{"id":186,"date":"2007-09-13T18:55:13","date_gmt":"2007-09-13T17:55:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=186"},"modified":"2014-05-01T15:50:25","modified_gmt":"2014-05-01T13:50:25","slug":"funktionalisierung-der-shoah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=186","title":{"rendered":"Funktionalisierung der Shoah"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" id=\"image185\" class=\"alignleft\" src=\"..\/wp-content\/usa_israel_flag_large.jpg\" alt=\"usa_israel_flag_large.jpg\" width=\"183\" height=\"128\" \/>John Mearsheimer und Stephen Walt haben in ihrem viel beachteten, wenn auch umstrittenen Buch \u201aThe Israel Lobby\u2018 (2007) deutlich gemacht, wie sehr j\u00fcdische Interessenverb\u00e4nde, allen voran das American-Israel Public Affairs Commitee (AIPAC), die Au\u00dfenpolitik der USA zu beeinflussen verm\u00f6gen. Dieses Lager sei imstande, strategische Entscheidungen der USA im Nahen und Mittleren Osten zu erwirken, die Staats- und Sicherheitsinteressen Israels dienlich sind, aber zentrale Interessen <em>der USA<\/em> verletzten. Das nationale Interesse der USA werde dadurch in Geiselhaft der Interessen Israels genommen. Mearsheimer und Walt sind \u2013 dies gilt es zu beachten \u2013 renommierte Experten an der Harvard University und an der University of Chicago und keine antisemitischen oder antiisraelischen Hassredner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das von j\u00fcdischen Verb\u00e4nden beharrlich vorgetragene Narrativ von der Bedrohung der israelischen staatlichen Existenz durch eine Koalition regionaler Widersacher, die den Schutz durch externe M\u00e4chte, allen voran der USA, erfordere, z\u00e4hlt zu den die Interessen der USA nachhaltigst verletzenden und beeintr\u00e4chtigenden Faktoren. Die Bindung amerikanischer Nahostpolitik an die derart definierten Sicherheitsinteressen Israels sind ein wesentlicher Faktor f\u00fcr den Legitimit\u00e4ts- und Ansehensverlust der USA im Nahen Osten.<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Behauptung der Koalition aus neokonservativen Intellektuellen, vieler j\u00fcdischer Interessenverb\u00e4nde und der evangelikalen Rechten in den USA, die islamische Welt hasse die USA wegen ihrer Werte, aber nicht wegen ihrer Politik, ist nicht nur, aber ganz besonders im Nahen Osten, eine Fehlannahme; eine widersinnige Deutung, an der bisweilen gegen besseres Wissen festgehalten wird. Auch wenn islamistische Irrwandler der arabischen Welt und dar\u00fcberhinaus auch die Werte demokratisch-humanistischer Gesellschaften verachten m\u00f6gen, so ist es doch vielmehr das konkrete politische und milit\u00e4rische Handeln eben dieser, allen voran der USA, die Hass, Zorn und militante Gegenwehr erzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die USA aber durch ihre strategische Rolle im Nahen Osten einen immensen Legitimit\u00e4tsverlust und die terroristische Bedrohung in Kauf nehmen, ist danach zu fragen, inwieweit dies durch vitale Interessen <em>der USA <\/em>zwingend notwendig sei. Mearsheimer und Waltz meinen dazu: \u201aDie USA haben ein Terrorismusproblem, weil sie eng mit Israel verb\u00fcndet sind, und nicht umgekehrt.\u2018<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn also die strategische Ausrichtung der israelischen Politik gegen\u00fcber seinen Nachbarn \u2013 allen voran die ausbleibende Zusammenarbeit mit der pal\u00e4stinensischen Autonomiebeh\u00f6rde unter Abu Mazen, die fortgesetzte physische Drangsalierung der pal\u00e4stinensischen B\u00fcrger, die anhaltende Besetzung der 1967 besetzten Gebiete \u2013 wenn auch nicht der einzige, aber doch ein wesentlicher Quell der Sicherheitsgef\u00e4hrdung Israels ist, stellt sich dringlich die Frage, ob die USA ihre eigenen Interessen gef\u00e4hrden sollen, indem sie das fehlgeleitete israelische Verhalten in der Region unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn dieser Gedanke zutreffen sollte, ist dann nicht der philoisraelischen Gemeinde zu widersprechen, die doch so h\u00e4ufig den Vorwurf erhebt, die ausl\u00e4ndischen M\u00e4chte w\u00fcrden das Schutzbed\u00fcrfnis Israels eigenen Interessen unterordnen? Ist es denn wirklich zutreffend, dass Israel ausschlie\u00dflich durch die Nachbarstaaten daran gehindert w\u00fcrde, eine stabilisierende regionale Paketl\u00f6sung zu erreichen? Ist denn wirklich ein neuer milit\u00e4rischer Feldzug Israels gegen den Libanon erforderlich, um seine milit\u00e4rische Abschreckungsf\u00e4higkeit in der Region glaubhaft wiederherzustellen, wie so manche philoisraelische Vertreter fordern?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Funktionalisierung der Trag\u00f6die der Shoah zeigt sich bei der militanten philoisraelischen Intellektuellengemeinde so deutlich bei deren Forderung, dass Iran wegen seines vermutlich milit\u00e4rischen Nuklearprogrammes \u2013 dann, wenn politische und wirtschaftliche Sanktionen versagten \u2013 milit\u00e4risch anzugreifen sei, um das Existenzrecht Israels zu verteidigen? W\u00e4re das Existenzrecht Israels durch den Iran tats\u00e4chlich gef\u00e4hrdet, w\u00e4re Israel wie jeder andere Staat in einer derart existentiellen Bedrohung zu sch\u00fctzen. Besteht denn aber diese existentielle Herausforderung tats\u00e4chlich?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unbestritten ist die Rolle Irans als destabilisierende Kraft in der Region \u2013 durch die milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung f\u00fcr einige schiitische Milizen im Irak, die indirekte Schw\u00e4chung der libanesischen Regierung \u00fcber die Mobilisierung der schiitischen Hizbollah, die islamistische Penetration des pal\u00e4stinensischen militanten Lagers um die sunnitische Hamas und nicht zuletzt durch die strategische Allianz mit Syrien. Unbestritten ist auch, dass dadurch israelische Sicherheitsinteressen beeintr\u00e4chtig werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber erw\u00e4chst Israel dadurch tats\u00e4chlich eine <em>existentielle<\/em> Bedrohung? Kann diese Bedrohung denn nicht durch die ohnehin betriebene milit\u00e4rische Abschreckung eingehegt und \u2013 noch wichtiger \u2013 eine von Israel zu betreibende umsichtige L\u00f6sung offener Konflikte mit seinen Nachbarn abgebaut werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das philoisraelische Lager muss angesichts dieser, f\u00fcr den Autor berechtigten Einw\u00e4nde, daher zum d\u00e4monisierendsten aller antiiranischen Argumente greifen \u2013 der angeblichen Erpressung Israels durch eine nukleare Bewaffnung, oder gar der Ausl\u00f6schung Israels. Ist der Erwerb nuklearer Bewaffnung \u2013 der soweit irgend m\u00f6glich durch politischen und wirtschaftlichen Druck aufgehalten werden soll, aber eben nicht durch milit\u00e4rische Aktionen \u2013, denn wirklich gleichbedeutend mit deren Einsatz? Ist das wirre Gefasel eines innenpolitisch ohnehin angeschlagenen iranischen Pr\u00e4sidenten denn wirklich der geeignete Ma\u00dfstab um die strategische Linie der iranischen Au\u00dfenpolitik abzusch\u00e4tzen? Muss die iranische F\u00fchrung tats\u00e4chlich als irrational und dem kollektiven M\u00e4rtyrertod verhaftet angesehen werden? Aber selbst wenn dem so w\u00e4re \u2013 eine Einsch\u00e4tzung, die der Autor nicht teilt \u2013, kann denn wirklich Zweifel daran bestehen, dass Israel mit seinem massiven Nukleararsenal diese Bedrohung nicht abschrecken k\u00f6nnte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die apokalyptischen Szenarien einer nuklearen Shoah gegen ein wehrloses Israel sind gef\u00e4hrliche Ratgeber f\u00fcr eine kluge westliche Politik gegen\u00fcber Iran. Wenn <em>ein<\/em> Begr\u00fcndungsfaktor f\u00fcr den milit\u00e4rischen Schlag gegen den Irak, der einer entsetzlichen Niederlage der USA entgegensteuert, der angeblich notwendige Schutz Israels war, soll denn dann der Ruf nach einem neuen Krieg, diesmal gegen den Iran, nicht aufschrecken?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kriegsgeschrei, das mit der behaupteten drohenden existentiellen Vernichtung Israels, angestimmt wird, darf eine rationale Abw\u00e4gung der tats\u00e4chlichen regionalen Sicherheitslage und der Interessen der USA in der Region nicht erneut \u00fcbert\u00f6nen. Der irakische Fehler darf nicht durch einen Irrtum in der Iran-Politik fortgesetzt werden, nur weil verzerrte, der tats\u00e4chlichen Lage widersprechende, Losungen von der bevorstehenden Vernichtung Israels diese einmahnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Israel kann sich seiner eigenen Verantwortung f\u00fcr die regionale Stabilisierung nicht entziehen; der Ruf nach milit\u00e4rischer H\u00e4rte durch die USA gegen eine nicht bestehende Gef\u00e4hrdung Israels durch Iran darf nicht erhoben werden, nur weil die israelische F\u00fchrung nicht f\u00e4hig oder bereit ist, ihren Beitrag zu einer friedlichen L\u00f6sung der offenen Fragen in seiner Nachbarschaft zu leisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Kommentar ist am 14. September 2007 in einer leicht ver\u00e4nderten Version exklusiv in der Tageszeitung &#8216;Die Presse&#8217; erschienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"wp-caption-dd\">Foto: reuters<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Mearsheimer und Stephen Walt haben in ihrem viel beachteten, wenn auch umstrittenen Buch \u201aThe Israel Lobby\u2018 (2007) deutlich gemacht, wie sehr j\u00fcdische Interessenverb\u00e4nde, allen voran das American-Israel Public Affairs Commitee (AIPAC), die Au\u00dfenpolitik der USA zu beeinflussen verm\u00f6gen. 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