{"id":3828,"date":"2016-01-03T17:32:14","date_gmt":"2016-01-03T16:32:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=3828"},"modified":"2016-02-16T20:12:50","modified_gmt":"2016-02-16T19:12:50","slug":"russland-und-die-energiesicherheit-der-eu-kommentar-gemeinsam-mit-johannes-pollak","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=3828","title":{"rendered":"Russland und die Energiesicherheit der EU. Kommentar gemeinsam mit Johannes Pollak (IHS)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Pl\u00e4ne der OMV, sich zusammen mit f\u00fchrenden europ\u00e4ischen Energieunternehmen einerseits am Bau der Nordstream-Erweiterung zu beteiligen und andererseits Anteile an eigenen Raffinerien gegen eine Beteiligung an sibirischen Gasfeldern zu tauschen, l\u00f6ste in \u00d6sterreich eine Debatte \u00fcber Russlands Rolle in der europ\u00e4ischen Energieversorgungsicherheit aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ausgangslage: Durch die stagnative Wirtschaftsentwicklung ist der Gasverbrauch in der EU deutlich zur\u00fcckgegangen. Mit 21,5 Prozent lag der Anteil von Erdgas am gesamten Energiemix so niedrig wie lange nicht, was auch mit dem steigenden Anteil von erneuerbarer Energie im Prim\u00e4renergiesektor zusammenh\u00e4ngt. Der Gaskonsum ist mittlerweile unter 400 bcm gefallen. Trotz geringeren Gasverbrauchs in der EU ist der Importbedarf weiterhin hoch &#8211; er liegt bei 66 Prozent -, weil vor allem das Vereinigte K\u00f6nigreich, aber auch die Niederlande weniger f\u00f6rdern. Norwegen kann diesen R\u00fcckgang nur bedingt und unter steigenden Kosten kompensieren. Russland ist mit einem Anteil von 30 Prozent am Gaskonsum der EU der wichtigste Lieferant. \u00a0In den n\u00e4chsten Jahren werden die USA und Australien wichtige Exporteure von Fl\u00fcssiggas werden. Iran wird mittelfristig zu einem wichtigen Gaslieferland, wenn auch nicht f\u00fcr Europa, aufsteigen. Dieses insgesamt steigende Gasangebot trifft auf einen europ\u00e4ischen Markt, der wohl erst 2025 zu den Verbrauchsvolumina von 2008 zur\u00fcckkehren wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wichtiger Faktor der Energiesicherheit ist die Infrastruktur. Russland versucht seit 1999, die dominierende Rolle des maroden ukrainischen Transitnetzes durch Umgehungsleitungen zu verringern. 1999 wurde die Jamal-Europa Gasleitung, dei nach Deutschland f\u00fchrt, in Betrieb genommen. 2003 wurde mit Blue Stream eine direkte Gasleitungsverbindung zwischen Russland und der T\u00fcrkei eingerichtet. Nordstream \u2013 in Betrieb seit 2011\/12 &#8211; ist die zentrale n\u00f6rdliche Umgehungsleitung. Die s\u00fcdliche Umgehungsroute ist Russland bisher nicht gelungen. Southstream wurde im Dezember 2014 aufgrund des Widerstands der Europ\u00e4ischen Kommission aufgegeben. Die Ersatzvariante Turkstream wird aufgrund des t\u00fcrkisch-russischen Konfliktes derzeit nicht weiterverfolgt. Geopolitisch motivierte Bem\u00fchungen, die russischen Umgehungspl\u00e4ne zu vereiteln, m\u00fcssen die Frage beantworten, wer mehrere Milliarden in die Sanierung des ukrainischen Gasleitungsnetzes investieren soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Situation Energiesicherheit, also die konstante Versorgung zu leistbaren Preisen mit wenn m\u00f6glich nachhaltiger Energie zu gew\u00e4hrleisten, ist alles andere als einfach. Nach dem Scheitern von Nabucco, konzentriert man sich in der OMV auf den Ausbau des n\u00f6rdlichen Korridors. Daf\u00fcr sind f\u00fcnf Gr\u00fcnde anzuf\u00fchren: (1) Der Ausbau von Nordstream ist technisch einfach und vergleichsweise kosteng\u00fcnstig; (2) Nordstream ist unabh\u00e4ngig von Transitl\u00e4ndern; (3) Gas wird damit auf den n\u00f6rdlichen Spotm\u00e4rkten verf\u00fcgbar \u2013 von dort wird Gas \u00fcber ganz Europa verteilt; (4) Gas ist eine lokale Ware, i.e. je n\u00e4her zum Produktionsstandort sich der K\u00e4ufer befindet, umso g\u00fcnstiger. Und Russlands Gasvorr\u00e4te befinden sich nun mal vor der Haust\u00fcr Europas. (5) Russland hat sich in den letzten 50 Jahren als verl\u00e4sslicher Lieferant erwiesen; die Lieferengp\u00e4sse 2006 und 2009 waren wesentlich dem Transitland Ukraine geschuldet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was w\u00e4ren die Alternativen zu russischem Gas? In Europa spricht man von Diversifizierung der Lieferanten, Diversifizierung der Versorgungsrouten, Energieeffizienz,erneuerbarer Energie, sowie der Finalisierung des Energiebinnenmarktes. All dies ist vorbehaltlos zu begr\u00fc\u00dfen, aber auch an der Realit\u00e4t zu messen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sind die Lieferanten, die f\u00fcr Russland einspringen k\u00f6nnten? Fl\u00fcssiggas (LNG) der USA wird sich die teuersten Absatzm\u00e4rkte suchen und das ist der asiatische Markt, zumindest so lange bis Australien als Exporteur auftritt. Russisches Gas wird mindestens so g\u00fcnstig zu beziehen sein, wie US-LNG. Auch fehlt in der EU die Infrastruktur, um LNG von West nach Ost zu verteilen. Nordafrika (Algerien, Libyen) ist aufgrund der politischen Unruhen und des steigenden Binnenverbrauchs kein Lieferant f\u00fcr h\u00f6here Erdgasmengen. Irans Gasindustrie und \u2013infrastruktur wird erst mittelfristig modernisiert werden k\u00f6nnen. Die vor allem im S\u00fcden des Landes konzentrierten Gasfelder (South Pars), werden in erster Linie die stark ansteigende Binnennachfrage bedienen m\u00fcssen, auch um das Regime zu stabilisieren. Die exportierbaren Gasreserven Azerbaijans sind begrenzt (16-25 bcm); Gas aus Turkmenistan wird vorwiegend nach China exportiert und es fehlt die Transportinfrastruktur nach Westen. Der Bau der Transkaspischen Gasleitung, die Turkmenistan und Azerbaijan verbinden soll, scheitert derzeit auch an der ungekl\u00e4rten Frage des v\u00f6lkerrechtlichen Status des Kaspischen Meeres. In beiden F\u00e4llen w\u00fcrde die sich immer st\u00e4rker islamisierende T\u00fcrkei zum zentralen Verteilzentrum des Gases aus Zentralasien. Ungekl\u00e4rt w\u00e4re weiterhin, wie das Erdgas von der t\u00fcrkischen Grenze in die EU gelangen soll. Die rum\u00e4nische und bulgarische Infrastruktur kann dies aufgrund von \u00fcberalterter, sanierungsbed\u00fcrftiger Technik nicht leisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Debatte um die Beteiligung der OMV an Nord Stream 2 blendet aber die Grenzen, Gasleitungen zu diversifizieren, nahezu v\u00f6llig aus. Nord Stream 2 wird ausschlie\u00dflich politisch bewertet; die \u00f6konomische Rationalit\u00e4t und die erh\u00f6hte Sicherheit der Gasversorgung durch den Wegfall von Transitl\u00e4ndern werden dabei ausgeblendet. Gasleitungen sind zudem nicht nur technische Infrastruktur, sondern verbinden Staaten. Die erh\u00f6hte Interdependenz mit Russland ist n\u00fcchtern zu bewerten, aber sie schafft wechselseitige Abh\u00e4ngigkeiten. Die EU wird weiterhin Gas aus Russland beziehen m\u00fcssen, Russland wird weiterhin auf den europ\u00e4ischen Markt setzen. 75 Prozent der russischen Gasexporte entfielen 2014 auf den lukrativen europ\u00e4ischen Gasmarkt. Die gesamte Leitungsinfrastruktur Russlands f\u00fchrt nach Westen, alle vollmundig angek\u00fcndigten Pl\u00e4ne, eine Energiekooperation mit China einzugehen (Gasleitung Power of Siberia, Altai Pipeline), sind bisher Makulatur. Damit bleibt Russland vom europ\u00e4ischen Markt au\u00dferordentlich abh\u00e4ngig. Die Gasbeziehungen zwischen Russland und Europa sind von symmetrischer Dependenz gezeichnet; sie stellen daher ein geringes Risiko dar. Ein kalkulierbares Risiko, wenn der Anteil Russlands am Gaskonsum der EU auf 30 Prozent beschr\u00e4nkt bleiben kann &#8211; und soll. Gazprom selbst erwartet keinen h\u00f6heren Anteil am europ\u00e4ischen Gasmarkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber auch aus strategischen Gr\u00fcnden sollten die Gasbeziehungen zwischen der EU und Russland weiter bestehen. Russland ist von \u00d6l- und Gasexporten finanziell au\u00dferordentlich abh\u00e4ngig. Die Diversifizierung weg von Russland senkt russische Einnahmen und gef\u00e4hrdet damit die Stabilit\u00e4t im Land. Niemand aber kann Interesse an einem instabilen Russland haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der angesteuerte asset swap \u2013 Beteiligung an russischen Gasfeldern gegen Infrastrukturbeteiligungen &#8211; zwischen der OMV und Gazprom st\u00e4rkt die Interdependenz auch auf der Ebene der Unternehmen. Kritiker meinen, dies w\u00e4re der Start einer unweigerlich fortschreitenden \u00dcbernahme der OMV durch Gazprom. Allein, sie haben kein einziges Argument vorgelegt, warum der Tausch von Unternehmensanteilen nicht kontrollier- und steuerbar bleiben soll. Das Gerede vom Ausverkauf der OMV und der einseitigen Abh\u00e4ngigkeit der EU von Russland ignoriert beharrlich die Fakten und globalen Realit\u00e4ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>Der Kommentar ist am 4. J\u00e4nner 2016 in der Tageszeitung Der Standard erschienen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><em><em>Foto:\u00a0http:\/\/www.lngworldnews.com\/<\/em><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Pl\u00e4ne der OMV, sich zusammen mit f\u00fchrenden europ\u00e4ischen Energieunternehmen einerseits am Bau der Nordstream-Erweiterung zu beteiligen und andererseits Anteile an eigenen Raffinerien gegen eine Beteiligung an sibirischen Gasfeldern zu tauschen, l\u00f6ste in \u00d6sterreich eine Debatte \u00fcber Russlands Rolle in der europ\u00e4ischen Energieversorgungsicherheit aus. Die Ausgangslage: Durch die stagnative Wirtschaftsentwicklung ist der Gasverbrauch in der &hellip; <a href=\"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=3828\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Russland und die Energiesicherheit der EU. 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