Nemcovs Tod.

Im Gegensatz zu vielen Kollegen, weiss ich nicht, wer Boris Nemcov ermordet hat. Möglich sind nur Spekulationen und dass es eben nur solche sind, sollte betont werden.

Ich glaube eher nicht an einen Auftragsmord von Vladimir Putin. Putin scheute sich davor, – den mehrfach verurteilten, aber immer wieder zur Bewährung freigelassenen – Navalnyj zu inhaftieren, um ihm keinen Märtyrerstatus zu geben und damit der Opposition einen Mobilisierungsschub zu verleihen. Es würde mich sehr überraschen, wenn er genau das bei Nemcov getan hätte. Die oppositionellen Kräfte sind schwach – warum sie durch einen Mord, der eine Märtyrerfigur schafft, kurzfristig stärken?

Die Andeutungen russischer Medien, die Oppositionellen selbst hätten Nemcov als “Opferlamm” getötet, sind absurd. Es erschliesst sich mir nicht, wer von der Opposition dazu fähig wäre. Zwar könnte die ohnehin schwache Opposition durch den brutalen Mord einen kurzfristigen Mobilisierungsschub erfahren, der Verlust eines weiteren prominenten Gesichtes des Protestes wird der Opposition aber erheblich schaden und sie noch mehr schwächen. Das Fehlen von Führungsfiguren (Nemcov war es allerdings nur sehr bedingt) ist eine der strukturellen Schwächen der Opposition. Nun könnte man argumentieren, wenn es die Opposition strukturell schwächt, dann wäre das doch im Interesse Putins. Mein Gegenargument: Die Opposition ist für Putin bereits schwach genug. Der Reputationsschaden für Putin ist ungleich größer, als der Nutzen daraus, die Opposition noch weiter zu schwächen.

Möglich wäre ein Mord durch radikale siloviki, die Putin zu einer noch autoritäreren und repressiveren Führung drängen wollen. Durch eine Destabilisierung der inneren Lage – es könnten weitere Taten folgen-, könnte sich Putin zu einer scharfen repressiven Gegenreaktion gedrängt sehen. Wir sahen 2006/07 ähnliche Destabilisierungsversuche – damals, um Putin zu einer dritten Amtszeit zu zwingen/drängen. Denken Sie an die Ermordung von Anna Politkovskaja und Aleksandr Litvinenko.

Möglich ist auch ein Mord durch rechtsnationalistische Kreise, die Nemcov wegen seiner Haltung in der Ukrainekrise ermordet haben könnten. Nemcov soll einen Bericht über die Verstrickung Russlands in den Ukrainekonflikt vorbereitet haben; zudem hat er sich seit Beginn der Einmischung Russlands in der Ukraine gegen das Vorgehen der russischen Führung ausgesprochen. Nemcov könnte radikalen Kräften, die selbst Putin einer zu weichen Linie im Ukrainekonflikt beschuldigen, im Weg gestanden haben. Hier ist die Führung indirekt mitverantwortlich zu machen, haben doch die staatlichen Medien und die Führung selbst, in diesem Zusammenhang immer wieder von “nationalen Verrätern” und einer “fünften Kolonne” gesprochen. Gerade deshalb wird die russländische Führung daran gemessen werden müssen, ob sie dieses Verbrechen aufklären kann und will.

Foto: svaboda.org

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