{"id":3598,"date":"2014-09-12T09:48:02","date_gmt":"2014-09-12T07:48:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=3598"},"modified":"2014-09-18T13:52:21","modified_gmt":"2014-09-18T11:52:21","slug":"russland-und-die-gasversorgung-der-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=3598","title":{"rendered":"Russland, Ukraine und die Gasversorgung der EU"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Europ\u00e4ische Union ist f\u00fcr die Bereitstellung von W\u00e4rme, Elektrizit\u00e4t, Transportmobilit\u00e4t und Energie f\u00fcr industrielle Prozesse noch immer stark von fossilen Brennstoffen abh\u00e4ngig. 76,6 Prozent des Prim\u00e4renergieaufkommens ruhte 2013 auf fossilen Energietr\u00e4gern. Der Anteil von Erd\u00f6l lag 2013 bei 36,1 Prozent, der Gasanteil bei 23,5 Prozent und der Anteil der Kohle bei 17 Prozent. \u00d6sterreich liegt bei Erd\u00f6l leicht \u00fcber dem Durchschnitt der EU (36,8 Prozent), bei Erdgas leicht niedriger (22,4 Prozent); nur bei Kohle ist \u00d6sterreich mit 10,6 Prozent des Prim\u00e4renergieaufkommens deutlich unter dem Durchschnitt der EU.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Anteil von Erd\u00f6l am Prim\u00e4renergieaufkommen der EU ist seit Jahren r\u00fcckl\u00e4ufig; Der Gasanteil bewegt sich im Vergleich der letzten Jahre zwischen 23 und 25 Prozent; der Anteil der Kohle ist durch den Einsatz billiger Kohle aus den USA in den letzten Jahren wieder leicht gestiegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die EU hat 2013 431,8 Mrd. m3 Erdgas konsumiert \u2013 noch immer deutlich weniger als vor der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008. Die eigene Gasproduktion ist seit vielen Jahren stark r\u00fcckl\u00e4ufig; vor allem wegen der seit 2000 stark zur\u00fcckgehenden britischen Gasf\u00f6rderung. Die Gasproduktion der EU erreichte 2013 nur mehr 140,5 Mrd.m3. 306,1 Mrd. m3 mussten 2013 daher importiert werden. Das ist ein Importanteil von 70,9 Prozent. Diese Importabh\u00e4ngigkeit steigt schon seit vielen Jahren und wird sich in den kommenden Jahrzehnten weiter deutlich erh\u00f6hen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Russland ist der wichtigste Gaslieferant der Europ\u00e4ischen Union. Der Anteil von Gas aus Russland (126,2 Mrd.m3) an den gesamten Gasimporten der EU lag 2013 bei 41,2 Prozent; der Anteil am Gaskonsum der EU bei 29,2 Prozent. An zweiter Stelle der Gasversorger der EU liegt Norwegen, an dritter Stelle befindet sich Algerien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Russland h\u00e4lt das staatlich kontrollierte Unternehmen Gazprom noch immer das gesetzliche Exportmonopol f\u00fcr leitungsgebundenes Erdgas. Nur Fl\u00fcssiggas (LNG) kann auch von anderen (privaten) Gasunternehmen ausgef\u00fchrt werden. Die europ\u00e4ischen Erdgasimporte aus Russland beruhen aber ausschlie\u00dflich auf leitungsgebundenem Erdgas. Aufgrund der Ausrichtung der sowjetischen Gasexporte f\u00fchren die Gasexportleitungen Russlands ausschlie\u00dflich nach Europa \u2013 in die EU, die T\u00fcrkei und auf den westlichen Balkan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gazprom exportierte 2013 220,9 Mrd. m3 Erdgas. 73,1 Prozent davon wurden in die EU, die T\u00fcrkei und den westlichen Balkan (Bosnien, Serbien, Mazedonien) exportiert. Daran wird deutlich, wie zentral der europ\u00e4ische Absatzmarkt f\u00fcr Gazprom ist. Auf Deutschland \u2013 dem wichtigsten Abnehmer von russischem\u00a0 Erdgas \u2013 entfielen 2013 18,6 Prozent der russischen Gasexporte; auf die T\u00fcrkei 12,1 Prozent und Italien 11,5 Prozent.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">26,9 Prozent der russischen Gasexporte wurden 2013 in den L\u00e4ndern der ehemaligen UdSSR verkauft. Die Ukraine war 2013 der wichtigste Abnehmer mit 25,8 Mrd.m3; dahinter folgte Belarus mit 19,8 Mrd.m3.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ukraine war bislang nicht nur ein wichtiger Abnehmer von russischem Erdgas, sondern ist noch immer das wichtigste Transitland f\u00fcr russisches Erdgas in die EU und die T\u00fcrkei. 2013 wurden 52 Prozent der russl\u00e4ndischen Erdgasexporte in diese Staaten \u00fcber die Ukraine transportiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis 1999 hatte die Ukraine \u00fcberhaupt das Monopol auf den Transit russischer Erdgasexporte. Es war daher das strategische Ziel Russlands, Umgehungsleitungen zu bauen. 1999 wurde die Yamal-Leitung, die \u00fcber Belarus und Polen nach Deutchland f\u00fchrt, er\u00f6ffnet. 2003 folgte die Leitung Blue Stream, die Russland und die T\u00fcrkei \u00fcber das Schwarze Meer verbindet. 2011 schlie\u00dflich wurde mit der Nord Stream Gasleitung eine direkte Leitungsverbindung zwischen Russland und seinem wichtigsten Absatzmarkt Deutschland eingerichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Schlussstein dieser russischen Diversifizierungspolitik ist die Leitung South Stream vorgesehen, die Russland mit Bulgarien verbinden und das Gas \u00fcber Serbien und Ungarn nach \u00d6sterreich transportieren soll. Trotz bestehender zwischenstaatlicher Vertr\u00e4ge dieser L\u00e4nder mit Russland ist dieses Vorhaben aber ins Stocken geraten. Die Europ\u00e4ische Kommission sieht in den rechtlichen Vereinbarungen Verst\u00f6sse gegen das Dritte Energiepaket der EU, in dem die Entflechtung von Produktion und Transport von Energietr\u00e4gern vorgesehen ist. Gazprom darf demnach nicht gleichzeitig Lieferant des Erdgases und Eigent\u00fcmer der Transportleitung sein. \u00dcberdies m\u00fcsste Gazprom auch dritten Anbietern Zugang zu South Stream einr\u00e4umen und die Transporttarife durch einen unabh\u00e4ngigen Regulator festsetzen lassen. Eine Ausnahme von diesen Auflagen f\u00fcr South Stream liegt nicht vor; Gazprom hat nicht einmal einen Antrag daf\u00fcr gestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der ukrainische Ministerpr\u00e4sident Jazenjuk hat Ende August 2014 davor gewarnt, dass Russland im kommenden Winter die Gasversorgung Europas einstellen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Abbruch der Gaslieferungen Russlands an die EU ist aber sehr unwahrscheinlich. Russland w\u00fcrde damit die Einnahmen der Verk\u00e4ufe auf dem lukrativsten Markt von Gazprom verlieren. Aus der Gaswirtschaft stammen immerhin sieben Prozent der budget\u00e4ren Einnahmen. Zudem w\u00e4re Gazprom bei Lieferunterbrechungen zu hohen P\u00f6nalezahlungen an die europ\u00e4ischen Abnehmer verpflichtet. \u00dcberdies w\u00fcrde dadurch mittelfristig der Marktanteil Gazproms am europ\u00e4ischen Gasmarkt erheblich sinken \u2013 weil die EU Erdgas durch andere Energietr\u00e4ger zu substituieren versuchen und neue Gasanbieter suchen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jazenjuks \u00c4usserungen sind daher eher als Versuch der ukrainischen Regierung anzusehen, den bilateralen Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine zu internationalisieren und die Rolle Russlands als Energieversorger der EU zu diskreditieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Juni 2014 hat Russland die Gaslieferungen an die Ukraine eingestellt. Ausl\u00f6ser des Streits sind Differenzen \u00fcber den Preis, den Russland von der Ukraine f\u00fcr seine Gaslieferungen fordert. In den von der EU vermittelten Gespr\u00e4chen hatte Russland zuletzt einen Gaspreis auf Rabattbasis von 386 USD\/1.000 m3 angeboten. Die Ukraine beharrte aber auf einem Fixpreis von maximal 326 USD\/1.000m3. Ausgehend von der Uneinigkeit \u00fcber den zumutbaren Preis bestehen auch eklatante Differenzen \u00fcber die ausstehenden Schulden der Ukraine f\u00fcr bereits erfolgte Gaslieferungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bislang konnte die Ukraine ihren Gasbedarf seit Juni durch die eigene Produktion (2013 von 19,3 Mrd.m3) und den R\u00fcckgriff auf Gas in den gro\u00dfen Lagerst\u00e4tten in der westlichen Ukraine decken. Dies wird in den Wintermonaten aber nicht ausreichen, um alle Privathaushalte und die Industrie zu versorgen. Die Ukraine versucht zwar, die ausbleibenden Gaslieferungen durch den Import von Erdgas \u00fcber Polen, Ungarn und die Slowakei partiell auszugleichen. Diese Mengen sind aber mit maximal 10 Mrd.m3 zu gering, um den ausbleibenden Import von russischem Gas zu substituieren. Eine Einigung mit Russland \u00fcber Gaspreis und Schulden ist daher unabdingbar, um eine Versorgungskrise in der Ukraine zu vermeiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Russland warnt daher die Europ\u00e4ische Union davor, dass die Ukraine im Winter Gas aus den Transitleitungen entnehmen k\u00f6nnte. Selbst wenn Russland seinen Lieferverpflichtungen nachkommt, w\u00fcrde dann weniger als die vertraglich vereinbarten Mengen in der EU zur Verf\u00fcgung stehen.\u00a0 Angesichts der gut gef\u00fcllten Gasspeicher und die vorhandenen Leitungsinterkonnektoren k\u00f6nnte eine solche Versorgungskrise aber f\u00fcr einige Zeit abgewehrt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Innerhalb der EU zeichnet sich unabh\u00e4ngig davon ab, die Abh\u00e4ngigkeit von Russland im Gassektor zu verringern. Die beiden Hauptstossrichtungen sind dabei die Nutzung von Schiefergasvorr\u00e4ten in der EU (trotz aller \u00f6kologischer Bedenken) und der Import von fl\u00fcssigem Schiefergas aus der USA. Nach optimistischsten Sch\u00e4tzungen k\u00f6nnten in 4-6 Jahren bis zu 40 Mrd. m3 Erdgas aus der USA importiert werden. Offen ist, ob US-Produzenten exportberechtigtes Fl\u00fcssiggas nicht lieber auf asiatischen M\u00e4rkten absetzen werden, wo die Preise f\u00fcr LNG deutlich h\u00f6her sind als in der EU.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Hinblick auf Diversifizierungsbem\u00fchungen, gilt es zu bedenken, dass die Gasbeziehungen zwischen Russland und der EU eine symmetrische Abh\u00e4ngigkeit darstellen. Die EU ist von Russland als einem wichtigen Versorger abh\u00e4ngig; Russland von einem lukrativen Absatzmarkt in der EU, zu dem derzeit alle Gasexportleitungen f\u00fchren und wo die h\u00f6chsten Gaspreise zu erzielen sind. Es w\u00e4re daher trotz der belasteten Beziehungen zwischen Russland und der EU ratsam, an dieser Interdependenz festzuhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><em>Foto:\u00a0http:\/\/www.lngworldnews.com\/<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Europ\u00e4ische Union ist f\u00fcr die Bereitstellung von W\u00e4rme, Elektrizit\u00e4t, Transportmobilit\u00e4t und Energie f\u00fcr industrielle Prozesse noch immer stark von fossilen Brennstoffen abh\u00e4ngig. 76,6 Prozent des Prim\u00e4renergieaufkommens ruhte 2013 auf fossilen Energietr\u00e4gern. 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