{"id":3997,"date":"2016-12-13T11:06:05","date_gmt":"2016-12-13T10:06:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=3997"},"modified":"2016-12-13T11:06:49","modified_gmt":"2016-12-13T10:06:49","slug":"dialog-fuhren-interessen-starken-verhaltnis-eu-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=3997","title":{"rendered":"Dialog f\u00fchren, Interessen st\u00e4rken. Verh\u00e4ltnis EU-Russland"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Das Verh\u00e4ltnis zwischen der EU und Russland ist zerr\u00fcttet. Misstrauen, Vorbehalte und Dialogabbruch halten nun schon sehr lange an. Die milit\u00e4rische Eskalation der Ukrainekrise durch Russland ist am st\u00e4rksten f\u00fcr diesen Zustand verantwortlich. Auf Seite der EU hat aber eine Reflexion \u00fcber den m\u00f6glichen eigenen Anteil an der Entstehung dieser Krise nicht stattgefunden. Die Entfremdung zwischen der EU und Russland hatte aber l\u00e4ngst vor der Ukrainekrise begonnen. Misstrauen und Vorw\u00fcrfe sind auf beiden Seiten gewachsen; eine Einigung auf ein neues Rahmendokument f\u00fcr die bilateralen Beziehungen, das den 2007 eigentlich ausgelaufenen Partnerschafts- und Kooperationsvertrag h\u00e4tte ersetzen sollen, waren viele Jahre erfolglos geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sehr auch \u00c4rger und Best\u00fcrzung \u00fcber die milit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten Russlands in der Ukraine nachvollziehbar gewesen waren, war der Abbruch der Verhandlungen \u00fcber ein neues bilaterales Rahmendokument und der halbj\u00e4hrlichen Treffen zwischen dem russischen Pr\u00e4sidenten Putin und der Troika der EU ungeeignete Schritte, um auf die Krise zu reagieren. Sollten denn nicht gerade in Zeiten der Entfremdung und des Misstrauens alle m\u00f6glichen Kan\u00e4le der Kommunikation gen\u00fctzt werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mitgliedsstaaten der EU haben sich dagegen entschieden, diesen Dialog zu f\u00fchren. Dar\u00fcber hinaus wurden, immer wieder verl\u00e4ngerte, wirtschaftliche, finanzielle und milit\u00e4rische Sanktionen gegen Russland beschlossen. Das Ziel der Sanktionen, Russland zu einer Verhaltens\u00e4nderung zu bewegen, wurde nicht erreicht. Die Bestrafung Russlands hingegen schon; die makro\u00f6konomischen Eckdaten und die Lebensverh\u00e4ltnisse der Menschen haben sich verschlechtert. Das ist eine magere Bilanz; dennoch will die Mehrheit der EU die Sanktionen fortschreiben. Die Mitgliedsstaaten, die dagegen sind, stimmen der Geschlossenheit der EU wegen immer wieder f\u00fcr ihre Verl\u00e4ngerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufhebung der Sanktionen wird an die vollst\u00e4ndige Umsetzung des Minsker Abkommens vom 12. Februar 2015 (Minsk II) gekn\u00fcpft. Dies ist absurd, weil die Umsetzung von zwei Parteien abh\u00e4ngt \u2013 von Russland <em>und<\/em> der Ukraine. Russland ist zu Recht vorzuwerfen, dass es nicht ausreichend auf die Einhaltung der milit\u00e4rischen Bestimmungen von Minsk II (Waffenruhe, Truppen- und Waffenentflechtung) durch die Separatisten dr\u00e4ngt \u2013 denn Druckm\u00f6glichkeiten h\u00e4tte Russland genug. Gleichzeitig scheitert die Umsetzung von Minsk II aber auch am Unwillen der ukrainischen Seite, die politischen Auflagen von Minsk II zu erf\u00fcllen \u2013 eine Verfassungsreform, ein Statusgesetz f\u00fcr die von den Separatisten besetzten Gebiete, ein Amnestiegesetz und ein Wahlgesetz f\u00fcr Kommunalwahlen in den besetzten Gebieten.Daher ist der Ansatz des deutschen Au\u00dfenministers Steinmeier richtig, <em>Fortschritte<\/em> in der Umsetzung der Bestimmungen von Minsk II mit einer Lockerung der Sanktionen zu beantworten. In der deutschen Bundesregierung, d.h. gegen Bundeskanzlerin Merkel konnte er sich damit aber bisher nicht durchsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Russland ist der wichtigste Nachbar der Europ\u00e4ischen Union. Keine engen Beziehungen mit Russland zu haben ist daher keine Option. Dialog und Vertragsbeziehungen sind nicht nur mit befreundeten Staaten m\u00f6glich, sondern auch mit Staaten, denen man wenig Vertrauen entgegenbringt und mit denen es ernsthafte Differenzen gibt. Dagegen steht die Tatsache, dass die Russlandpolitik der EU bei vielen Staaten stark werteorientiert und nicht interessenorientiert ist. Das ist in den Beziehungen der EU mit vielen anderen L\u00e4ndern nicht so. Wer die T\u00fcrkei ernsthaft als Beitrittskandidaten der EU anerkennt, kann nur schwer argumentieren, mit Russland nicht einmal das Gespr\u00e4ch zu suchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine interessengeleitete Russlandpolitik der Europ\u00e4ischen Union sollte sich daher an folgenden Bausteinen orientieren.<\/p>\n<ul>\n<li style=\"text-align: justify;\">Das Misstrauen gegen\u00fcber der russischen F\u00fchrung ist sicherlich berechtigt. Zu oft waren L\u00fcgen Teil der russischen Kommunikation. Das mag auch die erheblichen pers\u00f6nlichen Vorbehalte in den Regierungen von EU Mitgliedsstaaten erkl\u00e4ren. An einer Strategie des Dialogs und des Austausches f\u00fchrt aber kein Weg vorbei. Das Verh\u00e4ltnis zu Russland sollte nicht (zu) stark personalisiert werden. Das ist einer interessengeleiteten Strategie abtr\u00e4glich.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Die komplement\u00e4ren wirtschaftlichen Interessen der beiden Akteure solllten genutzt werden, um Ertr\u00e4ge zum beidseitigen Vorteil zu erzielen. Russland sieht die EU als den n\u00e4chstgelegenen, infrastrukturell erschlossenen und lukrativsten Markt f\u00fcr seine Rohstoffexporte, allen voran f\u00fcr Roh\u00f6l und Erdgas. Die EU nutzt(e) den russischen Markt erfolgreich f\u00fcr den Absatz von Maschinen, im Anlagenbau, Elektronik und beim Export von Agrarerzeugnissen.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Die Zusammenarbeit sollte \u00fcberall dort gesucht werden, wo sich die Interessen \u00fcberlagern. Das gilt f\u00fcr die Beendigung des B\u00fcrgerkrieges in Syrien genau so wie f\u00fcr die erfolgreiche Umsetzung des Nuklearabkommens mit dem Iran.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Die Verhandlungen \u00fcber eine Visaliberalisierung sollten wieder aufgenommen werden. Je mehr russische B\u00fcrgerInnen die Verh\u00e4ltnisse in der EU kennenlernen, um so st\u00e4rker kann ein Wertetransfer gelingen und es erlaubt den Besuchern, sich ein eigenes Bild \u00fcber die EU zu machen. Das k\u00f6nnte auch dazu beitragen, das derzeit sehr negative Image der EU in der russischen Bev\u00f6lkerung wieder zu verbessern.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Die EU sollte sich von der Illusion verabschieden, sie k\u00f6nnte die inneren Verh\u00e4ltnisse in Russland beeinflussen. Die autorit\u00e4re Herrschaftsordnung hat sich als sehr resilient erwiesen. Die Bev\u00f6lkerung sammelt sich hinter ihrer F\u00fchrung, verf\u00e4llt in Apathie oder Resignation. Die Demokratisierung wird die Aufgabe der russischen Bev\u00f6lkerung sein und allein bei ihr liegen.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Im Hinblick auf die Sanktionen sollte sich eine realistische benchmark-Orientierung durchsetzen. Die zwar nachvollziehbare, aber ergebnislose Sanktionslinie darf nicht zum Selbstzweck werden; sie zugunsten eines transatlantischen Konsenses weiterzuf\u00fchren oder gar zu versch\u00e4rfen, wird einer eigenst\u00e4ndischen und selbstbewussten Russlandpolitik der EU nicht gerecht.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Eine realistische Russlandpolitik wird innerhalb der EU aber zu harten Debatten f\u00fchren. Polen und die baltischen Staaten sind zu einer pragmatischen Haltung gegen\u00fcber Russland nicht bereit. So sehr deren historisch gewachsenen Aversionen gegen Russland nachvollziehbar sind, sollten sie dennoch nicht weiterhin so stark Leitlinie der Russlandpolitik der EU bleiben.<\/li>\n<li style=\"text-align: justify;\">Die Russlandpolitik der EU darf zugleich auch nicht gutgl\u00e4ubig und zu erwartungsstark werden. Die russische F\u00fchrung ist au\u00dfergew\u00f6hnlich selbstbewusst und neigt zur \u00dcbersch\u00e4tzung der eigenen M\u00f6glichkeiten. Ein Dialog wird sicherlich nicht rasch gute Ergebnisse bringen. Das steht dem Beginn eines neuerlichen Dialogverh\u00e4ltnisses aber nicht entgegen. Vertrauen wird nur durch Dialog wiederaufgebaut werden k\u00f6nnen; sicher nicht durch die Verweigerung des Dialogs.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Foto:\u00a0https:\/\/www.bayernkurier.de\/inland\/8746-putin-will-die-eu-spalten<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Verh\u00e4ltnis zwischen der EU und Russland ist zerr\u00fcttet. Misstrauen, Vorbehalte und Dialogabbruch halten nun schon sehr lange an. Die milit\u00e4rische Eskalation der Ukrainekrise durch Russland ist am st\u00e4rksten f\u00fcr diesen Zustand verantwortlich. Auf Seite der EU hat aber eine Reflexion \u00fcber den m\u00f6glichen eigenen Anteil an der Entstehung dieser Krise nicht stattgefunden. 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