassischen bilateralen Kabinettspolitik des 19. Jahrhunderts erkennen. Russland erachtet es geradezu als bizarr, sich mit ‚marginalen Kleinstaaten‘ wie Litauen, Estland oder Lettland an einen gemeinsamen Verhandlungstisch zu setzen. Der russophoben Haltung dieser Staaten setzt Russland eine arrogante und abschätzige Linie gegenüber diesen Staaten entgegen.

Die Beziehungen Österreichs zu Russland bewegen sich im Rahmen dieser Beziehungsdynamik. Es läßt sich durchaus nachvollziehen, warum auch unser Land darauf bedacht sein muss, nachhaltige Belastungen mit Russland zu vermeiden. Dies ist um so deutlicher, wenn die Beziehungen zu Russland durch Solidarität mit einem für Österreich in allen Belangen bedeutungsarmen Staat wie Litauen gestört werden. Alle mal dann, wenn Litauen – erkennbar an der mangelnden Substanz und Konkretheit seiner rechtlichen Anwürfe gegen den Elitesoldaten ‒ sein Ziel der Verhaftung Golovatovs derart kümmerlich verfolgt.

Es wäre für Österreich kaum ratsam gewesen, aus ethischen Erwägungen die vitalen Interessen des Landes nachhaltig zu schädigen. Die vitalen Interessen Litauens und Österreichs decken sich nicht. Österreichs realpolitische Haltung, eigenen Interessen den Vorrang zu geben, ist begründ- und nachvollziehbar.

RIA Novosti-Interview mit Golovatov wird ‘zensuriert’

Michail Golovatov gab am 21. Juli 2011 der russländischen Nachrichtenagentur RIA Novosti ein Interview über die Geschehnisse vom 14. und 15. Juli 2011 in Wien (Михаил Головатов о неизвестных подробностях его задержания в Австрии). Zu den interessanten Aussagen dieses Interviews zählt: ”Посол находился с нами до 5 часов утра, постоянно созваниваясь то с прокурором австрийской республики, то с заместителем министра иностранных дел и дежурной службой МВД. Компетентные действия с его стороны во многом помогли удержать ситуацию под контролем.” (‘Der Botschafter blieb bis 5 Uhr früh bei uns und war in ständigem Kontakt mit dem Staatsanwalt der Republik Österreich, dem stv. Außenminister und dem Diensthabendem im Innenministerium (MVD) Sein kompetentes Handeln hat wesentlich dazu beigetragen, die Lage unter Kontrolle zu halten’).

 

 

 

 

 

Diese von mir in der innerösterreichischen Debatte als besonders aufklärungsbedürftig identifizierte Interviewstelle wurde jetzt abgeändert. Nun heisst es nur mehr: “Посол находился с нами до 5 часов утра. Компетентные действия с его стороны во многом помогли удержать ситуацию под контролем.” (‘Der Botschafter blieb bis 5 Uhr früh bei uns. Sein kompetentes Handeln hat wesentlich dazu beigetragen, die Lage unter Kontrolle zu halten’). Die kontroverse Passage ist entfernt worden.

 

 

Online ist nur mehr die neue Version abrufbar. Ich habe aber die ursprüngliche Version gesichert und kann daher die mutmaßliche Manipulation nachweisen.

Golovatovs Interview mit RIA Novosti

Michail Golovatov gab am 21. Juli 2011 der russländischen Nachrichtenagentur RIA Novosti ein Interview über die Geschehnisse vom 14. und 15. Juli 2011 in Wien: Михаил Головатов о неизвестных подробностях его задержания в Австрии. Zu den interessanten Aussagen zählt: ”Посол находился с нами до 5 часов утра, постоянно созваниваясь то с прокурором австрийской республики, то с заместителем министра иностранных дел и дежурной службой МВД.’ (Der Botschafter blieb bis 5 Uhr früh bei uns und war in ständigem Kontakt mit dem Staatsanwalt der Republik Österreich, dem stv. Außenminister und dem Diensthabendem im Innenministerium (MVD)). Es kann debattiert werden, ob der Satz so zu lesen ist, dass die Spezifizierung ‘der Republik Österreich’, auch für die beiden nachfolgenden Funktionsträger gemeint ist; es muss aber nicht so sein. Zumal es in Österreich keinen stv. Außenminister, sondern nur einen Staatssekretär im Außenministerium gibt und die Verwendung der Abkürzung MVD für das Innenministerium Österreichs wohl kaum verwandt worden wäre.

Interessant ist allerdings, dass genau diese Passage in der englischsprachigen Version des Interviews ‘Former KGB officer describes arrest in Austria‘ nicht enthalten ist. Warum? Verschleierungsabsicht?

 

Interessant ist auch eine Aussage, die sowohl in der russischen als auch der englischen Version des Interviews enthalten ist: ‘Дело в том, что из действий российского посла и офицера безопасности по разрешению этой ситуации мне было понятно, что не то чтобы бросят – не сдадут.’ (‘Aus den Handlungen des Botschafters und des Sicherheitsoffiziers (der Russischen Botschaft in Wien, GM; es war spätestens eine Stunde nach seiner Passkontrolle ein Sicherheitsoffizier der Botschaft bei Golovatov) war mir klar, dass sie mich nicht nur nicht im Stich lassen werden, sondern mich (den österreichischen Behörden, GM) auch nicht übergeben würden’.