{"id":4913,"date":"2022-07-15T11:59:31","date_gmt":"2022-07-15T09:59:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=4913"},"modified":"2022-07-15T17:44:34","modified_gmt":"2022-07-15T15:44:34","slug":"droht-ein-russischer-gaslieferstopp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=4913","title":{"rendered":"Droht ein russischer Gaslieferstopp?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Putin wurde zuletzt deutlich: \u201eEine weitere Anwendung der Sanktionspolitik kann zu noch schwerwiegenderen, ohne \u00dcbertreibung sogar zu katastrophalen Folgen auf dem globalen Energiemarkt f\u00fchren.\u201c Das war eine unverh\u00fcllte Drohung. Kommen neue Sanktionen der EU \u2013 und an einem siebten Sanktionspaket wird in der Kommission gerade gearbeitet \u2013 wird Russland seine Gaslieferungen in die EU weiter drosseln oder gar g\u00e4nzlich stoppen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gedrosselt wurden die Lieferungen bereits. \u00dcber das ukrainische Gasleitungsnetz exportiert Russland seit Wochen nur mehr 42 Millionen m3 t\u00e4glich; m\u00f6glich w\u00e4ren mehr als 100 Millionen m3. Seit Mitte Juni hat Gazprom zudem seine Lieferungen \u00fcber Nord Stream 1 um 60 Prozent gedrosselt; angeblich wegen der Weigerung Kanadas, eine gewartete Gasturbine an Gazprom zu \u00fcberstellen. Wegen Wartungsarbeiten schlie\u00dflich ist der Gastransport \u00fcber Nord Stream 1 seit 11. Juli g\u00e4nzlich gestoppt. Wird Gazprom nach Ende der Wartungsarbeiten am 21. Juli den Transport \u00fcber diese Leitung wieder aufnehmen. Wenn ja, in welchem Umfang? Gazprom hat jedenfalls kundgetan, dass sie die Wiederaufnahme des Betriebs bei der Ostseegasleitung nicht garantieren k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die v\u00f6llige Lieferunterbrechung durch Russland ist nun zu einem realistischen Szenario geworden. Putin k\u00f6nnte damit mehrere EU-Staaten in wirtschaftliche Stagnation oder gar Rezession zwingen. Das Kalk\u00fcl der russischen F\u00fchrung dabei ist, dass die europ\u00e4ische Bev\u00f6lkerung angesichts hoher Preise f\u00fcr Gas und einer Unterversorgung mit Gas im kommenden Winter davon abr\u00fccken werde, die Sanktionen gegen Russland zu unterst\u00fctzen. Frieren f\u00fcr die Ukraine werde in Europa nach Ansicht Putins keine mehrheitliche Unterst\u00fctzung mehr finden. Energieunsicherheit soll die soziale und dann auch die politische Stabilit\u00e4t der EU ersch\u00fcttern. Putin spekuliert darauf, dass ein v\u00f6lliger Gaslieferausfall die europ\u00e4ischen Regierungen sowohl bei den Sanktionen als auch bei der Unterst\u00fctzung der Ukraine zum Einlenken zwingen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn sich die russische F\u00fchrung zu einem Lieferstopp schon entschieden haben sollte, m\u00fcsste dieser nach russischem Kalk\u00fcl relativ rasch erfolgen \u2013 bevor die Speicher in Europa gef\u00fcllt sind und die Resilienz der EU-Staaten dadurch deutlich h\u00f6her ist. Gazprom w\u00fcrde sich dann sehr wahrscheinlich auf anhaltende technische Probleme ausreden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Lieferstopp w\u00fcrde Russland aber auch schaden. Zwar sind die Einnahmen aus dem Export von \u00d6l und \u00d6lprodukten f\u00fcr den russischen Staatshaushalt deutlich wichtiger als die Einnahmen aus dem Gasexport. Trotzdem aber w\u00fcrde die russische Regierung erhebliche finanzielle Verluste durch einen Lieferstopp bei Gas erleiden. Das basierte auch darauf, dass leitungsgebundenes Gas nicht einfach auf andere M\u00e4rkte verlagert werden kann. Nahezu die gesamte russische Gasleitungsinfrastruktur f\u00fchrt nach Europa. Nur eine einzige Gasleitung verbindet Russland mit China. Die Leitung hat aber eine wesentlich geringere Kapazit\u00e4t als die Leitungen nach Europa. Zudem sind die Erl\u00f6se aus dem Gasverkauf an China deutlich niedriger als die Preise, die Russland auf dem europ\u00e4ischen Markt verlangen kann. Trotz der erheblichen Verluste f\u00fcr Russland ist ein v\u00f6lliger Lieferstopp aber doch realistisch. Geopolitische Ziele sind f\u00fcr Putin wichtiger als wirtschaftliche und finanzielle Kosten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugleich ist eine Aufweichung bestehender Sanktionen durch die EU oder der Verzicht auf weitere Sanktionen gegen Russland nicht zu erwarten. Die EU w\u00fcrde damit vor einem Erpresser kapitulieren; es w\u00e4re ein dramatischer Gesichtsverlust und ein geopolitisches Desaster. Das wird auch die deutsche Regierung nicht vollziehen, auch wenn Deutschland durch einen Gaslieferstopp in der EU am st\u00e4rksten betroffen w\u00e4re. Gasunterversorgung wird Industriebranchen zum Erliegen bringen. Gas, das aus anderen Quellen zu sehr hohen Preisen importiert werden k\u00f6nnte, w\u00fcrde die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der deutschen Wirtschaft wesentlich schm\u00e4lern. Das allerdings gilt aber auch f\u00fcr die anderen Mitglieder der EU. Zwar ist ein Einknicken der EU vor Russland nicht wahrscheinlich. Aber die politischen Kosten f\u00fcr die Fortf\u00fchrung der Sanktionspolitik w\u00e4re f\u00fcr die Regierenden in Europa au\u00dferordentlich hoch. So manche Regierung k\u00f6nnte gest\u00fcrzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Text ist als Gastbeitrag am 15. Juli 2022 auf focus.de erschienen.<\/em> https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/ukraine-krise\/gastbeitrag-von-gerhard-mangott-ein-gaslieferstopp-wuerde-auch-putin-wehtun-warum-es-trotzdem-dazu-kommen-koennte_id_116820434.html<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Putin wurde zuletzt deutlich: \u201eEine weitere Anwendung der Sanktionspolitik kann zu noch schwerwiegenderen, ohne \u00dcbertreibung sogar zu katastrophalen Folgen auf dem globalen Energiemarkt f\u00fchren.\u201c Das war eine unverh\u00fcllte Drohung. 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