{"id":4963,"date":"2022-09-02T11:42:18","date_gmt":"2022-09-02T09:42:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=4963"},"modified":"2022-09-02T11:42:18","modified_gmt":"2022-09-02T09:42:18","slug":"eine-grosere-russische-armee-aber-wie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=4963","title":{"rendered":"Eine gr\u00f6\u00dfere russische Armee. Aber wie?"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>Mit einem Dekret hat Putin in der vergangenen Woche angeordnet, die Soll-St\u00e4rke der russischen Streitkr\u00e4fte von derzeit 1,01 auf 1,15 Millionen Soldaten zu erh\u00f6hen. Das ist ein erforderlicher Zuwachs von 137.000 Soldaten. Ber\u00fccksichtigt man aber, dass die Ist-St\u00e4rke, d.h. die tats\u00e4chliche Mannschaftszahlen, vor dem Krieg vermutlich nur 850.000 Soldaten betragen hat, w\u00e4re der notwendige Aufwuchs an Soldaten auf die neue Soll-St\u00e4rke noch betr\u00e4chtlich gr\u00f6\u00dfer. Wie aber soll die neue Sollst\u00e4rke erreicht werden?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst werden sicher Ausnahmen von der Wehrpflicht deutlich reduziert werden. Derzeit m\u00fcssen russische M\u00e4nner im Alter von 18-27 Jahren f\u00fcr ein Jahr Wehrpflicht leisten. Durch ein Hochschulstudium oder durch Bestechung konnten sich viele junge M\u00e4nner der Rekrutierung entziehen. Aber auch dazu gibt es noch keine Details angestrebter \u00c4nderungen.<\/p>\n<p>\u00dcberraschend ist auch, dass Putin den Wehrdienst nicht auf zwei Jahre verl\u00e4ngert hat \u2013 wie dies vor 15 Jahren noch der Fall war. Offenbar f\u00fcrchtete sich die russische Regierung vor den politischen Schockwirkungen einer solchen Massnahme.<\/p>\n<p>Durch eine h\u00e4rtere Rekrutierungspraxis bei Wehrpflichtigen wird sich die neue Sollst\u00e4rke aber nicht erreichen lassen. Das h\u00e4ngt auch damit zusammen, dass in Russland seit geraumer Zeit und bis auf weiteres nur geburtenarme Jahrg\u00e4nge zur Verf\u00fcgung stehen. Seit 1987 ist die Geburtenrate drastisch gesunken, hat sich ab 2002 langsam verbessert, nur um in den letzten Jahren wieder zu sinken. Nur 2013 und 2014 war die Geburtenrate Russlands seit 1992 h\u00f6her als die Sterberate.<\/p>\n<p>Die neue Sollst\u00e4rke der russischen Armee kann daher nur erreicht werden, wenn deutlich mehr Vertragssoldaten (kontraktniki) angeheuert werden. Derzeit gibt es diesbez\u00fcglich nur schleppenden Erfolg. Ohne eine deutliche Erh\u00f6hung des Soldes f\u00fcr Berufssoldaten wird daher auch dieser Ansatz nicht funktionieren. Der Umstand, dass nun offenbar auch Gef\u00e4ngnisinsassen gek\u00f6dert werden, an den K\u00e4mpfen in der Ukraine mitzuwirken, zeigt, wie gro\u00df die Rekrutierungsprobleme Russlands sind.<\/p>\n<p>Das Dekret Putins ist jedenfalls ein Indikator daf\u00fcr, dass die russische F\u00fchrung mit einem lang andauernden milit\u00e4rischen Konflikt in der Ukraine rechnet. Der Personalaufwuchs w\u00e4re nicht n\u00f6tig, wenn der Krieg rasch entschieden w\u00fcrde (mit einem Sieg welcher Seite auch immer) und die Zahl der gefallenen und verwundeten russischen Soldaten begrenzt werden k\u00f6nnte. Dem ist aber offensichtlich nicht so. Die Ist-St\u00e4rke der russischen Armee ist in den vergangenen sechs Monaten sicher substantiell zur\u00fcckgegangen. Die st\u00e4rkere Disziplin bei der Rekrutierung von wehrpflichtigen M\u00e4nnern \u00e4nderte daran nichts, denn Wehrpflichtige d\u00fcrfen rechtlich nicht au\u00dferhalb des russischen Territoriums eingesetzt werden. Eine gr\u00f6\u00dfere russische Armee w\u00fcrde deren Kampfkraft in der Ukraine also nur langsam und nicht sonderlich stark beeinflussen. Das Ausma\u00df der st\u00e4rkeren Kampfkraft h\u00e4ngt also davon ab, ob mehr Vertragssoldaten ageworben k\u00f6nnen und die russische Praxis endet, die Vertragssoldaten vor allem in den \u00f6konomisch schwachen, peripheren Regionen zu mobilisieren. Die gro\u00dfen St\u00e4dte Moskau und Petersburg wurden dabei bislang geschont. Das kann so nicht bleiben, auch wenn die russische F\u00fchrung damit ein Risiko eingeht, denn gerade in der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung gibt es den gr\u00f6\u00dften Unmut \u00fcber den Krieg. Viele gefallene Soldaten aus st\u00e4dtischen Zentren w\u00fcrden diese Ablehnung des Krieges wohl deutlich verst\u00e4rken. Ein Unmut, der dann doch zu offenen Manifestationen der Ablehnung des Krieges f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Eine deutliche St\u00e4rkung der russischen Kampfkraft k\u00f6nnte substantiell nur durch eine Generalmobilmachung erreicht werden. Russland verf\u00fcgt nach unterschiedlichen Angaben zwischen 1,5 und 2 Millionen Reservisten. Dazu m\u00fcsste rechtlich aber der Kriegszustand ausgerufen werden. Davor schreckte Putin aus politischen Gr\u00fcnden bislang zur\u00fcck und das wird wohl f\u00fcr die absehbare Zukunft so bleiben.<\/p>\n<p><em>Dieser Kommentar ist am 2.9.2022 auf focus.de erschienen: https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/ukraine-krise\/personal-not-putin-braucht-mehr-soldaten-und-stoesst-dabei-auf-dieses-problem_id_138234482.html<\/em><\/p>\n<p><em>Photo credit: https:\/\/www.aljazeera.com\/news\/2022\/5\/5\/are-russian-conscripts-fighting-in-ukraine<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":4967,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-4963","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-russia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4963","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4963"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4963\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4966,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4963\/revisions\/4966"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4967"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4963"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4963"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4963"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}