Putin unter Druck

Putin steht an mehreren Fronten unter Druck. An der langen Frontlinie in der Ukraine fehlen der russischen Armee Soldaten, die einer erneuten Gegenoffensive der ukrainischen Truppen standhalten könnten. Trotz langen Zögerns hat sich die russische Führung daher letztlich doch für eine Teilmobilmachung entschlossen, um die Abwehrreihen in der Ukraine zu verstärken. Die Mobilmachung war bislang in Teilen desaströs; die Militärverwaltung zeigt große Unfähigkeit. Kranke, nicht mehr wehrfähige Männer, vor allem aber Männer ohne bisherige Kampferfahrung wurden, anders als versprochen, in vielen Regionen Russlands nun rekrutiert. Das hat zu vielen lokalen Protesten geführt; am stärksten waren und sind sie in Dagestan, einer muslimisch geprägten Republik im russischen Nordkaukasus. Diese Region hatte schon bisher stark unter dem Krieg gelitten, überproportional viele der in der Ukraine gefallenen Soldaten stammten aus Dagestan.

Schließlich haben nunmehr fast 280.000 russische Männer sich der Mobilisierung durch Flucht in Nachbarstaaten entzogen. Georgien, Armenien, Kasachstan und die Mongolei sind die wichtigsten Fluchtorte. Sie wollen nicht für den russischen Staat kämpfen – weil sie um ihr Leben fürchten oder weil sie gegen diesen von Russland entfesselten Krieg sind. Das ist eine schmachvolle Erfahrung für die russische Führung, hatte sie doch die Mobilmachung damit begründet, dass der Westen dabei sei, Russland zu zerstören. Dieses Narrativ scheint bei vielen nicht zu verfangen.

In den urbanen Zentren wiederum gibt es Demonstrationen gegen den Krieg und die Mobilmachung; dabei sind sehr viele Frauen involviert. Wie Putin befürchtet hatte, beginnt sich die Stimmung in der Bevölkerung langsam zu verschieben. Jetzt wo Väter und Söhne aus Familien gerissen und aus ihren Betrieben geholt werden, ist der lange gewahrte Anschein der Normalität verschwunden und der Krieg macht sich im Alltagsleben bemerkbar. Die von Putin versuchte patriotische Mobilisierung für den Waffengang funktioniert nicht recht.

Wie wird Putin damit nun umgehen? Wie reagiert er unter diesem Druck. Putin wird auch in dieser Bedrängnislage nicht emotional, oder gar verängstigt reagieren. Putin ist ein kühler Kalkulator, er ist bereit, alles zu tun, um diesen Krieg nicht zu verlieren. Schließlich weiß er, dass eine militärische Niederlage der russischen Armee in der Ukraine ihm zur Last gelegt würde und dann durchaus möglich ist, dass Putin gestürzt wird.

Besorgniserregend ist, dass Putin in seiner Rede zur Teilmobilmachung erklärt hat, Russland werde alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, wenn die „territoriale Integrität“ des Landes verletzt werde. Mit den zu erwartenden Annexionen der von der russischen Armee in der Ukraine besetzten Regionen wäre die gegenwärtige militärische Frontlinie und einige Gebiete darüber hinaus aus russischer Sicht eigenes Territorium. Was aber, wenn die Ukraine versuchen wird, mit einer Gegenoffensive einige der Gebiete wieder zurückzuerobern? Muss sich Putin dann nicht fragen lassen, ob die russische Armee nicht einmal in der Lage ist, die eigenen Landesgrenzen zu schützen?

Wenn aber die Ukraine annektiertes Gebiet zurückerobert, was sind dann für Putin alle zur Verfügung stehenden Mittel, um darauf zu reagieren. Das würde wohl auch taktische Nuklearwaffen miteinschließen. Ist Putin fähig, das seit 1945 bestehende nukleare Tabu zu brechen, wenn er sich in die Enge getrieben fühlt? Die Antwort ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein „Ja“. Das bedeutet noch nicht, dass Putin das bei einem für Russland desaströsen Kriegsverlauf auch tun wird. Putin weiß, dass Russland dafür einen hohen diplomatischen und militärischen Preis bezahlen müsste: Konventionelle Angriffe auf russische Stellungen in der Ukraine und die globale Isolation Russlands. Selbst China und Indien würden dann auf deutliche Distanz zu Putin gehen.

So bleibt als Fazit: Ein in die Ecke gedrängter Putin ist charakterlich fähig, Nuklearwaffen in diesem Konflikt einzusetzen. Weil er aber auch ein kühler Kalkulator ist, ist so eine Eskalation aber keineswegs sicher.

Dieser Text ist am 29.9.2022 als Gastbeitrag auf focus.de erschienen (https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/gastbeitrag-von-gerhard-mangott-putin-ist-ein-kuehler-kalkulator-der-zu-allem-bereit-ist_id_155945429.html).

Photo credit: https://www.rferl.org/a/russia-mobilization-incentives-draft-ukraine-war/32056473.html

 

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