{"id":5076,"date":"2022-12-22T12:16:28","date_gmt":"2022-12-22T11:16:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=5076"},"modified":"2022-12-22T12:16:57","modified_gmt":"2022-12-22T11:16:57","slug":"wie-weiter-im-ukrainekrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=5076","title":{"rendered":"Wie weiter im Ukrainekrieg?"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>An den Frontlinien gibt es derzeit kaum Bewegung. Gel\u00e4ndegewinne der Ukrainer sind so selten wie die der Russen. Ein Stellungskrieg zeichnet sich f\u00fcr die n\u00e4chsten Wochen ab. Die ukrainische F\u00fchrung erwartet eine russische Offensive \u2013 fr\u00fchestens ab Ende Januar, vielleicht sp\u00e4ter. Aber hat die russische Armee derzeit die Kraft f\u00fcr eine gro\u00dfr\u00e4umige milit\u00e4rische Offensive? Wohl kaum. Die russische Armee gr\u00e4bt sich derzeit ein und bildet Verteidigungslinien, um das bislang eroberte Gebiet zu verteidigen. Territorium soll also gehalten und nicht neue Gebiete erobert werden.<\/p>\n<p>Zu rechnen ist aber mit einer ukrainischen Offensive \u2013 sehr wahrscheinlich ein Vorsto\u00df in Richtung der Stadt Melitopol. Milit\u00e4rexperten sind sich aber ziemlich einig, dass es der ukrainischen Armee schwerfallen wird, damit gro\u00dfe Gel\u00e4ndegewinne zu erzielen. Abh\u00e4ngig ist das sehr stark von den Waffenlieferungen aus dem Westen. Ein Berater des Leiters des Pr\u00e4sidialamtes von Selenskij, Michail Podoljak, hat vor einiger Zeit eine Wunschliste vorgestellt. Dazu geh\u00f6ren deutsche Leopard Kampfpanzer und Marder Sch\u00fctzenpanzer, US-Panzer des Typs M1 Abrams, weitreichende Artillerie, v.a. das Army Tactical Missile System (ATACMS) und schlie\u00dflich das Luftabwehrsystem Patriot. Letzterer Wunsch ist gestern bei Selenskijs \u00fcberraschenden Besuch in Washington in Erf\u00fcllung gegangen. Eine Patriot Batterie wird an die Ukraine \u00fcberstellt. Das ist wichtig f\u00fcr die F\u00e4higkeit der Ukraine, russische Angriffe auf die zivile Infrastruktur durch Marschflugk\u00f6rper, Drohnen, Flugzeuge und ballistische Raketen abzuwehren. Das US-System hat eine viel gr\u00f6\u00dfere Reichweite als alle bisher an die Ukraine gelieferten Luftabwehrsysteme. Ein Wendepunkt des Krieges wird dadurch aber nicht herbeigef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die anderen vier W\u00fcnsche werden auf absehbare Zeit aber nicht erf\u00fcllt werden. Sowohl Deutschland als auch die USA f\u00fcrchten eine Eskalation des Krieges durch die Lieferung dieser R\u00fcstungsg\u00fcter. Auch wenn Kanzler Scholz in seiner Koalition und durch andere NATO-Mitglieder unter Druck steht, ist die Lieferung von Leopard II und Marder derzeit nicht zu erwarten. Ohne diese Waffen wird es f\u00fcr die Ukraine aber kaum m\u00f6glich sein, ihr Kriegsziel zu erreichen \u2013 n\u00e4mlich alle russischen Truppen aus der gesamten Ukraine zu vertreiben, einschlie\u00dflich der Krim.<\/p>\n<p>Selenskijs Besuch in den USA war kein \u201eVerzweiflungsakt\u201c, wie eine deutsche Kommentatorin meint. Es war ein Ausdruck der Dankbarkeit f\u00fcr die bisherige Unterst\u00fctzung und, viel wichtiger, das Bem\u00fchen, skeptische republikanische Kongressmitglieder daf\u00fcr zu gewinnen, die milit\u00e4rische und finanzielle Hilfe an die Ukraine fortzuf\u00fchren. Schlie\u00dflich stehen in den n\u00e4chsten Tagen Beschl\u00fcsse in beiden Kammern \u00fcber Hilfsprogramme f\u00fcr kommendes Jahr an.<\/p>\n<p>Die Aussichten auf eine Verhandlungsl\u00f6sung werden auf absehbare Zeit gering bleiben. Beide Kriegsparteien erkl\u00e4ren zwar, zu Verhandlungen bereit zu sein; aber beide stellen daf\u00fcr Bedingungen, die f\u00fcr die jeweils andere Seite nicht akzeptabel sind. Russland verlangt vor der Aufnahme von Verhandlungen, dass die Ukraine die \u201eRealit\u00e4ten am Boden\u201c anerkenne; was nichts anderes hei\u00dft als dass die Ukraine den Verlust der von der russischen Armee eroberten Gebiete im S\u00fcden und im Osten anerkennt. Das ist f\u00fcr die ukrainische F\u00fchrung nicht akzeptabel. Auch f\u00fcr die ukrainische Bev\u00f6lkerung kommen \u2013 Umfragen zufolge \u2013 territoriale Zugest\u00e4ndnisse an Russland nicht in Frage. Die ukrainische F\u00fchrung wiederum will erst verhandeln, wenn alle russischen Soldaten ukrainisches Territorium verlassen haben. Die international anerkannten Grenzen der Ukraine sollen wiederhergestellt werden. Das aber w\u00e4re f\u00fcr Russland eine katastrophale Kriegsniederlage, die sie nicht zu akzeptieren bereit ist.<\/p>\n<p>Westliche Waffenlieferungen bleiben daher unabdingbar, damit die Ukraine sich verteidigen kann. Eine Alternative dazu gibt es nicht, au\u00dfer man will den Angriffskrieg Russlands erfolgreich machen. Hinter den Kulissen des Westens gibt es aber unterschiedliche Positionen, welche Kriegsziele die ukrainische Armee denn erreichen soll. Vor allem die osteurop\u00e4ischen Regierungen unterst\u00fctzen das Maximalziel der ukrainischen F\u00fchrung: Die Russen sollen aus der gesamten Ukraine vertrieben werden. Einige der westeurop\u00e4ischen Regierungen hingegen fordern moderatere Kriegsziele. Sie f\u00fcrchten, bei der Verfolgung des ukrainischen Maximalzieles k\u00f6nnte eine Eskalation des Konfliktes drohen. Eine horizontale Eskalation, also eine Entwicklung der Lage wodurch andere L\u00e4nder in den Krieg hineingezogen werden. Oder eine vertikale Eskalation womit der Einsatz taktischer Nuklearwaffen durch Russland als Mittel der letzten Wahl f\u00fcr m\u00f6glich gehalten wird. Der Einsatz von Nuklearwaffen ist derzeit \u00e4u\u00dferst unwahrscheinlich. Nur in einem Szenario der katastrophalen Niederlage der russischen Armee und des Verlustes der Krim ist der Einsatz solcher Waffen durchaus m\u00f6glich. In seiner Rede vor dem erweiterten Kollegium des Verteidigungsministeriums hat Putin auch dar\u00fcber gesprochen, dass die Interkontinentalrakete RS-28 Sarmat im kommenden Jahr einsatzf\u00e4hig sein wird. Das war eine erneute implizite Drohung mit einer nuklearen Eskalation. Am Kriegsverlauf in der Ukraine \u00e4ndert diese ballistische Rakete aber nichts. Gedacht ist sie nur f\u00fcr einen globalen thermonuklearen Krieg zwischen den USA und Russland.<\/p>\n<p>Die offizielle Position des Westens ist, dass die Ukraine selbst ihre Kriegsziele definieren k\u00f6nne und niemand sie zu Zugest\u00e4ndnissen oder zum Einlenken zwingen werde. Kaum denkbar, dass diese Position auch hinter den Kulissen von allen westlichen Staaten mitgetragen wird. Als Waffenlieferanten sehen sich manche westlichen Regierungen berechtigt, die Kriegsziele mit definieren zu k\u00f6nnen, ja zu m\u00fcssen. Kaum ein westlicher Staat dr\u00e4ngt die Ukraine aber derzeit zu einer Verhandlungsl\u00f6sung des Krieges.<\/p>\n<p>Der Krieg wird uns also weiter begleiten. Kriege k\u00f6nnen auf zwei Arten enden. Entweder setzt sich eine Kriegspartei milit\u00e4risch durch und gewinnt den Kampf. Oder aber beide Kriegsparteien sind milit\u00e4risch ersch\u00f6pft, sehen keine Aussichten mehr, auf dem Schlachtfeld Erfolge zu erzielen und sind daher zu Verhandlungen bereit. Von beiden Szenarien sind wir in diesem Krieg aber noch weit entfernt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><em>Photo credit: https:\/\/harriman.columbia.edu\/event\/rpp-russia-war-ukraine-new-phase\/<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":5078,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-5076","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-russia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5076","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5076"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5076\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5081,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5076\/revisions\/5081"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/5078"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5076"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5076"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5076"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}