Einschüchterung der Sachlichkeit

smart-bomb-6.jpgBeunruhigend und verstörend sind die sich mehrenden Rufe nach einer militärischen Aktion gegen das iranische Regime. Die unterstellte Absicht des iranischen Regimes, Israel zu vernichten, wird als drohende zweite, diesmal nukleare, Shoah bezeichnet. Aus diesem Zerrbild der Sicherheitslage im nahöstlichen Raum wird dann unweigerlich die dringliche Notwendigkeit militärischer Maßnahmen gegen den Iran eingefordert. Aus Scham wird – bevor diese Forderung erhoben wird – in kurzen Nebensätzen gerade nochmal erklärt, dies gelte natürlich nur, wenn Sanktionen und Verhandlungen nichts nützten. Dass diese aber ohnedies erfolgslos bleiben würden, wird angedeutet und unterstellt.

Die Mahner vor einer zweiten, von den fanatisierten Iranern verbrochenen Shoah emotionalisieren damit eine Debatte, die nüchtern, sachlich,realistisch und lösungsorientiert sein sollte. Dadurch werden besonnene und umsichtige Vorschläge, wie mit vermutlich militärisch nutzbaren atomaren Aktivitäten Irans umzugehen sei, abgedrängt. Durch den beharrlichen, aber völlig unredlichen, bisweilen schmutzigen Vorwurf, die Mahner zur Besonnenheit wären Antisemiten, wird versucht, eine sachliche Debatte zu unterbinden. Die Gefahr, als antisemitisch gebrandmarkt zu werden, lässt einen zögern, Vernunft und Sachlichkeit einzumahnen und dem emotionalisierten Kriegsgeschrei entgegenzutreten. Die Angst, als antisemitisch bezeichnet zu werden, ohne es zu sein, lähmt das freie Denken.

Shoah-Bellizisten gehen aber in ihren Einlassungen vielfach auch noch einen Schritt weiter: Nicht nur Israel sei von der Auslöschung bedroht, sondern dem fanatischen Regime des Iran wird sogar die Fähigkeit und die Absicht zugeschrieben, gleichsam die gesamte aufklärerische Moderne hinwegzufegen. Der Gegner wird damit immer monströser, die Gefahr eine geradezu existentielle, womit der Krieg gegen den Iran zur völlig selbstverständlichen Notwehr der bedrängten und bedrohten westlichen Zivilisation wird.

Solange die Debatte über die Sicherheitslage im Nahen Osten unter dem Deutungsvorbehalt des Verzichts auf Kritik an Israel steht, ist sie nicht sinnvoll führbar. Wo der Vorwurf des Antisemitismus eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Gemengelage an Konflikten in der Region verhindern soll oder gar zu verhindern mag, wird die Denk- und Redefreiheit beschnitten.

Die Kritik an der islamistischen Ablehnung, humanistischer Werte, ist mehr als berechtigt und notwendig. Aber den Iran als dämonische Inkarnation desselben darzustellen, ist zu einfach und reduziert die Komplexität der Lebenswirklichkeit in der Region. Weder Islamophobie und der Rückgriff auf den Antisemitismusvorwurf, noch der islamistische Wahn sind gute Ratgeber für den Umgang mit Iran.

Die militärische Nuklearoption des Iran ist eine unglückselige Entwicklung, die es zu verhindern gilt, wenn auch die Instrumente des Dialoges, der Verhandlungen und der gezielten Sanktionen bislang kaum Ergebnisse zeigen. Auch wenn es ratsam und nützlich wäre, über die Motive des iranischen Rüstungsplanes nachzudenken, ist es vorrangig, dessen Unterbindung möglich zu machen. Aber zugleich muss nachdrücklichst vor der unverantwortlichen und gefährlichen, weil emotionalisierten Losung zu warnen, die immer mehr Anhänger zu finden scheint: ‚Entweder Bomben auf Iran, oder die iranische Bombe‘.

Wenn die nukleare Waffenoption Irans durch zivile Mittel nicht verhindert werden können sollte, ist dies nicht als automatischer Schrankenöffner für einen Krieg gegen den Iran zu werten. Die Option ist nicht ‚Nuklearverzicht oder Krieg‘, sondern Einhegung eines dann nuklear bewaffneten Iran durch ein durchdachtes und besonnenes System der regionalen Abschreckungslogik. Die nukleare Bewaffnung Israels und der nukleare Schutzschirm der USA über die Region sind taugliche und ausreichende Instrumente dazu. Dies umso mehr, als die Kriegsbefürworter kein einziges sachliches Argument dafür liefern können, warum das iranische Regime die atomare Waffe gegen Israel einsetzen sollte, sobald es über diese verfüge.

Die ständigen Bezüge auf die widerwärtigen Auslassungen Achmadi-nejads taugen dazu nicht. Sie verkennen die komplexen, sich wechselseitig ausbalancierenden Institutionen der islamischen Diktatur in Iran. Iranische Außen- und Sicherheitspolitik ist nicht der verlängerte Arm der fanatisierten Rhetorik Achmadi-nejads. Das wirre Gefasel ist nicht das Drehbuch des iranischen Verhaltens in der Region. Iran ist kein irrationales Regime, das seine Selbstvernichtung anstrebt, auch wenn es Aussagen Achmadi-nejads manchmal nahelegen. Europäische Iranpolitik soll sich nicht in der Gedankenwelt dieses fanatisierten Irrlichtes verfangen.

Wer aber beharrlich an der Dämonisierung des Iran als den unausweichlichen atomaren Vernichter des jüdischen Staates Israel arbeitet, missbraucht die Erinnerung an die Shoah oder aber benutzt diese fahrlässig.

Dieser Kommentar ist in einer leicht modifizierten Form in der Tageszeitung ‘Der Standard’ am 3. Oktober 2007 erschienen.

3 thoughts on “Einschüchterung der Sachlichkeit”

  1. Der Missbrauch des Genozids ist jedoch auf beiden Seiten zu bemerken: Die einen wollen mit dessen Leugnung die Existenzlegitimität Israels untergraben, die anderen betreiben eine unreflektierte Instrumentalisierung der Geschehnisse um sich die Legitimität der Bevölkerung für ein härteres Vorgehen (wie auch immer das aussehen möge) geg. Iran zu verschaffen und versuchen die Situation – mit Rückberufung auf den Holocaust – zu dramatisieren. Die Realität sieht jedoch so aus, dass die Juden keine (existenziell) bedrohte Minderheit innerhalb eines Staatsgebietes mehr darstellen, sondern dass sie sich mit einem eigenen Gebiet und einer eigenen zentralen pol. Autorität identifizieren. Das jüdische Volk hat sich aus seiner Opferrolle herausentwickelt und muss sich als nukleare Macht im internationalen System behaupten. Die Argumentationen mit den  unglaublichen Grausamkeiten des Holocaust haben zwar immer eine Aufsehenserregende Wirkung, beleuchten die komplexen Problemstellungen jedoch nur begrenzt.

  2. Dass das Verhältnis des Iran zu den USA seit dem 1953 von der CIA inszenierten Putsch gegen Mohammed Mossadegh, dem einzigen demokratischen Regierungschef, den Iran je erlebt hat, und der danach erfolgten Einsetzung des Statthalters und Diktators Schah Reza Pahlewi von abgrundtiefem Misstrauen geprägt ist, ist nachvollziehbar. Gemäß der Nixon-Doktrin wurde das Land in der Folge als regionale Ordnungsmacht zum Schutz der Ausbeutung der Ölquellen durch westliche Gesellschaften massiv aufgerüstet. Nach der Revolution von 1979, die die Schah-Diktatur hinwegfegte und vom iranischen Volk als Segen empfunden wurde, drohte 1980 Präsident Jimmy Carter: "Jeder Versuch einer auswärtigen Macht, Kontrolle über die Region des Persischen Golfs zu erlangen, wird als Angriff auf die vitalen Interessen der USA betrachtet und wird mit allen Mitteln, einschließlich militärischer Gewalt, zurückgeschlagen werden". Seither betreiben die USA eine Einkreisungspolitik gegen den Iran. Als regionaler nuklearer Hegemon fungiert, stellvertretend für seine Schutzmacht USA, Israel. Es nimmt nicht wunder, dass das auf eine jahrtausendealte Tradition stolz zurückblickende iranische Volk diese Situation zunehmend als unerträglich empfindet und nach Möglichkeiten zu seiner Beseitigung sinnt. Bei der Wortwahl ist die politische Klasse wenig zimperlich, aber das gehört wohl zum Geschäft. Klar sollte aber auch sein, dass der amtierende Präsident, der derzeit aus durchsichtigen Gründen propagandistisch dämonisiert wird, nur ein besserer Sekretär des wahren Machthabers Ayatollah Ali Chamenei ist. Iran lebte aber bisher und lebt auch weiterhin vom Verkauf seines Öls. Nur soll dies auf eigene nationale Rechnung geschehen. Ein Regimewechsel, wie er von den USA mithilfe Israels angestrebt wird, wird vehement abgelehnt. Je mehr ein diesbezüglicher Druck auf den Iran ausgeübt wird, desto stärker wird  das Volk nationalistischen Parolen folgen und sich hinter den Ayatollahs im Widerstand vereinigen – so wie seinerzeit gegen den von  den USA aufgezwungenen Schah. 

  3. Für eine seriöse Debatte über einen ‚nuklearen
    Iran’ unerlässlich ist eine Reflexion über die (Ir-?)Rationalität iranischer
    Ambitionen in der internationalen Politik, was wiederum ganz wesentlich eine differenzierte
    Analyse innenpolitischer Zusammenhänge des Iran erfordert. Wie der Artikel
    richtig feststellt, ist eine sachliche Diskussion über diese beiden
    essentiellen Aspekte – die Rationalität des internationalen Akteurs Iran & das
    (das für ihre Außenpolitik relevante) Institutionengefüge der iranischen Diktatur
    – derzeit leider nicht beobachtbar.

    Mangott streicht nachvollziehbar
    heraus, dass die iranische Außen- und Sicherheitspolitik nicht durch
    Achmadi-nejads Wahn bestimmt wird, und der Iran als rationaler internationaler Akteur
    anzusehen ist; als solcher könnte der Iran dann auch in ein regionales
    Abschreckungssystem eingebettet werden. Ich bin nun alles andere als ein
    Experte des iranischen Verfassungssystems, allerdings scheint es mir richtig
    und notwendig zu betonen, dass es falsch wäre, von den totalitären
    Wahnvorstellungen des iranischen Präsidenten perse auf ein totalitäres
    Regierungs- und Gesellschaftssystem im Iran zu schließen. Der iranische
    Gottesstaat ist zweifelsohne keine Demokratie, sondern ein autoritäres System
    mit einigen unfassbar widerwärtigen ‚Rechtspraktiken’ – er ist aber eben nicht
    totalitär, sondern ‚nur’ autoritär: Wenn zwar die iranische Gesellschaft auch nur
    einen marginalen Einfluss auf das politische Geschehen auszuüben vermag, so
    kennt iranische Politik durch das Spannungsverhältnis seiner verschiedenen
    (vertikal kaum legitimierten) Institutionen doch ein Moment der Moderation, und
    wird nicht durch eine alle staatlichen und gesellschaftlichen Felder vereinnahmende
    Ideologie eines kranken Oberfunktionärs diktiert.

                Zudem
    denke ich, dass die neokonservative Sicherheitsdoktrin der ‚prevention’ (in
    ihrer ursprünglichen, nicht durch die NSS02 verfälschten Bedeutung) zwar eine weit
    sachlichere  Diskussion verdient hätte,
    als sie leider in den letzten Jahren von (alles Neokonservative als Kriegsübel
    ablehnenden) kontinentaleuropäischen Medien gefördert wurde, und im Weiteren, dass
    das Konzept der ‚prevention’ im Kontext von transnational operierenden
    terroristischen Netzwerken tatsächlich auch große Gültigkeit beanspruchen kann;
    allerdings scheint mir im Kontext so genannter ‚rogue states’ das
    (neo-)realistische Paradigma der Rationalität staatlicher Akteure doch
    weiterhin generell gegeben und die Sicherheitsdoktrin der ‚prevention’ unzutreffend.

                So
    weit, so gut … wäre mir im Kontext des sich verhärtenden internationalen Drucks
    gegenüber dem Iran nicht unlängst ein meines Erachtens kaum berücksichtigter Gesichtspunkt zu Tage getreten, der die Frage nach der Rationalität iranischer Außen- und
    Sicherheitspolitik erheblich in Frage stellt, und mich meine obigen
    Ausführungen (die ich für korrekt erachtete, und immer noch für korrekt
    erachten möchte) behutsam hinterfragen lässt. Dass der Iran allen Grund hat
    nach der Atombombe zu streben, ist (historisch) angesichts der vielfach
    erlittenen militärischen Bedrängung durch westliche Großmächte und arabische
    Nachbarn und in Anbetracht der aktuellen regionalen Sicherheitslandschaft
    einsichtig, und wird unter Berücksichtigung der gänzlich verschiedenen
    US-Politik gegenüber dem (nicht atomar bewaffneten) Irak03 und (einem atomar
    bewaffneten) Nordkorea noch viel verständlicher. Dass innerhalb des sehr
    stolzen iranischen/persischen Volkes der Rekurs auf eine mit der Nuklearoption
    verbundene Großmachstellung ein probates Mittel für das politische Überleben
    des innenpolitisch sehr angeschlagenen Achmadi-nejad darstellen könnte, ist
    ebenfalls offensichtlich. Es geht mir freilich auch nicht darum Achmadi-nejads Ideenwelt
    zu geißeln (so berechtigt dies wäre), oder in diesem Zusammenhang der häufig
    lancierten These zuzustimmen, die Irrationalität des Iran auf
    international-militärischer Ebene ließe sich aus der ‚irrationalen
    Holocaust-Leugnung’ herleiten (für mich ist die Holocaust-Leugnung schlichtweg
    widerwärtig und dumm).

    Was ich schlicht nicht verstehen kann,
    ist, welchem strategischen Kalkül die widerwärtigen, häufig medial inszenierten
    antisemitischen Ausfälle des iranischen Präsidenten folgen. Eine Kosten-Nutzen-Analyse
    über die Konsequenzen der mitunter auch internationalen Kommunikation von Achmadi-nejads
    Auslöschungsphantasien gegenüber Israel soll dies zeigen. Ich will an dieser
    Stelle auch gar nicht verhehlen (es wurde wahrscheinlich eh schon deutlich),
    gefühlsmäßig ‚pro-israelisch’ eingestellt zu sein; dies allerdings keinesfalls
    wegen religiöser oder ethnischer Identifikationskriterien – beide Kategorien
    sind mir vollkommen fremd – bzw. einer ‚Islamphobie’, sondern einzig, weil das Staatssystem
    Israel und seine Gesellschaft den Prinzipien einer aufgeklärt-humanistischen Wertegemeinschaft
    weit näher stehen.

    Weil die Kosten-Seite meines Erachtens
    derart erdrückend ist, will ich mit dieser beginnen, um mich dann mit der
    Nutzen-Seite nur kurz befassen zu müssen. Achmadi-nejads immer wiederkehrenden
    entsetzlichen Äußerungen haben zumindest im Kontext des Iran-Konfliktes erreicht,
    was für absehbare Zeit eigentlich als unmöglich erschien – die neokonservative
    Sicherheitspolitik der Bush-Administration findet sowohl innerhalb des
    demokratischen Lagers in den USA selbst als auch im sonst doch ‚so
    pazifistischen Europa’ auf einmal wieder Anklang. Ich durfte in den USA selbst
    miterleben, wie klassische core democrats, so sehr sie auch gegen die
    Irak-Intervention wetterten, den Iran als große Bedrohung bezeichneten; und
    mittlerweile hat ja auch die aussichtsreichste Präsidentschaftskandidatin der democrats,
    Hillary Clinton, in dem renommierten politikwissenschaftlichen Journal ‚Foreign
    Affairs’ recht eindrücklich Stellung gegen den Iran bezogen. Dass sich
    Frankreich in der Sicherheitspolitik hinter die USA stellt – alles Andere als
    alltäglich, würde ich ebenfalls als (sicherlich auch durch den
    Präsidenten-Wechsel bedingtes) großes Warnzeichen für den Iran werten. Zusätzlich
    muss bedacht werden, dass Deutschland, das sich in diesem Konflikt bis jetzt
    nicht allzu deutlich geäußert hat, aus einem historischen Bewusstsein heraus im
    Kontext von Achmadi-nejads Auslöschungsphantasien gegenüber Israel wohl weniger
    friedfertig agieren wird wie bei der Frage des Irak03 (wo es einer
    Friedenstaube gleich über den Art. 25 der UN-Charta hinweggesegelt ist). All
    dies illustriert, welch überwältigende Gegenallianz die Auslassungen des
    iranischen Präsidenten zu mobilisieren vermochten – ein in diesem Kontext
    intern geeintes und in der westlichen Staatengemeinschaft legitimiertes Amerika.
    Ein unverhoffter Traum für alle neokonservativen DenkerInnen, und ein wie ich
    eigentlich meinte, unter allen Umständen abzuwehrender Schreck für den iranischen
    Gottesstaat!

    So der Iran ein rationaler Akteur auf
    internationaler Ebene ist, muss also offensichtlich der Nutzen dieser Achmadi-nejadschen
    Vernichtungsrhetorik exorbitant sein, um auszugleichen, was auf der
    Kosten-Seite als politisch-militärisches Selbstmord-Potential einzuschätzen
    ist. Aus meiner Warte das Problem ist nun, dass ich nicht wirklich erkenne, wie
    Achmadi-nejads Auslöschungsrhetorik gegenüber Israel dem nationalen Interesse
    des Iran zum Vorteil gereichen soll, ganz zu schweigen von einem (in Anbetracht
    der Kosten eigentlich erforderlichen) Nutzen in exorbitantem Ausmaß. Welcher
    arabische Staat sollte sich durch diese Rhetorik in seiner
    sicherheitspolitischen Orientierung umpolen lassen? Syrien wird mit und ohne
    diese empörenden Äußerungen strategischer Partner des Iran bleiben; alle
    anderen arabischen Staaten in der Region, im Wesentlichen Verbündete der USA,
    werden sich wohl kaum durch diese antisemitischen Ausfälle vereinnahmen lassen.
    Mag sein, dass  Achmadi-nejads
    Vernichtungsrhetorik dort in manchen Teilen der politischen Klasse auf gewissen
    Zuspruch stößt, dass man dafür aber die Schutzherrschaft des mächtigsten Landes
    der Welt aufgibt, die nicht nur für die außenpolitische Abschirmung, sondern
    auch für die innenpolitische Stabilisierung essentiell ist, halte ich für
    ausgesprochen unwahrscheinlich. Auch das immer wieder bemühte Argument der
    Rationalität hinter der vorgetäuschten Irrationalität, dass also die Androhung
    der nuklearen Auslöschung Israels das iranische Erpressungspotential gegenüber
    der internationalen Staatenwelt erheblich steigern  würde, ist unzutreffend; es wäre erst
    plausibel – dann allerdings sehr plausibel – wenn der Iran bereits im Besitz
    der nuklearen Schlagkraft sein würde. Zuallerletzt bleibt auf der Nutzen-Seite
    noch die innenpolitische Dimension zu klären. Weil mir jedwede Einsicht in die
    iranische Gesellschaft fehlt, maße ich mir nicht an zu urteilen, ob Achmadi-nejad
    durch derartige Äußerungen auf ‚Stimmenfang’ gehen kann; allerdings würde ich
    behaupten, dass in der iranischen Diktatur jene demokratische Responsivität,
    die Vorraussetzung dafür ist, auf innenpolitischem Wege zu erzwingen, was
    außenpolitisch potentiell selbstmörderisch ist, nicht gegeben ist. Kurzum, mir
    ist schleierhaft, welche positive Kehrseite diese die westliche
    Staatengemeinschaft zu Recht empörende Vernichtungsrhetorik von Achmadi-nejad
    enthalten könnte.

    Dass der Iran die Hamas und Hizbollah unterstützt,
    ist rational: ihre terroristischen Aktionen binden Israel militärisch und
    delegitimieren seine Sicherheitspolitik gleichsam auf politischer Ebene, weil
    die dadurch provozierten militärischen Aktionen Israels in Palästina und im
    Libanon als ‚zionistischer Imperialismus’ gebrandmarkt werden können. Dass der
    Iran manche schiitischen Milizen im Irak unterstützt, ist ebenfalls rational:
    wenn deren terroristische Aktionen auch sicherlich nicht hauptverantwortlich
    für das amerikanische Desaster im Irak sind, so binden doch auch sie die USA
    militärisch; und jeder zusätzliche Problemherd im Irak verzögert einen Truppenabzug
    und delegitimiert so intern wie extern die amerikanische Sicherheitspolitik. So
    sehr all dies auch auf ein großes strategisches Geschick auf iranischer Seite
    schließen lässt, dem wichtigsten Erfordernis für ein rationales Konzept zum
    regionalen Wiederaufstieg des Iran wird auf unfassbar dumme Weise getrotzt.

    Wäre der Iran ein konsistent rationaler
    Akteur, der auf mittlere Frist in Folge seiner Rationalität (gewissermaßen als
    dessen Krönung) nach der Atombombe strebt, sollte im primär daran gelegen sein,
    zwar seinen oben angeführten staatsterroristischen Aktionismus fortzusetzen,
    aber möglichst kein wie immer geartetes internationales Aufsehen zu erregen. Sollten
    seine Nuklearaktivitäten dann doch hin und wieder für westlichen Aufruhr
    sorgen, könnte er sich wohl, für viele nachvollziehbar, über den (indirekt
    gerade auch durch ihn provozierten) ‚amerikanischen und israelischen
    Imperialismus’ empören, und sich dabei auf den ‚Pazifismus Europas und der
    amerikanischen democrats’ verlassen. Ich denke, mit dieser Strategie der offiziellen
    Zurückhaltung wäre dem Iran angesichts eines gelähmten Amerikas die Atombombe
    wohl gewiss; zumal es für neokonservative Zirkel unmöglich sein würde, eine
    militärische Intervention gegen den Iran zu mobilisieren. Lediglich, der Iran
    wahrt diese aus seiner Sicht einmalige Chance nicht, sondern zieht in Form
    seines Präsidenten alle internationale Aufmerksamkeit auf sich; nicht nur das,
    er sticht dabei in den für die westliche Staatengemeinschaft wundesten aller Punkte;
    und das auch noch, ohne ersichtlichen Nutzen.

    So drängt sich mir die unliebsame Befürchtnis
    auf, dass der Iran möglicherweise doch kein rationaler Akteur (mehr) ist. Dass
    dies an irrational fanatisierenden statt strategisch kalkulierenden
    militärischen Eliten liegt, glaube ich nicht. Viel eher scheint mir die
    Vermutung berechtigt, dass eben diese militärischen Eliten es derzeit nicht (mehr)
    vermögen, den Wahnsinn ihres Präsidenten Achmadi-nejad und der ihm
    übergeordneten Ayatollas einzuhegen. Dies ist an sich bitter für die iranische
    Bevölkerung; und aus Sicht des Westens lässt es folgende etwas pointiert formulierte
    Problemstellung zu:

    Wer seinen Präsidenten nicht davon
    abhalten kann, einen militärischen Schlag von potentiell vernichtendem Ausmaß
    gegen sein Land zu provozieren – dies über eine keinem erkennbaren
    strategischen Kalkül geschuldete Auslöschungsrhetorik gegenüber dem Staat
    Israel, der kann auch nur mit (zu) großer Unsicherheit, die tatsächliche von
    eben diesem Präsidenten initiierte nukleare Auslöschung des Staates Israel
    abwenden … Dann allerdings stellt sich für die westliche Staatengemeinschaft die
    fundamentale Frage, ob eine militärische Intervention gegen einen sich nuklear
    bewaffnenden Iran nicht doch geboten wäre …

     

    Kein Thema in der internationalen
    Sicherheitspolitik wiegt derzeit wohl schwerer als Irans Nuklearambitionen.
    Dieser Konflikt ist für die westliche Staatengemeinschaft sowohl aus
    strategischem Interessenkalkül wie auch aus Gesichtspunkten der moralischen
    Verantwortung von fundamentaler Bedeutung. Leider ist derzeit eine seriöse
    Debatte nicht auszumachen; hastiges Kriegsgeschrei wie gutgläubige
    Iran-Romantik sind entbehrlich.

    Ich denke, dass gerade dieses Forum
    dazu geeignet ist, eine sachliche Debatte zu entfachen, und hoffe in diesem
    Sinne auf konstruktive Kritik (wobei ich nochmals darauf aufmerksam machen
    will, dass es mir in meiner Skepsis an einer friedlichen Konfliktbeilegung
    nicht um Irans nukleare Bestrebungen an sich geht oder um seinen vielfältigen
    Staatsterrorismus; auch geht es mir nicht um Achmadi-nejads
    Vernichtungsrhetorik an sich, sondern darum, dass, weil Achmadi-nejads
    Vernichtungsrhetorik zumindest meiner Kosten-Nutzen-Analyse nicht im Geringsten
    Stand hält, ich Zweifel hege an Irans Rationalität auf internationaler Ebene und
    in Folge auch an der Möglichkeit einer Einbettung in ein regionales
    Abschreckungssystem.)

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