{"id":4433,"date":"2018-08-30T10:49:30","date_gmt":"2018-08-30T08:49:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=4433"},"modified":"2018-08-30T10:49:30","modified_gmt":"2018-08-30T08:49:30","slug":"interview-uber-rt-und-dessen-strategie-fur-orf-at-am-29-8-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=4433","title":{"rendered":"Interview \u00fcber RT und dessen Strategie f\u00fcr orf.at am 29.8.2018"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\">\u201eEs ist ein Informationskrieg\u201c<\/h1>\n<p class=\"teaser\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Gerhard Mangott ist Politikwissenschaftler und Professor f\u00fcr Internationale Beziehungen an der Universit\u00e4t Innsbruck mit dem Schwerpunkt Osteuropa und Russland. Im Interview mit ORF.at spricht er \u00fcber Russlands propagandistische Taktiken, den Informationskrieg zwischen Osten und Westen und dar\u00fcber, wie eine Hochzeitseinladung die \u00f6sterreichische Regierung in der Russland-Frage handlungsunf\u00e4hig machte.<\/strong><\/p>\n<div class=\"socialButtons\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>ORF.at: Was steckt hinter dem vom russischen Staat finanzierten Auslandssender RT?<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerhard Mangott: RT wurde 2005 als Russia Today gegr\u00fcndet und hatte urspr\u00fcnglich die Aufgabe, Russland mit positiver Berichterstattung im Ausland attraktiver zu machen. Gezeigt wurden vor allem sch\u00f6ne Bilder \u00fcber die russische Kultur und Gesellschaft. Es war ein reiner Werbesender. 2009 kam es zum Bruch. Man ging dazu \u00fcber, Missst\u00e4nde im Westen aufzuzeigen und eine Gegen\u00f6ffentlichkeit anzusprechen. Eine Gruppe in der Bev\u00f6lkerung, die den traditionellen Medien misstraut und der man Nachrichten anbieten wollte, die von den eigenen Medien \u201everwehrt\u201c werden. Diese Linie zieht sich bis heute durch. RT will die Stimmung in den Bev\u00f6lkerungen, in den RT empfangen, weiter anheizen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>ORF.at: Mit welchem Ziel?<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Es ist nicht so, dass RT soziale, kulturelle oder politische Konflikte erzeugt \u2013 diese gibt es ja bereits. RT greift vorhandene Spaltungen in europ\u00e4ischen Gesellschaften auf und sieht sich an, wo die Bruchlinien verlaufen. Genau dort wird dann eingehakt, um Anti-Establishment-Gef\u00fchle zu verst\u00e4rken und bei politischen Systemen f\u00fcr innere Unruhe zu sorgen. Alle Parteien, die dieses Anti-Establishment aufgreifen, werden dadurch gest\u00e4rkt. Besonders interessant wird es dann, wenn es um Wahlen geht. Es ist eine Strategie der Unterwanderung, der Aush\u00f6hlung und der Verst\u00e4rkung dieser innergesellschaftlichen Bruchlinien.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>ORF.at: Wie kann die Politik darauf reagieren?<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Politische Systeme m\u00fcssen sich dieser Konflikte annehmen und versuchen, sie zu l\u00f6sen. Erst dann kann kein Akteur von au\u00dfen mehr eingreifen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>ORF.at: Vonseiten Russlands wird die \u00e4u\u00dfere Einflussnahme aber immer verneint.<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Nat\u00fcrlich wird sie das. Die Argumentation ist ja auch immer: \u201eWir erfinden eure Probleme nicht, wir berichten nur dar\u00fcber, zumal eure Medien alles tun, um diese Probleme herunterzuspielen und die Bev\u00f6lkerung zu t\u00e4uschen.\u201c Obwohl Material \u00fcber tats\u00e4chliche Konflikte produziert wird, handelt es sich bei RT um \u201eFake News\u201c, da die Berichterstattung nicht nur tendenzi\u00f6s, sondern immer auch manipuliert ist.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>ORF.at: Das, was Russland oft vorgeworfen wird, Stichwort Pressefreiheit, kommt argumentativ also wie bei einem Bumerang zur\u00fcck?<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Ja, seit 2009 ist RT ein reines Spiegelinstrument \u2013 freilich mit unsauberen Methoden. Aber genau darum geht es. Russland stellt \u00f6ffentlich die Fragen, wie es um die Presse- und Meinungsfreiheit im Westen steht, warum Medien nicht die Wahrheit berichten und ob das Establishment die Berichterstattung manipuliert.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>ORF.at: L\u00e4sst sich dabei schon von einem \u201eInformationskrieg\u201c sprechen?<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Zweifellos. Dieser funktioniert aber in beide Richtungen. Vielleicht von der westlichen Seite nicht so schamlos, aber nat\u00fcrlich wird hier meist negativ \u00fcber Russland berichtet. Dennoch muss man erw\u00e4hnen, dass die journalistischen Standards bei uns unvergleichlich h\u00f6her sind als bei RT. RT ist ein staatlich finanzierter Sender mit einem klaren Propagandaauftrag. Aber nat\u00fcrlich wird versucht, die Bev\u00f6lkerung beider Seiten direkt zu erreichen mit dem Ziel, dort Stimmungen zu erzeugen und zu verst\u00e4rken.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>ORF.at: Um dadurch die Deutungshoheit zu gewinnen?<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Bei einem Informationskrieg geht es darum, die Herzen und Hirne einer breiten \u00d6ffentlichkeit zu erreichen \u2013 mit allen Mitteln. Sei es, mit einem traditionellen Fernsehsender oder mit Sozialen Netzwerken.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>ORF.at: Welche Rolle spielt \u00d6sterreich in dem Verh\u00e4ltnis zwischen der EU und Russland \u2013 gerade nach dieser international sehr umstrittenen Hochzeitseinladung?<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Ich denke, es war von Frau (FP\u00d6-Au\u00dfenministerin Karin, Anm.) Kneissl im besten Fall un\u00fcberlegt, RT die Exklusivbildrechte zu gew\u00e4hren bei diesem Putin-Besuch. Das ist aber die wohlwollendste Interpretation., die mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Es war ein gro\u00dfer Fehler und f\u00fcr eine Au\u00dfenministerin v\u00f6llig inakzeptabel, diese Propagandaoffensive noch erleichtert zu haben. Eine Au\u00dfenministerin, die ohnehin schon v\u00f6llig un\u00fcberlegt Wladimir Putin einl\u00e4dt, nicht bedenkend, was das f\u00fcr Konsequenzen f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit \u00d6sterreichs hat, muss wissen, was passiert, wenn RT als einzige Fernsehstation die Bilder dieser Hochzeit aufnehmen kann. Sie wird ja wohl nicht geglaubt haben, dass die die Bilder nicht zu Propagandazwecken n\u00fctzen. Sie haben es nat\u00fcrlich getan.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>ORF.at: Inwiefern hat RT die Hochzeit der Au\u00dfenministerin zu Propagandazwecken gen\u00fctzt?<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: RT hat Putin als einen freundlichen, redegewandten und netten Menschen gezeigt und nicht, wie er anderswo dargestellt werde, als kaltbl\u00fctigen Nachrichtendienstoffizier mit den eisigen Augen. Au\u00dferdem ist vorgef\u00fchrt worden, wie herzlich willkommen er in \u00d6sterreich sei \u2013 dem Land mit EU-Ratsvorsitz. Viele haben sich ihm ergeben gezeigt, manche sogar etwas unterw\u00fcrfig, alles w\u00e4re so gewesen, als g\u00e4be es keine Probleme. Das erinnert mich ein bisschen an diese \u00c4u\u00dferung von (Bundespr\u00e4sident Alexander, Anm.) Van der Bellen im Juni dieses Jahres, als er bei einem Besuch Putins in Wien sagte, es g\u00e4be keine Vertrauenskrise zwischen der Europ\u00e4ischen Union und Russland. Eine v\u00f6llige Wirklichkeitsverleugnung!<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>ORF.at: Auch international gab es heftige Kritik an dem Hochzeitsbesuch. Berechtigt?<\/strong><\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Als EU-Ratsvorsitzland wird man noch argw\u00f6hnischer betrachtet. Frau Kneissl mag zwar stolz gewesen sein, dass Putin zu ihrer Hochzeit kommt, sie mag das vielleicht auch sehr genossen haben, aber f\u00fcr ihre Karriere war das sehr nachteilig. Im Au\u00dfenministerkreis in der EU hat man sich bereits einen Reim gemacht, und die Einsch\u00e4tzung der Frau Kneissl ist eine dementsprechende. Jeder misstraut nun \u00d6sterreich. Die Regierung leidet unter einem Glaubw\u00fcrdigkeitsproblem und ist damit in der Russland-Frage w\u00e4hrend des Ratsvorsitzes eigentlich handlungsunf\u00e4hig geworden.<\/p>\n<\/blockquote>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den russischen Medien hingegen ist \u00d6sterreich ganz vorteilhaft dargestellt worden als ein freundschaftlich verbundenes Land. F\u00fcr das Image \u00d6sterreichs in Russland hat das viel gebracht. Wenn man den Glaubw\u00fcrdigkeitsverlust in Kauf nimmt, um die eigenen wirtschaftlichen und finanziellen Verh\u00e4ltnisse zu Russland zu verbessern, wenn das das eigentliche Ziel ist, dann hat man sich ganz klug verhalten. Aber man m\u00fcsste das dann ehrlicherweise auch dazusagen.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs ist ein Informationskrieg\u201c Gerhard Mangott ist Politikwissenschaftler und Professor f\u00fcr Internationale Beziehungen an der Universit\u00e4t Innsbruck mit dem Schwerpunkt Osteuropa und Russland. Im Interview mit ORF.at spricht er \u00fcber Russlands propagandistische Taktiken, den Informationskrieg zwischen Osten und Westen und dar\u00fcber, wie eine Hochzeitseinladung die \u00f6sterreichische Regierung in der Russland-Frage handlungsunf\u00e4hig machte. 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