{"id":5185,"date":"2023-11-18T11:20:52","date_gmt":"2023-11-18T10:20:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=5185"},"modified":"2023-11-24T15:38:52","modified_gmt":"2023-11-24T14:38:52","slug":"die-russische-sicht-auf-den-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=5185","title":{"rendered":"Die russische Sicht auf den Krieg"},"content":{"rendered":"\n<p>Vernichtungsfantasien pr\u00e4gen h\u00e4ufig den nationalistischen russischen Diskurs. Die Vernichtung der Ukraine und europ\u00e4ischer Staaten mit russischen Nuklearwaffen wird in den Meinungsrunden im staatlichen Fernsehen immer wieder, immer noch bizarrer gefordert. Wir in Europa sollten aber nicht angstbesetzt auf diese Drohungen starren. Diese \u00c4u\u00dferungen sind f\u00fcr die politische F\u00fchrung Russlands v\u00f6llig irrelevant. Sie sind daher nicht als neue Zielvorgaben eines russischen militaristischen Expansionismus zu verstehen, sondern vorrangig als der Versuch, der russischen Bev\u00f6lkerung deutlich zu machen, dass Russland als Nuklearmacht nicht besiegt werden k\u00f6nne. Das l\u00e4sst bisweilen die R\u00fcckschl\u00e4ge an der ukrainischen Front vergessen.<\/p>\n<p>Die russische Armee konnte schon lange keine wichtigen Eroberungen mehr in der Ukraine erzielen. Schon im Herbst 2022 wurden die russischen Besatzer aus der Region Charkiv und dem Westufer des Dnipro in der Region Cherson vertrieben. Mit immensen Verlusten an Soldatenleben und an R\u00fcstungsmaterial konnte die russischen Kr\u00e4fte die v\u00f6llig zerst\u00f6rte Stadt Bachmut erobern (Mai 2023), aber seitdem hat sich die Frontlinie kaum bewegt. Zwar versucht die russische Armee in den Regionen des Donbass ukrainische Verteidigungslinien zu durchbrechen; damit wurden aber bislang nur geringe territoriale Gel\u00e4ndegewinne erreicht.<\/p>\n<p>Die russische F\u00fchrung hat im Laufe dieses Krieges ihre Ziele deutlich revidieren m\u00fcssen. Die Absicht, in Kiev einen moskaufreundlichen Anf\u00fchrer an die Macht zu bringen und die Ukraine in den russischen Hinterhof zur\u00fcckzuholen, mussten sehr rasch aufgegeben werden. Das nachfolgende Ziel, die ukrainische Armee aus dem Donbass zu vertreiben und die gesamte Schwarzmeerk\u00fcste zu erobern, wurde auch nicht erreicht. In der russischen F\u00fchrung ist man mittlerweile zufrieden, die ukrainische Sommeroffensive zumindest an der Frontlinie weithin erfolgreich blockiert zu haben. Erobertes Gebiet in der S\u00fcd- und Ostukraine zu halten ist nun die viel bescheidenere Zielsetzung der russischen F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Dieses Ziel weiterhin erreichen zu k\u00f6nnen, ist sich die F\u00fchrungsriege in Moskau ziemlich sicher; auch dann, wenn der Westen in den n\u00e4chsten Monaten westliche Kampfflugzeuge des Typus F-16 liefern sollte. Der Glaube, noch substanzielle und erfolgreiche Offensivoperationen durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen, ist nur noch bei wenigen vorhanden. Es gibt aber auch Stimmen, die eine russische Niederlage in der Ukraine nicht ausschlie\u00dfen wollen. Unterschiede gibt es dabei, ob es eine politisch bew\u00e4ltigbare Niederlage oder eine dem\u00fctigende strategische Niederlage werden w\u00fcrde. Im letzteren Fall wird von diesen Personen eine Periode politischer Instabilit\u00e4t in Russland erwartet.<\/p>\n<p>Das bringt Unruhe in die Eliten. Niemand kann sicher wissen, ob er Einfluss und Verm\u00f6gen unter einem m\u00f6glichen neuen Pr\u00e4sidenten bewahren kann.<\/p>\n<p>In der russischen Bev\u00f6lkerung nimmt der Anteil derer, die Friedensverhandlungen unterst\u00fctzen, immer mehr zu; es sind nunmehr mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung. Es ist aber nicht genau gekl\u00e4rt, welche Verhandlungsstrategie diese B\u00fcrger unterst\u00fctzen \u2013 ist es die Regierungslinie, die den Verzicht der Ukraine auf Territorium, verlangt, oder sind es konziliantere Vorstellungen.<\/p>\n<p>In der F\u00fchrungsriege ist man nicht zu einer Friedensl\u00f6sung bereit, die nicht einem russischen Diktatfrieden gleichk\u00e4me. Nur vereinzelt gibt es Stimmen, die Verhandlungen \u00fcber eine Waffenruhe f\u00fcr m\u00f6glich, oder gar geboten halten. Diejenigen, die eine Waffenruhe unterst\u00fctzen, sind sich aber nicht einig, wozu sie ausgehandelt werden sollte. Einige sehen die Waffenruhe als eine Atempause f\u00fcr die russische Armee, die sich neu gruppieren und neu ausr\u00fcsten m\u00fcsse, um dann nach geraumer Zeit weitere Offensiven gegen ukrainisches Territorium starten zu k\u00f6nnen. Andere sehen die Waffenruhe und das Einfrieren des Konfliktes als Chance, einen Krieg zu beenden, den die russische Armee ohnehin nicht gewinnen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Allerdings sind die meisten Akteure auch f\u00fcr die Fortsetzung des Krieges. Russland werde einen langen Krieg aushalten und finanzieren k\u00f6nnen. Der Westen werde des Krieges sicher fr\u00fcher m\u00fcde, als die russische Seite. Insgesamt also gibt es wenig Bewegung in den russischen Zielen und Erwartungen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><em>Dieser Blogeintrag ist am 23.11.2023 auf focus.de erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":4901,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-5185","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-russia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5185","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5185"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5185\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5187,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5185\/revisions\/5187"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4901"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5185"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5185"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5185"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}