{"id":5090,"date":"2023-01-06T11:11:04","date_gmt":"2023-01-06T10:11:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=5090"},"modified":"2023-01-06T11:11:04","modified_gmt":"2023-01-06T10:11:04","slug":"ein-direkter-kriegseintritt-von-belarus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=5090","title":{"rendered":"Ein direkter Kriegseintritt von Belarus?"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>Die Ger\u00fcchte \u00fcber eine zweite Front an der ukrainischen Nordgrenze mehren sich. Russland k\u00f6nnte von belarussischem Territorium aus erneut gegen Kiev marschieren. Mehr noch, manche Beobachter rechnen mit einem aktiven Kriegseintritt von Belarus und einem gemeinsamen Angriff auf die Nordukraine.<\/p>\n<p>Eine zweite Front w\u00fcrde ukrainische Soldaten im Norden binden; Soldaten, die dann an der mehr als 1.000 km langen Frontlinie in der s\u00fcdlichen und \u00f6stlichen Ukraine fehlen w\u00fcrden. Dort w\u00fcrden die ukrainischen Verb\u00e4nde ausged\u00fcnnt. Allerdings gilt das auch f\u00fcr die russische Armee, die ohnehin einen Mangel an qualifizierten, trainierten und gut ausger\u00fcsteten Soldaten aufweist.<\/p>\n<p>Russland war am Beginn des Krieges von belarussischem Territorium aus in den Norden der Ukraine vorgesto\u00dfen; aber diese Verb\u00e4nde mussten sich Anfang April des letzten Jahres erfolglos zur\u00fcckziehen. Fraglich also, ob die russische Armee in ihrem derzeitigen Schw\u00e4chezustand dort noch einmal vorr\u00fccken will.<\/p>\n<p>Beobachter, die einen solchen Vorsto\u00df f\u00fcr m\u00f6glich halten verweisen auf die 45.000 Soldaten der belarussischen Armee, die sich diesmal an der Offensive im Norden beteiligen k\u00f6nnten. Aber die Kampfkraft der wei\u00dfrussischen Armee ist relativ gering. Ihre Soldaten sind mangelhaft trainiert und, vor allem, schlecht ausger\u00fcstet. Der milit\u00e4rische Mehrwert f\u00fcr die russischen Streitkr\u00e4fte w\u00e4re daher relativ gering. Dagegen k\u00f6nnte eingewendet werden, dass ein massiver Vorsto\u00df die Ukraine zumindest f\u00fcr eine gewisse Zeit zwingen w\u00fcrde, massiv Truppen und Ger\u00e4t im Norden einzusetzen. Ein erfolgreicher Vorsto\u00df auf Kiev ist hingegen mit den derzeitigen in Belarus vorhandenen eigenen und russischen Soldaten sehr unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Der Mehrwert eines direkten Kriegseintrittes von Belarus w\u00e4re daher \u00fcberschaubar. Die politischen Risiken eines solchen Schrittes w\u00e4ren aber gro\u00df.<\/p>\n<p>Eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der belarussischen Bev\u00f6lkerung lehnt einen Kriegseintritt ab. Auch in den Reihen der Soldaten, vor allem aber im belarussischen Generalstab, gibt es dagegen Widerst\u00e4nde. Der belarussische \u201ePr\u00e4sident\u201c Lukaschenko w\u00e4re also im Inneren mit erheblichen Risiken konfrontiert. Das Wiederaufflammen der Massenproteste im Jahr 2020, die nur mit brutaler Gewalt und Repression niedergeschlagen werden konnten, w\u00e4re sehr wahrscheinlich. K\u00f6nnte die belarussische Regierung das noch einmal \u00fcberleben? Wie massiv w\u00e4ren die Desertionen in der wei\u00dfrussischen Armee?<\/p>\n<p>Beobachter, die an einen Kriegseintritt von Belarus glauben, wenden dagegen ein, dass die belarussische F\u00fchrung russischem Druck nachgeben m\u00fcsse, weil Lukaschenko sich nur mit wirtschaftlicher, finanzieller und milit\u00e4rischer Unterst\u00fctzung Russland an der Macht halten kann. Lukaschenko habe also gar keine andere Wahl. Diese Position aber vernachl\u00e4ssigt, dass auch die russische F\u00fchrung \u00fcber die innenpolitischen Risiken in Belarus wei\u00df. Eine erneute Massenerhebung w\u00e4re auch f\u00fcr Russland schwer kontrollierbar. Der Verlust der Kontrolle \u00fcber Belarus ist aber f\u00fcr Russland ein viel gr\u00f6\u00dferes Risiko als der Verzicht auf den direkten Kriegseintritt von Belarus.<\/p>\n<p>Bei einem belarussischen Kriegseintritt w\u00fcrden auch die westlichen Sanktionen gegen Belarus erheblich verst\u00e4rkt werden. Das wiederum w\u00fcrde die soziale Lage im Land weiter verschlechtern und es f\u00fcr Russland kostspieliger machen, Lukaschenko trotzdem an der Macht zu halten. Die B\u00fcrde der Finanzierung wei\u00dfrussischer Gefolgschaft w\u00fcrde noch gr\u00f6\u00dfer werden. Das in einer Situation, wo die westlichen Sanktionen die russische Wirtschaft immer h\u00e4rter treffen.<\/p>\n<p>Der Autor h\u00e4lt die Ger\u00fcchte \u00fcber eine belarussischen Kriegseintritt \u2013 verst\u00e4rkt durch angebliche Aufrufe an M\u00e4nner in Belarus, sich registrieren zu lassen \u2013 daher nicht f\u00fcr sehr \u00fcberzeugend. Zu hoch ist das Risiko f\u00fcr die russische und die wei\u00dfrussische F\u00fchrung, zu gering der Mehrwert f\u00fcr die russische Armee. Belarus wird aber ein milit\u00e4rischer St\u00fctzpunkt f\u00fcr Russland bleiben. Die gemeinsamen \u00dcbungen der der Armeen beider L\u00e4nder werden weitergehen und sich intensivieren. Von wei\u00dfrussischem Territorium aus werden weiterhin Luftangriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine durchgef\u00fchrt werden. Aber die Stiefel wei\u00dfrussischer Soldaten auf ukrainischem Boden bleiben eher unwahrscheinlich.<\/p>\n<p><\/p>\n<p>Die Ger\u00fcchte \u00fcber eine zweite Front an der ukrainischen Nordgrenze mehren sich. Russland k\u00f6nnte von belarussischem Territorium aus erneut gegen Kiev marschieren. Mehr noch, manche Beobachter rechnen mit einem aktiven Kriegseintritt von Belarus und einem gemeinsamen Angriff auf die Nordukraine.<\/p>\n<p>Eine zweite Front w\u00fcrde ukrainische Soldaten im Norden binden; Soldaten, die dann an der mehr als 1.000 km langen Frontlinie in der s\u00fcdlichen und \u00f6stlichen Ukraine fehlen w\u00fcrden. Dort w\u00fcrden die ukrainischen Verb\u00e4nde ausged\u00fcnnt. Allerdings gilt das auch f\u00fcr die russische Armee, die ohnehin einen Mangel an qualifizierten, trainierten und gut ausger\u00fcsteten Soldaten aufweist.<\/p>\n<p>Russland war am Beginn des Krieges von belarussischem Territorium aus in den Norden der Ukraine vorgesto\u00dfen; aber diese Verb\u00e4nde mussten sich Anfang April des letzten Jahres erfolglos zur\u00fcckziehen. Fraglich also, ob die russische Armee in ihrem derzeitigen Schw\u00e4chezustand dort noch einmal vorr\u00fccken will.<\/p>\n<p>Beobachter, die einen solchen Vorsto\u00df f\u00fcr m\u00f6glich halten verweisen auf die 45.000 Soldaten der belarussischen Armee, die sich diesmal an der Offensive im Norden beteiligen k\u00f6nnten. Aber die Kampfkraft der wei\u00dfrussischen Armee ist relativ gering. Ihre Soldaten sind mangelhaft trainiert und, vor allem, schlecht ausger\u00fcstet. Der milit\u00e4rische Mehrwert f\u00fcr die russischen Streitkr\u00e4fte w\u00e4re daher relativ gering. Dagegen k\u00f6nnte eingewendet werden, dass ein massiver Vorsto\u00df die Ukraine zumindest f\u00fcr eine gewisse Zeit zwingen w\u00fcrde, massiv Truppen und Ger\u00e4t im Norden einzusetzen. Ein erfolgreicher Vorsto\u00df auf Kiev ist hingegen mit den derzeitigen in Belarus vorhandenen eigenen und russischen Soldaten sehr unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Der Mehrwert eines direkten Kriegseintrittes von Belarus w\u00e4re daher \u00fcberschaubar. Die politischen Risiken eines solchen Schrittes w\u00e4ren aber gro\u00df.<\/p>\n<p>Eine \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der belarussischen Bev\u00f6lkerung lehnt einen Kriegseintritt ab. Auch in den Reihen der Soldaten, vor allem aber im belarussischen Generalstab, gibt es dagegen Widerst\u00e4nde. Der belarussische \u201ePr\u00e4sident\u201c Lukaschenko w\u00e4re also im Inneren mit erheblichen Risiken konfrontiert. Das Wiederaufflammen der Massenproteste im Jahr 2020, die nur mit brutaler Gewalt und Repression niedergeschlagen werden konnten, w\u00e4re sehr wahrscheinlich. K\u00f6nnte die belarussische Regierung das noch einmal \u00fcberleben? Wie massiv w\u00e4ren die Desertionen in der wei\u00dfrussischen Armee?<\/p>\n<p>Beobachter, die an einen Kriegseintritt von Belarus glauben, wenden dagegen ein, dass die belarussische F\u00fchrung russischem Druck nachgeben m\u00fcsse, weil Lukaschenko sich nur mit wirtschaftlicher, finanzieller und milit\u00e4rischer Unterst\u00fctzung Russland an der Macht halten kann. Lukaschenko habe also gar keine andere Wahl. Diese Position aber vernachl\u00e4ssigt, dass auch die russische F\u00fchrung \u00fcber die innenpolitischen Risiken in Belarus wei\u00df. Eine erneute Massenerhebung w\u00e4re auch f\u00fcr Russland schwer kontrollierbar. Der Verlust der Kontrolle \u00fcber Belarus ist aber f\u00fcr Russland ein viel gr\u00f6\u00dferes Risiko als der Verzicht auf den direkten Kriegseintritt von Belarus.<\/p>\n<p>Bei einem belarussischen Kriegseintritt w\u00fcrden auch die westlichen Sanktionen gegen Belarus erheblich verst\u00e4rkt werden. Das wiederum w\u00fcrde die soziale Lage im Land weiter verschlechtern und es f\u00fcr Russland kostspieliger machen, Lukaschenko trotzdem an der Macht zu halten. Die B\u00fcrde der Finanzierung wei\u00dfrussischer Gefolgschaft w\u00fcrde noch gr\u00f6\u00dfer werden. Das in einer Situation, wo die westlichen Sanktionen die russische Wirtschaft immer h\u00e4rter treffen.<\/p>\n<p>Der Autor h\u00e4lt die Ger\u00fcchte \u00fcber eine belarussischen Kriegseintritt \u2013 verst\u00e4rkt durch angebliche Aufrufe an M\u00e4nner in Belarus, sich registrieren zu lassen \u2013 daher nicht f\u00fcr sehr \u00fcberzeugend. Zu hoch ist das Risiko f\u00fcr die russische und die wei\u00dfrussische F\u00fchrung, zu gering der Mehrwert f\u00fcr die russische Armee. Belarus wird aber ein milit\u00e4rischer St\u00fctzpunkt f\u00fcr Russland bleiben. Die gemeinsamen \u00dcbungen der der Armeen beider L\u00e4nder werden weitergehen und sich intensivieren. Von wei\u00dfrussischem Territorium aus werden weiterhin Luftangriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine durchgef\u00fchrt werden. Aber die Stiefel wei\u00dfrussischer Soldaten auf ukrainischem Boden bleiben eher unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><em>Dieser Kommentar ist als Gastbeitrag am 5.1.2023 auf focus.de erschienen (https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/gastbeitrag-von-gerhard-mangott-warum-lukaschenko-sich-einen-kriegseintritt-nicht-leisten-kann_id_182219841.html)<\/em><\/p>\n<p><em>Photo credit: https:\/\/www.rferl.org\/a\/belarus-ukraine-war-mobilization-rumors-lukashenka-putin\/32084748.html<\/em><\/p>\n<p><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":5087,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-5090","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-russia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5090","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5090"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5090\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5092,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5090\/revisions\/5092"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5087"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5090"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5090"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5090"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}