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Navalnyj und ein maliziöses Spiel

Die von der Staatsanwaltschaft beantragte Haftprüfung und die darauffolgende gerichtlich verfügte Enthaftung von Aleksej Navalnyj sind für russländische Strafverfahren ungewöhnlich. Einige Kommentatoren meinten, dies wäre ein Erfolg der spontanen Proteste gegen das Urteil über Navalnyj in Moskau und anderen russländischen Städten gewesen. Nichts liegt ferner als diese Begründung. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass nur einer dieser Kommentaren das wirklich glaubt; vielmehr geht es ihnen wohl darum, die Opposition stärker darzustellen als sie tatsächlich ist. Glaubwürdigen Gerüchten nach liegt die Erklärung in einer Auseinandersetzung zwischen dem Lager des Moskauer Oberbürgermeisters Sobjanin und dem Leiter der Zentralen Untersuchungsbehörde (SK) Bastrykin. Bastrykin möchte entlang der repressiven Strategie, auf die sich die russländische Führung um Putin mehrheitlich verständigt hat, fortsetzen und einen führenden oppositionellen Aktivisten ins Gefängnis bringen. Sobjanin hingegen ist daran interessiert, die Wahlen zum Moskauer Bürgermeisteramt am 8. September d.J. als möglichst kompetitiv und glaubwürdig aussehen lassen. Dazu braucht er die Kandidatur Navalnyjs, der das jüngere, gebildetere und einkommensstärkere Wählersegment in Moskau mobilisieren kann. Ohne Navalnyjs Teilnahme würden die Wahlen zu einem bürokratischen Selbstbestätigungsakt Sobjanins verkommen.

Sobjanin scheint sich durchgesetzt zu haben. Nach der erfolgten Enthaftung haben die Verteidiger Navalnyjs noch 9 Tage Zeit, Berufung einzulegen. Das Berufungsgericht muss dann in spätestens 30 Tagen beginnen über die Berufung zu beraten: das Urteil bestätigen, verändern, auf Bewährung auszusetzen oder Navalnyj freisprechen. Letzteres scheint nahezu unmöglich. Die Überprüfung des Berufungsgerichtes kann mehrere Monate dauern, aber auch mehr als ein Jahr. Wann eine Ene Entscheidung also fallen wird, ist unbekannt. Als verurteilter Staatsbürger verliert Navalnyj das passive Wahlrecht. Verurteilt auch das Berufungsgericht Navalnyj zu Haft, bleibt diesem als letzte Berufungsinstanz das Kassationsgericht zur Aufhebung eines rechtskräftigen Urteils durch ein höheres Gericht. Dieses Rechtsmittel kann er aber nur aus der Haft nutzen. (Ich verdanke diese Rechtsexpertise dem Univ.Ass. Alexander Dubowy, Juridicum Wien). Wird Navalnyj nicht bis zum 3. September rechtskräftig verurteilt, bleibt sein Name jedenfalls auf dem Stimmzettel. Wird das Urteil erst nach der unwahrscheinlichen Wahl zum Bürgermeister rechtskräftig, verliert er automatisch dieses Amt.

Das würde das maliziöse Spiel möglich machen, das ich vermute: Navalnyj bleibt im Rennen um das Moskauer Oberbürgermeisteramt, verschafft den Wahlen Legitimität, erzielt ein respektables Ergebnis und wird nach dem Scheitern der letzten Berufungsmöglichkeit in den Kerker geworfen. Bastrykin hat seinen Gefangenen, Sobjanin seine kompetitiven Wahlen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Navalnyj dieses Spiel mitmachen wird.Dazu kommt nämlich noch: Sollte die Unterstützung für Navalnyj in den Umfragen zu stark werden, wird das Berufungsgericht eine Haftentscheidung fällen.

Foto: Reuters

Russland und die Affäre Snowden. Ein Interview

Wurde Russland tatsächlich von der Ankunft Snowdens in Scheremetjewo überrascht oder war das so abgesprochen?

Es ist schwer vorstellbar, dass Snowden ohne Wissen und Zustimmung von Regierungskreisen nach Moskau gekommen ist. Allerdings halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass die russischen Behörden von einer raschen Weiterreise Snowdens nach Ecuador ausgegangen sind. Letztlich musste Snowden in Russland verharren, weil die USA seine Reisedokumente für ungültig erklärt, Länder, die ihm Asyl angeboten haben, unter Druck setzt und seine Bewegungsfreiheit radikal eingeschränkt ist. Snowden wurde gegen den Willen Russlands gleichsam ein Gefangener in der Transitzone von Scheremetjevo. Russland ist sehr daran interessiert, dass Snowden das Land verlässt, wird ihn aber nicht ausweisen, sondern versucht, ein Asylland zu finden, in das er sicher transportiert werden kann.

Was bringt es Moskau, sich auf einen längeren Aufenthalt Snowdens und diplomatische Querelen mit den USA einzulassen?

Nachdem Snowden an sich gegen den Willen der russischen Führung in Russland festgesetzt bleibt, versucht sie, wenigstens beschränkten Nutzen daraus zu ziehen. Die Affäre wird von der russländischen Führung genutzt, um die USA als vermeintlicher Hort demokratischer und rechtsstaatlicher Prinzipien zu diskreditieren. Russland kann zugleich seinen Anspruch, ein souveränes, jeglichem Druck sich widersetzendes Land unterstreichen. Der lange und ungeklärte Aufenthalt Snowdens ermöglicht der russischen Führung auch, die von Snowden erhobenen Vorwürde gegen die Regierung der USA als zentrales mediales Thema zu erhalten und damit dem Ansehen der USA zu schaden.

Nicht zu vergessen ist auch, dass die russische Führung damit auch Rache nehmen kann, wegen der (semi-)kriminellen russischen Bürger, die in westlichen Staaten politisches Asyl erhalten haben.

Zuletzt ist auch nicht auszuschließen, dass es zwischen Snwoden und russischen Stellen informative Gespräche gegeben hat.

Putin hat erklärt, die Beziehungen zu den USA seien für Russland wichtiger als Snowden. Welche Rolle spielt seine Vergangenheit als Ex-KGB-Auslandsagent?

Putin meinte damit aber nicht, dass das Schicksal Snowdens den Interessen Russlands an besseren Beziehungen mit den USA untergeordnet und der Flüchtling letztlich ausgeliefert werde. Putin wies nur darauf hin, dass kooperative Beziehungen mit den USA wichtiger seien, als ein fortgesetzter Disput um Snowden. Es war ein Aufruf an die USA, die bilateralen Beziehungen durch die Flüchtlingsaffäre nicht weiter zu belasten. Putins zentrales Ziel ist es, den bilateralen Besuch von Barack Obama in Russland im September nicht zu gefährden.

Als früherer Offizier des KGB hat Putin kaum Sympathien für Snowden. Er sieht ihn wohl eher als Verräter seines Landes, was für einen Agenten ein Frevel ist.

Nach außen hin mutet Putins Lavieren im Fall Snowden wie ein doppeltes Spiel an, der Präsident wirkt unentschlossen.

Putin wirkt unentschlossen, ist es aber nicht. Putin will den Eindruck vermitteln, über die Anwesenheit Snowdens ungehalten zu sein und kein Interesse zu haben, ihm Asyl zu gewähren. Putin will damit den Eindruck erwecken, dass Russland mit der ganzen Angelegenheit eigentlich nichts zu tun haben möchte, allen voran er persönlich nicht. Daher wird derzeit auch nur über „vorübergehendes Asyl“ für Snowden spekuliert und keinen dauerhaften Asylantenstatus. In die Entscheidung über den vorübergehenden Status ist der Präsident formal nicht eingebunden, für dauerhaften Flüchtlingsstatus aber schon.

Tatsache aber ist, dass Russland an seiner angekündigten Linie, Snowden nicht an die USA auszuliefern, immer festgehalten hat und nun mit der vermutlichen Gewährung von „vorübergehendem Asyl“ für die Dauer von einem Jahr eine Lösung zugunsten von Snowden zu suchen bereit ist. Snowden will nicht dauerhaft in Russland bleiben und sucht nach einer sicheren Passage nach Venezuela.

 Wie verkauft er seinen Zick-Zack-Kurs in der Öffentlichkeit? Wie kann er sich des Eindrucks erwehren, er ließe sich von den USA unter Druck setzen?

Nur die sehr informierten Bürger nehmen die differenzierte Haltung Putins in der Affäre wahr. Für die breiten Bevölkerungsschichten demonstriert Putin einmal mehr, Russland als starke Nation nach außen zu vertreten, die sich keinem Druck beugt, auch und schon gar nicht den Pressionen der USA. Das wird von den meisten Russen positiv gesehen und nützt damit Putin.

Interessiert sich in Russland überhaupt eine breitere Öffentlichkeit für den Fall Snowden?

Das mediale Interesse ist groß, die Aufmerksamkeit der Bürger für die Affäre Snowden aber mässig. Der Flüchtende kann emotional nicht wirklich mobilisieren.’

Interview abgedruckt in derstandard.at: http://derstandard.at/1373512883366/Putin-haelt-Snowden-wohl-fuer-einen-Verraeter

 

Leere Rohre. Das Scheitern von Nabucco und die Folgen

leere_rohreNabucco ist also tot. Ich sagte es seit langem. Über die Gründe für das Scheitern der alten Nabucco-Trasse habe ich auf meinem Blog immer wieder geschrieben. Nabucco-West, das ich, gemessen am ursprünglichen Vorhaben, auch als Nabuccolino bezeichnet habe, ist nun auch gescheitert. Die TAP hat sich letztlich aus drei Gründen durchgesetzt: Zuerst ist die norwegische Statoil – ein führendes Mitglied des Gaskonsortiums Shah Deniz – am TAP-Projekt beteiligt.  Sodann sind die Investitionskosten für die kürzere TAP-Leitung niedriger. Nachdem sich die führenden Betreiber des Gaskonsortiums in die Leitungsprojekte einkaufen wollten, sind damit auch die Kosten für das SD-Konsortium niedriger. Das TAP-Projekt gelangt somit früher in die Gewinnzone. Zum Dritten hat TAP sein ursprüngliches, wenig attraktives, Konzept in den letzten 18 Monaten deutlich verbessert. Das Gas wird nicht vorrangig am saturierten, wenn auch lukrativen italienischen Gasmarkt vermarktet werden, sondern die Schweiz versorgen und nach Deutschland weitergeleitet werden; zudem soll mit der Ionisch-Adriatischen Pipeline, die in Albanien von der TAP abzweigt, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, vielleicht auch Albanien und das Kosovo versorgt werden.

Was sind nun aber die Konsequenzen für die OMV und die österreichische Gasversorgung: Neben dem Imageschaden und den teilweise verlorenen Investitionskosten, stellt sich für die OMV die neue Aufgabe, angeblich substantielle, noch zu erschließende eigene Gasvorkommen im Schwarzen Meer auf die Märkte zu transportieren. Es ist kaum zu erwarten, dass die OMV eine neue Leitung dafür errichten wird, außer es gelingt, Partner dafür zu finden, was sehr unsicher ist. Meiner Ansicht nach, wird die OMV bestehende Infrastruktur nutzen, modernisieren, ausbauen und verbinden, um dieses Gas zum Central European Gas Hub (CEGH) nach Baumgarten zu bringen. Damit könnte sie eine Projektidee von British Petroleum aufgreifen – das SEEP-Konzept.

Als weitere Konsequenz ist der relative Bedeutungsverlust für den CEGH abzuweren. Ohne Nabucco wird nun kein zusätzliches Gas nach Baumgarten kommen. Gleichzeitig ist nach derzeitiger Kenntnislage die Anbindung der russländischen South Stream an den CEGH auch gescheitert. Die OMV hat mit ihrer Nabucco-Initiative die Gazprom sehr irritiert. Die an der Europäischen Kommission gescheiterte Beteiligung von Gazprom am CEGH war dann wesentlicher Grund, warum South Stream nun nicht nach Baumgarten, sondern in das norditalienische Tarvisio führen soll. South Stream soll im Endausbau 63 Mrd. m3 transportieren, erhebliche Mengen davon sollten über den CEGH betrieben werden. Diese Volumina sind nun wohl verloren, außer Gazprom ist noch umzustimmen; die Konditionen dafür werden kaum annehmbare sein. Der CEGH und die Gasversorgung Ostösterreichs werden nun am maroden ukrainischen Gasleitungsnetz hängen. Angesicht der hohen Importabhängigkeit Österreichs von Gas aus Russland war es bisher schon besorgniserregend, auf ein einziges Leitungsnetz angewiesen zu sein. Wenn das ukrainische Leitungsnetz aber nicht dringend saniert wird, hängen wir an rostigen Rohren. Zudem werden, wenn South Stream gebaut wird, erheblich geringere Mengen über das ukrainische Netz nach Österreich gelangen. South Stream dient dazu, die ukrainischen Transitleitungen auszutrocknen und die Ukraine zu umgehen. Gazprom wird die Verträge mit der OMV einhalten, aber abzuwarten bleibt, wieviel zusätzliches russländisches Gas dann noch über den CEGH vertrieben werden wird. Mit dem Scheitern von Nabucco kann auch ein substantieller Relevanzverlust des CEGH verbunden sein. Darin liegt dringender, nicht zuletzt politischer Handlungsbedarf.

Foto: http://steveboese.squarespace.com/journal/2012/11/2/forecast-upside-pipeline-and-staying-on-offense.html

Der Kommentar ist auch auf http://www.eu-infothek.com/article/leere-rohre-das-scheitern-von-nabucco-und-seine-folgen erschienen.

Auf der Flucht. In Windeseile zur Bedeutungslosigkeit

golanDer Abzug der österreichischen Einheiten der UNDOF (United Nations Disengagement Observer Force) vom Golan ist ein schwerer strategischer Fehler und die überstürzte Form des Rückzugs ist geradezu verstörend. Aufgrund der Zahlenstärke der österreichischen Soldaten im Rahmen des UNDOF-Kontingents stellt der hastig beschlossene Abzug auch eine Gefährdung der gesamten Mission dar. Zudem verstärkt der äußerst kurze Zeitplan für den Rückzug die ohnehin bereits bemerkbaren Auflösungserscheinungen der UNDOF, nachdem kroatische, kanadische und japanische Einheiten aus der UNDOF bereits ausgeschieden sind.

Der begrenzte militärische Zwischenfall am Bravo Gate am 6. Juni, das Rebelleneinheiten für kaum eine Stunde unter ihre Kontrolle gebracht hatten, war für die politische Elite des Landes Anlass und Vorwand, innerhalb weniger Stunden eine Mission zu beenden, die vor 39 Jahren begonnen hatte. Das Bravo Gate wurde durch die offiziellen syrischen Streitkräfte bald wieder befreit. Blauhelme wurden nicht zum Ziel militärischer Kampfhandlungen. Wenn dieses passiert wäre, hätte statt der Rückzugs aus der UNDOF auch eine Verlegung der österreichischen Einheiten auf israelisches Gebiet erwogen werden können, bis der Sicherheitsrat sich auf eine neue Bewertung der militärischen Lage verständigt hätte.

Wenn nicht wirklich nur auf einen Anlassfall gewartet wurde, den man in der östterreichischen Regierung am 6. Juni dann gegeben sah, dann erfolgte der Abzug jedenfalls verfrüht. Die kurze Besetzung des BRAVO-Gate war keine Gefährdung der UNDOF-Einheiten, auch wenn zuzugeben ist, dass in den vergangenen Monaten Übergriffe auf österreichische und philippinische Blauhelmsoldaten durch irreguläre syrische Kämpfer stattgefunden haben. Ein Abzug der Einheiten wäre aber rechtlich und politisch nur dann zu vertreten und geboten gewesen, wenn sich offizielle syrische und israelische Streitkäfte nicht mehr an die Waffenstillstandsvereinbarungen halten. Das aber ist nicht der Fall! Österreich erleichtert mit seinem Abzug aber nun, dass es an der Waffenstillstandslinie zu einer militärischen Eskalation kommen könnte.

Es stimmt zweifellos, dass das derzeitige Mandat den UNDOF-Einheiten, das auf der Resolution 350 des Sicherheitsrates der VN aus dem Mai 1974 beruht, nur begrenzte Möglichkeiten einräumt; es stimmt auch, dass das Mandat nur auf die regulären Streitkräfte der Konfliktparteien Israel und Syrien ausgerichtet ist, nicht aber auf irreguläre bewaffnete Kämpfer. Aber auch das derzeitige Mandat bietet die Möglichkeit zum Waffeneinsatz zur Zwecken der Selbstverteigung.

Eine besonnene Vorgangsweise hätte diesen Zwischenfall als Anlaß dafür genommen, im Rahmen der UN für ein robusteres Mandat für die UNDOF nachzusuchen; die hätte auch schon vor vielen Monaten erfolgen sollen. Dieses Mandat hätte nach Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen beschlossen werden sollen. Es ist keineswegs sicher, dass sich der Sicherheitsrat dazu bereit gefunden hätte. Österreich hätte bei einem Scheitern dieses Versuchs seine Soldaten aber ohne Gesichtsverlust abziehen können.

Daraus leitet sich ab, dass die österreichische Regierung durchaus noch Zeit gehabt hätte, auf die prekäre Sicherheitslage zu reagieren und mit ihr zurecht zu kommen, ohne den sofortigen Rückzug anzuordnen. Es gilt für die österreichische Bevölkerung aber, was vielen demokratischen Gesellschaften eigen ist – es sind postheroische Gesellschaften, in denen dem Soldaten kein heorischer Status zugebilligt wird und Soldaten auch nicht fallen dürfen. Unabhängig davon, dass die gegenwärtige Situation auf dem Golan für die österreichischen Soldaten noch nicht lebensbedrohlich war, zählt es aber zum Wesen des Soldaten, in gefährlichen Situationen auch das äußerste Risiko, den Einsatz des eigenen Lebens, einzugehen. Österreichische Blauhelme, die keine Wehpflicht-, sondern sich freiwillig für diesen Einsatz gemeldete Berufssoldaten sind, waren von Anfang an am Golan, weil es eine militärisch-gefährliche Region ist. Die Teilnahme an UN-Operationen kann doch nicht ernsthaft an deren absolute Gefahrlosigkeit geknüpft sein.

Der Abzug der österreichischen Verbände führt zu einer unübersichtlichen Lage auf den Golan-Höhen. Letztlich ist die Region auf die Lage vor dem 31. Mai 1974 zurückgeworfen, als sich Syrien und Israel zwar auf ein Truppenentflechtungsübereinkommen geeinigt hatten, aber dessen internationale Überachung erst beschlossen werden musste. Gerade Österreich mit seiner schmutzigen Vergangenheit des letzten Jahrhunderts wäre auch dringlich anzuraten, diese Sicherheitsaufgabe gegenüber dem Staat Israel ernst zu nehmen.

In Österreich betonen nun viele Mitglieder der politischen Eliten, der Truppenabzug wäre auf Ebene der EU für den Fall der Nichtverlängerung des Waffenembargos gegen die beiden Konfliktparteien in Syrien doch angekündigt gewesen. Das ist zynisch und sachlich haltlos: Die Entscheidung des Ratstreffens, das Embargo nicht mehr zu verlängern, hat derzeit noch keinerlei Änderung der Waffenversorgung der irregulären Kampfverbände in Syrien bewirkt. Bravo Gate und Embargogate haben nichts miteinander zu tun.

Österreich hat mit dieser Entscheidung, die wohl nicht zuletzt auch von wahltaktischen Motiven getragen war, das Ansehen von 39 Jahren UNDOF-Engagement in kurzer Zeit verspielt. Im Schacher um Wählerstimmen wurde internationale Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit Österreichs geopfert.

Anders als andere kleinere Staaten, hat die österreichische Außenpolitik seit vielen Jahren keine Akzente mehr zu setzen vermocht, vielleicht auch nicht gewollt. Anders als Norwegen oder die Schweiz hat sich Österreich nicht um die Vermittlung bei zwischen- oder innerstaatlichen Konflikten bemüht. Österreich ist international damit kaum noch sichtbar gewesen. Der Abzug vom Golan löscht nun einen der letzten verbliebenen Akzente dieses Landes in der internationalen Politik aus. Kleine Staaten sind nicht an sich bedeutungslos, eine wenig kluge Außenpolitik kann sie aber sehr rasch dazu machen.

Dieser Kommentar ist im Original bei EU-Infothek erschienen (http://www.eu-infothek.com/article/auf-der-flucht-vom-golan-windeseile-zur-bedeutungslosigkeit)

 

Stabilität frisst ihre Kinder!

vladislav-surkovAngeblich ist er aus freien Stücken zurückgetreten. Diese souveräne demokratische Entscheidung hat er aber wohl nicht selbst getroffen. Zu lange schon wollten ihn Putins Vertraute aus dem Präsidialamt – Sergej Ivanov und Vjacheslav Volodin – los werden. Der Eklat um angebliche finanzielle Transfers aus der Skolkovo-Stiftung an einen führenden Aktivisten der russländischen Anti-Regierungsproteste (Bolotniki) hat Vladislav Jur’jevich Surkov wohl das Genick gebrochen. Entlassen wurde Surkov am 8. Mai, sein Rücktrittsgesuch hatte er allerdings schon am 26. April eingereicht. Als stv. Vorsitzender der Regierung – zuständig für die Modernisierung und Innovation, aber auch für religiöse Angelegenheiten – zählte er zu den wenigen Vertrauen von Dmitrij Medvedev; zu einem Zirkel, zu dem auch Igor Shuvalov und Arkadij Dvorkovich zu rechnen sind. Surkov war in der Regierung für die Entwicklung von Skolkovo als wissenschaftliches Zentrum zuständig und Mitglied des Aufsichtsrates der Skolkovo-Stiftung. Insgesamt sollen zwischen November 2011 und Dezember 2012 571.000 Euro an Ilja Ponomarjov, Mitglied der Staatsduma und führender Aktivist der Bolotniki, geflossen sein – angeblich für Vorträge und wissenschaftliche Studien (siehe dazu Izvestija, 17.4.2013). Ponomarjov wurde an der Moskauer Staatlichen Universität als Physiker ausgebildet. Die Zahlungen sollen vom stv. Präsidenten der Skolkovo-Stiftung, Aleksej Beltjukov, an Ponomarjov geleistet worden sein. Das staatliche Untersuchungskomitee (Sledstvennij Komitet) unter der Leitung des Putin-Vertrauten Alexander Bastrykin untersucht nun, ob Ponomarjov diese Gelder für die Finanzierung der Aktivitäten der Bolotniki eingesetzt hat. Surkov hatte die Vorgangsweise des Untersuchungskomitees öffentlich scharf kritisiert.

Die Entlassung Surkovs ist vor allem ein Menetekel für Dmitrij Medvedev. Die Entlassung Surkovs war ein deutlicher Sieg der siloviki, der hardliner in Putins Führungsriege. Deren eigentliches Ziel aber ist Medvedev. Auch wenn Medvedev bei der Sitzung des Kabinetts unter dem Vorsitz Putins am 7. Mai sich Putin gegenüber unterwürfig zeigte, scheinen seine Tage gezählt. Mit der Entlassung Surkovs wird seine ohnedies schwache Stellung weiter verschlechtert. Bald ist Medvedev allein zuhaus – im Bjelij Dom.

Surkov war in der ersten Amtszeit von Vladimir Putin als stv. Leiter des Präsidialamtes der “graue Kardinal” gewesen – zuständig für den Aufbau und die Gestaltung der von ihm so genannten “souveränen Demokratie” (сувере́нная демокрaтия). Dazu gehören der Aufbau der Staatspartei “Edinaja Rossija” (Geeintes Russland) und der Jugendbewegung “Nashi” (Unsere) ebenso, wie die Gründung von Kunstparteien zur Schwächung der Kommunisten – u.a. die Partei “Rodina” (Heimatland). Bemerkenswert an Surkov ist, dass er die rokirovka, den Ämtertausch zwischen Vladimir Putin und Dmitrij Medvedev 2011/12 ablehnte. Surkov hatte erkannt, dass dieses Manöver zu Unruhe in den “kreativen Schichten” der russländischen Bevölkerung führen würde. Als er recht behalten sollte und mit dem 10. Dezember 2011 massive Proteste gegen Vladimir Putin begannen, wurde er aus dem Präsidialamt entlassen und zum Regierungsmitglied herabgestuft.

Interview: “Nicht die Opposition, sondern die Rezession macht Putin Angst”

navalny2013

derStandard.at: Registriert Putin die aktuellen Unmuts-bekundungen überhaupt?

Mangott: Die Führung hat sehr genau beobachtet, wie sich die Stimmung vor allem in den großen Städten entwickelt hat. Das Regime nimmt diese Demonstrationen sicherlich ernst; aber es ordnet sie ein als Ausdruck einer minoritären, jungen, städtischen, gebildeten und besser verdienenden Schicht. Es gibt noch immer ein eisernes Wählerkartell, dessen sich Putin gewiss sein kann: konservative, kleinstädtisch-ländliche, eher ältere, schlechter gebildete und schlechter verdienende Russen.

Als die Demonstrationsbewegung noch sehr stark war und zehntausende Bürger auf die Straßen gebracht hat, begann Putin mit der Mobilisierung dieser Kernklientel und hat eine Art Kulturkampf gegen das liberale und als kosmopolitisch verhöhnte Moskau begonnen. Diese kulturelle Mobilisierung drückt sich in der demonstrativen Wertschätzung der russisch-orthodoxen Kirche, in gesetzlichen Schikanen gegen Homosexuelle und im Strafverfahren gegen Pussy Riot aus und hat sich bislang als sehr wirksam erwiesen.

derStandard.at: Ist die Schwäche der Opposition einzig der Repression durch die Regierung geschuldet?

Mangott: Die Demonstration am Montag hat deutlich gezeigt, dass sich die Oppositionsbewegung inhaltlich auch nicht weiterentwickelt hat. Sie hat keine neuen Konzepte und Ziele anzubieten. Die Bewegung gegen Putin war inhaltlich von Anfang an sehr heterogen; rechte Nationalisten, Liberale und Linksextreme marschierten gemeinsam gegen Putin. Das einigende ideologische Band war ein negativer Konsens, nämlich die Forderung nach dem Abtritt Putins. “Russland ohne Putin” war der Slogan, auf den man sich verständigen konnte. Darüber hinaus fehlte aber jedes Konzept, wie Russland regiert werden sollte, wenn Putin zum Rücktritt gezwungen werden könnte. Die starke ideologische Fragmentierung hat ein tragfähiges gemeinsames Konzept für ein Post-Putin-Russland verhindert. Auch am Montag war in den Reden der Anführer der Bürgerbewegung außer den Losungen gegen Putin kein positives Politikangebot zu erkennen. Zusammen mit einer mangelnden Arbeitsstruktur und Rivalitäten zwischen den Lagern hat das dazu geführt, dass die Bürgerbewegung an Rückhalt verloren hat.

derStandard.at: Der entlassene Ex-Finanzminister Alexej Kudrin hat sich unlängst im Fernsehen live einen verbalen Schlagabtausch mit Putin geliefert. Erreicht seine Kritik an der Regierungsführung die Menschen in Russland?

Mangott: Kudrin hatte von Anfang an einen Dialog der Führung mit der Bürgerbewegung unterstützt. Die liberalen Berater Putins drängten ihn, Kudrin wieder in eine führende Funktion zu berufen, um ein Signal der Öffnung und des Dialogs auszusenden. Daher hat Putin ihm zuletzt die Stelle des Zentralbankpräsidenten angeboten, was Kudrin ablehnte. Kudrins eigentliches Karriereziel ist aber die Führung der Regierung, die Ablöse von Ministerpräsident Medwedew. Die ihm angebotene Stellung erschien Kudrin nicht als bedeutsam genug, um den mit der Amtsübernahme verbundenen Verlust an Glaubwürdigkeit gegenüber der Bürgerbewegung wettzumachen, die ihn ohnehin mit skeptischen Blicken beäugt.

derStandard.at: Was verspricht sich Putin davon?

Mangott: Nach Einschätzung vieler Beobachter war dieses Fernsehduell eine vorab inszenierte Auseinandersetzung zwischen beiden. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die spezifische Wortwahl so ausgemacht war, denn Kudrin lässt sich bestimmt nicht in einer Livesendung derart herabwürdigend behandeln und einen Faulpelz nennen. Putin und Kudrin verbindet eine langjährige Freundschaft, die aber in den vergangenen eineinhalb Jahren gelitten hat. Mit der Inszenierung wollte Putin den Eindruck erzeugen, dass innerhalb der Regierung über unterschiedliche wirtschafts- und finanzpolitische Strategien diskutiert werde, es letztlich aber Putin ist, der die Linie vorgibt.

derStandard.at: In derselben Sendung kamen Bürger und Bürgerinnen zu Wort, die ihren Unmut über Missstände in Sachen Pension, Infrastruktur et cetera äußerten. Welchen Zweck hat ein solches mediales Dampfablassen im heutigen Russland?

Mangott: Zum einen sind diese Sendungen immer auch eine Inszenierung der Kompetenz Putins, er beeindruckt bei diesen Call-in-Shows mit seinem Detailwissen in den verschiedensten Bereichen. Zum anderen dienten die kritischen Fragen Putin auch dazu, den Eindruck zu erzeugen, dass Kritik an der staatlichen Führung durchaus zugelassen werde und sich die Führung um die Behebung der geschilderten Missstände kümmere.

derStandard.at: Die Tageszeitung “Kommersant” vermutet hinter dem Registrierungsstopp für sieben Parteien, darunter die Nawalny-Partei Volksallianz, eine zunehmende Nervosität der Behörden, dass diese Gruppen bei den Regionalwahlen im September die Regierungspartei Stimmen kosten könnten. Ist da etwas dran?

Mangott: Nawalny gehört sicher zu den charismatischsten und konsensfähigsten Köpfen der Bürgerbewegung, insofern muss das Regime natürlich auf ihn besonders achten. Würde er in den Strafverfahren, die derzeit laufen, verurteilt werden, hätte er ohnehin nicht mehr die Möglichkeit, eine politische Partei zu gründen. Die Verzögerung der Registrierung hängt sicher mit der besonderen Mobilisierungskraft Nawalnys zusammen. Grundsätzlich ist das russische Justizministerium aber erfreut über die vielen Parteigründungen, weil das hyperliberale Parteiengesetz dazu geführt hat, dass auch noch Personen in der zweiten Reihe der Bürgerbewegung eine eigene Partei gegründet haben. Diese extreme Fragmentierung der Opposition ist natürlich nur im Interesse des Führungsriege um Putin. Das Parteiengesetz hat der Opposition neben der ohnehin bestehenden ideologischen Fragmentierung noch eine organisatorische Fragmentierung eingebracht.

derStandard.at: Von wo droht der russischen Regierung sonst Gefahr?

Mangott: Die russische Wirtschaft hat sich nicht so entwickelt, wie die Regierung es für 2012 und 2013 erwartet hatte. Das Wirtschaftswachstum könnte Wirtschaftsminister Belousow zufolge in diesem Jahr sogar unter zwei Prozent liegen. Wenn die wirtschaftliche Leistungskraft aber so stark abnimmt, ist das Risiko groß, dass der Staat seine Sozial- und Transferleistungen nicht mehr voll bedienen kann. Dann könnte sich das bisher eiserne Wählerreservoir Putins aufzuweichen beginnen, und der Unmut in den Städten, der nach politischer Teilhabe drängt, könnte sich mit sozialen Protesten auf dem Land verbinden. Vor dieser Entwicklung hat Putins Führung am meisten Angst. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 7.5.2013)

… СПАСИБО …

rote-armee-reichstag_flaggeGratitude to the Soviet Red Army and Marshal Georgi Konstantinovich Zhukov commander of the victorious Red Army at Berlin, for crushing the Nazi beast. Praise for the Russian and non-Russian Soviet peoples for their braveness and heroism.

The Soviet Union won this war despite its brutal leader, not due to him.

Die Ruhe vor dem Sturm

sturmDie Reihen haben sich gelichtet. Die Teilnehmerzahl an den Demonstrationen gegen die russische Führung ist in den letzten Monaten deutlich zurückgegangen. Dies hat vor allem drei Gründe. Die Bürgerbewegung gegen die massive Fälschung von Wahlen und die Rückkehr von Vladimir Putin in das Präsidentenamt war von Beginn an ideologisch fragmentiert. Die Aktivisten konnten sich nur auf einen negativen Konsens einigen; „Rossija bez Putina“ (Russland ohne Putin) war das einigende Band für ganz gegensätzliche politische Lager. Der Bewegung ist es innerhalb von 18 Monaten aber nicht gelungen, eine Einigung darüber zu erzielen, wie sie Russland regieren würde, sollte denn Putin aus dem Amt gedrängt werden können. Rechtsliberale Verfechter freier Marktwirtschaft konnten sich nicht mit linksetatistischen Radikalen, die für eine starke Rolle des Staates in der Wirtschaft  eintreten einigen. Ebenso unmöglich war eine Einigung zwischen rechtsnationalistisch-rassistischen Aktivisten und den linksliberalen Vertretern, die für Bürger- und Freiheitsrechte eintreten.

Der zweite Grund ist der gescheiterte Versuch der Bürgerbewegung, sich funktionierende und belastbare Strukturen mit einem koordinativen und planerischen Führungsgremium zu geben. Zwar wurde im Oktober 2012 über das Internet eine Koordinationsrat mit 45 Mitgliedern gewählt; die ideologischen Gegensätze in diesem, nur von 89.000 Russen gewählten, Gremium, haben die effektive Lenkung der Bewegung blockiert. In diesem Gremium gibt es scharfe Debatten, welche Formen die Proteste annehmen sollen. Auch lehnen immer mehr liberale Aktivisten ab, mit links- oder rechtsextremen Gruppen gemeinsame Aktionen durchzuführen.

Der wichtigste Faktor aber war eine systematische repressive Linie der Führung um Vladimir Putin, die alles daran setzt, die Bürgerbewegung zu schwächen und ihre führenden Aktivisten zu neutralisieren. Treibende Kraft dieser Linie der Repression ist Vjacheslav Volodin, der 1.stv. Leiter des Präsidialamtes von Putin.

Die erste Maßnahme war die Verhaftung von mehr als 20 Aktivisten auf der, durch Ausschreitungen gekennzeichneten, Demonstration am Vorabend der Angelobung Putins am 6. Mai 2012. Inzwischen wurde ein Demonstrant zu viereinhalb, ein anderer zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt; es stehen noch 8 Gerichtsverfahren an. Darauf aufbauend wurde das Demonstrationsrecht verschärft. Hohe Finanzstrafen für die bloße Teilnahme an Demonstrationen, die gewaltsam eskalieren, wurden eingerichtet. Das hat viele der weniger politisierten Moskauer Bürger abgeschreckt, an weiteren Demonstrationen teilzunehmen. Führende Aktivisten der Bewegung wurden durch Hausdurchsuchungen eingeschüchtert. Eine weitere gesetzliche Maßnahme war die Ahndung von Verleumdung durch das Strafrecht – nicht wie zuvor durch das Zivilrecht.

Die repressive Linie Putins enthält aber auch einen Rammbock gegen die zivile Gesellschaft, die vielen NGOs, die seine Führungsriege und seine Herrschaftsstruktur heftig kritisiert hatten. Durch eine Novelle des NGO-Gesetzes von 2006 sind nun alle NGOs, die politische Aktivitäten durchführen und ausländische Fördergelder erhalten, gezwungen, sich als „ausländische Agenten“ zu bezeichnen. Nachdem keine NGO dem nachgekommen war, haben Staatsanwaltschaft und Justizministerium vor wenigen Wochen umfassende Razzien bei den NGOs durchgeführt. Die Wahlbeobachtungs-NGO Golos wurde inzwischen mit einer hohen finanziellen Strafe belegt; die NGO Memorial, die sich nicht zuletzt mit den Verbrechen Stalins befasst, wurde eine solche angedroht. Politische aktive NGOs – so eine öffentlich kaum bemerkte Bestimmung des Dima-Yakovlev-Gesetzes aus dem Dezember 2012, das US-Bürgern die Adoption russischer Waisenkinder verboten hat – dürfen keine Gelder aus den USA annehmen.

Zuletzt ist ein wesentliches Element dieser repressiven Strategie die Kriminalisierung der führenden Vertreter der Bürgerbewegung. Aleksej Navalnyj, der rechtsnationale Anwalt und Kämpfer gegen Korruption in der staatlichen Verwaltung und den staatsnahen Betrieben steht derzeit wegen angeblicher Veruntreuung von Holz vor Gericht; es werden ihm noch weitere Delikte vorgeworfen. Der linksradikale Sergej Udalcov, der schon mehrfach in Hungerstreik getreten ist, steht derzeit unter Hausarrest. Ihm wird vorgeworfen, zusammen mit führenden Mitgliedern der abgewählten georgischen Führung, „Massenunruhen“ vorbereitet und angezettelt zu haben.

Putin hat diese repressive Linie gegen die Bürgerbewegung eingerahmt in einen Kulturkampf des traditionellen, ärmeren, schlechter gebildeten, wertkonservativen und autoritätshörigeren ländlichen und kleinstädtischen Russland gegen das urbane, besser gebildete, jüngere und einkommensstärkere Russland. Das erste Lager, dem auch die Staatsangestellten, die Mitarbeiter in der staatlichen Rüstungsindustrie und deren Familien angehören, zählt noch immer zum „eisernen Wählerkartell“ Putins. Für diese Schichten sind auch die aggressiven gesetzlichen Maßnahmen gegen Homosexuelle, die enge Bindung des Regimes an die orthodoxe Kirche und die patriotische Mobilisierung gegen den angeblichen ausländischen Druck auf das von Feinden belagerte Russland gedacht. Die Aktionen der radikalen Feministen von Pussy Riot und die zahlreichen abstossend-obszönen Aktivitäten ihrer früheren Gefolgsleute konnte Putin in diesem Kulturkampf geschickt für seine Ziele nutzen. Es sind noch immer 63 Prozent der russischen Bürger mit der Amtsführung Putins zufrieden; Putin führt auch mit großem Abstand die Liste der Politiker an, denen die Russen Vertrauen entgegenbringen.

Putins repressiver und autoritärer Kurs ist aber in dem informellen Führungszirkel, der das Land führt, nicht unumstritten. Putin ist nicht der alleinige Lenker Russland; er ist gezwungen, seine Entscheidungen in diesem informellen Führungszirkel, den manche Beobachter als „Politbüro 2.0“ bezeichnen, abzustimmen. Zu den liberalen Kritikern zählen der derzeitige Ministerpräsident Medvedev und seine Mitarbeiter Shuvalov und Dvorkovich. Diese treten für einen Dialog mit der Bürgerbewegung und eine politische, soziale und wirtschaftliche Modernisierung Russlands ein; auch außenpolitisch treten sie gegen einen konfrontativen, v.a. gegen die USA und die EU gerichteten Kurs auf. Allein, dieser Zirkel ist derzeit viel zu schwach.

Die repressive Linie war bislang der zentrale Grund für die deutlich schwächer werdende Bürgerbewegung. Dies könnte Putin – oberflächlich besehen – also Recht geben. Allerdings hat sich nach soziologischen Erhebungen die Zahl der Unzufriedenen nicht verringert, ist der Missmut, der Zorn und die Verachtung für die Führungsriege geblieben. Es ist kaum zu erwarten, dass sich dieser Unmut nicht wieder Bahn bricht.

Ein entscheidender Faktor für den Fortgang der Proteste wird die wirtschaftliche Entwicklung Russlands sein. Das wirtschaftliche Wachstum droht in 2013 auf weniger als 2 Prozent des BIP einzubrechen; auch für die kommenden Jahre ist keine dauerhafte Erholung zu erwarten. Darin liegt eine erhebliche Gefahr für das Regime. Wenn der Staat nicht mehr in der Lage sein wird, seine sozialen Transferleistungen in vollem Umfang zu zahlen, wird auch das „eiserne Kartell“ zu wanken beginnen. Davor hat die Riege um Putin die größe Angst, den Brückenschlag zwischen der städtischen Opposition, die auf demokratische Teilhabe drängt, und der sozialen Unzufriedenheit des wertkonservativen Russland. Die Zeichen stehen an der Wand.

Dieser Kommentar ist am 6. Mai 2013 in der Tiroler Tageszeitung erschienen.