{"id":2867,"date":"2013-10-21T19:14:43","date_gmt":"2013-10-21T18:14:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=2867"},"modified":"2014-05-01T14:46:07","modified_gmt":"2014-05-01T12:46:07","slug":"russland-den-russen-der-fall-birjuljovo-ein-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=2867","title":{"rendered":"russland den russen: der fall birjuljovo. ein interview"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Der Standard<\/strong>: Bei einer Gro\u00dfrazzia der Polizei in einem s\u00fcdlichen Stadtviertel von Moskau sind am Montag 1.200 Migranten festgenommen worden. Die Stimmung gegen Migranten ist aufgeheizt, doch wie hoch ist der Ausl\u00e4nderanteil in Russland \u00fcberhaupt?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Da es neben der legalen eine sehr starke illegale Migration gibt, ist das sehr schwer zu beziffern. Aber es d\u00fcrften wohl zwischen 8-10 Millionen Arbeitsmigrantinnen sein; der kleinere Teil davon ist legal im Land und hat eine Arbeitsbewilligung. Sie sind vor allem in der Bauwirtschaft und dem Handel t\u00e4tig. Was zu dieser legalen und illegalen Arbeitsmigration aus den zentralasiatischen Staaten, dem s\u00fcdlichen Kaukasus oder aus Moldova hinzukommt ist die Binnenmigration in Russland. Hier gibt es eine starke Arbeitswanderung vom n\u00f6rdlichen Kaukasus in st\u00e4dtische Zentren. Moskau ist der attraktivste Anziehungspunkt f\u00fcr Wanderarbeiter aus dem Kaukasus. In Moskau alleine liegt der Anteil an legalen ausl\u00e4ndischen Bewohnern bei rund 15 Prozent. Wenn man den Anteil der illegalen Arbeitsmigranten dazurechnet, ist der Ausl\u00e4nderanteil in Moskau ziemlich hoch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Der Standard<\/strong>: Die russische F\u00f6deration ist ein Vielv\u00f6lkerstaat, viel von der Ausl\u00e4nderfeindlichkeit richtet sich also auch gegen russische Staatsb\u00fcrger?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Zweifellos! Die zentrale Losung dieser Demonstranten ist ja \u201cRussland f\u00fcr die Russen\u201d (Rossija dlja Russkich). Die russische Sprache unterscheidet zwischen \u201eRusskij\u201c, damit ist ein ethnischer Russe gemeint, und einem \u201eRossijanin\u201c, das ist ein Staatsb\u00fcrger Russlands unabh\u00e4ngig von seiner Ethnizit\u00e4t.\u00a0 Mit der Forderung \u201cRussland f\u00fcr die Russen\u201d meinen die Demonstranten die ethnischen Russen und damit ist auch gemeint, dass Russland den n\u00f6rdlichen Kaukasus abstossen sollte. Es gibt in der nationalistischen Bewegung auch den sehr popul\u00e4ren Slogan \u201cH\u00f6rt auf, den Kaukasus zu m\u00e4sten\u201d (Chvatit kormit\u2019 Kavkaz) der ausdr\u00fcckt, dass man sich von den nicht-ethnischen Russen im n\u00f6rdlichen Kaukasus distanzieren will. Kaukasier, wiewohl\u00a0 russische Staatsb\u00fcrge, werden als Fremde wahrgenommen und als \u201eSchwarze\u201c bezeichnet. Es wird nahezu kein Unterschied gemacht zwischen inl\u00e4ndischen Wanderarbeitern aus dem Kaukasus und ausl\u00e4ndischen Migranten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Der Standard<\/strong>: In Paris gibt es die Banlieues, in\u00a0 deutschen St\u00e4dten gewisse Problembezirke. Gibt es vergleichbares auch in russischen Gro\u00dfst\u00e4dten?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Diese sozialen Brennpunkte gibt es auch in russischen St\u00e4dten. Gerade der Stadteil Biryulyovo im S\u00fcden Moskaus, in dem die Razzia gegen Migranten stattgefunden hat, ist von der Schw\u00e4che der lokalen Industrie gepr\u00e4gt, die am wirtschaftlichen Wachstum Moskaus nicht beteiligt ist. In diesen Arbeitervierteln, wo viele Bewohner vom sozialen Aufstieg der Mittelschicht nicht erfasst werden, lassen sich viele legale und illegale Migranten nieder und das f\u00fchrt zu Spannungen an den sozialen Brennpunkten der Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Der Standard<\/strong>: Die Politik in Russland reagierte verhalten auf die gewaltsamen Ausschreitungen. Gibt es denn keine Gegen\u00f6ffentlichkeit gegen diese Form der Fremdenfeindlichkeit in Russland?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Offiziell bem\u00fcht sich die Staatsf\u00fchrung und insbesondere Vladimir Putin den multinationalen Charakter des Landes zu betonen. Er versucht deutlich zu machen, dass Russland nicht ethnisch definiert werden kann, weil Russland aus vielen ethnischen Gemeinschaften und Nationalit\u00e4ten und verschiedenen religi\u00f6sen Konfessionen besteht. Putin versucht eine patriotische Mobilisierung ohne ethnisch-nationalen Hintergrund zu erreichen; dies ist ihm zugutehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tatsache ist aber, dass es einen starken ethnisch-russisch gepr\u00e4gten Nationalismus gibt und es keine harte offizielle Verurteilung von solchen Ausbr\u00fcchen der Gewalt gibt, weil man die Sorge hat, dass durch eine \u00f6ffentliche Distanzierung gegen diese Form des Protests diese nationalistischen Str\u00f6mungen noch mehr Zustimmung bekommen und sich der Eindruck verfestigt, dass der Staat nichts gegen illegale Migranten tut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Staat f\u00f6rdert also einerseits eine multinationale Identit\u00e4t, ist aber bei der expliziten Verurteilung von ethnisch-nationalen Gewaltausbr\u00fcchen zur\u00fcckhaltend, um nicht den Eindruck zu erwecken, sich nicht um die ethnischen Russen zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist auch bedauerlich, dass Teile der russischen Opposition sehr stark mit diesen ethnischen Gef\u00fchlen spielen. Alexej Nawalny, der bei den B\u00fcrgermeisterwahlen in Moskau 27 Prozent erreicht hat, bedient h\u00e4ufig diese ethnisch-nationalistischen Ressentiments. Er hat auch jetzt wieder angek\u00fcndigt, eine Unterschriftenaktion f\u00fcr eine Visapflicht f\u00fcr B\u00fcrger aus den zentralasiatischen Staaten starten zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Art Gegen\u00f6ffentlichkeit gibt es in einem nennenswertem Ausma\u00df nicht. Es gibt zwar sozialwissenschaftliche Institute, die sich mit Fremdenfeindlichkeit besch\u00e4ftigen, aber das sind nat\u00fcrlich sehr leise Stimmen in einem sehr lauten und schrillen fremdenfeindlichen Diskurs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Der Standard<\/strong>: Als Reaktion auf die j\u00fcngsten Ereignisse \u00fcberlegt die Staatsduma nun die Gesetze besonders f\u00fcr die Einreise versch\u00e4rfen. Wie sinnvoll ist das?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Das Problem ist, dass vor allem illegale Arbeitsmigranten f\u00fcr bestimmte Branchen der russischen Wirtschaft sehr n\u00fctzlich sind. Wenn eine Baustelle von Beh\u00f6rden kontrolliert wird, werden die Kontrolleure oft bestochen, damit sie die illegale Besch\u00e4ftigung nicht ahnden. Die Korruption ist also ein wesentlicher Grund, warum staatliche Kontrollen nicht wirksam sind. Es ist daher nicht zu erwarten, dass Gesetze, wie sie nun in der Staatsduma \u00fcberlegt werden, gegen illegale Migration wirksam sein werden, weil sie durch die Bestechlichkeit der kontrollierenden Beh\u00f6rden unterlaufen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Der Standard<\/strong>: Bei Gewalt gegen Migranten treten in Russland immer wieder B\u00fcrgerwehren in Erscheinung? Wer macht dort mit und was sind die Motive daf\u00fcr?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Es gibt gerade in den Arbeiterbezirken das Gef\u00fchl, Modernisierungsverlierer zu sein, am starken Zuwachs der Reall\u00f6hne nicht beteiligt zu sein. Man f\u00fchlt sich von Ausl\u00e4ndern am Arbeitsmarkt bedr\u00e4ngt und verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig hat man das subjektive Gef\u00fchl hoher ausl\u00e4ndischer Kleinkriminalit\u00e4t, gegen die die Polizei nicht wirklich viel unternimmt, weil sie sich bestechen l\u00e4sst. Und diese beiden Motive, soziale Unsicherheit und (vermutete) hohe Kriminalit\u00e4t, sind der Anlass diese B\u00fcrgerwehren zu gr\u00fcnden. Deren Ziel ist es, Verstecke von illegalen Arbeitsmigranten aufzusp\u00fcren und sie der Polizei zu melden und zu deportieren und mit Patrouillen etwas gegen die Kleinkriminalit\u00e4t auszurichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese B\u00fcrgerwehren bestehen zwar zum Teil nur einige Monate und l\u00f6sen sich dann wieder auf. Die Idee, dass man sich als B\u00fcrger gegen das, was man als bedrohlich und be\u00e4ngstigend empfindet, wehren muss, ist in Russland aber tief verwurzelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Der Standard<\/strong>: Gibt es von Seiten der Betroffenen, also der Migranten und nicht-ethnischen Russen, einen Versuch sich zu wehren?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Nein, den gibt es nicht, weil niemand &#8211; sowohl die legalen aber nat\u00fcrlich besonders die illegalen Arbeitsmigranten &#8211; auffallen m\u00f6chte, sondern die M\u00f6glichkeit nutzen wollen, in Russland Geld zu verdienen und es in ihre Heimatl\u00e4nder zu \u00fcberweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Heimatl\u00e4nder dieser Migranten sind nat\u00fcrlich im Gespr\u00e4ch mit der russischen Staatsspitze \u00fcber die Schwierigkeiten, aber das passiert ausschlie\u00dflich auf der b\u00fcrokratischen Ebene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Dilemma f\u00fcr die russische F\u00fchrung ist, dass Russland diese Arbeitsmigranten braucht. Die Geburtenraten sind seit 1987 sehr stark gefallen und haben erst 2005 wieder zu steigen begonnen. Das hei\u00dft, es gibt am russischen Arbeitsmarkt eine L\u00fccke an jungen Arbeitskr\u00e4ften, die in der post-sowjetischen \u00c4ra aufgewachsen sind und in den Wachstumsregionen macht sich das als Arbeitskr\u00e4ftemangel bemerkbar. Es ist ein Dilemma f\u00fcr die russische Politik, weil sich einerseits Ressentiments gegen legale und illegale Arbeitsmigranten bilden, anderseits die Anwesenheit genau dieser Arbeitskr\u00e4fte ben\u00f6tigt wird. Das ist ein Konflikt mit dem die Staatsf\u00fchrung umgehen muss und der nicht sehr einfach zu l\u00f6sen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"wp-caption-dd\">Dieses Interview ist am 17.10.2013 auf derstandard.at erschienen.<\/span><\/p>\n<p><span class=\"wp-caption-dd\">Foto:\u00a0http:\/\/news.yahoo.com\/thousands-riot-russia-over-migrant-blamed-murder-184024928.html<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Standard: Bei einer Gro\u00dfrazzia der Polizei in einem s\u00fcdlichen Stadtviertel von Moskau sind am Montag 1.200 Migranten festgenommen worden. Die Stimmung gegen Migranten ist aufgeheizt, doch wie hoch ist der Ausl\u00e4nderanteil in Russland \u00fcberhaupt? Mangott: Da es neben der legalen eine sehr starke illegale Migration gibt, ist das sehr schwer zu beziffern. 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