{"id":1861,"date":"2011-07-12T15:15:37","date_gmt":"2011-07-12T14:15:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=1861"},"modified":"2011-07-12T15:19:40","modified_gmt":"2011-07-12T14:19:40","slug":"wasserchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=1861","title":{"rendered":"&#8230; w\u00e4sserchen &#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/wp-content\/uploads\/wodkakerl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1864\" style=\"padding-right: 12px;\" title=\"wodkakerl\" src=\"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/wp-content\/uploads\/wodkakerl.jpg\" alt=\"\" width=\"182\" height=\"136\" srcset=\"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/wp-content\/uploads\/wodkakerl.jpg 450w, https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/wp-content\/uploads\/wodkakerl-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px\" \/><\/a>Dieses Interview mit mir ist am 12.7.2011 am online-portal der Tageszeitung &#8216;Der Standard&#8217; erschienen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Hochprozentiges ist in Russland Teil der nationalen Identit\u00e4t. Mit verheerenden Auswirkungen. Die Bev\u00f6lkerungszahl schrumpfte innerhalb von nur acht Jahren um 2,2 Millionen Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gerhard Mangott<\/strong>: Der extrem hohe Alkoholkonsum z\u00e4hlt zu den wichtigsten Faktoren f\u00fcr die hohe Sterberate in Russland. Die Russen greifen immer fr\u00fcher zum Alkohol. Das Einstiegsalter liegt derzeit bei 12 bis 13 Jahren. Allerdings wird zun\u00e4chst Bier und Wein getrunken, erst allm\u00e4hlich auch Wodka und andere harten alkoholische Getr\u00e4nke. Der fr\u00fche und starke Alkoholkonsum noch immer ein m\u00e4nnliches Ph\u00e4nomen. Bei Jungen ist das Einstiegsalter noch niedriger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: F\u00fcr den Russen ist sein &#8220;W\u00e4sserchen&#8221; kein nationales \u00dcbel, sondern Ausdruck seiner nationalen Identit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Der Wodka-Konsum ist kein rezentes Ph\u00e4nomen. Berichte von Kaufleuten aus dem fr\u00fchen Mittelalter zeugen zeugen vom starken Alkoholismus in der slawischen Bev\u00f6lkerung. Mit Beginn des Getreideanbaus in Russland setzt die Herstellung von Wodka ein. Die langen lichtarmen Winter f\u00f6rderten den Alkoholkonsum und erh\u00f6hten das Suchtrisiko. In der zaristischen Zeit hielt zumeist der Staat das Alkoholmonopol. Ein hoher Anteil der Steuereinnahmen wurde durch den Alkoholverkauf gewonnen. Die Herrscher waren daher am starken Alkoholkonsum in der Bev\u00f6lkerung interessiert. In den Jahren, in denen das staatliche Monopol aufgehoben war, waren es private Anbieter, die den Alkoholkonsum bef\u00f6rderten. Die Qualit\u00e4t des verkauften Alkohols war zudem niedrig; oft wurde der Alkohol gepantscht, um die Gewinnspanne zu steigern; zumal die privaten Anbieter auch hohe Abgaben aus dem Verkauf an den Staat zu zahlen hatten. Durch den minderen Alkohol wurden die gesundheitlichen Sch\u00e4den noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Ein kulturpolitischer Teufelskreis demnach?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Nicht immer. In Phasen reformerischer Regierungen gab es immer wieder Versuche, dem Alkoholismus entgegenzutreten. Sobald der Staat allerdings Geld brauchte, wurde das Alkoholmonopol wieder eingef\u00fchrt. Stalin machte Lenins Ma\u00dfnahmen zur Verringerung des Alkoholkonsums 1926 r\u00fcckg\u00e4ngig, um die Industrialisierung voranzutreiben &#8211; mit verheerenden Auswirkungen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Michail Gorbatschow wollte ab 1985 die Trunksucht mit restriktiven Verkaufsauflagen und h\u00f6heren Preisen bek\u00e4mpfen &#8211; nach vehementen Protesten musste er die Anordnung 1988 aber wieder zur\u00fccknehmen. \u00dcberdies waren die Einnahmen f\u00fcr den Staatshaushalt ausgeblieben und die Bev\u00f6lkerung hatte begonnen, billigen Vodka zu brennen, den \u201aSamogon\u2018.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Heute sterben pro Stunde acht Russen. Ist es nicht Zynismus, dass Namen von Kremlchefs, wie &#8220;Putinka&#8221; und &#8220;Medwedeff&#8221; Wodkaflaschen schm\u00fccken?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Den Putinka gibt es seit 2004; er gilt als qualit\u00e4tsvolle Marke. Den russischen Alkoholiker interessiert das aber nicht; entscheidend ist der Preis. Putin selbst trinkt den Vodka aber wohl nicht; er ist bekannt f\u00fcr seine Abstinenz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Boris Jelzin dagegen stand bei seinen Auslandsaufenthalten h\u00e4ufig unter dem Einfluss mehrerer Gl\u00e4schen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Bei Jelzin war die Kombination von Psychopharmaka, Schmerzmitteln und Alkohol fatal. Seine teils entw\u00fcrdigenden und besch\u00e4menden angetrunkenen Auftritte im Ausland haben trotzdem nicht zu einer \u00c4chtung des Alkoholismus in Russland beigetragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Gibt es Personen mit Vorbildwirkung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Es zeigt sich, dass der Alkoholkonsum mit dem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg zur\u00fcckgeht. Weniger zu trinken ,wird geradezu zum Ausdruck des sozialen Aufstiegs. Abstinenz wird als Merkmal gesunder und moderner Lebensf\u00fchrung gesehen. In wirtschaftlichen F\u00fchrungsst\u00e4ben finden sich immer weniger Russen, die trinken. Abstinenz wird zum Aush\u00e4ngeschild hoher Leistungs- und Arbeitsqualit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Der Wodka-Markt bel\u00e4uft sich in Russland immerhin auf etwa 18 Milliarden Dollar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Nicht jeder Russe und nicht jede Region ist gleich betroffen. Alkohol ist nicht nur ein m\u00e4nnliches Ph\u00e4nomen, sondern auch ein slawisches. Nicht-ethnische Russen in den muslimischen Regionen des Landes haben eine sehr niedrige Alkoholismusrate, eine deutlich h\u00f6here Lebenserwartung und eine hohe Geburtenrate. Im islamischen Nordkaukasus oder in Tatarstan und Baschkortostan ist der Alkoholkonsum sehr viel niedriger. Besonders hoch ist der Alkoholismus in Ostsibirien und dem Fernen Osten, die wirtschaftliche Krisenregionen sind. Wirtschaftlich verfallende Industriest\u00e4dte weisen extrem hohe Alkoholismusraten aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Und die Regierung schaut zu?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Die Regierung hat ein umfassendes Gesundheitsprogramm gestartet. Bis 2020 soll der Alkoholkonsum um die H\u00e4lfte verringert werden. Mindestpreise f\u00fcr Wodka wurden festgelegt, durch Vertriebsrestriktionen sollen vor allem Jugendliche vom Alkoholkonsum ferngehalten werden.\u00a0 H\u00f6here Preise aber f\u00f6rdern den Konsum von illegal gebranntem, gesundheitssch\u00e4dlicherem Wodka; auch werden Industriealkohole und andere Substitute getrunken. 2010 wurde der Verkaufspreis f\u00fcr Wodka angehoben. Ein halber Liter Wodka muss mindestens 89 Rubel kosten (2 bis 2,5 Euro). Das monatliche Durchschnittseinkommen eines Russen betr\u00e4gt 18.000 Rubel, also kann man immer noch eine ganze Menge trinken. J\u00e4hrlich trinken Russen im Durchschnitt 17 Liter Wodka.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Man sch\u00e4tzt, dass im Jahr 750 Millionen Liter Wodka illegal hergestellt werden. Zeitgleich stellte Vladimir Putin w\u00e4hrend seiner Amtszeit acht Millionen Euro f\u00fcr Aufkl\u00e4rungskampagnen bereit. Ein Tropfen auf dem hei\u00dfen Stein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Die Ergebnisse sind m\u00e4ssig. Auch wenn imm mehr weniger starke Alkoholika wie Bier und Wein getrunken werden, liegt der Anteil von Wodka am konsumierten Alkohol bei den \u00fcber 29-J\u00e4hrigen bei \u00fcber\u00a0 60 Prozent. Bei den J\u00fcngeren sind es nur mehr 20 Prozent.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Experten sch\u00e4tzen die Zahl der j\u00e4hrlichen Todesopfer als Folge des Alkoholmissbrauchs von 75.000 bis 500.000. Der demographische R\u00fcckgang in Russland ist somit h\u00f6her als beispielsweise der in Bangladesch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Die unterschiedlichen Zahlen entstehen durch die Definition, welche Todesf\u00e4lle indirekt auf Alkoholismus zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Alkoholvergiftungen, die unmittelbar zum Tode f\u00fchren, sind statistisch pr\u00e4zise messbar. Schwieriger wird es bei Arbeits- und Verkehrsunf\u00e4llen, bei Mord oder Selbstmord, die durch Alkoholismus verursacht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Der volkswirtschaftliche Schaden ist immens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Dazu gibt es keine verl\u00e4sslichen Studien, lediglich Sch\u00e4tzungen. Die Zahl der Russen, die im aktiven Erwerbsleben stehen (15-59 Jahre) nimmt st\u00e4ndig ab; gerade in diesen Alterskohorten ist aber die alkoholinduzierte Sterblichkeit gro\u00df. Durch die niedrigen Geburtenraten ab 1988 wird in den kommenden Jahren in vielen Sektoren Arbeitskr\u00e4ftemangel auftreten. Die Qualit\u00e4t und Produktivit\u00e4t der Arbeitsleistung wird durch die Trunktsucht deutlich abgesenkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Wo steht Russland heute mit der Problematik?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: In dem Regierungsprogramm zur Eind\u00e4mmung und Pr\u00e4vention des Alkoholkonsums sind nicht nur gesetzliche Mindestpreise festgelegt, sondern wird auch die Werbung f\u00fcr Alkohol deutlich eingeschr\u00e4nkt und ist eine restriktivere Zulassung von Verkaufsstellen vorgesehen. Es ist aber zweifelhaft, dass damit deutliche Erfolge erzielt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: Wie unterst\u00fctzend wirken medizinische Ma\u00dfnahmen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Die russische Medizin legt wenig Wert auf Pr\u00e4vention; sie ist kurativ orientiert. Krankheiten werden erst behandelt, wenn sie bereits aufgetreten sind. Vorsorge- oder Gesundheitsuntersuchungen gibt es kaum. Gerade in den l\u00e4ndlichen Regionen ist die Zahl der Allgemeinmediziner, die eine erste Anlaufstelle f\u00fcr Alkoholkranke sein k\u00f6nnten, niedrig. Demgegen\u00fcber ist die Zahl der Fach\u00e4rzte sehr hoch. Dies war auch in der Sowjetunion der Fall gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>derStandard.at<\/em>: 1994 erreichte die Lebenserwartung den niedrigsten Stand der nachsowjetischen Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mangott<\/strong>: Richtig. Die durchschnittliche Lebenserwartung von M\u00e4nnern lag damals bei 57,8 Jahren, von Frauen bei 71,4 Jahren. Das gesetzliche Rentenantrittsalter liegt bei 60 Jahren. Danach ist die Lebenserwartung mit einigen R\u00fcckschl\u00e4gen aber wieder angewachsen. Die Lebenserwartung von M\u00e4nnern liegt nunmehr bei 62,8 Jahren, von Frauen bei 74,7 Jahren. Die Lebenserwartung auf dem Land ist niedriger als in den St\u00e4dten, die der M\u00e4nner niedriger als die der Frauen. Nirgendwo sonst auf der Welt ist der gender gap gr\u00f6\u00dfer als in Russland; mehr als 54 Prozent der russischen Bev\u00f6lkerung sind Frauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Foto: http:\/\/federationrussia.wordpress.com\/about\/<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Interview mit mir ist am 12.7.2011 am online-portal der Tageszeitung &#8216;Der Standard&#8217; erschienen: derStandard.at: Hochprozentiges ist in Russland Teil der nationalen Identit\u00e4t. Mit verheerenden Auswirkungen. Die Bev\u00f6lkerungszahl schrumpfte innerhalb von nur acht Jahren um 2,2 Millionen Menschen. 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