{"id":1918,"date":"2011-07-21T17:59:43","date_gmt":"2011-07-21T16:59:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=1918"},"modified":"2011-07-22T23:42:09","modified_gmt":"2011-07-22T22:42:09","slug":"die-seltsame-heimreise-des-michail-golovatov","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=1918","title":{"rendered":"Die seltsame Heimreise des Michail Golovatov"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/wp-content\/uploads\/gruppa_a.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1919\" style=\"padding-right: 12px;\" title=\"gruppa_a\" src=\"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/wp-content\/uploads\/gruppa_a.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"282\" \/><\/a>Das litauische Volk hadert zu Recht mit seiner Geschichte. Von den Braunhemden 1939 an die rote Diktatur Stalins verraten, stellten sich die Litauer 1941 in die Reihen der Nazis und mordeten im Bataillon PPT und im Rollkommando Hamann ihre j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger. 1944 fielen sie der vorr\u00fcckenden Roten Armee anheim, gegen deren Besatzung sie sich als partisanenk\u00e4mpfende \u201aWaldbr\u00fcder\u2018 bis 1953 widersetzten. Vertreibung, Flucht, Deportation und Massenmord suchten das litauische Volk mit den roten Besatzern heim. Anders als Estland und Lettland erlebte Litauen aber keine massenhafte Ansiedlung ethnischer Russen; die Bev\u00f6lkerung blieb mehrheitlich litauisch. Dissens, ziviler Ungehorsam und heimlich zirkulierte regimekritische Literatur (Samizdat) blieben auch in den Jahren der roten Diktatur erhalten. Das erkl\u00e4rt auch, warum gerade in Litauen mit der national-konservativen Bewegung Sajudis die Bev\u00f6lkerung rasch und beharrlich f\u00fcr die staatliche Unabh\u00e4ngigkeit mobilisiert werden konnte. Litauen erkl\u00e4rte im M\u00e4rz 1990 seine staatliche Souver\u00e4nit\u00e4t und den Austritt aus der UdSSR; eine Entscheidung, die auch von den litauischen Kommunisten unterst\u00fctzt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sowjetische F\u00fchrung versuchte zun\u00e4chst, Litauens Unabh\u00e4ngigkeit durch eine wirtschaftliche Blockade zu brechen; im J\u00e4nner 1991 wurde angeordnet, die Kontrolle \u00fcber die staatlichen Einrichtungen Litauens gewaltsam wieder herzustellen. Der Einsatz der 1974 gegr\u00fcndeten Sondereinheit \u201aGruppa A\u2018 (Alfa) des KGB w\u00e4hrend der \u201aJanuarereignisse\u2018 (11.\u250013. Januar 1991) \u2013 unter dem Kommando von Michail Golovatov und Evgenij Cudesnjov \u2500 war brutal und endete mit einem Massaker. Der Versuch, die Sezession mit milit\u00e4rischen Mitteln aufzuhalten scheiterte; dies nicht zuletzt weil die sowjetische F\u00fchrung dar\u00fcber gespalten war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erinnerung an diese Blutnacht, das Gedenken an die ermordeten Demonstranten und die Erfahrung des gemeinsamen (zivilen) Widerstands sind zu einem identit\u00e4tsstiftenden Band der litauischen Bev\u00f6lkerung geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erkl\u00e4rt, warum die Enthaftung von Michail Golovatov durch die \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden derart emotionale, bisweilen bizarre und irrationale Reaktionen in der litauischen Bev\u00f6lkerung hervorruft. Die Anklage gegen Golovatov vor einem litauischen Gericht wird als unabdingbar erforderlicher S\u00fchneakt f\u00fcr die Blutnacht angesehen. Die Enthaftung Golovatovs verhindert nun aber nicht nur die S\u00fchne; sie wird auch als Schm\u00e4hung der Opfer angesehen, die unertr\u00e4glich wird, weil die \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden angeblich willf\u00e4hrig aus russischen Druck reagiert h\u00e4tten. Diese Emotionen sind leicht zu mobilisieren, woran bestimmte Akteure der litauischen Innenpolitik auch durchaus Interesse haben. Die litauische Regierung w\u00e4re gut beraten, m\u00e4\u00dfigend auf die \u00f6ffentliche Erregung einzuwirken; daran aber scheint sie kein Interesse zu haben. Rechtfertigungs- und Erkl\u00e4rungsversuche \u00f6sterreichischer Beh\u00f6rden werden in dieser aufgeheizten Stimmung kein Geh\u00f6r finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie aber ist der Vorwurf zu bewerten, unser Land habe sich mit der Enthaftung russischem Druck gebeugt? Die angesehene russische Tageszeitung Kommersant zitiert einen Informanten des russischen Au\u00dfenministeriums: &#8216;Im russischen Au\u00dfenministerium ist man \u00fcber den Ausgang dieser Angelegenheit erfreut. Durch unser Au\u00dfenministerium und unsere Botschaft in Wien sandten wir Demarchen ab, mit denen den \u00f6sterreichischen Partnern erkl\u00e4rt wurde, die &#8216;causa Golovatov&#8217; werde politisiert. Diese (die \u00f6sterreichischen Partner, G.M.) h\u00e4tten die Demarchen analysiert und die Schlu\u00dffolgerungen gezogen&#8217;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die diplomatische Vertretung Ru\u00dflands in Wien hat ihre konsularischen Aufgaben zum Schutz des russischen Staatsb\u00fcrgers sicher nachdr\u00fccklich wahrgenommen; das ist auch ihre Aufgabe. Es w\u00e4re verwunderlich, wenn es sich dabei nur um Rechtsbeistand und technische Fragen gehandelt h\u00e4tte. Es gibt keine Belege daf\u00fcr, da\u00df es auch inhaltliche Gespr\u00e4che \u00fcber die Substanz der Vorw\u00fcrfe an Golovatov gegeben hat. Es ist aber nicht abwegig zu vermuten, da\u00df die russische Seite deutlich gemacht hat, wie die russische Regierung eine Auslieferung Golovatovs an die litauischen Beh\u00f6rden bewerten w\u00fcrde. Es ist sehr wahrscheinlich, da\u00df es politischen Druck Ru\u00dflands gab; daran ist zun\u00e4chst auch nichts auszusetzen. Es l\u00e4\u00dft sich aber nicht sagen, ob der Druck Ru\u00dflands tats\u00e4chlich der Grund f\u00fcr die Entscheidung der Staatsanwaltschaft war, Golovatov zu enthaften; ich w\u00e4re aber auch nicht \u00fcberrascht, wenn es der russische Druck war, der letztlich zur Enthaftung f\u00fchrte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach den vorliegenden Informationen waren die litauischen Beh\u00f6rden angeblich nicht in der Lage, der Staatsanwaltschaft Korneuburg ausreichende Dokumente zum Tatverdacht gegen Golovatov vorzulegen. Das ist erstaunlich; Litauen sollte in der Lage sein, ein rechtlich einwandfreies Dossier \u00fcber den \u2013 nach litauischer Diktion \u2013 Kriegsverbrecher Golovatov\u00a0 umgehend vorzulegen. Allerdings ist es auch verwunderlich, warum die \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden den litauischen Stellen nicht die rechtlich zul\u00e4ssige Zeit einger\u00e4umt haben, den Tatverdacht zu begr\u00fcnden.\u00a0 Das ist \u00e4u\u00dferst eigenartig und erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig. Es ist zu verstehen, wenn dieses Verhalten \u00d6sterreichs Mi\u00dftrauen hervorruft; und das nicht nur bei litauischen Stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Offenlegung der litauischen Unterlagen w\u00e4re dringend geboten. Das lie\u00dfe auch ein Urteil dar\u00fcber zu, ob die litauischen Vorw\u00fcrfe an Golovatov tats\u00e4chlich so vage waren, wie es die \u00f6sterreichischen Beh\u00f6rden erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zul\u00e4ssig sind aber auch \u00dcberlegungen, ob Golovatov in Litauen eine unvoreingenommene Untersuchung der ihm vorgeworfenen Tatbest\u00e4nde erwarten k\u00f6nnte. Ein Strafverfahren gegen Golovatov in Litauen w\u00e4re sicherlich von einer au\u00dferordentlich emotionalisierten Debatte und erheblichem Druck auf die Gerichte begleitet. Die \u00f6ffentlichen Reaktionen der litauischen Regierung und die bizarren Anschuldigungen und Vorw\u00fcrfe, denen sich \u00d6sterreich in der litauischen \u00d6ffentlichkeit ausgesetzt sieht, sind jedenfalls nicht dazu angetan, das Vertrauen in ein faires Verfahren f\u00fcr Golovatov zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abschlie\u00dfend ist festzuhalten, da\u00df es durchaus im nationalen Interesse \u00d6sterreichs sein kann, in Abw\u00e4gung der Folgewirkungen einer Auslieferung zum Schlu\u00df zu kommen, Golovatov zu enthaften. Sollten derartige Erw\u00e4gungen angestellt worden sein, ist die \u201ahandwerkliche\u2019 Ausf\u00fchrung der fr\u00fchzeitigen Enthaftung bemerkenswert ungeschickt erfolgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Foto: http:\/\/www.sadcom.com\/pins\/kgb_badges\/badge8.html<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Dieser Kommentar ist am 22. Juli 2011 in der Printausgabe der Tageszeitung <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/1310511868572\/Affaere-Golowatow-Die-seltsame-Heimreise-des-Michail-Golowatow\">Der Standard<\/a> erschienen.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das litauische Volk hadert zu Recht mit seiner Geschichte. Von den Braunhemden 1939 an die rote Diktatur Stalins verraten, stellten sich die Litauer 1941 in die Reihen der Nazis und mordeten im Bataillon PPT und im Rollkommando Hamann ihre j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger. 1944 fielen sie der vorr\u00fcckenden Roten Armee anheim, gegen deren Besatzung sie sich als &hellip; <a href=\"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=1918\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Die seltsame Heimreise des Michail Golovatov<\/span> <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-1918","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-russia"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1918","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1918"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1918\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1988,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1918\/revisions\/1988"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1918"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1918"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1918"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}