{"id":1431,"date":"2010-03-29T13:38:44","date_gmt":"2010-03-29T12:38:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=1431"},"modified":"2014-05-01T14:54:45","modified_gmt":"2014-05-01T12:54:45","slug":"bestien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gerhard-mangott.at\/?p=1431","title":{"rendered":"bestien"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/wp-content\/uploads\/moscow_blood.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1434\" style=\"padding-right: 7px;\" title=\"moscow_blood\" src=\"http:\/\/www.gerhard-mangott.at\/wp-content\/uploads\/moscow_blood.jpg\" alt=\"\" width=\"164\" height=\"123\" \/><\/a>Nachstend ein aktuelles Interview mit mir:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Russlandexperte Gerhard Mangott vom Innsbrucker Institut f\u00fcr Politikwissenschaften erkl\u00e4rt im Gespr\u00e4ch mit derStandard.at die Hintergr\u00fcnde des Doppelanschlags auf die Moskauer Metro. Dass die Spur in den Nordkaukasus f\u00fchrt, scheint ihm sicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">derStandard.at: Der Vorsitzende des Sicherheitsausschusses der Staatsduma vermutet, es handle sich bei dem Anschlag um eine Racheaktion nordkaukasischer Terroristen f\u00fcr die T\u00f6tung eines ihrer Kader. Was war Ihre erster Gedanke?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerhard Mangott: Es spricht vieles f\u00fcr diese These. Bei dem von Sondereinheiten des Inlandsgeheimdienstes get\u00f6teten Mann handelte es sich um einen ethnischen Russen, der f\u00fcr technische Operationen wie lokale Anschl\u00e4ge zust\u00e4ndig war. Das kann nat\u00fcrlich ein Anlassfall sein, noch einmal deutlich zu machen, dass man trotz aller lokaler und f\u00f6deraler Ma\u00dfnahmen jederzeit in der Lage ist, sich zu restrukturieren und auch au\u00dferhalb des n\u00f6rdlichen Kaukasus solche Operationen durchzuf\u00fchren. Der Anschlag selbst macht deutlich, dass die Terroristen ein Signal an die politische F\u00fchrung und die Bev\u00f6lkerung senden wollten, dass der Konflikt im Nordkaukasus auch nach nunmehr 19 Jahren nicht gel\u00f6st werden konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">derStandard.at: Eine der Explosionen hat sich in unmittelbarer N\u00e4he zum Hauptquartier des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB ereignet. Zufall oder Absicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Das war sicher genau so geplant. Die T\u00f6tung des technischen Leiters im Nordkaukasus war ja eine FSB-Aktion, wenn es sich also um eine unmittelbare Racheaktionen gehandelt haben sollte, scheint die Auswahl dieser U-Bahnstation logisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">derStandard.at: J\u00fcngst gab es einen Skandal um gef\u00e4lschte Videoaufzeichnungen in der Moskauer U-Bahn. Sind die Sicherheitsvorkehrungen ausreichend?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Es ist geradezu unm\u00f6glich, solche Anschl\u00e4ge in der Moskauer U-Bahn zu verhindern &#8211; so wie eigentlich in allen derartigen U-Bahnen. Sie eben ist ein weiches Ziel und damit ein prim\u00e4res Ziel terroristischer Aktionen. Angesichts der enormen Frequentierung der U-Bahn ist es nicht m\u00f6glich, dem technisch vorzubeugen, etwa durch Metalldetektoren oder Bodyscans. Dass die Moskauer U-Bahn schon oft Ziel terroristischer Anschl\u00e4ge war, zuletzt 2004, zeigt ja, dass nicht mangelnde Sicherheit Schuld tr\u00e4gt, sondern schlicht und ergreifend der Umstand, dass die U-Bahn nicht zu sch\u00fctzen ist.derStandard.at: Bei diesem letzten Anschlag vor sechs Jahren war noch Wladimir Putin Pr\u00e4sident Russlands. Hat sich seit dem Machtwechsel zu Dmitri Medwedew in Punkto Kaukaususpolitik etwas ge\u00e4ndert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Es hat sich seither sicher das Bewusstsein daf\u00fcr intensiviert, dass eine der vielen Ursachen der zunehmenden Radikalisierung der nordkaukasischen Muslime die enorme soziale Krise ist. Diese Ansicht hat aber schon unter Putin begonnen sich einzustellen. Diese Region z\u00e4hlt zu den wirtschaftlich strukturschw\u00e4chsten in Russland, s\u00e4mtliche positiven makro\u00f6konomischen Entwicklungen, also zum Beispiel Wirtschaftswachstum, steigende Reall\u00f6hne, steigende Besch\u00e4ftigung, treffen auf den n\u00f6rdlichen Kaukasus einfach nicht zu. Der Nordkaukasus hat ein gro\u00dfes Bev\u00f6lkerungswachstum, es handelt sich um eine sehr junge Bev\u00f6lkerung, vor allem die jungen M\u00e4nner bilden angesichts der sozialen Krise den Humus f\u00fcr islamische Radikalisierung. Dieses Ph\u00e4nomen kennen wir auch als anderen Weltregionen. Dar\u00fcber hinaus herrscht auch eine gro\u00dfe Unzufriedenheit mit den lokalen politischen F\u00fchrungen, die korrupt und ineffizient sind und oftmals mit der Moskauer B\u00fcrokratie zusammenarbeiten. Als dritter, oft vergessener Faktor kommt noch die extrem stark verwurzelte Klanstruktur dieser Region dazu. Es ist also nicht nur ein Konflikt zwischen der nordkaukasischen Region und der Moskauer Zentrale, sondern auch ein Kampf zwischen den einzelnen Klans und V\u00f6lkern dieser Region. Die Brutalit\u00e4t, mit dem die russischen Sicherheitskr\u00e4fte im Nordkaukasus vielfach vorgehen, tr\u00e4gt nat\u00fcrlich auch zu der Radikalisierung der Bev\u00f6lkerung bei. Deshalb d\u00fcrfte es mit dem Ruf nach mehr milit\u00e4rischer und polizeilicher Pr\u00e4senz auch nicht getan sein, weil gerade die willk\u00fcrlichen Entf\u00fchrungen und Morde durch die Hand der Moskauer Beh\u00f6rden mit an der Situation schuld sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">derStandard.at: Der Konflikt dauert nun schon seit den Neunzigerjahren an. Warum gelingt es Moskau nicht, diese Region zu befrieden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Man hat schon ab 1994 \u00fcber milit\u00e4rische Gewalt, also sicherheits- und nachrichtendienstliche Operationen versucht, f\u00fchrende Zellen des Widerstands auszuschalten. Das hat \u00fcberhaupt nicht funktioniert. Selbst Ramsan Kadyrow, der ebenso brutale wie moskautreue Pr\u00e4sident Tschetscheniens, ist daran gescheitert. Vor allem, weil es danach eine Art Diffusion der K\u00e4mpfer \u00fcber den gesamten Nordkaukasus und somit eine Verschmelzung der lokalen Fehden zu einem gr\u00f6\u00dferen Konflikt gegeben hat. Insofern hat man fr\u00fch erkannt, dass es diesen Wechsel zu einer sozialen und wirtschaftlichen Strategie braucht. Der neue Bevollm\u00e4chtigte des Pr\u00e4sidenten, Alexander Chloponin, kommt aus dem Big Business und dient als Symbol, dass man die wirtschaftliche Dimension zur Stabilisierung des Nordkaukasus ernst nimmt. Die momentane budget\u00e4re Situation Russlands macht die Situation nat\u00fcrlich nicht leichter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">derStandard.at: Kann es auch sein, dass die Spur in den Nordkaukasus eine falsche ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mangott: Das w\u00fcrde mich schon sehr \u00fcberraschen. Es gibt in Russland immer wieder Spekulationen \u00fcber eine sehr militante rechtsextreme Szene. Man darf das nat\u00fcrlich nicht ausschlie\u00dfen, aber das Muster deutet stark auf einen islamistischen Hintergrund hin, weil es ja auch schon eine Geschichte dieser Art des Terrors in Moskau gibt. Es spielt aber \u00fcberhaupt keine Rolle, ob es nun tschetschenische oder dagestanische oder inguschische Terroristen waren. &#8220;Tschetschenien&#8221; ist schon eine Art Codewort f\u00fcr diesen amalgamierten Konflikt, dass die Anschl\u00e4ge aber einen nordkaukasischen Hintergrund haben, scheint mir g\u00e4nzlich sicher. (flon, derStandard.at, 29.3.2010)<\/p>\n<p>Foto: RIA Novosti \/ Vladimir Fedorenko, STF<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachstend ein aktuelles Interview mit mir: Der Russlandexperte Gerhard Mangott vom Innsbrucker Institut f\u00fcr Politikwissenschaften erkl\u00e4rt im Gespr\u00e4ch mit derStandard.at die Hintergr\u00fcnde des Doppelanschlags auf die Moskauer Metro. 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