{"id":5157,"date":"2023-07-11T15:12:37","date_gmt":"2023-07-11T13:12:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=5157"},"modified":"2023-07-11T15:12:55","modified_gmt":"2023-07-11T13:12:55","slug":"putins-krieg-russlands-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=5157","title":{"rendered":"Putins Krieg? Russlands Krieg?"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>Russlands \u00dcberfall auf die Ukraine war zun\u00e4chst zweifellos eine pers\u00f6nliche Entscheidung von Vladimir Putin, getragen von au\u00dfenpolitischem Revisionismus und historischem Revanchismus. Gleichzeitig w\u00e4re es v\u00f6llig irref\u00fchrend anzunehmen, dass es zu keinem Krieg gekommen w\u00e4re, w\u00e4re Putin nicht mehr an der Macht gewesen. Madeleine Albright, fr\u00fchere US Secretary of State, meinte einst: \u201ePutin ist ein kluger, aber auch ein b\u00f6ser Mensch\u201c. Das mag sein, aber es ist v\u00f6llig verk\u00fcrzt, die russische Au\u00dfenpolitik Russlands zu personalisieren. Hinter der aggressiven Au\u00dfenpolitik, die Russland sp\u00e4testens seit 2008 verfolgt, steht ein breiter Konsens unter den Eliten des russischen Milit\u00e4r- und Sicherheitssektors. Misstrauen gegen\u00fcber dem Westen, das Gef\u00fchl, ungerecht behandelt worden zu sein und die Auffassung, Russland habe das Recht, als Gro\u00dfmacht in Teilen seiner historischen Grenzen wiederzuerstehen, eint dieses Lager.<\/p>\n<p>Von diesem Konsens ausgenommen sind nat\u00fcrlich die Wirtschafts- und Finanzexperten in der Regierung und auch ein Gro\u00dfteil der Unternehmerschaft in Russland. Beide Akteure aber spielen f\u00fcr die Entscheidungsfindung in der Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik des Landes nahezu keine Rolle.<\/p>\n<p>Es ist daher nicht zutreffend, dass der rechtswidrige Krieg Russlands gegen die Ukraine nur \u201ePutins Krieg\u201c ist; es ist ein Krieg, den die allermeisten in der F\u00fchrungsriege bef\u00fcrworten. Der russische \u00dcberfall ist damit jedenfalls ein Krieg der gesamten Sicherheits- und Milit\u00e4relite des Landes.<\/p>\n<p>Hoffnungen oder gar Erwartungen, nach dem Ausscheiden Putins aus dem Pr\u00e4sidentenamt \u2013 durch R\u00fccktritt, Tod oder Absetzung \u2013 werde ein Nachfolger eine radikale Kurs\u00e4nderung vornehmen, sind daher g\u00e4nzlich unangebracht. Wie immer Putin aus dem Amt scheiden wird, der Nachfolger wird aus demselben Milieu kommen, das f\u00fcr diese fatale Kriegsentscheidung verantwortlich ist. Kein Nachfolger w\u00fcrde die Kapitulation Russlands unterzeichnen. Es gibt in Russland auch nicht einen westfreundlichen Akteur, der auch nur den Hauch einer Chance h\u00e4tte, die Macht im Staat zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Auch im Inneren ist derzeit keine Liberalisierung zu erwarten. Putins Nachfolge wird sein Erbe fortsetzen: eine durch Angst, Repression und Propaganda vorangetriebene Atomisierung der Gesellschaft; Unterdr\u00fcckung von politischem Dissens; zentralistische Staatsf\u00fchrung; ein autorit\u00e4rer F\u00fchrungsstil und die gleiche Missachtung gegen\u00fcber (demokratischen) Institutionen wie Putin sie zeigt. Das Erbe ist auch eine apathische, resignative und schulterzuckende Bev\u00f6lkerung. Durch Inhaftierung oder erzwungenes Exil fehlt in einer Nach-Putin-\u00c4ra auch die personelle und organisatorische Grundlage f\u00fcr eine neue Demokratiebewegung.<\/p>\n<p>Angesichts dieses repressiven Drucks der Staatsf\u00fchrung nach Innen ist es auch weitgehend unzul\u00e4ssig, davon zu sprechen, dass der \u00dcberfall auf die Ukraine ein \u201erussischer Krieg\u201c sein, verstanden als Krieg, der von wesentlichen Teilen der Bev\u00f6lkerung aktiv unterst\u00fctzt w\u00fcrde. Es ist nur ein kleiner Teil der Bev\u00f6lkerung, die diesen Krieg aktiv unterst\u00fctzt. Ein viel gr\u00f6\u00dferer Teil der Bev\u00f6lkerung nimmt diesen Krieg schulterzuckend zur Kenntnis; sie sind seit langer Zeit resignativ und erwarten sich von der Staatsf\u00fchrung keine Wende zum Besseren. Ein anderer Teil der Bev\u00f6lkerung\u00a0 versteht zwar nicht, warum dieser Krieg gef\u00fchrt wird, denkt sich aber, Putin als weiser Zar werde schon wissen, was er tut.<\/p>\n<p>Eine Minderheit der Bev\u00f6lkerung, die \u201ekreative Klasse der besser verdienenden, besser gebildeten und urbanen Bev\u00f6lkerung lehnt diesen Krieg ab. Harte Zensurgesetze und Angst vor physischen \u00dcbergriffen des Staates l\u00e4sst diesen Protest aber nicht sichtbar werden. Zudem sind viele aus dieser Bev\u00f6lkerungsschicht mittlerweile im Ausland, haben Russland verlassen. Es w\u00e4re daher v\u00f6llig ungerecht zu behaupten, das sei ein Krieg des ganzen Russland. V\u00f6llig unzul\u00e4ssig w\u00e4re es, die Invasion der Ukraine als \u201eKrieg der Russen\u201c zu bezeichnen. Manche Kommentatoren haben aber dennoch immer wieder auf die angeblich volle Mitverantwortung des russischen Volkes verwiesen. Das n\u00e4hrt gezielt russophobe Haltungen und f\u00fchrt dazu, dass viele mit russischer Kultur nichts mehr zu tun haben wollen.<\/p>\n<p>Nein, dieser Krieg ist der \u201eKrieg der russischen Herrschaftskaste\u201c, der gro\u00dfe Teile der russischen Bev\u00f6lkerung in Geiselhaft nimmt. Ein Umstand, der auch nicht verschwinden wird, wenn Putin einmal von der Macht verdr\u00e4ngt werden sollte.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><em>Dieser Text ist am 11.7.2023 auf focus.de erschienen (https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/gastbeitrag-von-gerhard-mangott-warum-der-ueberfall-auf-die-ukraine-viel-mehr-als-nur-putins-krieg-ist_id_198794688.html)<\/em><\/p>\n<p><em>Photo credit: https:\/\/asia.nikkei.com\/Politics\/Ukraine-war\/Russia-s-annexations-in-Ukraine-echo-prelude-to-World-War-II-in-Europe2<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":5161,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-5157","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-russia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5157","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5157"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5157\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5162,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5157\/revisions\/5162"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5161"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5157"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5157"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5157"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}