{"id":180,"date":"2007-08-31T15:08:22","date_gmt":"2007-08-31T14:08:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=180"},"modified":"2014-05-01T15:57:21","modified_gmt":"2014-05-01T13:57:21","slug":"missile-defense-debate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=180","title":{"rendered":"Raketenabwehr. Quergedanken"},"content":{"rendered":"<h2 style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" id=\"image179\" class=\"alignleft\" src=\"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/wp-content\/x-band-radar.jpg\" alt=\"x-band-radar.jpg\" width=\"162\" height=\"117\" \/>&#8230;written together with my colleague <a href=\"http:\/\/martin-senn.info\"><strong>Martin Senn<\/strong><\/a>, a specialist on arms control.<\/h2>\n<div style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Schelte war deutlich \u2013 in den USA wie in Tschechien. Das Wort von Darabos zur Errichtung von Raketenabwehrkomponenten (MD) im \u00f6stlichen Europa als einen \u201aprovokativen Akt\u2019 erregte die Gem\u00fcter. Kaum zurecht aber, denn die MD-Vorhaben der USA kommen tats\u00e4chlich einer Provokation gleich \u2013 als milit\u00e4risch-technische Gef\u00e4hrdung der nuklearen Schlagkraft Russlands, als ein Akt, der russl\u00e4ndische Grossmachtsensibilit\u00e4ten ber\u00fchrt und damit euroatlantischen Beziehungen mit Russland zus\u00e4tzlich belastet.<\/p>\n<p>Die Stationierung von Abfangraketen in Polen und eines hochleistungsf\u00e4higen X-Band Radars in Tschechien ber\u00fchrt tats\u00e4chlich \u2013 anders als zumeist diskutiert \u2013 nuklearstrategische Kerninteressen Russlands. Die Radaranlage in Tschechien erlaubt es der USA, alle landgest\u00fctzten Interkontinentalraketen (ICBMs) Russlands in einer bestimmten Flugsequenz zu erfassen, die bei einer nuklearen Eskalation auf die amerikanische Ostk\u00fcste gerichtet w\u00e4ren. Wenn das Radar in Tschechien zudem mit einer Radaranlage auf einer seegest\u00fctzten Plattform in der N\u00e4he der Aleuten (Alaska) vernetzt werden sollte, k\u00f6nnten auch gegen die Westk\u00fcste gerichtete russl\u00e4ndische ICBMs erfasst werden. Das bereits bestehende Radar in Vard\u00f6 (Norwegen) kann russl\u00e4ndische ICBMs in einer bestimmten Flugsequenz in Ostrichtung erfassen. W\u00e4hrend Vard\u00f6 die Kontrolle auch von russl\u00e4ndischen Raketentests von Pleseck nach Kamcatka in einer bestimmten Flugsequenz erm\u00f6glicht, kann das Radar in Tschechien russl\u00e4ndische ICBMs nur in einer nuklearen Kriegssituation erfassen. Allerdings k\u00e4me einer Interzeption russl\u00e4ndischer ICBMs durch Interzeptoren in Koszalin die Datenermittlung bei russl\u00e4ndischen Raketentests entgegen, die durch das Radar in Vard\u00f6 gewonnen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\">\n<p>Diese F\u00e4higkeiten der MD-Radartechnologie ist f\u00fcr Russland besonders besorgniserregend, da das nuklearstrategische Arsenal Russlands traditionell mehr aus landgest\u00fctzten ICBMs besteht. Anders gesagt: Die Stationierung von russlandnahen Radaranlagen erlaubt der USA einen strategisch nutzbaren st\u00e4ndigen und pr\u00e4zisen Kontrollblick auf Raketenbewegungen in bestimmten Sektoren des ballistischen Flugbahn. Dies ist derzeit mit der Radarstation Vard\u00f6 m\u00f6glich &#8211; f\u00fcr russl\u00e4ndische Raketenbewegungen in Ostrichtung; die Radarstation in Tschechien wird diese Kapazit\u00e4t in Westrichtung haben, allerdings nur im nuklearen Kriegsfall.<\/p>\n<p>Das tschechische Radar k\u00f6nnte dann (unwahrscheinlichen) Fall einer nuklearen Eskalation zwischen Russland und der USA, genutzt werden, da die USA durch das Radar in Vard\u00f6 wertvolle Informationen \u00fcber die technischen Parameter von russl\u00e4ndischer Raketen- und Sprengkopftechnologien erhalten, die auf russl\u00e4ndischem Gebiet getestet werden. Zu den zentralen Daten, die durch Vard\u00f6 erhoben werden k\u00f6nnten, ist die Phase, wenn sich die Sprengk\u00f6pfe und T\u00e4uschk\u00f6rper (decoys) nach der dritten Raketenstufe, d.h. am Ende des sogenannten &#8216;bus&#8217; von der Rakete l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der Stationierung von Abfangraketen in Polen ist anzumerken, dass weniger die derzeit anvisierte St\u00fcckzahl \u2013 10 \u2013 an Abfangraketen (Interzeptoren), als deren wahrscheinliche quantitative Aufstockung und qualitative Weiterentwicklung ma\u00dfgeblich zur Besorgnis Russlands beitragen. Die eigentliche Bedrohung russl\u00e4ndischer nuklearer Schlagkraft ist aber, dass es sehr wohl m\u00f6glich ist, russl\u00e4ndische Interkontinentalraketen durch in Polen stationierte Raketen abzufangen. Aufgrund der Daten \u00fcber Flugkurven und \u2013geschwindigkeiten w\u00e4re das Abfangen russl\u00e4ndischer ICBMs nach Berechungen eines Spezialisten am MIT im Umfeld von Island technisch m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Zudem legen auch vorgesehene Weiterentwicklungen der Interzeptorentechnologie die Vermutung nahe, dass sich die Raketenabwehrkomponenten vorrangig gegen Russland richten. In Planung sind Abfangraketen, die in der Lage sind, mehrere nukleare Gefechtsk\u00f6pfe gleichzeitig abzufangen. Iran \u2013 gegen dessen nuklear best\u00fcckten Raketen die Abwehranlagen vor allem sch\u00fctzen sollen \u2013 ist aber auch auf lange Sicht nicht in der Lage, mehrfach best\u00fcckte ICBMs herzustellen. Chinesische ICBMs sind zwar mit Mehrfachsprengk\u00f6pfen ausgestattet, in ihrer Flugkurve auf Ziele in der USA aber ausserhalb der Reichweite in Europa stationierter Abfangeinrichtungen.<\/p>\n<p>Besonders brisant f\u00fcr die Debatte \u00fcber die Stossrichtung des MD-Komplexes im \u00f6stlichen Europa schliesslich ist auch, dass die Nutzung seegest\u00fctzter Raketenabwehranordnungen auf Aegis-Zerst\u00f6rern effektiveren Schutz vor iranischen Raketen bieten w\u00fcrde, ohne das strategische Arsenal Russlands zu herauszufordern; \u00e4hnliches k\u00f6nnte mit THAAD-Systemen oder PAC-Systemen m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>Die politische und milit\u00e4rische F\u00fchrung Russlands bef\u00fcrchtet daher zurecht, dass Stationierung und m\u00f6glicher Ausbau von Raketenabwehranlagen im \u00f6stlichen Europa gravierende Sicherheitsrisiken f\u00fcr Russland darstellen (werden).<\/p>\n<p>Die russl\u00e4ndische Deutung der Raketenabwehrpl\u00e4ne der USA als Provokation ist aber auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen Moskaus mit der R\u00fcstungs(kontroll)politik der USA in den letzten 10 Jahren zu sehen. Die Neigung zu unilateraler hegemonialer Arroganz der USA hat das Netz an R\u00fcstungskontroll- und Abr\u00fcstungsvertr\u00e4gen nachhaltig ausgeh\u00f6hlt. Die Abkehr vom Raketenabwehrvertrag (ABM) aus 1972 und die Haltung der USA, nach dem Auslaufen der bestehenden R\u00fcstungskontrollvertr\u00e4ge in 2012 keine \u00e4hnlichen Nachfolgeabkommen auszuhandeln, ist f\u00fcr Russland ein Sicherheitsrisiko. Dies vor allem deshalb, weil die Zahl russl\u00e4ndischer ballistischer Raketen und deren Abschu\u00dfvorrichtungen bis 2015 erheblich zur\u00fcckgehen wird.<\/p>\n<p>Die Stationierung von Abfangraketen und Radaranlagen im \u00f6stlichen Europa wird von der F\u00fchrung Russlands daher \u2013 zus\u00e4tzlich zur milit\u00e4rischen Bedrohungskomponente \u2013 als weitere Dem\u00fctigung f\u00fcr das (Selbst)bild Russlands als Gro\u00dfmacht und damit als strukturelle Provokation verstanden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0See <a href=\"http:\/\/youtube.com\/watch?v=DAH8KbGoO2I\">video on interception of Russian ICBMs by Koszalin kinetic interceptors<\/a>.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\" align=\"justify\"><span class=\"wp-caption-dd\">Picture: http:\/\/www.defenselink.mil\/photos<\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;written together with my colleague Martin Senn, a specialist on arms control. &nbsp; Die Schelte war deutlich \u2013 in den USA wie in Tschechien. Das Wort von Darabos zur Errichtung von Raketenabwehrkomponenten (MD) im \u00f6stlichen Europa als einen \u201aprovokativen Akt\u2019 erregte die Gem\u00fcter. Kaum zurecht aber, denn die MD-Vorhaben der USA kommen tats\u00e4chlich einer Provokation &hellip; <a href=\"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=180\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Raketenabwehr. Quergedanken<\/span> <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-180","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/180","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=180"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/180\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3242,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/180\/revisions\/3242"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}