{"id":849,"date":"2009-01-07T21:13:02","date_gmt":"2009-01-07T20:13:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=849"},"modified":"2009-01-10T16:41:07","modified_gmt":"2009-01-10T15:41:07","slug":"gasstreit-und-russlandische-gaswirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=849","title":{"rendered":"&#8230; gasstreit und russl\u00e4ndische gaswirtschaft &#8230;"},"content":{"rendered":"<p><!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"padding-right: 5px;\" src=\"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/wp-content\/uploads\/pipeline_1_presse_kommentar.jpg\" alt=\"\" width=\"154\" height=\"103\" \/>Der Streit zwischen Russland und der Ukraine l\u00e4sst sich vor allem auf wirtschaftliche Faktoren zur\u00fcckf\u00fchren. Die Gasproduktion in den nordwestsibirischen Gasfeldern geht stark zur\u00fcck. Gazprom ben\u00f6tigt daher ernorme finanzielle Mittel, um neue Felder zu erschliessen, Gasleitungen zu modernisieren und<span> <\/span>neue Leitungen zu bauen. Angesichts sinkender Gaspreise \u00b4muss der russische Konzern marktgerechte Preise bei allen Abnehmern \u2013 auch bei der Ukraine \u2013 durchsetzen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Russland h\u00e4lt mit 26.4 Prozent die h\u00f6chsten gesicherten globalen Reserven an Erdgas; Qatar und Iran 16.1 bzw. 15.3. Der Anteil von Erdgas am Energieaufkommen Russlands ist mit 57.1 Prozent au\u00dferordentlich hoch. Der hohe Anteil von Gas am Energieaufkommen und die H\u00f6he des Eigenverbrauches sind aber vor allem auf die niedrigen Erdgaspreise f\u00fcr industrielle Abnehmer und private Haushalte zur\u00fcckzuf\u00fchren. Bis 2011 sind in Russland aber erhebliche Preissteigerungen f\u00fcr Gas vorgesehen &#8211; zun\u00e4chst f\u00fcr industrielle Abnehmer, dann aber auch f\u00fcr private Haushalte. Daraus werden Anreize entstehen, die Energieeffizienz zu steigern und alternative Energietr\u00e4ger \u2013 Kohle und Kernenergie \u2013 zur W\u00e4rme- und Stromenergie zu nutzen. Dies ist ein immenses Investitionsvorhaben, das aber angesichts der massiven Finanzmarktkrise in Russland als unsicher gelten kann.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Erdgas wird in Russland von der staatlich kontrollierten Gazprom und den beiden privaten Unternehmen Itera und Novatek gef\u00f6rdert. Der Anteil von Gazprom an der F\u00f6rderung liegt 2008 bei 83 Prozent. Novatek und Itera d\u00fcrfen ihr Erdgas nur auf dem heimischen Markt verkaufen. Nur Gazprom ist es gesetzlich erlaubt, Erdgas zu exportieren; zuerst aber muss Gazprom den russl\u00e4ndischen Binnenmarkt versorgen; ann\u00e4hernd 64 Prozent der gesamten Erdgasf\u00f6rderung Gazproms werden daf\u00fcr bereitgestellt.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Die Erdgasproduktion in Russland liegt derzeit bei 607.4 bcm. Die Internationale Energieagentur (IEA) der OECD in Paris erwartet bis 2030 einen Anstieg auf 794 bcm. Die Regierung hat mehrere Ma\u00dfnahmen eingeleitet, um den Binnenkonsum an Gas abzusenken, und damit mehr Gas f\u00fcr den Export freizumachen. Dazu geh\u00f6ren Ma\u00dfnahmen zur Senkung des Energiebedarfs, Steigerung der Energieeffizienz, verst\u00e4rkte Nutzung von Steinkohle und nuklearer Energie, aber auch radikale Ma\u00dfnahmen gegen das Abfackeln (gas flaring) von Gas, das bei der Erd\u00f6lgewinnung anf\u00e4llt (associated gas). Erdgas im Wert von mehreren Milliarden USD werden derzeit j\u00e4hrlich verfeuert, weil es nicht in Gasleitungen eingespeist oder in Gaskraftwerken verfeuert werden kann.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Das Kernproblem der russl\u00e4ndischen Gaswirtschaft aber ist die r\u00fcckl\u00e4ufige Produktion in den bisherigen F\u00f6rderregionen, den riesigen Gaslagerst\u00e4tten im nordwestlichen Sibirien. Die F\u00f6rderh\u00f6chstleistung in diesen Feldern wurde bereits erreicht, die Absenkung des F\u00f6rdervolumens unvermeidbar. Die F\u00f6rdermenge in dieser Region wird von derzeit (2007) 480 bcm auf 175 bcm in 2030 zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Die Erschlie\u00dfung neuer Gasfelder ist daher das vordringlichste Ziel f\u00fcr Gazprom. Die neuen Gasf\u00f6rderregion sind die Vorkommen der Halbinsel Jamal und die Gaslagerst\u00e4tten der Barentssee. Die Erdgasf\u00f6rderung in diesen Regionen ist technisch \u00e4u\u00dferst schwierig und sehr kostenintensiv; daher muss Gazprom mit ausl\u00e4ndischen Unternehmen zusammenarbeiten. Gazprom wird in den n\u00e4chsten Jahren aber auch erhebliche finanzielle Mittel in die Wartung und Modernisierung der bestehenden Pipelineinfrastruktur investieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Aufgrund des niedrigen Preisniveaus auf dem Binnenmarkt ist Gazprom daran interessiert, den Anteil des f\u00fcr den Export verf\u00fcgbaren Gases zu erh\u00f6hen. Derzeit kann Gazprom aber nur 34 Prozent seines gef\u00f6rderten Gases exportieren. 73 Prozent davon werden in der EU und in der T\u00fcrkei verkauft. Die Preise, die Gazprom in den EU-Staaten erzielen kann sind dabei deutlich h\u00f6her als in den Staaten der ehemaligen UdSSR; diese M\u00e4rkte sind f\u00fcr Gazprom daher wenig lukrativ, solange nicht auch in diesen Staaten marktgerechte Verkaufspreise erzielt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Das Gasleitungsnetz von Gazprom f\u00fchrt derzeit nur \u00fcber Transitl\u00e4nder in den Raum der Europ\u00e4ischen Union \u2013 ein nicht unerhebliches Sicherheitsrisiko aus russischer Sicht. Bis 1999 konnte Gazprom sein Gas nur \u00fcber das ukrainische Leitungsnetz exportieren; seit damals wird \u00fcber die Jamal-Pipeline Erdgas \u00fcber Belarus und Polen nach Deutschland transportiert. 2003 schlie\u00dflich wurde die Leitung Blue Stream in Betrieb genommen; diese Leitung f\u00fchrt auf dem Boden des Schwarzen Meeres an die t\u00fcrkische Schwarzmeerk\u00fcste. Aber noch immer 78 Prozent der russl\u00e4ndischen Gasexporte werden \u00fcber das ukrainische Leitungsnetz gef\u00fchrt.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Gazprom ist daher interessiert, sein Exportleitungsnetz weiter zu diversifizieren. Die zentralen Vorhaben daf\u00fcr sind die Leitungen Nordstream und South Stream. Nordstream ist eine Gasleitung, die russisches Gas ab 2011 \u00fcber die Ostsee direkt nach Deutschland exportieren soll. Das Projekt wird von Gazprom zusammen mit den deutschen Unternehmen BASF\/Wintershall und E.On, sowie der niederl\u00e4ndischen Gasunie getragen. Estland, Lettland und Polen, unterst\u00fctzt von der schwedischen Regierung (und Finnland), blockieren das Vorhaben \u2013 unter Verweis auf \u00f6kologische Bedenken und milit\u00e4rische Sicherheitsrisiken.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Mit South Stream m\u00f6chte Gazprom eine \u201aS\u00fcdumgehung\u2018 des ukrainischen Transitweges errichten. Das Projekt wird von Gazprom mit der italienischen ENI vorangetrieben. Die Gasleitung wird von der russl\u00e4ndischen Schwarzmeerk\u00fcste auf dem Seeboden des Schwarzen Meeres zum bulgarischen Varna und von dort in zwei Routen nach Italien und nach \u00d6sterreich gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Das sind also die strategischen Interessen der russischen Gaswirtschaft. Der Handelsstreit mit der Ukraine ist daher nur am Rande auch politisch begr\u00fcndet; im Kern aber geht es f\u00fcr Russland um finanzielle und gaswirtschaftliche Interessen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Der Kommentar ist am 8. J\u00e4nner 2009 in der Tageszeitung &#8216;<a href=\"http:\/\/diepresse.com\/home\/meinung\/gastkommentar\/442134\/index.do\">Die Presse<\/a>&#8216; erschienen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Foto: http:\/\/www.nationalpost.com\/related\/links\/144151.bin?size=404&#215;272<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Streit zwischen Russland und der Ukraine l\u00e4sst sich vor allem auf wirtschaftliche Faktoren zur\u00fcckf\u00fchren. Die Gasproduktion in den nordwestsibirischen Gasfeldern geht stark zur\u00fcck. Gazprom ben\u00f6tigt daher ernorme finanzielle Mittel, um neue Felder zu erschliessen, Gasleitungen zu modernisieren und neue Leitungen zu bauen. 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