{"id":4944,"date":"2022-08-23T08:51:19","date_gmt":"2022-08-23T06:51:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=4944"},"modified":"2022-08-23T08:51:19","modified_gmt":"2022-08-23T06:51:19","slug":"russland-und-seine-zentralasiatischen-nachbarn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=4944","title":{"rendered":"Russland und seine zentralasiatischen Nachbarn"},"content":{"rendered":"\n<p>In politischen Zirkeln in Moskau nennt man ihn in letzter Zeit h\u00e4ufig einen Verr\u00e4ter. Gemeint ist der kasachische Pr\u00e4sident Tokajev. Er hatte im Juni auf einem Wirtschaftsforum im russischen Petersburg deutlich erkl\u00e4rt, dass sein Land die von Russland anerkannten quasi-Staaten Donezk, Lugansk, Abchasien und S\u00fcdossetien nicht anerkennen werde. Das war ein Affront gegen\u00fcber Putin, der unerwartet \u00f6ffentlich vorgetragen wurde. Dabei hat Tokajev seine Macht vor allem der russischen milit\u00e4rischen Intervention in Kasachstan im J\u00e4nner zu verdanken. Ohne diese Unterst\u00fctzung h\u00e4tte er wohl sein Amt in den aufgebrochenen Unruhen verloren. Dieser Umstand hindert Tokajev aber nicht, die traditionelle kasachische au\u00dfenpolitische Linie fortzusetzen, die Beziehungen zu Russland durch enge Zusammenarbeit mit China, der T\u00fcrkei und dem Westen auszubalancieren. Daran \u00e4ndert sich auch nichts, obwohl ein F\u00fcnftel der kasachischen Exporte nach Russland gehen.<\/p>\n<p>In Kasachstan ist man sich durchaus bewusst, dass nicht nur der fr\u00fchere russische Pr\u00e4sident Medvedev, sondern auch Putin selbst, immer wieder die legitime Staatlichkeit des zentralasiatischen Landes in Frage stellen. In den nationalistischen Kreisen Russlands wird auch immer wieder die Eroberung der n\u00f6rdlichen Grenzregionen Kasachstans zu Russland gefordert. 22 Prozent der B\u00fcrger Kasachstans sind ethnische Russen. Sie leben auch mehrheitlich geschlossen an Kasachstans Grenze zu Russland. Die potentielle Gefahr, \u00e4hnlich wie die Ukraine, gro\u00dfrussischem Expansionismus zum Opfer zu fallen, ist in der kasachischen F\u00fchrung durchaus pr\u00e4sent. Auch wenn dieses Szenario auf absehbare Zeit unrealistisch bleiben wird.<\/p>\n<p>Trotz dieser Risiken ist nicht zu erwarten, dass Kasachstan oder andere zentralasiatische L\u00e4ndern ihre Beziehungen zu Russland aufweichen werden. Mit Ausnahme Turkmenistans, sind alle zentralasiatischen Staaten Mitglied in einem losen Milit\u00e4rb\u00fcndnis mit Russland \u2013 der Organisation des Vertrages \u00fcber kollektive Sicherheit (ODKB). Wie Kasachstan dies heuer schon erfahren hat, ist die Regimesicherheit in diesem Raum stark vom russischen Schutz abh\u00e4ngig. Viele Staaten der Region sind auch Mitglieder der Eurasischen Wirtschaftsunion. Dieses seit 2010 vorangetriebene russische Integrationsprojekt, das auf die Herstellung eines Binnenmarktes ausgerichtet ist, bleibt f\u00fcr die Region unabdingbar.<\/p>\n<p>Beobachter, die davon sprechen, die zentralasiatischen Staaten w\u00fcrden Russland wegen dessen Intervention in der Ukraine nun den R\u00fccken kehren, verkennen die Bedeutung Russlands als milit\u00e4rische Schutzmacht dieser Region und als Faktor, diese Staaten vor einer zu gro\u00dfen wirtschaftlichen und finanziellen Abh\u00e4ngigkeit von China zu sch\u00fctzen. Trotzdem \u2013 eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Russland und dieser Region gibt es nicht. Der Revanchismus der russischen Au\u00dfenpolitik, der sich in Georgien und der Ukraine manifestiert (hat), h\u00e4lt diese Staaten in permanenter Unruhe. Auch die russische F\u00fchrung wei\u00df, dass sie sich auf die zentralasiatischen L\u00e4nder nicht vollends verlassen kann.<\/p>\n<p>Wie andere zentralasiatische Staaten auch, ist in Kasachstan ein wirtschaftlicher Wachstumseinbruch zu erwarten, da die westlichen Sanktionen die russische Wirtschaft stark treffen und sich diese Schw\u00e4che auch im bilateralen Handel Russlands mit diesen Staaten widerspiegelt. Das zeigt sich auch bei den zur\u00fcckgehenden \u00dcberweisungen von zentralasiatischen Wanderarbeitern aus Russland. F\u00fcr viele dieser Staaten, allen voran f\u00fcr Tajikistan, sind diese Zahlungen essentiell f\u00fcr den Staatshaushalt. Den Regierungen der Region ist daher klar, dass sie nicht nur auf die Unterst\u00fctzung Russlands in milit\u00e4rischer Hinsicht angewiesen sind, sondern auch wirtschaftlich. Die Alternative dazu w\u00e4re nur die starke Abh\u00e4ngigkeit von China.<\/p>\n<p>Daher gilt, dass sich diese Staaten, trotz des Unbehagens \u00fcber den russischen imperialistischen Expansionismus, von Russland nicht abwenden werden, weil sie es sich einfach nicht leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Dieser Kommentar ist am 22.8.2022 auf focus.de erschienen (https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/ukraine-krise\/analyse-von-gerhard-mangott-kasachstan-warum-putins-vasallen-in-zentralasien-ihm-so-treu-bleiben_id_136891833.html)<\/em><\/p>\n<p><em>Photo credit: https:\/\/www.dw.com\/de\/proteste-in-kasachstan-putins-albtraum-oder-chance\/a-60350859<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":4946,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-4944","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-russia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4944","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4944"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4944\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4949,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4944\/revisions\/4949"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4946"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}