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Russisches Gas und Österreich

Am 1. Juni 1968 hat die OMV als erstes westliches Unternehmen einen Gasliefervertrag mit der Sowjetunion abgeschlossen. Deutschland folgte 1969. Aufgrund des steigenden Erdgaskonsums in Österreich und der sinkenden eigenen Produktion ist der Anteil des sowjetischen/russischen Erdgases an den Importen und dem Konsum deutlich angewachsen. 2013 lag der Anteil russischen Gases am Gesamtkonsum Österreichs bei 56,6 Prozent. Immerhin 75 Prozent der gesamten Gasimporte für den eigenen Konsum im Jahr 2013 stammten aus Russland.

Der gesamte Verbrauch Österreichs lag 2013 bei 9 Mrd. m3 Erdgas; aus Russland wurden 5,1 Mrd. m3 importiert. 22,4 Prozent des gesamten Primärenergieaufkommens Österreichs stützt sich auf den Energieträger Gas.

Die Abhängigkeit Österreichs von Gaslieferungen aus Russland liegt damit deutlich über dem aggregierten Durchschnittswert der gesamten EU. Der Anteil Russlands an den Gasimporten der EU lag 2013 bei 38 Prozent; der Anteil am Verbrauch hat in 2013 bei 31,1 Prozent gelegen.

Die Abhängigkeit Österreichs – hier vor allem Ost- und Zentralösterreichs – von russischen Erdgaslieferungen ist damit beträchtlich hoch. Dazu kommt, dass diese Lieferungen (abgesehen von Westösterreich) ausschließlich über ein einziges Leitungsnetz nach Österreich kommen – nämlich über die Ukraine.

Trotz der Zuverlässigkeit der Gaslieferungen aus Russland – mit Ausnahme der russisch-ukrainischen Gaskrisen von 2006 und 2009 – besteht daher in Österreich erheblicher Diversifizierungsbedarf. Diversifiziert werden sollten sowohl Gaslieferanten als auch aus Gaszulieferleitungen. Eine Senkung des Anteils von Erdgas am Primärenergieaufkommen Österreichs erscheint angesichts der hohen Nutzung von Rohöl und der fortgesetzten Kohlenutzung als hohen CO2 Emittenten nicht sinnvoll.

Ich will in diesem kurzen Blogeintrag nicht die Möglichkeiten einer Diversifizierung der Gaslieferanten diskutieren; vielleicht ein andermal. Im Hinblick auf die Diversifizierung der Gaszulieferleitungen aber ist zu sagen, dass das Gasleitungsprojekt South Stream für die Versorgungssicherheit Österreichs sinnvoll ist. Dadurch kann die hohe Abhängigkeit von einer einzigen Zulieferroute – zumal einer dringend modernisierungsbedürftigen – abgeschwächt werden. Es stimmt, dass der Bau von South Stream die wirtschaftliche, finanzielle und politische Position der Ukraine gegenüber Russland deutlich schwächen würde, aber aus Gründen der Versorgungssicherheit ist das Projekt im österreichischen Interesse.

Dazu kommt, dass die Zulieferung höherer Mengen an russischem Gas (zumindest in mittelfristiger Perspektive) zu einer deutlichen Aufwertung der Gashandelsplattform in Baumgarten (Central European Gas Hub, CEGH) führen wird. Das ist im Geschäftsinteresse der OMV und damit, weil das Unternehmen teilverstaatlicht ist, auch im Interesse der Einnahmenseite des österreichischen Budgets.

Foto: wintershall.com

Ein zugedrehter Gashahn

Die Verhandlungen zwischen den Energieministern Russlands und der Ukraine – Novak und Prodan – über die Lösung der bilateralen Gaskrise haben bislang kein Ergebnis gebracht. Russland hat zwar angeboten, durch Streichung der Exportzölle den Gaspreis für die Ukraine auf 385 USD/1.000 m3 abzusenken und diesen Preis für zumindest ein Jahr zu garantieren; dieser Preis ist durch den von der ukrainischen Führung im Jänner 2009 unterzeichneten Gasliefervertrag gedeckt. Die Ukraine fordert aber einen Gaspreis von nur 268 USD auf der Grundlage einer dauerhaft veränderten Preisbildungsformel. Zudem fordert Kiev, die 2009 vertraglich vereinbarten Liefermengen unter der take-or-pay-clause abzusenken; auch hinsichtlich der offenen Gasschulden gibt es keine gemeinsame Einschätzung mit der russischen Seite. Russland hat nun die Bezahlung der ausstehenden Schulden von 1.65 Mrd. Euro bis 16. Juni 2014, 8.00 Uhr MESZ gefordert; andernfalls will Gazprom die Belieferung der Ukraine mit Erdgas auf Vorauskasse umstellen – was durch den Gasliefervertrag von 2009 gedeckt ist. Erfolgt keine Vorauskassa, werden die Gaslieferungen ausgesetzt.

Gazprom muss für diesen Fall befürchten, dass sich die Ukraine am Gas das durch die Transitleitungen in die EU und die Türkei fließt, bedienen wird. Diese illegale Praxis wurde von ukrainischer Seite schon mehrfach geübt. Das würde aber bedeuten, dass die vertraglich vereinbarten Lieferungen an die europäischen Konsumenten aber nicht in vollem Umfang bedient werden. Dies würde in der EU die Debatte über die Diversifizierung der Gashandelspartner verstärken – was Gazprom durchaus ungelegen käme. Aufgrund dieses russischen Dilemma fühlt sich die ukrainische Seite in einer starken Verhandlungsposition.

Die Verhandlungen werden von EU Energiekommissar Öttinger vermittelt. Aus Sicht der EU, die die ukrainische Regierung unterstützt, ist ein möglichst niedriger Gaspreis für die Ukraine erstrebenswert. Die Ukraine wird neben dem IMF vor allem auch durch die EU vor der Zahlungsunfähigkeit gerettet. Je höher die ukrainischen Ausgaben für die russischen Gaslieferungen sind, desto teurer wird das Unterfangen. Die harte Haltung der ukrainischen Regierung in den Verhandlungen erklärt sich daher nicht nur durch das oben genannte Dilemma Gazproms, sondern auch durch die Unterstützung der Europäischen Kommission.

Nach den Verhandlungen der letzten zwei Tage sollte der EU aber klar sein, dass Russland den Termin für die Vorauskassa nicht noch einmal nach hinten verschieben wird. Russland lehnt weitere Gespräche vor dem Ablauf des Ultimatums ab. Wenn die EU die ukrainische Führung nicht dazu drängt, einen Preis von ca. 380 USD/1.000 m3 – das ist knapp unterhalb des durchschnittlichen Preises für russisches Gas in der EU – zu akzeptieren, wird die Unterversorgung des europäischen Marktes und die mangelnde Befüllung der westukrainischen Gasspeicher die Folge sein. Vieles spricht allerdings dafür, dass viele EU-Vertreter und viele Medien die Verantwortung dafür aber nicht bei der Ukraine, sondern bei Russland ausmachen werden.

Foto: www.ebrd.com

Moldova und der Druck Russlands

Am 27. Juni 2014 wird Moldova – zusammen mit Georgien – das Assoziationsabkommen und die Vereinbarung über eine Deep and Comprehensive Free Trade Area mit der EU unterzeichnen. Russland hatte Moldova gedrängt, ebenso wie Armenien der Eurasischen Zollunion und der entstehenden Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft beizutreten.

Wird Russland die Annäherung von Moldova an die EU sanktionieren? Hebel dafür hat Russland genug. Die Handelsverflechtung zwischen den beiden Staaten wird zwar geringer – derzeit werden aber noch immer 31 Prozent der moldovischen Exporte in Russland abgesetzt. Russland hat aber im September 2013 aus “hygienischen Gründen” den Import von Wein (ein essentielles Exportprodukt) aus Moldova eingestellt. Immerhn 55 Prozent der moldovischen Exporte gehen in die EU.

Moldova ist aber bei Gas völlig von russländischen Importen abhängig – versorgt über die Transitleitung über die Ukraine. Moldova hat als Binnenland keinen Zugang zu LNG, hat keine Speicherkapazitäten für Erdgas und ist noch nicht an das Leitungsnetz der EU angeschlossen. Das soll sich durch einen neuen Interkonnektor zwischen Rumänien (Iasi) und Moldova (Ungheni) ändern; allerdings werden über diese Leitung vorerst nur 7 Prozent des Importbedarfs Moldovas an Gas decken lassen.

Russland könnte die moldovische Regierung im Gassektor finanziell unter Druck setzen: Die Transnistrische Repubik östlich des Dnjestr weist ausständige Zahlungen für russländische Gaslieferungen im Wert von annähernd 5 Mrd. USD auf. Moskau könnte dieses Geld von der Regierung Moldovas einfordern.

Ein weiterer Hebel, mit dem Russland Druck auf Moldova ausüben könnte, ist die hohe Zahl an Arbeitsmigranten, die in Russland tätig sind. Genaue Zahlen darüber gibt es nicht, aber es sind wohl eine halbe Million Menschen, die mit ihrem Verdienst in Russland die finanzielle Lage Moldovas wesentlich verbessern. Moldova selbst ist ein armes Land: Das BIP liegt nur bei 7,25 Mrd. USD; das BIP/Kopf lag 2012 nur bei 2.070 USD.

Nach Angaben des stv. Außenministers von Moldova, Valeriu Chiveri im persönlichen Gespräch übt Russland auch großen Einfluß auf die moldovische Bevölkerung über die russländischen Medien, die in Moldova stark rezipiert werden, und über die russisch-orthdoxe Kirche aus.

Ein zentraler Hebel ist natürlich die russländische Militärpräsenz in Transnistrien – 1.500 Soldaten – die ein großes Waffenarsenal in dieser Region “bewachen”. Russland und der Schmuggel halten die Transnistrische Republik am Leben. Sympathien für Russland und die eurasische Integration gibt es aber auch im Norden Moldovas und in Gagauzien. Offiziell anerkennt Russland die Integrität und Souveränität Moldovas, fordert dafür lt. Außenminister Lavrov aber die völkerrechtlich verbindliche Neutralität Moldovas und einen Sonderstatus für Transnistrien. Würde sich Moldova mit Rumänien vereinigen – der einfachste Weg Moldovas in die EU -, wäre Transnistrien sicherlich verloren.

Derzeit wird Moldova von der “Allianz für Europäische Integration”, einer Koalition aus drei Parteien, regiert. Im November 2014 wird es allerdings Parlamentswahlen geben. Verstrickt in Korruptionsskandale und unter dem Druck der misslichen sozialen Lage wird die Allianz deutlich an Zustimmung verlieren. Die “Partei der Kommunisten Moldovas” wird wohl erneut stimmenstärkste Partei werden; ob sie aber eine Mehrheit für eine Regierung bilden kann, ist offen.

Abzuwarten bleibt, ob und welche Hebel die russländische Regierung nutzen wird, um Moldova unter Druck zu setzen. Die Unterzeichnung der beiden Abkommen wird nicht verhindert werden können. Russland könnte Moldova aber vor den Parlamentswahlen – vor allem über die Arbeitsmigration – unter Druck setzen, um das Wahlergebnis zu beeinflussen.

Russlands neue Ukraine-Initiative

Der russländische Präsident Putin hat nach einem Gespräch mit dem OSZE-Vorsitzenden Burkhalter eine neue diplomatische Initiative begonnen. Putin empfiehlt den Aufständischen in Doneck und Lugansk, das für den 11. Mai 2014 geplante „Referendum“ über die staatliche Selbständigkeit zu verschieben. Damit sollen die Bedingungen für einen „offenen, ehrlichen und gleichberechtigten“ nationalen Dialog geschaffen werden, den Putin ausdrücklich vorschlägt/fordert. Als Voraussetzung dafür sieht Putin aber auch das Aussetzen der anti-terroristischen Operation in der südöstlichen Ukraine durch die Regierung in Kiev. Wenn die Rechte aller Bürger geschützt werden, i.e., wenn die militärischen Operationen eingestellt seien, wäre die Präsidentenwahl in der Ukraine am 25. Mai auch „ein Schritt in die richtige Richtung“.

Putins Initiative zielt darauf, den Druck auf Russland in der ostukrainischen Krise zu mildern und in den kommenden Tagen anstehende Entscheidungen über neue Sanktionen gegen Russland hintanzuhalten. Russland signalisiert Felexibilität und setzt die ukrainische Interimsregierung unter Druck, militärische Zugeständnisse zu machen, wenn sie nicht als Saboteur einer neuen diplomatischen Dynamik gelten will. Mit dem geforderten Aussetzen der anti-terroristischen Operation will Russland zugleich die Geländegewinne der Aufständischen absichern. Schließlich hat sich Russland auch nicht grundsätzlich gegen ein Referendum in Doneck und Lugansk gewandt. Die erneute Eskalation der Lage ist daher jederzeit wieder möglich.

Der nunmehr erneut angekündigte Rückzug der russländischen Truppen von der Ostgrenze der Ukraine muss nun auch tatsächlich stattfinden; die wiederholte Ankündigung des Rückzugs, der dann unterbleibt, macht die russländische Position in der Krise nicht unbedingt glaubwürdiger.

Der nationale Dialog, den Putin unterstützen will, ist sicher unverzichtbar; es wird aber eine hohe Hürde sein, sich auf die Zusammensetzung eines solchen Forums zu einigen.

Der ukrainische Interimsministerpräsident Jazenjuk hat auf die russländischen Vorschläge leider ablehnend reagiert. Er meinte, in der Ukraine wäre am 11. Mai ohnehin kein Referendum geplant gewesen. Sollten die Aufständischen ihr „Referendum“ also verschieben, sei das deren Angelegenheit. Der vermutliche nächste Präsident der Ukraine Petro Porošenko hingegen zeigte sich der neuen russländischen Initiative gegenüber offen, auch wenn er die militärischen Operationen gegen die ostukrainischen Separatisten unterstützt.

Auch das Auswärtige Amt in Berlin hat der ukrainischen Interimsregierung geraten, die diplomatischen Bemühungen durch eine fortgesetzte anti-terroristische Operation nicht zu beschädigen.

Die OSZE wird nun rasch eine road map zur Beruhigung der Krise vorlegen. Dazu zählen die vier Kernelemente Waffenruhe, nationaler Dialog, Entwaffnung und Wahlen. Wenn die ukrainische Interimsregierung auf die neue diplomatische Initiative ablehnend reagiert, wird die Verantwortung für die innerukrainische Krise nicht zuzletzt auch in Kiiv zu suchen zu sein. Das Angebot, über Möglichkeiten der Dezentralisierung nachzudenken, ist jedenfalls zu wenig. Die Dezentralisierung der Macht in der Ukraine ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Beruhigung der Krise.

Addendum: Unmittelbar nach diesem Blogeintrag wurde bekannt, dass die Aufständischen an der Durchführung des Referendums festhalten: Das könnte ein Signal sein, dass Russland die Separatisten nicht völlig kontrolliert (was russländische Stellen oft erklärt haben), oder aber – das negative Szenario – Putin hat sich zwar persönlich gegen das Referendum ausgesprochen, wusste aber bereits, dass die Aufständischen sich anders entscheiden würden. Dann wäre die gestrige Aussage von Putin nur ein Manöver gewesen, den Eindruck zu erwecken, dass Russland mit den Aufständischen nichts/wenig zu tun hat. Umgekehrt können die Aufständischen mit ihrer heutigen Ankündigung absichtlich den Eindruck erwecken wollen, dass sie von Russland nicht kontrolliert werden.

Wir werden bald wissen, was davon stimmt: Wenn Russland die Referendumsergebnisse nicht anerkennt, dann war Putins Vorstoß ernst gemeint. Tut es das doch, dann wäre Putin wohl eines Täuschungsmanövers überführt.

Fotonachweis: http://www.dw.de/ukraine-forces-kill-five-pro-russia-separatists-in-slovyansk/a-17588924

South Stream kommt nach Baumgarten

Die Einigung zwischen der OMV und Gazprom, eine Trasse der Gasleitung South Stream nach Baumgarten zu führen ist vernünftig; der Zeitpunkt der Bekanntgabe ist es weniger.

Die ostösterreichische Gasversorgung ist auf die Anbindung auf das veraltete und politisch konfliktorische Gastransitleitungsnetz der Ukraine angewiesen. Der Streit zwischen Naftgaz Ukrainy und Gazprom über unbezahlte Rechnungen, offene Zahlungen auf der Grundlage des take-or-pay Mechanismus, zurückzuerstattende Rabatte und der im Grundsatz beschlossene Übergang zum Mechanismus der Vorauszahlung von russländischen Gaslieferungen kündigt Unterbrechungen der Gaslieferungen Gazproms an die Ukraine an – zumal sich die ukrainische Seite weigert, den neuen Gaspreis von 485 USD/1.000 m3 zu bezahlen.

Wie schon oft könnte die Ukraine bei einer Gaslieferunterbrechung illegal das Transitleitungsgas anzapfen oder Gas aus den Gasspeicherstätten in der Westukraine entnehmen, um den eigenen Gasbedarf zu sichern. Dies würde zu einer Absenkung der Liefermengen an die EU, Moldova  und die Türkei führen. Die Ukraine ist allerdings vertraglich verpflichtet, den Gastransit nicht zu unterbrechen. Auch hat Gazprom die Transitgebühren bereits im Voraus bezahlt. Sollte Gazprom die Gaszufuhr in das ukrainische Gasleitungsnetz aufgrund der illegalen Entnahme gänzlich einstellen, wäre die EU noch wesentlich stärker betroffen.

Angesichts der russländisch-ukrainischen Spannungen, die noch Jahre andauern werden, ist es für die OMV sinnvoll, russländisches Gas über alternative Gasleitungen zu beziehen. Das South Stream Projekt ist dazu bestens geeignet. Es wird damit vorerst nicht mehr Gas aus Russland nach Österreich kommen, sondern über eine alternative und moderne Gasleitung.

Österreich und Russland haben für die Verlegung schon vor Jahren ein Regierungsabkommen geschlossen – wie die anderen Staaten, auf deren Territorium die Leitung verlegt werden soll auch. Geschaffen wurde auch eine paritätisch ausgelegte South Stream Austria AG.

Allerdings hat die EU Kommission die Regierungsabkommen als Verletzung des Gemeinschaftsrechts – des dritten Energiepakets – eingestuft. In bilateralen Verhandlungen zwischen der Europäischen Kommission und Gazprom wird seit einigen Monaten versucht, die Konflikte auszuräumen. Gelingt dies nicht, wird das die österreichische Regierung wohl anleiten, das Abkommen zu kündigen. Ob dies ohne Strafzahlungen an Gazprom möglich sein wird, bleibt abzuwarten.

Unglücklich ist der Zeitpunkt der Bekanntgabe der neuen Vereinbarung. Es kann der Eindruck entstehen, dass Österreich seine Geschäftsbeziehungen mit einem russländischen Staatskonzern gerade dann intensiviert, wenn in der EU ansgesichts der Ukraine-Krise sektorale wirtschaftliche und finanzielle Sanktionen beschlossen werden könnten. Der Zeitpunkt der Bekanntgabe der bilateralen Einigung ist daher unglücklich; vielleicht aber sollte die Vereinbarung noch abgeschlossen werden, bevor solche Sanktionen verhängt werden.

Offen zu diskutieren ist natürlich auch, dass die Realisierung der South Stream Gasleitung die Ukraine finanziell deutlich schwächt, weil ihr die Transiteinnahmen entgehen werden. Inwiefern dies mit der Politik der EU vereinbar ist, die Ukraine wirtschaftlich und finanziell abzustützen, ist zu diskutieren.

Aber auch wenn der Zeitpunkt der Bekanntgabe ungelegen ist, ist die Vereinbarung selbst doch sehr vernünftig.

Bild: http://www.gazprom.com/press/news/2013/october/article176112/

Der wenig wahrscheinliche Krieg

Wie schon seit vielen Wochen halte ich eine direkte militärische Invasion der russländischen Streitkräfte in der Ost- und Südukraine weiterhin für unwahrscheinlich. Russland zielt in der Ukraine nicht auf weitere territoriale Gewinne ab, sondern auf Durchsetzung seiner Interessen. Diese sind die multilaterale vertragliche Absicherung des bündnisfreien Status der Ukraine, die Harmonisierung der Freihandelsintegration mit der EU mit dem ukrainischen Freihandelsabkommen mit Russland und eine radikale Föderalisierung der Ukraine. Wenn sich darüber eine multilaterale Verständigung zwischen Russland, der Ukraine, der EU und der USA finden ließe, könnte eine militärische Eskalation verhindert werden. Dieses multilaterale Format aber funktioniert nicht, weil die Interessen zu sehr divergieren und ihm kein ehrlicher Makler angehört.

Die derzeit an den nord- und ostukrainischen Grenzen stationierten russländischen Soldaten reichen nur für eine begrenzte militärische Operation aus, nicht aber für den vielerorts befürchteten Vorstoß bis Odessa und Transnistrien. Auch für die Sicherung der “Grenzen” der besetzten Regionen Charkov, Lugansk und Doneck reichen die derzeit Manöver abhaltenden russländischen Truppen nicht aus.

Eine russländische militärische Invasion würde auch auf den Widerstand großer Teile der lokalen Bevölkerung stoßen. Nur wenige Bürger der genannten Regionen halten die Regierung in Kiiv für legal, aber nur eine kleine Minderheit will den Anschluß an Russland. Die überwiegende Mehrheit will nur größere Autonomierechte für die eigene Region. Die Zustimmung zu den Aktionen der Aufständischen ist sichtbar gering.

Eine russländische militärische Invasion würde auch auf den Widerstand der ukrainischen Streitkräfte und in der Folge auch ukrainischer Partisanen stoßen. Ein offener Krieg mit zahlreichen Toten wäre auch in Russland nicht populär. Die russische Bevölkerung unterstützte zwar die Annexion der Krim; Umfragen zufolge lehnt sie einen „Bruderkrieg“ zwischen den beiden slawischen Nationen aber ab.

Nicht zuletzt die berechtigte Sorge vor sektoralen Wirtschafts- und Finanzsanktionen durch die EU und die USA hält Russland vor einem direkten militärischen Eingriff ab. Die wirtschaftlichen Kosten eines weiteren territorialen Ausgreifens Russlands könnte die stagnierende russländische Volkswirtschaft nicht verkraften.

Wahrscheinlicher als ein offener Krieg ist, dass Russland weiterhin auf eine Destabilisierung der Regionen in der Ostukraine setzt – diese direkt oder indirekt unterstützt. Das untergräbt die Legitimität und die Effektivität der ukrainischen Interimsregierung. Auf gewalttätige Aufständische zu setzen, die Geiseln nehmen und mutmasslich Gegner ermorden ist aber eine unwürdige Strategie.

Eine Unsicherheit besteht allerdings: Sollte sich die ukrainische Führung entscheiden, militärisch gegen die Aufständischen vorzugehen, ist eine, allerdings begrenzte, militärische Intervention Russlands denkbar.

Dieser Kommentar ist am 30. April 2014 in der “Wiener Zeitung” erschienen.

Kalter Krieg im Kopf

Diesmal ein Blogeintrag in eigener Sache. Ich wurde in den vergangenen Tagen von einigen einflussreichen Personen angefeindet, weil ich am vergangenen Donnerstag an der Sendung “Prjamaja Linija” teilgenommen habe. Das ist die im russländischen Fernsehen live übertragene call-in show von Vladimir Putin. Ich hätte mich als “Feigenblatt” hergegeben oder als “willfähriger Aufputz” gedient. Zum Hintergrund: Am vergangenen Mittwoch sind in Berlin Mitglieder des Valdai-Klubs zu einem Treffen mit russländischen und ukrainischen Vertretern zusammengekommen, um Lösungen für die derzeitige Krise zu diskutieren. Der Valdai-Klub ist ein Forum, das von russischen Stellen finanziert ist. Mitglieder sind die renommiertesten Russlandforscher der Welt, darunter zahlreiche vehemente Kritiker Russlands. Zu den Teilnehmern an den Valdai-Treffen zählen Angela Stent, Ariel Cohen, Richard Sakwa, Samuel Charap, James Sherr, Dimitri Simes, Michael Stürmer, Andrew Monaghan, Thomas Remington, Robert Legvold u.v.a. mehr. Bei der Jahreskonferenz können wir uns untereinander austauschen oder – wie im vergangenen September – mit Sergej Lavrov, Sergej Shojgu, Sergej Ivanov und Vladimir Putin diskutieren. Es war uns allen möglich, jede gewünschte Frage zu stellen; keine Frage musste vorab gemeldet werden. Kein Thema war verboten, keine Frage wurde vorher geprüft. Das galt auch für die Fragen an Putin. Ich selbst habe Putin zur Schwulenhetze in Russland gefragt.

Zur Berliner Konferenz wurden 5 Mitglieder des Valdai Klubs eingeladen, darunter auch ich. Wir wurden auch eingeladen, bei der call-in show – aus Berlin zugeschaltet -, Fragen an Putin zu stellen. Keiner musste vorab seine Frage bekannt geben; die russische Sendeleitung wusste nicht, was wir Putin live vor einem Millionenpublikum fragen würden. Ich selbst wollte nach den Widersprüchen russländischer Außenpolitik fragen: “Zum einen betont Russland im Fall Syriens die völkerrechtliche Souveränität und das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten; zum anderen verletzt Russland dieselben Prinzipien eklatant im Umgang mit der Ukraine.” Ist es für einen Wissenschafter nicht interessant, diese Vorwürfe an Putin live und unzensiert im russischen Fernsehen zu richten? Natürlich sind in dieser Sendung die meisten dieser Fragen gelenkt und vorab koordiniert. Natürlich wird sie zur Selbstdarstellung des Präsidenten genutzt. Aber sollte man nicht gerade die Gelegenheit benutzen, live dagegen zu steuern?

Ich selbst kam leider nicht an die Reihe, meine Frage zu stellen. Aber nicht meiner Frage wegen, weil die war niemandem bekannt. Der Grund lag ausschließlich daran, dass die Moskauer Regie in Zeitverzug war.

Es enttäuscht mich sehr, wenn bestimmte Personen, offenbar schon gänzlich einem Kalten-Kriegs-Denken verhaftet, mein Verhalten als “bezahlt” und als “Feigenblatt” bezeichnen. Welche Missgunst treibt diese Personen?

Es war mir ein Anliegen, dies den Lesern und Leserinnen meines Blogs mitzuteilen.