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Interview zu Zapad-2017 in Der Standard

STANDARD: Hat die “Sapad”-Übung eine tiefere Botschaft Moskaus für den Westen, oder handelt es sich um ein in Form und Größe übliches Militärmanöver?

Gerhard Mangott: Russland, das in vier Militärbezirke aufgeteilt ist, führt jedes Jahr in einem der Militärbezirke eine große Militärübung durch. 2017 ist nun der große und wichtigste Militärbezirk, der Bezirk Westen (“Sapad”, daher auch der Name des Manövers) an der Reihe. Auch am letzten Manöver im Militärbezirk Westen, das 2013 stattfand, nahmen mehr als 70.000 Soldaten teil. In diesem Sinne ist das Manöver in Form und Größe Routine. Allerdings ist nun der Kontext ein anderer als 2013. Russland und Nato stehen sich nun – nach Beginn der Ukraine-Krise 2014 – als Gegner gegenüber, die Beziehungen sind von tiefem Misstrauen geprägt. “Sapad 2017” reiht sich dabei in eine dichte Serie an Großmanövern beider Seiten in den letzten drei Jahren ein.

STANDARD: Vor allem die Ukraine, Polen und die baltischen Staaten sehen eine Bedrohung durch “Sapad”. Sind diese Sorgen mit Fakten untermauerbar?

Mangott: Es stimmt zwar, dass sich an militärische Großmanöver Russlands in den Jahren 2008 und 2014 eine militärische Aggression anschloss; aber das galt natürlich nicht für jedes Großmanöver. Die Sorge, Russland könnte die hohe Truppen- und Materialstärke zu einer offensiven militärischen Operation gegen die baltischen Staaten und Polen nutzen, ist aber unbegründet. Ein Angriff auf diese Staaten würde auf die Bündnisgarantie der Nato treffen. Russland will keinen militärischen Konflikt mit der Nato. Eine andere Sorge ist, dass ein Teil der Truppen und des militärischen Geräts Russlands auf Dauer in Weißrussland bleiben könnte und die Vorwärtsverteidigung Russlands stärken würde. Aber auch das wird höchstwahrscheinlich nicht der Fall sein, weil Weißrussland damit nicht einverstanden wäre.

STANDARD: Wie stellt sich die Lage aus der Sicht Russlands dar? Sind die Sorgen über Bedrohungsszenarien durch Nato-Übungen und -Stützpunkte gerechtfertigt?

Mangott: Russland und die Nato führen seit einigen Jahren Großmanöver durch, um sich auf Bedrohungen vorzubereiten, die eigentlich unwahrscheinlich sind: die Nato-Staaten auf eine militärische Aggression Russlands gegen die östlichen Bündnismitglieder, Russland auf eine Intervention der Nato in Weißrussland und Russland. So führte die Nato 2016 das Großmanöver “Anaconda” in Polen durch und dieses Jahr die Manöver “Saber Guardian” und “Saber Strike”. Russland antwortet mit “Sapad 2017”. So schaukeln sich die Spannungen in der Region wechselseitig auf.

STANDARD: Russland spricht von einem reinen Verteidigungscharakter der Übung. Ist das realistisch, oder ist es eine Vorbereitung auf eine offensivere Politik Moskaus?

Mangott: Das Manöver zielt nicht darauf ab, offensive Operationen gegen die Nato vorzubereiten. Aber es ist eine Übung für den Ernstfall einer westlichen militärischen Intervention und der russischen Gegenreaktion mit konventionellen und nuklearen Waffen. Auch Übungen der Zivilverteidigung sind in das Manöver eingebunden.

STANDARD: Russland wird vorgeworfen, die Zahl der teilnehmenden Soldaten zu unterspielen. Lässt sich der wahre Umfang der Übung korrekt einschätzen?

Mangott: Die von Russland angegebene Zahl ist natürlich nicht richtig. Russland gibt die Manöverstärke mit 12.700 Mann an, um unter dem Limit von 13.000 Soldaten des Wiener Dokuments von 1990 zu bleiben, ab dem internationale Beobachter Zugang zu allen Manöverteilen und an allen Manövertagen haben müssten. Die Manöverstärke dürfte bei ungefähr 80.000 liegen. Das schließt aber Truppen ein, die in Alarmbereitschaft versetzt werden, aber in ihren Kasernen bleiben.

STANDARD: Angela Merkel hat zuletzt angedeutet, dass sie sich ein Ende der Russland-Sanktionen vorstellen kann. Aus Kiew wurde sie dafür heftig kritisiert. Ist dieser Schwenk ernsthaft oder nur dem Wahlkampf in Deutschland geschuldet?

Mangott: Die deutsche Regierung ist sich dabei nicht einig. Die SPD tritt für die Aufhebung der Sanktionen ein, sobald ein stabiler Waffenstillstand zwischen der Ukraine und den separatistischen Regionen hergestellt ist. Kanzlerin Merkel ist dagegen. Sie will die Sanktionen erst aufheben, wenn alle Bestimmungen des Minsker Abkommens von 2015 umgesetzt sind. Das aber wird wohl nie passieren.

STANDARD: Kann der Vorschlag Wladimir Putins für UN-Truppen im Donbass den Konflikt lösen helfen?

Mangott: Es wäre ein wichtiger Schritt, um einen stabilen Waffenstillstand zu erreichen und den OSZE-Beobachtern Bewegungsfreiheit in der Region zu verschaffen. Die Ukraine will einer solchen Mission aber nur zustimmen, wenn diese auch die Grenze zwischen der Ukraine und Russland überwacht, die gegenwärtig von den Separatisten kontrolliert wird. Das wird Russland nicht akzeptieren. So ist derzeit offen, ob sich der Sicherheitsrat der UN auf eine derartige Resolution einigen kann.

STANDARD: In der Ukraine ist zuletzt Michail Saakaschwili, das ehemalige georgische Liebkind des Westens, in Ungnade gefallen. Unterstützung erhält er von seinem ukrainischen Gegenstück Julia Timoschenko. Hat Präsident Petro Poroschenko noch die Unterstützung des Westens, oder bahnt sich in Kiew neuerlich ein Umsturz an?

Mangott: Poroschenko wird von den westlichen Staaten offiziell noch immer voll unterstützt. Hinter den Kulissen gibt es aber wachsende Kritik und Vorbehalte gegenüber Poroschenko. Gerüchten zufolge könnte kommendes Frühjahr die ukrainische Regierung, die keine gesicherte Mehrheit im Parlament hat, stürzen und Parlamentswahlen angesetzt werden. Dann könnte sich die Zusammensetzung der Regierung deutlich ändern. (Michael Vosatka, 15.9.2017)

derstandard.at/2000064119963/Sapad-Uebung-Russland-will-keinen-militaerischen-Konflikt-mit-der-Nato

Foto: https://www.nbcnews.com/news/world/russia-plans-huge-zapad-2017-military-exercises-belarus-n788741

Das Interview wurde auch ins Russische übersetzt:

Герхард Манготт: Россия поделена на четыре военных округа. Каждый год в одном из этих округов проводятся крупные военные учения. В 2017 году подошла очередь крупного и самого важного военного округа «Запад» (отсюда и название маневров). Также и в последних учениях в военном округе «Запад», проходивших в 2013 году, участие приняли более 70 тысяч солдат. В этом смысле эти учения по форме и масштабу обычное дело. Однако сегодня контекст иной, чем в 2013 году. Россия и НАТО сейчас — после начала украинского кризиса в 2014 году — противостоят друг другу как противники, отношения пронизаны глубоким недоверием. При этом «Запад-2017» вполне вписывается в плотную серию крупных маневров с обеих сторон за последние три года.

— Прежде всего Украина, Польша и балтийские государства рассматривают «Запад» как угрозу. Подкреплены ли эти опасения фактами?

— Хотя и верно, что за крупными военными учениями в 2008 и 2014 году последовала военная агрессия, однако, конечно, это касалось не всех крупных учений. Но опасения, что Россия могла бы большую военную силу использовать для наступательной военной операции против балтийских государств или Польши, беспочвенны. Нападение на эти государства означало бы нападение на гарантии в рамках НАТО. Россия не хочет военного конфликта с НАТО. Есть и другое опасение, что часть войск и военной техники России могли бы остаться на продолжительное время в Белоруссии и усилили бы тем самым передовую оборону России. Однако и это с большой долей вероятности не произойдет, потому что Белоруссия не согласилась бы с этим.

— А как выглядит эта ситуация, с точки зрения России? Являются ли оправданными опасения по поводу угрожающих сценариев из-за учений НАТО и баз НАТО?

— Россия и НАТО уже в течение нескольких лет проводят крупные учения, чтобы подготовиться к угрозам, которые, собственно говоря, неправдоподобны. Страны-члены НАТО готовятся ответить на военную агрессию России против восточных членов альянса. А Россия на интервенцию НАТО в Белоруссии и России. Так, например, в 2016 году НАТО провела крупные учения «Анаконда» в Польше, а в этом году учения Saber Guardian и Saber Strike. Россия отвечает учениями «Запад-2017». Так поочередно происходит колебание напряженности в этом регионе.

— Россия говорит о чисто оборонительном характере этих учений. Это отвечает реальности или это подготовка к более наступательной политике Москвы?

— Эти учения не нацелены на то, чтобы готовить наступательные операции против НАТО. Но это учения на случай серьезной западной военной интервенции и российской ответной реакции с обычным и ядерным оружием. Сюда включены также учения по гражданской обороне.

— Россию обвиняют в том, что она занижает численность участвующих солдат. Можно ли оценить истинный масштаб этих учений? 

— Указанная Россией численность, конечно, не является верной. Россия сообщает, что в учениях принимают участие 12,7 тысяч человек, чтобы не превышать указанный в Венском документе от 1990 года лимит в 13 тысяч солдат, при котором международные наблюдатели должны иметь доступ ко всем участкам учений во все дни учений. Численность участников учений может составлять примерно 80 тысяч человек. Но это включает также войска, которые приведены в состояние боевой готовности, но остаются в своих казармах.

— Ангела Меркель недавно намекнула, что может представить себе окончание антироссийских санкций. За это ее резко критиковали в Киеве. Это серьезный поворот или высказывание в рамках предвыборной борьбы в Германии?

— У правительства ФРГ по этому вопросу нет единого мнения. СДПГ выступает за отмену санкций, как только будет достигнуто стабильное перемирие между Украиной и сепаратистскими регионами, Канцлер Меркель против этого. Она хочет отменить санкции лишь в том случае, когда будут реализованы все положения Минского соглашения от 2015 года. Однако это, пожалуй, никогда не произойдет.

— Поможет ли предложение Владимира Путина о войсках ООН в Донбассе решить этот конфликт?

— Это был бы важный шаг, чтобы добиться стабильного перемирия и предоставить наблюдателям ОБСЕ свободу передвижения в этом регионе. Однако Украина хочет согласиться с такой миссией лишь в том случае, если та будет охранять также и границу между Украиной и Россией, которая в настоящее время находится под контролем сепаратистов. Россия с этим не согласится. Поэтому сейчас пока неясно, сможет ли Совет безопасности ООН прийти к единому мнению по поводу такой резолюции.

— На Украине в последнее время Михаил Саакашвили, бывшее любимое грузинское дитя Запада, впал в немилость. Поддержку ему оказывает схожая с ним украинка Юлия Тимошенко. Есть ли у президента Петра Порошенко еще поддержка Запада или в Киеве назревает новый переворот? 

— Порошенко официально все еще полностью поддерживают западные государства. Однако за кулисами нарастает критика и предубеждение против Порошенко. По слухам, будущей весной украинское правительство, которое не имеет в парламенте надежного большинства, может быть свергнуто и могут быть объявлены парламентские выборы Тогда состав правительства может значительно измениться.

Fire and Fury. Nordkorea am Rande des Nuklearkrieges

In der Haltung der USA zu Nordkorea und dessen Raketen- und Nuklearprogramm zeichnet sich eine Änderung ab. Seit 1993 waren alle Präsidenten der USA davon ausgegangen, dass die Kosten eines militärischen Präventivschlages gegen Nordkorea inakzeptabel hoch wären, auch wenn immer wieder betont wurde, dass “alle Optionen auf dem Tisch” lägen. Nunmehr aber halten mehrere Sicherheitsberater Trumps, allen voran National Security Adviser H.R. McMaster, eine militärische Lösung des Konfliktes für erfolgreich durchführbar. Zwar mit hohen Kosten – Verteidigungsminister James Mattis hält sie für “horrific” –, aber mit dem erreichbaren Ziel einer Zerstörung der nordkoreanischen militärischen Fähigkeiten. Unerwähnt bleibt offiziell, dass die hohen Kosten eines militärischen Angriffs der USA auf Nordkorea derzeit nahezu ausschließlich Südkorea und Japan zu tragen hätten – abgesehen vom Flotten- und Luftwaffenstützpunkt der USA auf Guam und den US-Soldaten in Südkorea und Japan.

Dieselben Berater Trumps gehen zudem davon aus, dass Nordkorea nicht abgeschreckt werden könne. Anders als bei Russland und China sei nukleare Abschreckung Nordkoreas nicht möglich, weil es sich dabei nicht um einen rationalen Akteur handle. Das Axiom, Nordkorea sei irrational und daher bereit, einen Nuklearkrieg zu führen, auch wenn damit seine eigene Vernichtung die unvermeidbare Folge wäre, hält sich hartnäckig. Damit verbunden ist die beleglose Annahme, dass Nordkorea sein Raketen- und Nukleararsenal offensiv und als erster nutzen würde, sobald die dafür erforderlichen technischen Voraussetzungen und Fähigkeiten erreicht würden.

Nordkorea ist ein rationaler Akteur

Das Verhalten und die Handlungen Nordkoreas legen aber nahe, dessen Führung als rationalen Akteur anzusehen. Ziel des Rüstungsprogrammes ist die Fähigkeit zur vollständigen Abschreckung eines konventionellen oder nuklearen Angriffes auf das Land. Ziel ist die Sicherung der eigenen Staatlichkeit und des herrschenden Regimes in Nordkorea. Zwar war der Ursprung der nordkoreanischen Programme nicht die interventionistische und auf Regierungswechsel abzielende Außenpolitik der USA, aber letztere hat in den letzten 20 Jahren die Entschlossenheit der Kim-Dynastie wesentlich bestärkt, die eigene Rüstung konsequent voranzutreiben.

Nordkorea, das sich immer noch im Kriegszustand mit Südkorea befindet – seit 1953 gibt es nur einen Waffenstillstand, aber keinen Friedensvertrag –, konfrontiert mit der starken militärischen Präsenz der USA in Südkorea – die angesichts der nordkoreanischen Verantwortung für den Korea-Krieg 1950-53 nachvollziehbar ist – und ohne diplomatische Beziehungen zu und Anerkennung durch die USA, sieht in der Rüstung die einzige Rückversicherung für seine ungefährdete Existenz.

Auch wenn die Existenz eines einsatzfähigen nuklearen Arsenals Nordkoreas sicher nicht wünschenswert ist – sowie die totalitäre und brutale Führung des Landes selbst –, so wird sie doch mehr und mehr zur Wirklichkeit. Eine Realität, die gekommen ist, um zu bleiben. Wenn eine militärische Lösung dieses Umstandes nicht vertretbar und im Übrigen wohl kaum erfolgreich ist – was bleibt dann als Strategie im Umgang mit Nordkorea?

Verhandlungen, aber worüber?

Vorauszuschicken ist meine Annahme, wonach Nordkorea kein Proliferationsfall mehr ist, sondern ein Rüstungskontrollfall. Es kann realistisch also nicht mehr darum gehen, die nukleare und ballistische Raketenbewaffnung zu verhindern beziehungsweise rückgängig zu machen. Was bleibt ist, Nordkorea als inoffizielle Nuklearmacht anzuerkennen und in Verhandlungen mit Nordkorea Vereinbarungen über Rüstungskontrolle und die Nicht-Weitergabe des technologischen Wissens durch Nordkorea an andere Länder zu treffen. Das lehnen die USA aber kategorisch ab. Die Bereitschaft der USA, sich mit Nordkorea an einen Verhandlungstisch zu setzen, ist nur gegeben, wenn Nordkorea denuklearisiert wird. Nordkorea lehnt Gespräche mit den USA wiederum ab, solange die eigene Denuklearisierung das Thema dieser Verhandlungen ist. Solange Nordkorea nicht als inoffizielle Nuklearmacht de facto anerkannt wird, wird es keine Gesprächsbereitschaft auf nordkoreanischer Seite geben.

Das ist das strategische Dilemma, vor dem die Staaten der Region nun stehen. Die Hoffnung, mit harten Sanktionen Nordkorea zu einem Überdenken seiner Position zu bewegen, ist sehr gering. Für Nordkorea ist die nukleare Rüstung ein vitales, strategisches Interesse, eine Rückversicherung für seine Existenz. Darüber wird die derzeitige Regierung nicht verhandeln. Auch wenn die Resolution 2371 des Sicherheitsrates der Uno die Exporte Nordkoreas stark beschneidet – vorausgesetzt vor allem China setzt diese auch in der Praxis um–, wird die nordkoreanische Führung das Leiden der eigenen Bevölkerung einer Beschränkung seines Rüstungsprogrammes vorziehen. Die Sanktionspolitik der Uno wird sich bald die Frage stellen müssen, welches Leid der nordkoreanischen Zivilbevölkerung in Kauf genommen werden kann und darf, um das unrealistische Ziel der Denuklearisierung Nordkoreas zu erreichen.

Abschreckung und Eindämmung

Angesichts dieser Bilanz, die von der Unmöglichkeit der Denuklearisierung Nordkoraus ausgeht, bleiben daher nur die klassischen Strategien im Umgang mit nuklearer Bewaffnung und Gegenbewaffnung. Zwischen den nuklear gerüsteten Staaten muss eine glaubwürdige und rationale Strategie der Abschreckung entwickelt werden. Die Abschreckung soll die unbedingte Vermeidungsnotwendigkeit einer nuklearen Auseinandersetzung verankern. Das ist besonders schwierig, wenn man bedenkt, dass Nordkorea auf lange Sicht keine Zweitschlagsfähigkeit (second strike capability) erreichen wird – also verletzlich bleibt für einen nuklearen Erstschlag der USA. Daher ist das Bekenntnis beider Seiten, nicht als erster zu einem militärischen Waffengang zu schreiten, unabdingbar. Die Rede von einer militärischen Lösung verschärft daher die Krise – bis hin zu einem nuklearen Ersteinsatz durch Nordkorea –, sie löst sie nicht.

Foto: http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_northkorea/794984.html