{"id":5219,"date":"2024-02-21T08:53:33","date_gmt":"2024-02-21T07:53:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=5219"},"modified":"2024-02-21T08:53:33","modified_gmt":"2024-02-21T07:53:33","slug":"habt-keine-angst-ich-habe-auch-keine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=5219","title":{"rendered":"Habt keine Angst, ich habe auch keine!"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>Aleksej Navalnij ist tot! Er hielt sich f\u00fcr unbesiegbar, trotzte den brutalen Haftbedingungen, der Aussichtslosigkeit auf Freiheit und der st\u00e4ndigen Isolation in Einzelhaft. Er war nicht unbesiegbar. Aber das wusste er auch. Er war eine Ikone der Hoffnung auf ein anderes Russland. Hoffnung wider jede Hoffnung, weil Navalnij wohl erst nach einem Umsturz aus dem Gef\u00e4ngnis kommen h\u00e4tte k\u00f6nnen. Der aber war und ist nicht in Sicht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist der Tod ein Schlag f\u00fcr die Opposition in Russland. Allerdings kann von einer organisierten liberalen Opposition ohnehin nicht mehr gesprochen werden. Putin hat seit 2020 die personellen und institutionellen Grundlagen dieses Dissenses beseitigt. Es war ja nicht nur Navalnij in Haft; auch andere liberale Aktivisten sind es: Vladimir Kara-Murza, Ilja Jaschin oder Andrej Pivovarov. Die anderen f\u00fchrenden liberalen Politiker befinden sich im Exil; sie haben Russland aus Angst um ihre Freiheit und ihr Leben verlassen. Zudem wurde das organisatorische R\u00fcckgrat der liberalen Opposition mit der Einstufung von Navalnijs \u201eStiftung zum Kampf gegen die Korruption\u201c als \u201eextremistisch\u201c zerschlagen. Eine S\u00e4uberung hat Putin auch unter NGOs und liberalen Medien durchgef\u00fchrt. Es gibt nun niemanden, der den liberalen Dissens sammeln und artikulieren k\u00f6nnte. Putin hat mit der repressiven Regierungsf\u00fchrung den Raum der Opposition zu einer W\u00fcste gemacht; es ist nicht wahrscheinlich, dass aus diesem W\u00fcstenboden bald ein neuer Keim wachsen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Navalnij war in Russland aber eine kontroverse Person. Politisch sozialisiert wurde Navalnij in der B\u00fcrgerrechtspartei Jabloko; er wurde aus dieser aber ausgeschlossen, weil er rechtsradikale Ansichten zu vertreten begonnen hat. Von nordkaukasischen Muslimen als Kakerlaken war da die Rede, von zentralasiatischen Migranten als Karies am gesunden Volkszahn. Schon lange bem\u00fchen sich viele Beobachter, das als l\u00e4ngst vergangene Irrung abzutun. Aber Navalnij hat sich davon niemals distanziert oder gar daf\u00fcr entschuldigt; im Gegenteil: In zwei Interviews 2017 und 2020 hat er seine fr\u00fchere Haltung bekr\u00e4ftigt. Das sollte beachtet werden, wenn sich Kommentare nun darin \u00fcbertreffen, Navalnij zu idealisieren. Mit rechten Losungen konnte Navalnij aber keine gro\u00dfe Zahl an Anh\u00e4ngern mobilisieren. Daher wandte er sich dem Kampf gegen die Korruption zu \u2013 ein systemisches \u00dcbel des russischen Staates. Damit konnte er eine gr\u00f6\u00dfere Reichweite in der Bev\u00f6lkerung erzielen; schlie\u00dflich ist fast jeder B\u00fcrger t\u00e4glich mit Korruption konfrontiert.<\/p>\n<p>Navalnij war aber auch ein erstaunlich mutiger Mann, der sich von seinen Zielen auch nicht durch Gerichtsprozesse, Mordversuche oder Lagerhaft hat abbringen lassen. Er war ein schlagfertiger und witziger Aktivist gegen Putin und seine Staatsmacht. Er war aber nicht der Anf\u00fchrer der liberalen Opposition, als der er in westlichen Medien oft bezeichnet wurde. Eines der Merkmale der liberalen politischen Landschaft der letzten 30 Jahre ist ihre Zersplitterung und Fragmentierung gewesen. Es gab zu viele Rivalit\u00e4ten und Eifers\u00fcchteleien zwischen den verschiedenen Aktivisten. Jeder wollte Anf\u00fchrer der liberalen Opposition werden. Navalnij war auch kein Einiger; er hat andere liberale Politiker bisweilen hart kritisiert. Navalnij war aber sicher das charismatischste und mobilisierungsst\u00e4rkste Gesicht des Widerstands in Russland. Niemand nutzte die sozialen Medien so gekonnt und geschickt wie er.<\/p>\n<p>Er war aber auch eine polarisierende Person: Umfragen der letzten Jahre zeigen, dass er Zustimmung, aber auch Widerspruch ausl\u00f6ste. Wenn die Umfragedaten des Levada-Zentrums, das die russische F\u00fchrung als \u201eausl\u00e4ndischen Agenten\u201c einstuft, stimmen, lehnten mehr Russen seine T\u00e4tigkeit ab, als ihm zustimmten. Ihn kannten allerdings die meisten russischen B\u00fcrger. Putins Weigerung, jemals seinen Namen zu nennen, konnte ihn nicht aus der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit verbannen.<\/p>\n<p>Beeindruckend ist es, dass nicht wenige Russen \u00f6ffentlich um Navalnij trauern. Sie legen Blumen nieder am Solowezki Stein und an der Mauer der Trauer \u2013 Gedenkst\u00e4tten f\u00fcr die Opfer der Repression Stalins. Aber es ist nicht nur Trauer, sondern auch ein Zeichen des Widerstands. Es sind zugleich wenige und viele. Wenige, wenn wir bedenken, dass Moskau und Petersburg Millionenst\u00e4dte sind; viele, wenn man bedenkt, dass diese Menschen hohe Risiken auf sich nehmen, wenn sie ihre Trauer \u00f6ffentlich bekunden. Die Polizei geht auch massiv gegen sie vor. Die Regierung will zum einen durch Festnahmen abschreckend wirken; andererseits darf die Polizei auch nicht zu brutal auftreten, weil die Stimmung dann kippen und mehr Menschen auf die Stra\u00dfe gehen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend ist zu sagen, dass Navalnij im Westen meist zu sehr idealisiert und \u00fcbersch\u00e4tzt wurde. Idealisiert im Hinblick auf sein Weltbild, \u00fcbersch\u00e4tzt, was seine Relevanz und Wahrnehmung in Russland selbst betroffen hat. Das darf aber nicht schm\u00e4lern, dass er ein mutiger und furchtloser Mensch war.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><em>Photo credit: https:\/\/www.ndtv.com\/world-news\/analysis-what-about-alexei-navalny-terrified-vladimir-putin-to-the-core-5085024<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Dieser Text ist als &#8220;Kommentar der Anderen&#8221; in der Tageszeitung der Standard am 20.2.2024 erschienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":5221,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-5219","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-russia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5219","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5219"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5219\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5222,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5219\/revisions\/5222"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5221"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5219"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}