{"id":238,"date":"2007-12-21T23:37:55","date_gmt":"2007-12-21T22:37:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=238"},"modified":"2014-05-01T15:38:57","modified_gmt":"2014-05-01T13:38:57","slug":"die-rationalitat-iranischen-erdgases","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=238","title":{"rendered":"Die Rationalit\u00e4t iranischen Erdgases"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" id=\"image237\" class=\"alignleft\" src=\"..\/wp-content\/iranian_gas_.jpg\" alt=\"iranian_gas_.jpg\" width=\"156\" height=\"106\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Investitionen der OMV in den iranischen Gassektor sind aus mehreren Gr\u00fcnden sinnvoll. Die Beteiligung an der Entwicklung von Phase 12 des South Pars Gas Field, Investitionen in die Fl\u00fcssiggasproduktion (LNG) sowie Bezugsvertr\u00e4ge von iranischem LNG, das \u00fcber einen geplanten Regasifizierungsterminal in Kroatien leitungsgebunden nach Zentraleuropa transportiert werden kann, ist aus der Sicht verst\u00e4rkter Energiesicherheit h\u00f6chst w\u00fcnschenswert. Angesichts des wachsenden Erdgasbedarfes der EU-27 und abnehmender interner F\u00f6rdermengen steigen die Importvolumina. Im Hinblick auf den nah\u00f6stlichen Raum ist zum einen der Zugriff auf LNG aus Iran, derzeit v.a. aber aus Qatar, ein wesentliches Element der Bezugsdiversifikation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum anderen ist der Zugriff auf iranisches Gas f\u00fcr die Rentabilit\u00e4t des Erdgaspipelineprojektes \u201aNabucco\u2018 von elementarer Bedeutung. Der erforderliche Gasdurchsatz von 31 Mrd. m3 kann auf absehbare Zeit nicht ausschlie\u00dflich durch azerbajd\u017eanisches Erdgas gedeckt werden und der Zugriff auf turkmenisches Erdgas ist unsicher. Die Gasreserven Irans sind daher nicht nur aus unternehmenswirtschaftlichen Interessen, sondern auch aus Gr\u00fcnden der Energiesicherheit unverzichtbarer. Die Versorger- und die Routendiversifikation sind zentraler Bestandteil zur St\u00e4rkung der Energiesicherheit der EU-27.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist die Zusammenarbeit im Gassektor mit dem Iran angesichts seiner Herrschaftswirklichkeit aber ethisch zul\u00e4ssig? Zun\u00e4chst ist hier anzumerken, dass die Energieversorgung der EU-27 die Zusammenarbeit mit vielen autorit\u00e4ren Regimen erfordert \u2013 von Saudi Arabien und anderen Golfstaaten \u00fcber Algerien, Libyen und Russland bis Nigeria. Iran ist damit kein Einzelfall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem ist festzuhalten, dass die EU-27 \u2013 im konkreten Fall die OMV \u2013 nicht der alleinige Interessent f\u00fcr iranische Gasreserven, die immerhin 16 Prozent der globalen gesicherten Reserven ausmachen, sind. Der chinesische Zugriff auf und das indische, aber auch das pakistanische Interesse an den iranischen Gasreserven ist enorm. Teilt man die Annahme, dass die Gaszusammenarbeit die Stabilit\u00e4t des iranischen Regimes bef\u00f6rdere, so w\u00e4ren m\u00f6gliche Investitionen der OMV im Iran <em>ein<\/em> Baustein in einem globalen Investitionsmuster in den iranischen Erdgassektor; ein Verzicht der OMV auf Gaszugriff im Iran w\u00fcrde den Raum aber noch mehr f\u00fcr chinesische und indische Interessen \u00f6ffnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen in strategische Sektoren der iranischen Volkswirtschaft k\u00f6nnen mittelbar regimestabilisierend sein. Das trifft aber nicht nur auf den Iran zu, sondern auf eine Mehrheit der Staaten, mit denen die EU-27 im Energiesektor zusammenarbeiten. Den ethischen Gehalt dieser Verflechtungen zu diskutieren ist so legitim, wie die Betonung wechselseitiger Interessen. Das eine ist \u00fcber das andere nicht erhaben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist das iranische Regime aber ein Sonderfall, der andere Regeln erforderte? Zun\u00e4chst ist hier festzuhalten, dass die Kritiker der OMV vorwerfen, das multi- (VN) und bilaterale (USA) Sanktionsregime gegen Iran zu unterlaufen. Wenn aber dieser Vorwurf gerade von philoisraelischen Organisationen erhoben wird, dann liegt dem logisch zugrunde, dass Sanktionen also taugliche Mittel sind, um das Innen- und Au\u00dfenverhalten des Iran zu beeinflussen. Iran, das auf ausl\u00e4ndische Kapital- und Expertiseinvestitionen elementar angewiesen ist, ist tats\u00e4chlich grunds\u00e4tzlich verletzlich. Dies ist geradezu die Voraussetzung f\u00fcr die Wirksamkeit von Sanktionen. Sanktionen machen nur Sinn, wenn Regime verletzlich sind und als rationale Akteure derartige Kosten vermeiden wollen. Abh\u00e4ngigkeiten zwingen Regime daher dazu, die Kosten des eigenen Verhaltens abzuw\u00e4gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier nun setzt der logische oder ideologische Widerspruch der Iranhasser\u2018 ein, wenn sie den iranischen F\u00fchrungseliten Willen oder gar F\u00e4higkeit zu rationalen Kostenkalkulationen absprechen. Wenn das iranische Regime rational genug ist, auf \u00e4u\u00dfere Sanktionen zu reagieren, Kosten wahrzunehmen, dann ist diese Rationalit\u00e4t unteilbar. Dann muss dem iranischen Regime auch zugebilligt werden, sein Verhalten in der nah\u00f6stlichen Region rational zu steuern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das aber billigt die philoisraelitische Gemeinde der \u201aAntideutschen\u2018 der iranischen F\u00fchrung nicht zu. Als Zeichen des irrationalen Herrschaftscharakters werden dabei immer wieder die rhetorischen Eskalationen eines Mitglieds der verflochtenen multiplen Entscheidungszentralen \u2013 des Pr\u00e4sidenten Ahmadi-nejad \u2013 angef\u00fchrt. Brandreden, die v.a. eine Binnenwirkung haben , der Absicherung Ahmadi-nejads gegen\u00fcber rivalisierenden Akteuren in der iranischen F\u00fchrung durch emotionale Apelle an die iranische Gesellschaft dienen, sind aber kein zuverl\u00e4ssiger Indikator f\u00fcr die Bewertung der Handlungs- und Interessenprofile des Iran.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den sich in logische Widerspr\u00fcche verhedderten anti-deutschen Ideologen kann mit Verweis eine implizite Kernaussage der National Intelligence Estimate\/2007 geholfen werden. Die NIE geht davon aus, dass Iran tats\u00e4chlich als rationaler Akteur anzusehen ist, der auf \u00e4u\u00dferen Druck \u2013 mit dem Abbruch des atomaren Waffenprogramms 2003 \u2013 reagiert. Rationale Akteure ergreifen aber keine irrationalen Ziele, die ihre eigene Existenz gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Rationalit\u00e4tsvorbehalt ist insbesondere auf eine m\u00f6gliche nukleare Bewaffnung Irans anzuwenden: selbst wenn Iran die nukleare Option erwerben oder sogar in der Lage w\u00e4re, Tr\u00e4gersysteme nuklear zu best\u00fccken, w\u00e4re deren Einsatz aber irrational, auch und gerade gegen Israel. Irrational, weil die Zweitschlagsf\u00e4higkeit Israels direkt und indirekt nicht ausschaltbar ist und einen rational agierenden Iran ausreichend abschreckt. Auch die vielfach zitierte Erpressbarkeit Israels durch einen angedrohten nuklearen Schlag des Iran ist nicht gegeben, da auch in diesem Szenario die Abschreckungslogik greift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die organisierten Iran-Kritiker m\u00fcssen sich daher endlich entscheiden: ist denn Iran nun ein rationaler Akteur, der durch Sanktionen unter Druck setzbar ist? Oder ist er ein irrationaler<br \/>\nAkteur, der nukleare Waffen auch um den Preis der Selbstvernichtung gegen Israel einsetzen wird?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die OMV wegen des angeblichen Unterlaufen des Sanktionsregimes gegen Iran kritisiert, geht daher logisch wohl vom Iran als rationalen Akteur aus. Dann ist Iran aber kein Sonderfall, sondern ist wie andere autorit\u00e4re Regime auch zu bewerten, mit denen Energiezusammenarbeit Sinn macht. Darum darf diese unternehmerische Investitionsfreiheit auch f\u00fcr die OMV gelten, zumal dadurch ein Kerninteresse der EU-27 \u2013 die Energiesicherheit \u2013 bef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Kommentar ist am 22. Dezember 2007 in der Tageszeitung &#8216;Die Presse&#8217; erschienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"wp-caption-dd\">Foto: nebuchadnezzarwoollyd.blogspot.com<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Investitionen der OMV in den iranischen Gassektor sind aus mehreren Gr\u00fcnden sinnvoll. 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